Die Recherche- und Dokumentationsstelle Antisemitismus (RIAS) Niedersachsen hat im Jahr 2025 insgesamt 672 antisemitische Vorfälle dokumentiert. Im Vergleich zum Vorjahr (2024: 655 Fälle) bedeutet dies einen erneuten Anstieg und zugleich den höchsten Stand seit Beginn der Erfassung.
Das Spektrum der Vorfälle reicht von Bedrohungen und Angriffen bis hin zu gezielten Sachbeschädigungen. Antisemitismus wird offener, selbstverständlicher und aggressiver geäußert und ist sowohl im öffentlichen Raum als auch in digitalen Kommunikationsräumen präsent. Gleichzeitig gibt es weniger Widerspruch gegen antisemitische Anfeindungen als in den Vorjahren. Die Verfestigung antisemitischer Vorfälle und die Akzeptanz im Alltag ist aus Sicht von RIAS besonders alarmierend.

wurden „Zios töten!“ und ein rotes Dreieck geschmiert. Foto: RIAS Niedersachsen
Im Berichtszeitraum wurde ein Fall extremer Gewalt sowie 16 Angriffe erfasst. Darüber hinaus dokumentierte RIAS 22 Bedrohungen. Deutlich angestiegen ist die Zahl gezielter Sachbeschädigungen (2025: 44 | 2024: 31). Insgesamt waren 194 Personen direkt betroffen. Unter den 98 betroffenen Institutionen stellten Gedenkstätten und Gedenkinitiativen mit 57 Fällen die größte Gruppe. Ebenfalls deutlich gestiegen ist auch die Zahl der Vorfälle gegen jüdische Institutionen wie Gemeinden oder Friedhöfe (21 Fälle).
Die häufigste Erscheinungsform war israelbezogener Antisemitismus (449 Fälle, 67 %). Es folgten Post-Schoa-Antisemitismus mit 275 Fällen (41 %), also Formen von Antisemitismus, die auf die Abwehr von Erinnerung an die Schoa, Verantwortung und Schuld abzielen.
Der Bericht analysiert neben dem quantitativen Ausmaß auch die inhaltlichen Ausprägungen und ideologischen Hintergründe antisemitischer Vorfälle. Er zeigt, dass Antisemitismus Jüdinnen und Juden in allen gesellschaftlichen Bereichen begegnet – öffentlich wie privat. Die dokumentierten Fälle bilden dabei nur einen Ausschnitt der tatsächlichen Situation ab, das Dunkelfeld bleibt groß.
Katarzyna Miszkiel-Deppe, Projektleiterin von RIAS Niedersachsen, erklärt: „Der erneute Anstieg antisemitischer Vorfälle ist alarmierend. Er zeigt, dass antisemitische Einstellungen in Teilen unserer Gesellschaft weiterhin tief verankert sind und sich zunehmend verfestigen. Besonders besorgniserregend ist die fortschreitende Normalisierung: Antisemitische Aussagen und Handlungen werden häufiger offen geäußert und bleiben zugleich immer öfter unwidersprochen – im Netz, im Alltag und im öffentlichen Raum. Antisemitismus zeigt sich dabei nicht nur in offener Feindseligkeit, sondern auch in subtilen Formen wie Verschwörungserzählungen, Relativierungen oder stereotypen Zuschreibungen. Diese Entwicklung bedroht nicht nur Jüdinnen und Juden sowie jüdisches Leben in Niedersachsen, sondern unsere demokratische Kultur insgesamt.“
Der Jahresbericht 2025 macht deutlich: Antisemitismus bleibt in Niedersachsen präsent, wandelbar und in unterschiedlichen sozialen Kontexten verankert. Für Jüdinnen und Juden gehört er weiterhin zur Alltagserfahrung. Daraus ergibt sich ein klarer Handlungsauftrag für Politik, Institutionen und Zivilgesellschaft.
Statements zum Jahresbericht RIAS Niedersachsen 2025
„Der erneute Anstieg antisemitischer Vorfälle ist alarmierend. Er zeigt, dass antisemitische Einstellungen in Teilen unserer Gesellschaft weiterhin tief verankert sind und sich zunehmend verfestigen. Besonders besorgniserregend ist die fortschreitende Normalisierung: Antisemitische Aussagen und Handlungen werden häufiger offen geäußert und bleiben zugleich immer öfter unwidersprochen – im Netz, im Alltag und im öffentlichen Raum. Antisemitismus zeigt sich dabei nicht nur in offener Feindseligkeit, sondern auch in subtilen Formen wie Verschwörungserzählungen, Relativierungen oder stereotypen Zuschreibungen. Diese Entwicklung bedroht nicht nur Jüdinnen und Juden sowie jüdisches Leben in Niedersachsen, sondern unsere demokratische Kultur insgesamt.“
Katarzyna Miszkiel-Deppe – Leiterin der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus in Niedersachsen (RIAS Niedersachsen)
„Auch im Jahr 2025 ist spürbar, dass die Folgen des 7. Oktober 2023 nicht überwunden sind. Für viele Jüdinnen und Juden in Deutschland hat sich seitdem das Gefühl von Sicherheit, Selbstverständlichkeit und gesellschaftlicher Zugehörigkeit verändert. Umso wichtiger ist es, dass antisemitische Vorfälle nicht übersehen, relativiert oder aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt werden. Antisemitismus begegnet uns nicht nur in seinen lautesten und brutalsten Formen. Er lebt auch in den Zwischentönen, in Ausflüchten, im Wegsehen, in der Verharmlosung, in der Verschiebung von Verantwortung. Er zeigt sich in Worten, Blicken und Stimmungen, die jüdisches Leben wieder zu etwas machen, das erklärt, verteidigt oder geschützt werden muss. Für Betroffene bedeutet das eine dauerhafte Anspannung und Verunsicherung.“
Marina Jalowaja – Vizepräsidentin des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen K.d.ö.R
„Leider müssen wir feststellen, dass sich die Sicherheitslage weltweit und auch in Deutschland im vergangenen Jahr nicht grundlegend verbessert hat. Antisemitische Vorfälle bleiben eine ernste Herausforderung, die weiterhin entschlossenes Handeln erfordert. Gleichzeitig erleben wir in unserer Stadtgesellschaft eine große Solidarität, die uns Mut macht. Gerade hier in Osnabrück spüren wir, dass viele Menschen an unserer Seite stehen und Verantwortung übernehmen. Diese Unterstützung trägt dazu bei, dass wir uns trotz der weiterhin notwendigen Schutzmaßnahmen hier vor Ort vergleichsweise sicher fühlen. Dennoch dürfen wir die gesamtgesellschaftliche Entwicklung nicht aus dem Blick verlieren. Es bleibt unerlässlich, Antisemitismus konsequent zu bekämpfen und Sicherheit sowie Prävention dauerhaft zu stärken.“
Michael Grünberg – Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Osnabrück, stellvertretender Vorsitzender des niedersächsischen Landesverbandes der jüdischen Gemeinden, Direktoriumsmitglied des Zentralrates der Juden in Deutschland
„Der Jahresbericht RIAS Niedersachsen macht erschreckend deutlich, dass Antisemitismus viele Gesichter hat und in allen Teilen der Gesellschaft präsent ist – offen oder subtil, analog wie digital, im Kostüm des Radikalismus oder unter dem Deckmantel einer falschen Aufklärung. Seit den Massakern des 7. Oktober 2023 hat sich in Niedersachsen zudem in bestürzendem Maß der israelbezogene Antisemitismus verstärkt. Daher mehr braucht es entschlossenes Handeln. Es genügt nicht, Antisemitismus zu erkennen – wir müssen ihm aktiv entgegentreten, in allen gesellschaftlichen Bereichen und besonders im digitalen Raum, wo sich Vorurteile und Hass rasant verbreiten. Das Portal „Jüdisches Niedersachsen online“ leistet hierzu einen wichtigen Beitrag: Es macht jüdisches Leben, Geschichte und Kultur sichtbar und stärkt so Verständnis – eine zentrale Voraussetzung im Kampf gegen Vorurteile und Ausgrenzung. Nur gemeinsam lassen sich neue Wege entwickeln und nachhaltige Lösungen finden. Gegen Antisemitismus einzustehen heißt, Verantwortung für eine demokratische und offene Gesellschaft zu übernehmen – jeden Tag und überall.“
Prof. Dr. Cord-Friedrich Berghahn – Präsident des Israel Jacobson Netzwerks für jüdische Kultur und Geschichte e.V.
Mit 672 antisemitischen Vorfällen erreicht Niedersachsen 2025 einen neuen Höchststand – die Krise nach dem 7. Oktober 2023 ist zur Normalität geworden. Dass Bildungseinrichtungen erneut auf Platz drei der häufigsten Tatorte stehen, ist eine Bankrotterklärung von Schulen und Hochschulen, die jüdisches Leben zu schützen versprochen haben. Wir fordern konsequente Maßnahmen, öffentliche Auseinandersetzung sowie Sanktionen bei antisemitischer Diskriminierung, flächendeckende Anlaufstellen für Betroffene, Lehrende und Leitungen – damit die seit Jahren formulierten Bekenntnisse, Antisemitismus habe in Bildungsinstitutionen keinen Platz, endlich auch konsequent in Handeln umgesetzt werden.
Prof. Dr. Julia Bernstein, Prof. Roglit Ishay, Dr. Ilja Kogan, Prof. Dr. Marek Sierka – Der Vorstand des Netzwerks Jüdischer Hochschullehrender in Deutschland, Österreich und der Schweiz e. V.
„In meiner Arbeitsstelle gingen im letzten Jahr immer wieder Hinweise auf antisemitische Vorfälle ein, die das gesamte Spektrum des Antisemitismus abbilden. Besonders erschreckend ist, dass für viele Menschen die Erscheinungsform des israelbezogenen Antisemitismus noch immer ein blinder Fleck ist. Dabei fällt unter diese Erscheinungsform mitunter gar die infame Darstellung der Israelis als die heutigen Nazis. Umso wichtiger ist vor diesem Hintergrund die andauernde Arbeit von RIAS, diese Vorfälle zu dokumentieren und einzuordnen, denn die Infragestellung des Existenzrechts Israels ist immer auch die Infragestellung des Existenzrechts aller Jüdinnen und Juden und verschärft ihre gefährdete Lage weiter.“
Gerhard Wegner – Niedersächsischer Landesbeauftragter gegen Antisemitismus und für den Schutz jüdischen Lebens
Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) in Niedersachsen dokumentiert antisemitische Vorfälle und wertet diese wissenschaftlich aus. Ziel von RIAS ist es, die Erfahrungen und Wahrnehmungen von Betroffenen sichtbar zu machen und das Dunkelfeld von Antisemitismus in Niedersachsen aufzuhellen. Es werden alle Formen von antisemitischen Vorfällen erfasst, auch solche, die keinen Straftatbestand erfüllen und die nicht zur Anzeige gebracht werden. Der Träger der RIAS in Niedersachsen ist die Amadeu Antonio Stiftung.
RIAS Niedersachsen wird im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ mit Mitteln des BMBFSFJ durch das Landes-Demokratiezentrum Niedersachsen (L-DZ) und aus Mitteln des Niedersächsischen Justizministeriums durch das Landesprogramm für Demokratie und Menschenrechte gefördert.

