Weiter zum Inhalt Skip to table of contents

Prozessbeginn nach Angriff auf Familienzirkus

 

Es war im September 2010, als ein wütender Mob den Familienzirkus „Happy“ aus der kleinen Gemeinde in der Uckermark vertrieb. Am Donnerstag, den 19. Januar 2012, wurde der Prozess gegen fünf Milmersdorfer wegen Volksverhetzung, Sachbeschädigung und Nötigung vor dem Amtsgericht Prenzlau eröffnet.

„Zigeunerpack! Asoziales Pack verschwindet! Wir fackeln euch die Zelte ab!“ Etwa 20 aufgebrachte Jugendliche und Erwachsene beschimpfen die Kinder der Familie S. Die 16, 14, 11 und 8 Jahre alten Geschwister haben Angst, ihre Eltern waren mit dem Auto nach Berlin gefahren, dem wütenden Mob stehen sie ganz allein gegenüber. Die ersten Steine fliegen.

Alles begann mit einer Nichtigkeit. Kleinkinder spielten auf dem Zirkusgelände, das von einem Weidezaun umspannt war. Die älteste Tochter der Familie S., Justine, forderte die Mutter auf, ihre Kinder nicht bei den Tieren spielen zu lassen, da diese möglicherweise austreten und die Kinder verletzen könnten. Daraus entbrannte ein Streitgespräch, bei dem Justine massiv beleidigt wurde.

Zuerst sind es nur die Kinder, die Kieselsteine auf die Tiere werfen, aber es kommen immer mehr Milmersdorfer hinzu, die Steine werden größer. Die Wohnwagen der Familie werden stark beschädigt, die Anwohner drohen „Wir stechen eure Tiere ab“ und zeigen Messer. Die Kinder verschanzen sich in einem der Wagen, rufen die Eltern an, sind in Panik. Ihre Mutter alarmiert sofort die Polizei, die allerdings keine akute Gefahr erkennt. „Es wird schon keine Schwerverletzten geben“, soll der Beamte am Telefon gesagt haben. Erst nach Stunden taucht ein Streifenwagen auf.

Noch in der Nacht verlässt die Familie Milmersdorf. Unter Polizeischutz bauen sie die Zelte ab und packen zusammen. Immer wieder kommen Anwohner_innen gefährlich nahe, die Polizei spricht Platzverweise aus und sorgt dafür, dass es zu keinen weiteren Angriffen kommt.

Der hinzugerufene Milmersdorfer Bürgermeister versuchte vergeblich zu schlichten. Über das ganze Ausmaß der Geschehnisse sei er erst am darauffolgenden Montag unterrichtet worden, er sei „traurig und erschüttert, das so etwas passieren konnte“. Auch Milmersdorfer Gemeindemitglieder zeigten sich in einer öffentlichen Erklärung entsetzt über die Vorfälle und riefen zu einer Spendenaktion für die Familie S. auf. 128,11 Euro seien so zusammengekommen. Die Amadeu Antonio Stiftung unterstützte die Familie S. zudem aus dem Opferfonds CURA.

 

Von Ulla Scharfenberg

Weiterlesen