Verübt Israel in Gaza einen Genozid? Darüber streiten Expert*innen und Jurist*innen auf der ganzen Welt, während israelfeindliche Aktivist*innen und Meinungsmacher*innen sich längst sicher sind. Warum findet die Rede vom „Völkermörder Israel“ so bereitwillig Gehör? Eine ideengeschichtliche Spurensuche führt zu uralten Narrativen der christlichen Judenfeindschaft, die bis heute eine verstörende Wirkmacht entfalten.
von Tilman Tarach
Von Anbeginn zeichnete die christliche Welt die Juden als wesenshaft mörderisch. Sie hätten „Jesus, den Herrn, und die Propheten getötet“, klagen die Paulusbriefe. Die „Männer von Israel“, so auch die Apostelgeschichte, hätten ihn „ans Kreuz geschlagen und umgebracht“. Die christliche Gesellschaft strickte daraus Legenden von Hostienschändungen und Ritualmorden: Beides seien kultische Re-Inszenierungen der Kreuzigung Jesu. Immer wieder führten diese Gerüchte zu Pogromen – zuletzt 1946 im polnischen Kielce.
Autor Tilman Tarach ist promovierter Jurist und Publizist. 2022 erschien sein Buch Teuflische Allmacht: Über die verleugneten christlichen Wurzeln des modernen Antisemitismus und Antizionismus. Sein 2016 in Neuauflage erschienenes Erstlingswerk behandelt die tendenziöse Sicht auf Israel: Der ewige Sündenbock. Israel, Heiliger Krieg und die ‚Protokolle der Weisen von Zion‘. Über die Scheinheiligkeit des traditionellen Bildes vom Nahostkonflikt.
Inmitten der epochalen Krisen des 14. Jahrhunderts eskalierten die Vorwürfe mit dem Vordringen der Pest, des „Schwarzen Todes“: Die Juden hätten nicht nur Christus ans Kreuz geschlagen, sondern sich nun international verschworen, um durch Brunnenvergiftungen die gesamte Christenheit auszurotten. Da sie die teuflische Macht zum Gottesmord besäßen, sei ihnen auch dies zuzutrauen. 1349 meldete der Rat von Schlettstadt, ein Konvertit habe „gestanden“, „dass die Jüdischheit die Christenheit mit dem Gift verderben wolle“. Im 15. Jahrhundert notierte der Mönch Albert: „Viele sagen, jene Pestilenz sei die Folge einer Verheerung der Lüfte, andere aber, die Juden wollten die ganze Christenheit mit einem schrecklichen Gift auslöschen und hätten auf der ganzen Erde die Quellen und Brunnen vergiftet“. Die Pestpogrome von 1348–1351 waren die schwersten antijüdischen Exzesse bis zur NS-Zeit. Sie wurden bisweilen von Bischöfen initiiert, meist jedoch von Zünften, niederem Klerus und der breiten Bevölkerung. Hunderte jüdische Gemeinden – darunter alle bedeutenden auf dem Gebiet des späteren Deutschlands – wurden ausgelöscht. Zigtausende Juden wurden verbrannt oder gerädert, unzählige wurden vertrieben. Selbst Konvertiten wurden oft nicht verschont. Ein zeitgenössischer Chronist betonte, man wolle nicht ruhen, „bis das ganze Geschlecht der Juden ausgelöscht worden ist“.
Die Brunnenvergiftungslegenden basierten auf dem Gottesmordvorwurf, doch sie markieren eine qualitative Verschärfung des Judenhasses. Während sich die Legenden um Ritualmorde noch auf einzelne, lokale Ereignisse bezogen, artikulierte sich nun erstmals die Idee einer jüdischen Weltverschwörung mit dem Ziel der physischen Auslöschung ganzer Gesellschaften. Die Juden erschienen fortan nicht nur als religiöse, sondern auch als politische Gefahr ‒ als potentielle Völkermörder. Das Motiv persistiert über die Jahrhunderte hinweg, bis in die Gegenwart.
Martin Luther etwa meinte, der Jude trachte danach, „Christen umzubringen, wo er nur kann“. Zwei Jahrhunderte später schrieb der Theologe Johann Eisenmenger, die Juden wollten „die ganze Christenheit ausrotten und vertilgen“.
Die modernen Antisemiten halluzinierten dann nicht nur von einem jüdischen Plan zur Ausrottung der Christen, sondern von einem drohenden Völkermord an allen Nichtjuden. So behauptete das Machwerk Protokolle der Weisen von Zion, die Juden müssten „alle anderen Religionen vernichten“. Adolf Hitler schrieb in Mein Kampf, sie wollten die „Vernichtung aller nichtjüdischen Völker“. Obsessiv fabulierte er in seinen Reden von einem jüdischen Plan einer „Volksvergiftung“, „Völkerausrottung“, „Völkervernichtung“ und eines „Vernichtungskrieges“, gar von einer „internationalen Weltvergiftung“. Hitlers Metaphorik entlarvt die Brunnenvergiftungslegenden als Ursprung dieses Wahns: In Mein Kampf stilisierte er die Juden zu „Bazillenträgern schlimmster Art“, die eine „Verpestung unseres Blutes“ betrieben; ihr kultureller Einfluss sei „Pestilenz, geistige Pestilenz, schlimmer als der schwarze Tod von einst“. 1939 sprach er von einer jüdischen „Weltbrunnenvergiftung“, und noch Anfang 1945 war der Bolschewismus für ihn eine „jüdische Pest“.
Auch das NS-Hetzblatt Der Stürmer behauptete, durch die Juden werde „das Christentum in schauerlicher und gründlicher Weise ausgerottet“. Herausgeber Julius Streicher meinte, die Juden wollten am deutschen Volk „den größten Ritualmord aller Zeiten“ begehen. Anlässlich eines angeblichen Ritualmordes in Haifa fantasierte der Stürmer 1936 vom „Völker fressenden Jehova“ und vom „Blut rituell gemordeter Menschen und Völker“. Auch die angeprangerte „Rassenschande“ wurde als Vernichtung der Deutschen durch „Blutvergiftung“ gedeutet. Ein in der NS-Zeit veröffentlichtes Buch von Wilhelm Matthießen trägt den beklemmend vertraut anmutenden Titel Israels Geheimplan der Völkervernichtung. Auch die Nazis unterstellten den Juden also die Absicht eines Völkermordes; diese wahnhafte Gewissheit bildete tatsächlich eine zentrale ideologische Grundlage für den Holocaust, der mithin als Notwehr gegen eine jüdische Bedrohung imaginiert wurde.
Die Zäsur der Schoah beendete dieses archaische Muster nicht. Es überlebte die Trümmer von 1945, passte sich den neuen Realitäten an und fand neue Träger.
Gegner der „Judenerklärung“ Nostra Aetate des Zweiten Vatikanischen Konzils um den Jesuiten Sáenz y Arriaga verteilten 1962 eine Schrift an die rund 2500 Konzilsväter, die den Juden erneut genozidale Absichten unterstellte. Ihr Ziel sei es, „die gesamte christliche Zivilisation zu zerstören“, „die christliche Gesellschaft zu zerrütten und ihre Vernichtung vorzubereiten“ sowie die „Versklavung und Vernichtung der Hl. Kirche Christi und der Menschheit“ zu betreiben. Wegen starken Widerstands – auch von arabischen Konzilsteilnehmern – fiel Nostra Aetate letztlich wesentlich vager aus als ursprünglich geplant.
Rechtsradikale Ideologen konstruieren unter Chiffren wie „Großer Austausch“ eine jüdisch gesteuerte „Völkervernichtung durch Rassenvermischung“. Der Holocaustleugner Horst Mahler etwa diffamierte die Juden als „Propagandisten des Völkermords“, die mittels „Umvolkung“ und „Vermischung“ das deutsche Volk zu vernichten trachteten. Der britische Neonazi Nick Griffin sprach 2014 im EU-Parlament davon, eine „Allianz aus Linken, Kapitalisten und zionistischen Suprematisten“ betreibe mittels „massenhafter nicht-weißer Einwanderung“ „den größten Völkermord in der Geschichte der Menschheit, (…) die Endlösung des christlich-europäischen Problems“. Die Attentäter von Pittsburgh (2018) und Poway (2019) machten die Juden für die Kreuzigung Jesu verantwortlich, fabulierten aber auch von einem jüdischen „Genozid an der weißen Rasse“. Auch für den Attentäter von Halle (2019) sind Juden die „Hauptverursacher am weißen Genozid“; der Feminismus sei eines ihrer Instrumente.
Im Zuge der COVID-19-Pandemie beschworen fundamentalistische Kardinäle die Gefahr, „dass Jahrhunderte der christlichen Zivilisation unter dem Vorwand eines Virus ausgelöscht werden“ – orchestriert von „fremden Mächten“ und einem „unsichtbaren Feind“. Der Sänger Xavier Naidoo fantasierte von „einer kleinen, wurzellosen internationalen Clique“, auch als „Zion“ bekannt, die die „Vernichtung der weißen Rasse“ anvisiere.
Als Mahmud Abbas 2016 im EU-Parlament behauptete, israelische Rabbiner hätten gefordert, „das Wasser zu vergiften, um Palästinenser zu töten“, was eine „Aufwiegelung zum Massenmord am palästinensischen Volk“ sei, stellte ihn kein Parlamentarier zur Rede, keiner verließ unter Protest den Raum; Parlamentspräsident Martin Schulz lobte gar die „inspirierende Ansprache“. Abbas’ Verleumdung korrespondierte beim Publikum mit jenem tiefsitzenden Muster von den brunnenvergiftenden Juden, das dem kollektiven Gedächtnis auch in der Mitte der Gesellschaft noch immer eingeschrieben ist. Die Verleumdung wirkt daher intuitiv plausibel – jenseits jeder faktischen Evidenz. (Abbas räumte später ein, sich „geirrt“ zu haben.)
Dem jüdischen Staat wurde von Anfang an Völkermord unterstellt. Nahezu jede israelische Militäroperation wird rituell von Genozidanklagen begleitet. Antisemit*innen projizieren so auch eigene, seit der Staatsgründung immer wieder beschworene und am 7. Oktober auch exekutierte Vernichtungsbestrebungen auf Israel. Der katholische polnische Nationalist Ludwik Bielski dichtete schon Theodor Herzl die Idee eines „riesenhaften Völkermordens“ an. Der christlich-palästinensische Historiker Nur Masalha stilisierte die Ereignisse um den Unabhängigkeitskrieg von 1948 zu einem „kulturellen Genozid“, während der Soziologe Martin Shaw sie zu einem „genozidalen Gründungsereignis“ umdeutete. Die Sowjetunion stimmte nach 1967 in den Chor ein und bezichtigte Israel einer „Politik des Völkermords an der arabischen Bevölkerung“. 1982 unterstellte Jassir Arafat einen israelischen Völkermord im Libanon. Und bereits drei Tage nach dem Massaker vom 7. Oktober – während Israel unter Raketenbeschuss um sein Überleben rang – beklagte eine Erklärung von Genter Akademikern „den Genozid und die ethnische Säuberung an der Zivilbevölkerung von Gaza“, ohne die israelischen Opfer auch nur zu erwähnen.
Geschichte wiederholt sich nicht, wirft aber ihre Echos in den Resonanzraum aktueller Diskurse. Der Völkermordvorwurf gegen die Juden hat eine sieben Jahrhunderte alte Tradition; er entsprang lange vor dem israelisch-arabischen Konflikt einem puren antisemitischen Wahn. Das Gift-Motiv des Mittelalters ist zur biopolitischen Anklage der Moderne geworden. Die aktuelle Genozid-Beschuldigung gegen Israel entlarvt sich mithin als jüngster Kulminationspunkt eines archaischen Musters. Dass der Vorwurf gleichwohl kaum Alarmglocken auslöst, zeugt von eklatanter Unkenntnis über das Wesen des Antisemitismus.


