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Interview

Verschwörungsglaube 2021: Die Welt als schlecht gescripteter Actionfilm

Melanie Hermann ist Expertin für Verschwörungsideologien und Antisemitismus bei der Amadeu Antonio Stiftung

Melanie Hermann ist Expertin für die Bereiche Verschwörungsideologien und Antisemitismus. Seit Beginn der Pandemie führt sie besonders viele und intensive Beratungsgespräche mit Menschen, die in Kontakt mit Verschwörungsgläubigen sind oder sein müssen. Diese gab es auch schon vor COVID-19. Die Pandemie wirkt jedoch wie ein regelrechter Verstärker, sodass sich Melanie Hermann kaum vor Anfragen retten konnte.

Schon seit dem Studium beschäftigt sie sich mit moderner Antisemitismusforschung und ist dadurch auch schnell in das Forschungsfeld der Verschwörungserzählungen gekommen. Denn diese Themengebiete verhalten sich ähnlich wie das Henne-Ei-Problem: Beide bedingen sich, es ist unklar, was zuerst da war und vor allem gehören die Handlungsfelder eng zusammen. Melanie, wie lässt sich das erklären?

Antisemitismus und Verschwörungsideologien sind in ihren Strukturen quasi gleich. Jede Verschwörungserzählung hat in ihrer Weltvorstellung einen antisemitischen Kern oder antisemitische Konnotation. Antisemitismus ist auch immer als Verschwörungsideologie gefasst: Die Wahnvorstellung, dass es eine mächtige Elite gibt, die die Welt ins Unglück stürzen will. Man kann sich daher nicht mit dem einen ohne dem anderen beschäftigen.

Aktuell ist vielen Menschen der Zusammenhang noch nicht bewusst. Im Rahmen meiner politischen Bildungsarbeit möchte ich deshalb dazu beitragen, dass die Mechanismen hinter sowie die Gründe für Verschwörungsglauben  verstanden werden. Dieser Schritt ist der Schlüssel zum effektiven, kritischen Dialog – und damit auch zu einer gesunden, demokratischen und pluralistischen Gesellschaft.”

Welche Auswirkungen hat Verschwörungsglaube auf unsere Gesellschaft? 

Der Zusammenhang mit Antisemitismus sollte uns aufhorchen lassen. Dennoch ist die Erkenntnis, dass Verschwörungsglaube eine akute Gefahr für unsere Gesellschaft bedeutet, noch nicht weit verbreitet. Warum ist das Phänomen so gefährlich?

Bei Verschwörungsgläubigen besteht eine große Gefahr durch den direkten Bezug zu verschiedenen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Verschwörungsglaube ist Antipluralismus und widerspricht damit allem, was wir uns als Gesellschaftsvertrag überlegt haben. Da steckt etwas besonders Gefährliches hinter: Die Vorstellung, dass die Welt wie ein schlechter Actionfilm gestrickt sei, ist ein manichäisches Weltbild (Anmerkung der Redaktion: eine Welt, die ganz klar in Gut und Böse eingeteilt ist). Wenn am Ende die einzige Möglichkeit, um selbst zu überleben, die Auslöschung des vermeintlich Bösen ist, kann man sich ausmalen, was passiert. Das (angeblich) Böse muss laut dieser Vorstellung ausgelöscht werden, damit die Menschheit wieder glücklich wird. Wenn man sich innerhalb dieser Gedanken weiter radikalisiert, steht am Ende immer ein Vernichtungswunsch.

Viele Rechtsterroristen haben sich mit Verschwörungserzählungen radikalisiert. Das haben wir auch anhand unserer eigenen Geschichte gelernt: Der Nationalsozialismus ist die angeblich zur Staatsraison erhobene, antisemitische Verschwörungsideologie. Es geht bei dieser Ideologie um ein Legitimationsmoment, bei dem alles als Notwehr verstanden wird („Deutsche müssen sich gegen die „jüdische Weltverschwörung“ wehren von der sie angegriffen werden“). „Deutsche wehrt euch!“ bezieht sich auf die antisemitische Verschwörungserzählung „Die Protokolle der Weisen von Zion“, die bis heute Durchschlagskraft hat – und das, obwohl es sich dabei um ein komplett frei erfundenes Werk handelt. Zusammengefasst gibt es einen Dreiklang an Auswirkungen von verschwörungserzählungen: Gesellschaftliche Auswirkungen struktureller Art, innerhalb von Familien und Freundschaften, gesundheitliche Auswirkungen – in Zeiten der Pandemie zumindest – und meistens besteht ein Bezug zu (terroristischen) Gewaltformen.”

Verständnis und Abgrenzung – Wie können wir mit Verschwörungsgläubigen umgehen?

Melanie, du führst regelmäßig Beratungsgespräche mit Personen durch, die privat oder beruflich mit Verschwörungsgläubigen konfrontiert sind und die einfach nicht mehr weiterwissen. Was rätst du diesen Personen?

Das wirksamste Mittel der Kritik und des Kampfes gegen die verschiedenen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit ist immer erstmal ein Verständnis dafür, wie diese Denkweisen für Andere funktionieren. Also, welche Funktionen die Verschwörungserzählung für die einzelne Person, aber auch gesellschaftlich erfüllt und was es mit uns als Gesamtgesellschaft zu tun hat.“

Ein erster Impuls bei dieser Thematik ist oft, dass man sich darüber lustig macht. Angesichts der Absurdität mancher Verschwörungserzählungen ist das auch nachvollziehbar. Aber ist das aus deiner Sicht auch zielführend?

Sich manchmal darüber lustig zu machen ist völlig okay. Wir sind nicht immer dazu in der Lage, in jeder Situation eine fundierte Kritik zu üben und dann rational und überlegt zu handeln. Manchmal einen Witz zu machen ist auch eine Form, die eigene Psyche in Gang zu halten. Es handelt sich dabei auch um eine Form der Abwehr und Abhaltung. Das darf mal sein, es ist aber keine sinnvolle Handlungsstrategie.

Es gibt wenige allgemeingültige Regeln im Umgang mit Verschwörungsgläubigen, da Gespräche mit ihnen tatsächlich sehr individuell ablaufen. Eine Grundvoraussetzung ist, dass ich mir selbst klar darüber werde, was eigentlich mein Problem mit der Verschwörungserzählung ist. Wenn man sich auf ein solches Gespräch einlässt, sollte man sich vorher fragen: Was ist jetzt eigentlich meine Schmerzgrenze bei der Sache? Man sollte vorher entscheiden, wann man nicht mehr weiter mitgeht, wenn die Person eine bestimmte Sache sagt. Ideale, wie beispielsweise, dass alle Menschen gleichwertig sein sollen, aber unterschiedlich sein dürfen, sind schwer zu diskutieren. Denn sie basieren nicht auf einem Argument, sondern sind eher eine Entscheidung, die man trifft bzw. ein Wunsch, wie die Welt sein sollte. Rassist:innen gehen dabei von grundsätzlich anderen Dingen aus. Da kommt man in der Diskussion auf keinen grünen Zweig.

Außerdem sollte beantwortet werden: Was will ich überhaupt mit dem (Streit-)Gespräch erreichen? Diese Einstiegsstrategiefrage gilt grundsätzlich  für jedes gute Streitgespräch.
Wichtig ist, dass man zunächst darüber entscheidet, welche Beziehung zu der Person besteht und gleichzeitig, welche Möglichkeiten es überhaupt gibt. Generell gilt: Deinen Teil des Gesprächs kannst du bestimmen und den anderen leider nicht.

Allgemein kann man sagen, dass es wichtiger ist, Fragen zu stellen, als im Gespräch zu antworten. D.h. konkret nach den Beweggründen der Person zu fragen oder auch nach dem Gefühl, das dahinter steht, vielleicht kennt man es sogar selbst. Es kann hilfreich sein, einen Punkt zu finden, an dem beide das gegenüberstehende Gefühl der anderen Person noch verstehen und die Beweggründe des jeweils anderen noch nachvollziehen können. In diesem Zug ist es sehr wichtig, die andere Person nicht paternalistisch anzusprechen, also nicht, als wollten wir der Person helfen. Wir können jemand anderen nicht aus seiner Weltsicht befreien und dass man das durch ein paar gute Argumente erreicht, ist meist nur ein Wunschgedanke.

Das, was ich öfters in Beratungsgesprächen höre ist, dass schon sehr viele Schritte vorausgedacht wird, über das, was passieren könnte. Man kann allerdings nicht so viel Verantwortung für eine andere, mündige, erwachsene Person tragen. Die Dynamik funktioniert mit dieser Erwartungshaltung nicht. Meistens ist bei den Verschwörungsgläubigen ein gewisser Hang zu magischem Denken, wie bspw. Esoterik. Eine externe Beratung, die emotional nicht involviert ist und von außen Fragen einwirft, kann dabei der Person, die in Beziehung zur:zum Verschwörungsgläubigen steht, sehr helfen. Zu Hinterfragen und sich auf ein Gespräch einzulassen, ist viel wichtiger als Expert:in zu sein.“

Bildungsarbeit und Haltung zeigen: Was wünscht sich die Expertin?

Das Thema ist präsenter und wird mittlerweile gesellschaftlich viel diskutiert. Gleichzeitig scheinen sich Fronten – z.B. zwischen Impfbefürworter:innen und -gegner:innen – zu verhärten, unser Zusammenleben scheint fragiler. Was wir brauchen ist eine Zivilgesellschaft, die Haltung zeigt: Mit Gesprächen, die geführt und Grenzen, die gezogen werden. Doch wie kann dann unsere gesellschaftliche, demokratische Zukunft aussehen und wohin steuern wir im Feld Verschwörungsideologien aus deiner Sicht gerade?

Prinzipiell beobachte ich eine sich neu entwickelnde Aufmerksamkeit. Menschen scheinen sensibilisierter dafür, welchen Quellen man Vertrauen schenken kann und können vergleichsweise schneller identifizieren, welche Informationen sich schwierig anhören.
Eine weitere Herausforderung betrifft unser Engagement: Dass politische Bildungsarbeit und die Rolle der Zivilgesellschaft ernst genommen werden, ist essentiell in diesem Kontext. Es wäre schon sehr viel damit getan, den gesamten Sektor zu unterstützen, denn politische Bildung wird dringend gebraucht. In Bezug auf Zivilgesellschaft bedarf es auch einiges an Unterstützung: Jede einzelne Person ist wichtig, da es gerade sie sind, die ins Gespräch gehen und den Verschwörungserzählungen widersprechen. Bildungsprogramme, die jede:n einzelne:n individuell ansprechen, sind dabei unabdingbar. Daher ist die größte Investition gegen Verschwörungsglauben die Unterstützung eines vielfältigen Bildungsprogramms und die Bestärkung der Zivilgesellschaft darin, dies anzunehmen und anzuwenden: Konsequent Haltung zeigen und auch in unbequemen Situationen Gegenrede halten – wenn wir alle mehr so denken würden, wäre schon viel getan.“

Eine Hilfestellung dazu ist die Handreichung “Down the rabbit hole – Verschwörungsideologien: Basiswissen und Handlungsstrategien” des Projekts “No World Order”.

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