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Gefördertes Projekt

Von Verdrängung und Gemeinschaft: Eine fotografische Traumabewältigung

Zehn Kinder essen Eis.
Das Leben im Haus ist bunt… (Foto: Alexander Rönisch)

Eine ganze Rom*nja-Community wird aus ihrem Zuhause in Berlin-Friedrichshain verdrängt. Der Fall steht sinnbildlich für die Herabwürdigung marginalisierter Menschen und einen Mietmarkt, der von Verdrängung und Existenzangst geprägt ist. Wir fördern die Fotoausstellung “Casa Noastrâ – Unser Haus”, die das Leben im Plattenbau zeigt.

von Lenard Luis Pfeuffer

Das Bild zeigt buntes Gewusel. Es gibt Eis. Die Abkühlung tut gut an dem heißen Tag in Berlin. Die Kinder lachen, sie sind glücklich. Sorgenfrei war das Leben nicht, aber die Kinder waren gerne in ihrem Zuhause. Doch die Stimmung des Bildes trügt. Ganz anders waren doch die Umstände, die die Kinder der Straße der Pariser Kommune Nr. 20 (SPK20) tagtäglich erleben mussten. Doch dazu später mehr.

Die Fotoausstellung “Casa Noastrâ – Unser Haus” von RomaTrial e.V. hat es sich in einem partizipativen Gemeinschaftsprojekt zur Aufgabe gemacht, das Leben im Wohnblock, besonders das der Kinder, sichtbar zu machen. Die Amadeu Antonio Stiftung fördert die Fotoausstellung, die in ganz besonderer Weise eine Geschichte von Zusammenhalt und Verdrängung erzählt. Die Kinder gehören einer Rom*nja-Community an und wohnten allesamt zusammen in dem Haus in Friedrichshain.

Unser Haus in der Stadt

Der graue, ausgelaugte Plattenbau zwischen der Karl-Marx-Allee und dem Ostbahnhof ist zum “Politikum” geworden. Er steht symptomatisch für Verdrängung und einen Wohnungsmarkt, der den Fokus schon lange auf den privaten Gewinn der Wenigen anstelle der kollektiven Daseinsvorsorge der Vielen legt. Die Mieten in der Hauptstadt steigen und steigen. In den letzten fünf Jahren allein durchschnittlich um 34 Prozent. Das trifft aber nicht alle gleich. Besonders bereits marginalisierte Gruppen leiden viel stärker unter der Wohnungsnot. Dazu gehören Menschen mit geringem Einkommen, die sich den Wohnraum in Berlin schlicht nicht mehr leisten können, oder migrantisierte Menschen, die überdurchschnittlich oft geringere Einkommen verdienen und zudem auch noch Diskriminierung ausgesetzt sind.

Aber die SPK20 auf ein Politikum zu reduzieren, wäre anmaßend. Denn für die Bewohner*innen war sie viel mehr als das: Es war ihr Zuhause, in dem sie es sich schön machten und wo sie sich wohl fühlten. Es war eine Gemeinschaft, die ihnen Schutz gab vor der alltäglichen Diskriminierung, die sie als Rom*nja erfahren. Eine Gemeinschaft, die Kraft und Hoffnung spendet. Und eine Gemeinschaft, die es Neuankömmlingen leichter machte, Anschluss zu finden und die schwierige Umstellung in ein neues Land zu bewältigen. Für Rom*nja ist das Zusammenleben mit anderen Rom*njas besonders wichtig. Vor allem auch, weil ihnen täglich Hass entgegenschlägt.

Die Odyssee einer Rom*nja-Community

2015 ziehen die ersten Rom*nja-Familien in die SPK20 ein. Das Haus wurde bereits zu DDR-Zeiten sehr vernachlässigt und ist schon 2015 mehr als renovierungsbedürftig. Der damalige Vermieter fragt die Familien, ob sie weitere potentielle Mieter*innen kennen. Und so kommen in den darauffolgenden Jahren weitere Menschen aus dem kleinen Dorf Fântânele bei Bukarest in der Hauptstadt an und finden dort ein Zuhause. Nach einigen Jahren wohnen 340 Menschen in rund 40 Wohnungen in einem Gebäude, das der Vermieter völlig verwahrlosen lässt und das massive Mängel aufweist. Doch die Bewohner*innen machen das Beste aus der prekären Situation, kümmern sich gemeinschaftlich um das Haus, um den Garten. Kleine Reparaturen erledigen sie selbst, denn auf den Vermieter ist kein Verlass. Größere Reparaturen werden verschleppt. “Wir konnten ja keine Fenster austauschen”, sagt David ironisch. Er ist einer der jüngeren Bewohner*innen und engagiert sich schon lange ehrenamtlich bei RomaTrial e.V. Der Verein setzt sich für die Belange und Interessen von Rom*nja ein, veranstaltet Workshops und andere Veranstaltungen und leistet Bildungsarbeit. Gleichzeitig macht er eine Ausbildung zum Erzieher und hat schon mehrmals mit Medien über die SPK20 gesprochen, auch mit belltower.news.

… aber die Unmenschlichkeit der Vermietenden macht es grau. (Bild: Alexander Rönisch)

David erzählt, dass eine Scheidung 2018 zum Wechsel der Besitzverhältnisse führt. Natalia I., die Ex-Frau des ehemaligen Vermieters, wird zur neuen Eigentümerin. Aber auch sie kommt nicht auf die Idee das Leben in der SPK20 lebenswerter für die Bewohner*innen zu gestalten. Im Gegenteil. Sie lässt Müll im Innenhof abladen und beschuldigt dann die Bewohner*innen dafür verantwortlich zu sein. Wasserschäden lässt sie nicht beheben, als Folge entsteht gesundheitsschädlicher Schimmel an vielen Orten im Haus. Ein Wasserschaden im Keller mit austretendem Fäkalienwasser wird erst nach zwei Wochen abgepumpt. Gefährlich nah beieinander verlegte Strom- und Wasserleitungen führen dazu, dass Kinder vereinzelt Stromschläge beim Duschen bekommen. Es sind nur einige der schlimmen und menschenunwürdigen Bedingungen, unter denen die Bewohner*innen gelitten haben. David ist sich sicher: “Wäre das in einem anderen Bezirk passiert, in dem nur Deutsche leben, hätte das Bezirksamt in zwei Tagen alles geregelt.”

Aber auch in ihrem Zuhause waren sie nicht vor Anfeindungen und teils lebensgefährlicher Gewalt geschützt: Bereits 2015 werden zwei Kinder aus dem Haus aus antiziganistischen Gründen angeschossen, ein Junge schwebt zeitweise in Lebensgefahr. In teilweise rassistisch aufgeladenen Zeitungsartikeln wird fälschlicherweise suggeriert, dass Rom*nja aufeinander schießen. Und wieder einmal werden sie als Kriminelle diffamiert und stigmatisiert.

Im Jahr 2020 entschließt sich die neue Vermieterin Natalia I. den Plattenbau abzureißen und an dessen Stelle einen hochmodernen Büro- und Wohnkomplex zu bauen. Der futuristische Bau wirkt wie eine Parallelwelt und könnte genauso auch in einem Schulbuch unter der Überschrift „Gentrifizierung – ein Musterbeispiel” stehen. Mit dubiosen, hinterlistigen und menschenverachtenden Tricks versucht sie die Mieter*innen loszuwerden. Auch in dem Vernachlässigen des Hauses sehen viele Bewohner*innen eine Strategie um die Mieter*innen systematisch rauszuekeln. Im November 2022 zieht schließlich die letzte Familie aus, es ist Davids Familie. Während die Eltern für letzte Unterschriften zur Vermieterin gehen, warten die Kinder vor dem Haus. Sie werden Zeug*innen, wie Bauarbeiter ihr Zuhause und die zurückgelassenen Habseligkeiten zerstören. Sie sind schockiert, einige fangen an zu weinen. Das Ereignis traumatisiert die Kinder, sie können einfach nicht verstehen, wieso das alles passiert.

Die Bezirksverwaltung Friedrichshain-Kreuzberg hatte keine Einigung mit der Vermieterin zustande gebracht und sogar eine Abrissgenehmigung erteilt, als noch mehrere Familien in dem Haus lebten. Die Community bricht auseinander und ist nun über die riesige Stadt verteilt.

Antiziganismus in der Gesellschaft und auf dem Mietmarkt

David hat schon oft Antiziganismus erfahren, ob in der U-Bahn, auf der Straße oder im Supermarkt. Häufig werden Rom*nja wegen ihrer Sprache diskriminiert, mit dem Z-Wort beschimpft oder als Diebe beleidigt. Die Schutzgemeinschaft hiervor ist nun Geschichte. Die Zukunft ungewiss. Es gibt keinen Rückzugsort mehr. In einem der Zeitungsartikel über die Verdrängung der Rom*nja-Community sagte er damals, er habe Angst, auf der Straße oder in einem Wohnheim zu landen. “Ich habe Angst um meine kleinen Geschwister.”

Denn neben der täglichen Diskrimnierung, die Rom*nja in Gesellschaft und auf dem Mietmarkt ausgesetzt sind, sind sie zudem noch mit struktureller Diskriminierung konfrontiert. Die sogenannte Bauoffensive der Stadt ist keine Antwort auf die Wohnungsnot von großen Familien. Denn, um eine möglichst hohe Zahl an neuen Wohnungen zu schaffen, baut beziehungsweise fördert das Land Berlin eher kleinere Wohnungen. Viele Faktoren machen es also ungemein schwer für Rom*nja-Familien eine passende Wohnung zu finden.

Die Fotoausstellung – Aktion oder Reaktion?

Die Fotoausstellung im Foyer des FMP1. (Bild: AAS/privat)

“Antiziganismus ist etwas, was durchaus gesamtgesellschaftlich als Bagatelle bis akzeptabel gilt.” Lorna Johannsen sitzt im Innenhof des FMP1-Tagungszentrums direkt neben der SPK20. Gleich findet hier im Salon eine der vielen Veranstaltungen statt, die sich dem Thema widmen. Auch die Fotoausstellung hat hier ihren ersten Standort. Johannsen ist unter anderem für Kreatives im Regenbogenhaus zuständig. Das Regenbogenhaus, unweit der SPK20, ist eine Einrichtung für Kinder und Jugendliche. Für viele Rom*nja-Kinder aus der SPK20 war das Regenbogenhaus Zufluchts- und Begegnungsort zugleich. Ansonsten schreibt Johannsen auch noch Bücher oder macht Filme.

Lorna Johannsen kam auf die Idee für die Ausstellung, nachdem die letzte Familie aus dem Haus ausziehen musste. Die Frage war, wie authentisch und einfühlsam Öffentlichkeit geschaffen werden kann. Ein andere Öffentlichkeit, als die, die das Haus bisher erfahren hat. Oftmals wurde es in rassistisch aufgeladenen Beiträgen in den Medien als sogenanntes “Problemhaus” bezeichnet. In Abgrenzung dazu sollte die Schönheit der Gemeinschaft gezeigt werden, die schlussendlich zerstört wurde.

“Die Kinder hatten großen Spaß am Aussuchen der Bilder für die Ausstellung, am Basteln für die Textilien, die neben den Bildern hängen“, sagt Johannsen. „Aber es war auch eine Möglichkeit, ihr Trauma zu bewältigen”, denn was es mit den Kindern macht, ist schwer in Worte zu fassen. Wörter wie “traurig” oder “wütend” greifen zu kurz. Später wird auf der Veranstaltung viel von der Leere, die die Kinder spüren, gesprochen. Sie leiden ungemein unter der Entwurzelung.

Die Fotoausstellung soll nun an anderen Orten in der Republik ausgestellt werden. Fest stehen unter anderem Potsdam und Hamburg, aber auch das Berliner Abgeordnetenhaus ist im Gespräch. So soll Sichtbarkeit entstehen für eine Community, aber stellvertretend auch für alle Sinti*zze und Rom*nja. Denn darunter leidet die größte Minderheit Europas am meisten: Die Unsichtbarkeit ihrer Probleme, ihres Alltags und ihrer Lebensrealitäten in der weißen Dominanzgesellschaft.

Und nun?

Seit mehr als einem halben Jahr tut sich nichts an dem baufälligen Plattenbau. (Bild: AAS/privat)

Auch dank der unermüdlichen Arbeit zahlreicher Organisationen, unter anderen der Mieterberatung “asum”, haben mittlerweile fast alle Familien neue Wohnungen gefunden. Allerdings ist die Odyssee einiger ehemaliger Bewohner*innen noch nicht vorüber. Manche wurden Opfer von Betrugsfällen und verloren tausende von Euros. Manche haben nur befristete Mietverträge bekommen und werden nun aus den neuen Wohnungen ebenfalls verdrängt. Wiederum andere haben sich selbstständig neue Wohnungen gesucht. Eine zehnköpfige Familie lebt immer noch in zwei Zimmern in einer Notunterkunft in Moabit. Und fast alle leiden unter dem grassierenden Rassismus auf dem Wohnungsmarkt. Lediglich fünf Familien haben ein Rückzugsrecht in das renovierte Gebäude an der Straße der Pariser Kommune erhalten, auf dem Papier wohlgemerkt. Für die meisten Bewohner*innen ist die prekäre Situation nicht vorbei und ihre Zukunft noch ungewiss.

Das Tragische: Mehr als ein halbes Jahr später ist die SPK20 immer noch in dem gleichen verwahrlosten Zustand. Natalia I. hat weder angefangen das Haus zu renovieren, noch den Altbau abreißen lassen. Sie spielt auf Zeit. Alle spielen auf Zeit. Wann und ob die fünf Familien jemals wieder in die “neue” SPK20 zurückziehen können, bleibt vage.

Und David? Der resiliente und zielstrebige 24-Jährige engagiert sich noch immer stark im sozialen Bereich. David schlägt vor, sich im Cafe Kotti zu treffen. Früher war es eine zwanzigminütige Busfahrt hierher, heute wohnt er in Berlin-Hellersdorf und ist gut und gerne mal eine Stunde oder mehr mit der Bahn unterwegs. Aber er kommt immer noch gerne hierher. Um zu arbeiten, Freund*innen zu treffen oder für seine Ausbildung als Erzieher zu lernen. Der Mai neigt sich dem Ende entgegen, er freut sich auf den Sommer. Es ist schon fast zwei Jahre her, seitdem er mit belltower.news gesprochen hat. Wie fand er das Leben in der SPK20? Wie geht es ihm aktuell? Und wie ist es seiner Familie ergangen?

David blickt gerne auf die Zeit in der SPK20 zurück, für ihn war es unfassbar schön dort zu leben. In der Zeit nach dem Auszug fühlt er sich teilweise einsam, der schockhafte Wechsel von den automatischen Treffen im Innenhof zu mehr als einer Stunde Fahrt zu seiner Familie macht ihm zu schaffen. Trotzdem lässt er sich nicht unterkriegen und ist zufrieden in Hellersdorf. Auch haben die Jugendlichen aus dem Plattenbau eine Partyreihe gestartet, die ein bisschen die alte Zeit aufleben lässt. Doch die Solidarität, der Schutz und das Beisammensein sind nicht mehr wie damals. Seine Eltern und sechs seiner zehn Geschwister haben eine Wohnung in Neukölln gefunden. Nach einer einjährigen Probephase haben sie die Chance auf einen unbefristeten Mietvertrag.

Die Straße der Pariser Kommune 20 ist kein Einzelfall und wird es wohl leider auch nicht bleiben. Die Geschichte steht sinnbildlich für einen Wohnungsmarkt, der die ohnehin schon Benachteiligten weiter ausbeutet und sie jedweder Perspektive auf ein besseres Leben beraubt. Doch die Reaktion der Bewohner*innen der Straße der Pariser Kommune 20 ermutigt auch. Denn sie zeigt einen Weg auf, wie mobilisiert werden kann und Ungerechtigkeiten sichtbar gemacht werden können. Auch wenn es dieses Mal vergeblich war.

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