Interview Internationale Wochen gegen Rassismus

Spenden gegen Rechtsextremismus

 
Interview

"So viel Engagement gab es noch nie"

 

Seit mehreren Jahren unterstützt die Amadeu Antonio Stiftung Projekte, die im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus stattfinden – organisatorisch, mit Informationen und finanziell. Im Vorfeld der Aktionswochen, die in diesem Jahr vom 13.-26. März bundesweit stattfinden, haben wir mit Britta Graupner, der Referentin der Aktionswochen gesprochen.

 

von Anne Gehrmann

 

Frau Graupner, was war der Anlass für die Internationalen Wochen gegen Rassismus?

 

Der 21. März und die Internationalen Wochen gegen Rassismus mahnen an das »Massaker von Sharpeville«, bei dem die südafrikanische Polizei am 21. März 1960 im Township Sharpeville 69 friedlich Demonstrierende erschoss. Als Gedenktag wurde sechs Jahre später, 1966, der  21. März von den Vereinten Nationen zum »Internationalen Tag zur Überwindung von rassistischer Diskriminierung« ausgerufen. 1979 wurde dieser Gedenktag durch die Einladung der Vereinten Nationen an ihre Mitgliedstaaten ergänzt, eine alljährliche Aktionswoche der Solidarität mit den Gegner_innen und Opfern von Rassismus zu organisieren.

 

Was hat sich seitdem getan?

 

Seit 1994 koordinierte der Interkulturelle Rat die Initiativen und Aktivitäten rund um den 21. März in Deutschland. Die Beteiligung an den Aktionswochen war anfangs noch sehr verhalten: die Auseinandersetzung mit Rassismus wurde eher als Tabuthema gesehen oder als eines, das „uns“ in Deutschland nicht (mehr) betrifft. Der gesellschaftlich Diskurs - und somit auch die Bereitschaft, sich gegen Rassismus zu engagieren - hat  sich aber über die Jahre stetig verändert. Mittlerweile haben sich die UN-Wochen gegen Rassismus zu einer starken und bundesweit etablierten Bewegung entwickelt, in der sich jährlich hunderte von Akteur_innen einbringen und Position beziehen. Zu den Internationalen Wochen gegen Rassismus 2016 wurden erstmals über 1.600 Aktivitäten dokumentiert. So viel Engagement gab es noch nie.

 

Immer mehr „eigene“ Wochen von Städten und Kommunen

 

In den letzten Jahren konnten wir beobachten, dass immer mehr Städte und Kommunen umfangreiche Programme zusammenstellen und „eigene“ Wochen gegen Rassismus durchführen – diese machten 2016 über die Hälfte der Gesamtaktivitäten aus. Diese Städte, ihre kommunalen Träger, Integrationsbeauftragte und zivilgesellschaftliche Bündnisse haben mit eigenen Aktionen eine immer größere Wirkmächtigkeit entwickelt. Die Vernetzung von lokalen Initiativen und Bündnissen wird mit dieser regionalen Aktionsform gefördert, wichtige Synergieeffekte werden ermöglicht und ein starkes Identifikationsgefühl für die Anliegen der Internationalen Wochen gegen Rassismus vor Ort geschaffen. Im Jahr 2008 wurde der Aktionszeitraum auf Grund der Vielzahl der Veranstaltungen und steigenden Beteiligung auf zwei Wochen ausgeweitet.

 

Kann man mitmachen?

 

Beteiligen kann sich an den Internationalen Wochen gegen Rassismus hingegen jede_r, der_die sich gegen Rassismus engagieren möchte: Dies sind jährlich hunderte Organisationen, lokale Initiativen wie Bündnisse gegen Rechts, Vereine, Sportverbände, Schulen, Betriebe, Theaterprojekte, Städte und Kommunen, Einzelpersonen und, und, und…  Diese lokalen Einrichtungen sind die aktive Basis der Internationalen Wochen gegen Rassismus. Um ihnen eine Öffentlichkeit zu geben und sie in einem Netzwerk zusammenzuschließen, wurde das Aktionsbündnis der Internationalen Wochen gegen Rassismus gegründet. Die Mitglieder dieses Aktionsbündnisses beteiligen sich regelmäßig. Hierfür werden sie in einer Mitgliederliste des Aktionsbündnisses auf der Kampagnenwebsite der Internationalen Wochen gegen Rassismus sowie in der jährlichen Dokumentation namentlich genannt. Diese Möglichkeit ist aber optional – eine Beteiligung ist selbstverständlich auch ohne Mitgliedschaft im Aktionsbündnis machbar.

 

„Über den eigenen Schatten springen“ – selbstkritische Reflektion als Basis des Projekterfolgs

 

Worin sehen sie den größten Erfolg der Aktionswochen? Was sagen die Aktiven?

 

Ich denke, die Aktionswochen haben ihren Teil dazu beigetragen, dass sich verstärkt – und vor allem auch selbstkritisch! - mit dem Thema Rassismus auseinandergesetzt wird. Dies ist meiner Meinung nach ein ganz wesentlicher Punkt. Denn uns alle betrifft das Thema Rassismus. Durch selbst erfahrene Ausgrenzung, durch eigene oder beobachtete rassistische Einstellungen und Handlungen. Nur, wenn wir uns die Realität von Rassismus eingestehen und uns mit eigenen Vorbehalten und rassistischen Prägungen auseinandersetzen, können wir Gegenstrategien ergreifen und glaubwürdig und erfolgreich zusammen gegen Rassismus einstehen.

Dies ist auch eine Rückmeldung, die wir zunehmend von den Aktiven bekommen: dass sie im Zuge ihres Engagements zu den Internationalen Wochen gegen Rassismus wahrgenommen haben, wie wichtig es ist, „über den eigenen Schatten zu springen“ und sich selber zu hinterfragen: den Blick nicht nur auf „die Anderen“ oder „die Rechten“ zu fokussieren, sondern auch auf sich selber. Dieser Schritt kostet vielfach erst einmal Überwindung und ist unbequem. Er ist aber die Basis, um wirklich solidarisch agieren zu können.

 

„100% Menschenwürde – Zusammen gegen Rassismus“

 

Gibt es dieses Jahr einen Schwerpunkt?

 

Unser Schwerpunkt heißt weiterhin „100% Menschenwürde – Zusammen gegen Rassismus“. Denn die Menschenwürde darf für keinen politischen oder ideologischen Zweck verhandelbar sein. Darüber hinaus können aber die Aktiven vor Ort ihren Fokus natürlich nach Bedarf setzen. Inhaltlich zeichnet sich bereits jetzt ab, dass die Aktionswochen insbesondere von den Themen Flucht und Migration sowie dem steigenden Rechtspopulismus geprägt sein werden. Dies ist im Hinblick auf aktuelle Debatten und die bevorstehende Bundestagswahl aber auch zu erwarten gewesen.

Es ist deutlich abzulesen, wie aktuelle Debatten und Entwicklungen von den Aktiven im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus aufgegriffen werden und sich so die Schwerpunktthemen verschieben oder verstärken. So auch in Bezug auf die gestiegenen Flucht- und Migrations-bewegungen. Der immense Anstieg von gewalttätigen Übergriffen und die Hetze gegen Flüchtlingsunterkünfte und geflüchtete Menschen spiegelten sich im vergangenen Jahr klar in der Themenauswahl wider. Nach den bisherigen Veranstaltungsmeldungen zeichnet sich dieser inhaltliche Schwerpunkt auch für die Aktionswochen 2017 ab.

 

Gefährliche Entwicklung: Abgrenzung und Abwertung statt Solidarität

 

Im Zusammenhang mit der Flucht- und Migrationsentwicklung halte ich persönlich die derzeitige gesellschaftliche Stimmung insbesondere in Bezug auf das Thema des gesellschaftlichen Zusammenhaltes für hochproblematisch. Denn statt einer verstärkten Solidarität derjenigen aus der sog. Mehrheitsgesellschaft, die sich „abgehängt“ fühlen, mit anderen marginalisierten Menschen wie Geflüchteten, Migrant_innen oder von Rassismus betroffenen, ist im Zuge der stärkeren Zuwanderung  zumindest partiell eine erschreckende Mentalität von Abgrenzung und Abwertung entstanden. Dabei fungiert offensichtlich eine neu entstandene nationale Identität als Merkmal der Höherwertigkeit und Gruppenbindung. Genau auf dieses neue Nationalgefühl rekurrieren natürlich die rechtspopulistischen Gruppen und Parteien und es entsteht eine sich verstärkende Wechselwirkung. Eine wie ich denke – nicht nur im Hinblick auf die Bundestagswahl sondern auch auf das soziale und politische Gefüge der Gesellschaft – beängstigende und gefährliche Entwicklung.

 

Gegenöffentlichkeit ist da – sie muss nur sichtbarer werden

 

Was wünschen Sie sich für die bevorstehenden Internationalen Wochen gegen Rassismus?

 

Zuerst einmal möchte ich betonen, dass es ein unglaublich großes und kreatives Engagement gibt! Um aber der oben skizzierten Entwicklung noch deutlicher entgegenzuwirken, kann ich mir eine intensivierte Bildung lokaler Bündnisse der Solidarität vorstellen. Und zwar über alle sozialen und ökonomischen Gruppen und Milieus hinweg und unter selbstverständlicher Mitwirkung von Menschen mit Einwanderungsgeschichte und People of Color als gleichberechtige Akteur_innen. So könnte sich eine starke und selbstbewusste Gegenbewegung und –öffentlichkeit zeigen. Denn diese ist natürlich vorhanden – sie muss nur sichtbarer werden!

 

Selbst aktiv werden?

 

Alle, die sich mit einer eigenen Veranstaltung an den Aktionswochen beteiligen wollen, können ihre Veranstaltung direkt über die Website anmelden, oder per mail an iwgr@stiftung-gegen-rassismus.de senden. Die Stiftung für die Internationalen Wochen gegen Rassismus nimmt die Termine dann in den bundesweiten Online-Kalender auf.Weitere Formalitäten gibt es nicht!

 

Wer mitmachen will, aber dem  noch Ideen fehlen: Anregungen zu Veranstaltungsmöglichkeiten finden sich auf der Website.

 

 

 

 

 

Kontakt

Amadeu Antonio Stiftung
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