Was ist überhaupt Hate Speech

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Was ist überhaupt Hate Speech?

Hassrede (Hate Speech) ist kein sprachwissenschaftlicher, sondern ein politischer Begriff mit mehr oder weniger starken Bezügen zu juristischen Tatbeständen.

In Deutschland ist der juristische Bezugspunkt der Tatbestand der Volksverhetzung, der dann erfüllt ist, wenn jemand »in einer Weise, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, 1. zum Haß gegen Teile der Bevölkerung aufstachelt oder zu Gewalt- oder Willkürmaßnahmen gegen sie auffordert oder 2. die Menschenwürde anderer dadurch angreift, daß er Teile der Bevölkerung beschimpft, böswillig verächtlich macht oder verleumdet« (StGB, §130(1)).

Die im europäischen Zusammenhang relevante politische Definition von Hassrede liest sich inhaltlich sehr ähnlich: Sie fasst unter diesem Begriff »alle Ausdrucksformen, die Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus oder andere Formen auf Intoleranz beruhendem Hass verbreiten, dazu anstiften, sie fördern oder rechtfertigen; einschließlich von Intoleranz, die sich in aggressivem Nationalismus und Ethnozentrismus, der Diskriminierung und Feindseligkeit gegenüber Minderheiten, Migrant/innen und Menschen mit Migrationshintergrund äußert« (Ministerkomitee des Europarats, Empfehlung R (97) 20, 30.10.1997, meine Übersetzung).

Hate Speech bedeutet Abwertung

Sprachwissenschaftliche Definitionen orientieren sich allgemein an dieser politischen Definition. Ein typisches Beispiel findet sich bei Meibauer (2013, S. 1), der Hassrede als den »sprachliche[n] Ausdruck von Hass gegen Personen oder Gruppen […], insbesondere durch die Verwendung von Ausdrücken, die der Herabsetzung und Verunglimpfung von Bevölkerungsgruppen dienen« definiert. Hassrede unterscheidet sich vom alltagssprachlichen Begriff der Beleidigung dadurch, dass letztere dann gegeben ist, wenn jemand als Individuum verunglimpft oder herabgewürdigt wird, also nicht als Mitglied einer Gruppe oder über seine Zugehörigkeit zu dieser Gruppe.

Aus sprachwissenschaftlicher Perspektive stellen sich zwei Fragen: erstens, was es bedeutet, sprachlich »Hass auszudrücken «, und zweitens, welche sprachlichen Ausdrucksmittel zu diesem Zweck zum Einsatz kommen. Bezüglich der ersten Frage gehen einige Autor/innen davon aus, dass Hassrede dann vorliegt, wenn der/die Sprechende Hass empfindet und/oder erreichen will, dass Dritte Hass empfinden (Marker 2013, 59f.). Die Intention von Sprechenden spielt in der tatsächlichen Kommunikation selbstverständlich eine Rolle – einen unabsichtlichen Ausdruck von Hass wird man eher verzeihen als einen absichtlichen –, sie hat aber keinen direkten Bezug zu sprachlichen Äußerungen oder gar Ausdrucksformen. Anders gesagt: Es ist durchaus möglich, sprachlich Hass gegen Personen oder Gruppen auszudrücken, ohne diesen Hass tatsächlich zu empfinden oder auslösen zu wollen (z.B. aus Unkenntnis der Bedeutung bestimmter Wörter oder im Rahmen einer misslungenen Satire).

In der öffentlichen Diskussion wird der intentionalen Definition häufig eine Definition aus Betroffenenperspektive entgegengesetzt: Hassrede liegt dann vor, wenn es Menschen gibt, die sich durch diese Rede herabgesetzt oder verunglimpft fühlen. Als Grundlage einer Definition ist die Betroffenenperspektive sicher besser geeignet als die Intention des Sprechenden. Sie darf allerdings nicht individualisiert verstanden werden - wodurch sich jemand herabgesetzt oder verunglimpft fühlt, kann von Person zu Person und von Situation zu Situation sehr unterschiedlich sein. Um aus sprachwissenschaftlicher Sicht als Hassrede zu gelten, muss eine sprachliche Äußerung oder ein Ausdruck nicht nur individuell und/oder situativ, sondern von einem wahrnehmbaren Teil der Sprachgemeinschaft als herabwürdigend und/oder verunglimpfend gegenüber einer Bevölkerungsgruppe verstanden werden (aber natürlich nicht unbedingt von der Mehrheit oder gar der gesamten Sprachgemeinschaft).

Hate Speech kann indirekt sein

Das ist vor allem dort der Fall, wo die Herabwürdigung und/oder Verunglimpfung von einem wahrnehmbaren Teil der Sprachgemeinschaft als Teil der konventionellen Bedeutung eines sprachlichen Ausdrucks betrachtet werden. Solche Ausdrücke finden sich am sichtbarsten in jenem Bereich des Wortschatzes, in dem die deutsche Sprache uns eine Vielzahl von Ausdrücken liefert, die entweder über die Zuschreibung von bzw. Einschränkung auf bestimmte stereotype Eigenschaften (Schlitzauge, Fotze, Arschficker, Mongo) oder direkt über das Wissen um ihre Verwendungszusammenhänge (Kanake, Tussi, Schwuchtel, Spast) eine pejorative, also abwertende Wirkung entfalten. Aber auch in der Wortbildung und sogar Grammatik gibt es konventionell pejorative sprachliche Zeichen, z.B. die Endsilbe -ler (Hartz-4-ler, Unterschichtler) oder das grammatische Muster [SUBSTANTIV + RICHTUNGSANGABE] (Ausländer raus! Juden ins Gas!).

Diese Ausdrücke können auf zwei unterschiedliche Arten zur Hassrede verwendet werden: Sie können direkt auf die bezeichnete Gruppe angewendet werden (wenn etwa ein homosexueller Mann »Schwuchtel« genannt wird) oder indirekt auf jemanden, der eigentlich gar nicht zur bezeichneten Gruppe gehört (z.B. wenn ein heterosexueller Mann »Schwuchtel« genannt wird). Die Hassrede richtet sich dabei in beiden Fällen auf die bezeichnete Gruppe (in diesem Fall homosexuelle Männer), während der nicht zur bezeichneten Gruppe gehörende Adressat »nur« beleidigt wird.

Was Hate Speech ist, ist umstritten

Dass es innerhalb einer Sprachgemeinschaft unterschiedliche Meinungen darüber geben kann, ob ein bestimmter Ausdruck als Hassrede gilt oder nicht, ist selbst dort nicht überraschend, wo alle Beteiligten aufrichtig Position beziehen: Mitglieder einer privilegierten Gruppe empfinden einen sprachlichen Ausdruck häufig deshalb nicht als herabwürdigend/ verunglimpfend, weil er sich nicht gegen sie, sondern eben gegen eine (möglicherweise sogar unbewusst) als von der angenommenen Norm abweichende Gruppe richtet. Umgekehrt ist es durchaus möglich, dass Mitglieder einer gesellschaftlich diskriminierten Gruppe aufgrund einer andauernden sprachlichen Herabwürdigung eine gewisse Überempfindlichkeit entwickeln und auch Ausdrücke als diskriminierend empfinden, die von der Mehrheit der Sprachgemeinschaft (inklusive der Mehrheit der betreffenden Gruppe) tatsächlich neutral verstanden werden.

Dass zwischen prinzipiell neutralen und eindeutigen pejorativen Ausdrücken ein fließender Übergang besteht, bedeutet aber nicht, dass die pejorative Bedeutung jedes einzelnen Ausdrucks infrage steht. Die oben genannten Beispiele sind ohne Zweifel pejorativ, völlig unabhängig von der (tatsächlichen oder angeblichen) Intention derjenigen, die sie verwenden. Während Ausdrücke mit einer klar pejorativen Bedeutung die deutlichste Erscheinungsform von Hassrede sind, kann eine Äußerung eine Bevölkerungsgruppe auch herabwürdigen und/oder verunglimpfen, ohne solche Ausdrücke zu enthalten. Auch dann fällt sie unter die Definition von Hassrede.

Im einfachsten Fall ist die Herabwürdigung/Verunglimpfung ein expliziter Teil der Aussage, z.B. in »(Alle) Griechen sind faul«. Sprachwissenschaftlich interessanter und im Alltag schwerer zu erkennen sind aber Fälle, in denen die Aussage selbst zunächst harmlos oder sogar positiv wirkt, und die Hassrede Teil einer zum Verständnis der Äußerung notwendigen stillschweigenden Grundannahme ist. Ein Satz wie »Er ist Grieche, aber total fleißig« scheint ja einem speziellen Griechen eine positive Eigenschaft zuzuschreiben. Durch die Verbindung der beiden Satzteile mit dem Wort »aber« wird jedoch kommuniziert, dass der Fleiß der betroffenen Person unerwartet ist; das kann sie aber nur vor dem Hintergrund der Annahme sein, dass Griech/innen normalerweise faul seien.

Politische Gruppen verwenden diese Strategie der impliziten Hassrede häufig: Wenn eine Partei etwa ständig betont, dass Migrant/innen willkommen seien, »solange sie sich an unsere Gesetze halten«, ist dies ja zunächst eine fast schon trivial harmlose Aussage, denn selbstverständlich sollen sich alle Menschen an Gesetze halten. Die Aussage wird aber dadurch zu einer Verunglimpfung von Migrant/innen, weil sie nur dann einen Sinn ergibt, wenn wir annehmen, dass Migrant/innen sich normalerweise nicht an Gesetze halten.

Hate Speech ist ein gesellschaftliches Problem

Schließlich fassen einige Autor/innen auch solche Fälle unter den Begriff der Hassrede, in denen eine Bevölkerungsgruppe dadurch herabgewürdigt oder verunglimpft wird, dass sie in Zusammenhängen unerwähnt bleibt, in denen sie eigentlich erwähnt werden müsste; im konkreten Fall ist das nicht immer eindeutig festzustellen, aber als Tendenz über verschiedene Situationen hinweg lässt es sich durchaus erkennen, etwa bei der systematischen Nicht-Erwähnung schwarzer Menschen, durch die dieser Gruppe implizit die Existenz abgesprochen wird (siehe Hornscheidt/Nduka-Agwu 2012). Zum Schluss sei noch angemerkt, dass Hassrede auch aus sprachwissenschaftlicher Perspektive kein vorrangig sprachliches, sondern ein gesellschaftliches Problem darstellt.

Sprachliche Ausdrücke beschreiben und bewerten nicht (bzw. nicht nur). Sie erzeugen vielmehr ein Verständnis der (vorsprachlichen) physikalischen Realität und gesellschaftliche Realität(en), die als allgemeingültig verstanden werden und deshalb nicht ohne Weiteres hinterfragt werden können. Hassrede ist also nicht (nur) ein Problem des kommunikativen Umgangs oder der »Verbreitung, Anstiftung, Förderung oder Rechtfertigung« von Hass, sie ist zentral an der Erzeugung des Hasses und der für den Hass notwendigen Denkmodelle beteiligt - einem Hass, der, wie Friesel (2013) eindringlich anmerkt, historisch immer wieder die Grundlagen für die Zerstörung der betreffenden Gruppen gelegt hat.

Anatol Stefanowitsch
Professor für Sprachwissenschaft an der Freien Universität Berlin


Literatur: 

  • Friesel, Evyatar (2013) Juden-Hass gestern und heute: Ein historischer Blick auf 130 Jahre judeophobische Feindseligkeit. In: Meibauer 2013 (Hg.), pp. 17–27.
  • Hornscheidt, Lann/Nduka-Agwu, Adibeli (2010a): Der Zusammenhang zwischen
  • Rassismus und Sprache. In: Adibeli Nduka-Agwu, Lann Hornscheidt (eds.): Rassismus auf gut Deutsch: Ein kritisches Nachschlagewerk zu rassistischen Sprachhandlungen, Frankfurt am Main, 11-49.
  • Marker, Karl (2013) Know Your Enemy. Zur Funktionalität der Hassrede für wehrhafte Demokratien. In Meibauer 2013 (Hg.), pp. 59–94.
  • Meibauer, Jörg (2013) Hassrede – von der Sprache zur Politik. In Meibauer 2013 (Hg.), 1–16.
  • Meibauer, Jörg (Hg., 2013) Hassrede/ Hate Speech.
  • Interdisziplinäre Beiträge zu einer aktuellen Diskussion. Gießen: Gießener Elektronische Bibliothek.
  • Ministerkomittee des Europarats (1997) Recommendation No. R (97) 20
  • of the Committee of Ministers to the Member States on “Hate Speech”. Straßburg: Council of Europe.
  • StGB (1998) Strafgesetzbuch der Bundesrepublik Deutschland in der Fassung vom 13.11.1998.
 

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