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Das können Sie tun

Das können Sie gegen Antisemitismus tun

Gemeinsam für eine Gesellschaft ohne Antisemitismus

Antisemitismus ist zuallererst ein Problem für Jüd*innen, die diskriminiert, bedroht oder angegriffen werden. Er ist aber auch ein Problem für diejenigen, die selbst nicht antisemitisch diskriminiert werden, denn er zeigt auf, wie viele Menschen in Deutschland nicht von der Gleichwertigkeit aller ausgehen. Wie eine Gesellschaft Antisemitismus bekämpft, zeigt, wie klar sie demokratische Werte insgesamt verteidigt.

Das können Sie gegen Antisemitismus tun

Sorgen ernst nehmen!

Antisemitismus ist ein Missstand der Demokratie. Doch er trifft Jüd*innen als erstes und am Stärksten. Sie erkennen Antisemitismus meist viel früher als andere. Daher gilt es, die Erfahrungen, Sorgen und Ängste von Betroffenen sehr ernst zu nehmen. Antisemitismus ist ein Ausdruck von Menschenverachtung und gefährdet deshalb die Demokratie in ihren Grundsätzen. Daher sind alle angesprochen, zu handeln. In dem Maße, wie eine Gesellschaft Antisemitismus bekämpft, zeigt sie, wie klar sie demokratische Werte insgesamt zu verteidigen in der Lage ist.

 

Erkennen

Bei Antisemitismus denken viele an den nationalsozialistischen Massenmord an Jüd*innen, die Shoah. Das Erinnern daran hilft uns bewusst zu machen, wohin Menschenhass führen kann. Es führt leider aber auch dazu, dass viele Antisemitismus auf die Shoah reduzieren. Antisemitismus fängt aber schon viel früher an: Antisemitische Angriffe passieren verbal, schriftlich, in Presseberichten und Posts in sozialen Medien, in Äußerungen in der Supermarktschlange, in Fotos und Videos und tätlich. Jeder Angriff, ob er eine Straftat darstellt oder nicht, ist eine Verletzung von Menschenrechten. Dementsprechend muss immer darauf reagiert werden.

 

Mit Betroffenen solidarisieren

Immer und überall als erstes: Mit Personen solidarisieren, die von diskriminierenden und menschenverachtenden Anfeindungen betroffen sind. Sie können Ihre Unterstützung zeigen, indem Sie sich mit ihnen gegen Anfeindungen verbünden - sowohl mit direktem Zuspruch als auch mit öffentlichen Statements oder auch einer Zeugenaussage. Es ist wichtig Betroffene zu fragen, was sie brauchen.

Benennen und widersprechen

Bei jedem antisemitischen Vorfall, ob strafrechtlich relevant oder nicht, gilt es, diesen als solchen zu benennen. Bei antisemitischen Vorfällen im öffentlichen Raum können Sie Flugblätter oder Leser*innenbriefe verfassen. Ob im eigenen Verein, im Gespräch mit Nachbar*innen oder politischen Funktionär*innen: Bei Positionierungen, die Sie als falsch oder gar menschenverachtend erachten, gilt es zu widersprechen. Nicht immer geht es darum, den oder die Gegenüber zu überzeugen. Wichtiger ist oft, gegenüber Umstehenden, die unsicher sind, deutliche Positionierungen, gute Argumente und eine klare Haltung zu zeigen. Gesellschaftlicher Zusammenhalt und demokratisches Miteinander sollten in den Vordergrund gerückt werden. Das gilt auch für den digitalen Bereich.

 

Lokale Geschichte sichtbar machen

Jugendliche wie Erwachsene sind für Geschichte zu begeistern, wenn es Lokalbezüge gibt. Daher bietet es sich immer an, die Rolle von Antisemitismus in der eigenen Stadt zu untersuchen:

Was ist in der Zeit des Nationalsozialismus in der eigenen Nachbarschaft geschehen? Wohin wurden die Jüd*innen aus Ihrem Wohnort vertrieben? Was wurde aus ihren Wohnungen und Häusern? Welche Bedeutung hat der Antisemitismus dort heute? In vielen Regionen gibt es lokale Geschichtswerkstätten oder -vereine, die gerne behilflich sind.

Öffentlichkeit schaffen

 

Da Antisemitismus oft als historisches Phänomen und nicht als ein aktuelles Problem wahrgenommen wird, ist es wichtig, mehr Sensibilität für gegenwärtigen Antisemitismus zu schaffen. Machen Sie – ob mit oder ohne konkreten Anlass – die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Facetten von Antisemitismus zum Thema. Die Amadeu Antonio Stiftung unterstützt Sie durch Beratung, Förderung und Vernetzung.

  • In ihrer Umgebung, in ihrer Stadt gibt es kaum Auseinandersetzung mit Antisemitismus? Sie können Veranstaltungen zum Thema Antisemitismus bei sich vor Ort organisieren.
  • Es gibt politische Bündnisse in der Stadt, die sich gegen Rechtsextremismus und -populismus positionieren, aber keine Berührungsängste mit antisemitischen Israelfeinden haben? Sie können es sich zur Aufgabe machen, deren offene Flanke zum Antisemitismus zu thematisieren.
  • Der jüdische Friedhof in ihrer Stadt wurde zerstört? Sie können Spenden sammeln, sich Partner*innen suchen und selbst beim Wiederaufbau helfen.

 

 

  • Es findet eine Demonstration mit antisemitischer Stoßrichtung statt? Über Leser*innenbriefe und/oder Flugblätter können Sie die Öffentlichkeit informieren. Oder organisieren Sie mit Gleichgesinnten Gegenprotest.
  • In der Dorfkirche gibt es immer noch alte antijüdische Darstellungen? Sie können sich bei der Gemeinde dafür einsetzen, dass eine Hinweistafel mit einem kritischen Text angebracht wird.
  • Vor kurzem sind Hauswände mit antisemitischen Graffitis beschmiert worden? Sie könnten eine öffentliche Aktion organisieren, bei der sie entfernt werden, und darüber einen Artikel für die Lokalzeitung schreiben.
  • Es scheint, als hätte es nie jüdisches Leben in der Region gegeben? Wenn Sie sich auf die Suche nach Spuren begeben verhindern Sie, dass die Nachbar*innen von einst in Vergessenheit geraten. Sie können sich für eine lokale Gedenkpolitik, Straßenumbenennungen und Erinnerungsveranstaltungen engagieren.
  • Sie können sich auch für eine antisemitismus- und rassismuskritische Jugendarbeit engagieren.

Wissen und Werkzeug

Chronik antisemitischer Vorfälle

Seit 2002 erstellt die Amadeu Antonio Stiftung kontinuierlich eine Chronik antisemitischer Vorfälle, die sie auf ihrer Homepage dokumentiert.

Was tun, wenn Sie selbst betroffen sind?

Austausch in geschützten Räumen

Erfahrungen mit Antisemitismus können zu Verunsicherung und Gefühlen von Alleinsein führen. Sich mit anderen austauschen, eigene Erfahrungen in geschützten Räumen teilen und so verschiedene Perspektiven von Betroffenen kennenlernen ist oft hilfreich. Das Wissen und das Engagement anderer Betroffener kann empowernd wirken und neue Möglichkeiten eröffnen. Die Amadeu Antonio Stiftung unterstützt Sie, wenn Sie sich gemeinsam gegen Diskriminierung wehren möchten.

 

Anzeigen

Eine Anzeige kann – sofern die Polizei nicht selbst am Tatort den Vorfall aufnimmt – auf jeder Polizeidienststelle, bei der Staatsanwaltschaft oder online aufgegeben werden (Übersichtsseite der Online-Wachen).

 

Die Pflicht der Polizei, Anzeigen aufzunehmen, ist unabhängig von:

  • Grad und Art der Verletzung
  • der Chance, die Täter zu fassen
  • der Aussicht einer strafrechtlichen Verfolgung
  • dem zu erwartenden Strafmaß

 

Vorfälle anzuzeigen,

  • verdeutlicht erlittenes Unrecht,
  • ist die Voraussetzung für Ermittlungen und Strafverfolgung,
  • sensibilisiert Polizei und Strafbehörden,
  • ist ein aktiver Schritt, eigene Rechte zu behaupten: das Recht auf gleiche Würde und körperliche Unversehrtheit und das Recht auf Unterstützung durch die staatlichen Behörden bei Verletzung der eigenen Rechte,
  • signalisiert den Tätern, dass Antisemitismus nicht hingenommen wird,
  • trägt zu realistischen Polizeistatistiken bei.

 

Soweit kein öffentliches Interesse angenommen und der Fall dann nicht automatisch verfolgt wird, erhalten Sie auf eine online-Anzeige eine Rückmeldung mit der Anforderung eines schriftlichen Strafantrags. Dieser muss binnen drei Monaten nach Erlangung der

Kenntnis von der Tat schriftlich gestellt werden.

 

Zu Beratungsstellen gehen

Eine Anzeige kann auch über eine Opferberatungsstelle (Link zu CURA) laufen, die dann den Fortgang der Ermittlungen begleiten kann. Deutlich mehr Opfer rassistischer als antisemitischer Angriffe machen bislang davon Gebrauch. Daher haben einige Beratungsstellen begonnen, sich noch gezielter zum Thema Antisemitismus fortzubilden. Opferberatungsstellen tragen außerdem zu alternativen Chroniken und Schattenberichten über antisemitische Gewalt bei, die die Polizeistatistiken aus Sicht zivilgesellschaftlicher Beobachter ergänzen.


Für Betroffene rechter Gewalt gibt es eine Vielzahl von Anlaufstellen, die zur Beratung, Begleitung und Unterstützung aufgesucht werden können. Der Opferfonds CURA der Amadeu Antonio Stiftung unterstützt Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt schnell und unbürokratisch mit finanziellen Mitteln.

In der jüdischen Gemeinde teilen

Ob antisemitische Angriffe privat ausgehandelt oder in der Jüdischen Gemeinde thematisiert werden sollten, damit andere sich darauf einstellen können, ist eine offene Debatte. Allein dies zeigt die Relevanz. Doch nur wenn wir Phänomene genau beschreiben können, können wir sie bekämpfen. Jüdische Gemeinden, die das Thema aufgreifen, sollten ihrer Umgebung Möglichkeiten zur Solidarisierung geben. Ansprechpartner dafür können Opferberatungsstellen, die Antidiskriminierungsstellen der Länder und des Bundes sowie auch andere demokratisch aktive Initiativen und Projekte vor Ort sein.

 

Solidarisieren

Dritte, die antisemitische Angriffe beobachten, spielen die wichtigste Rolle beim Schutz der Opfer und der Verfolgung der Täter*innen. Überlassen Sie es nicht den Betroffenen, sich allein zu wehren oder den Übergriff anzuzeigen. Solidarisieren Sie sich und fordern Sie andere Anwesende persönlich dazu auf, dem Opfer beizustehen. Erfahrungsgemäß entziehen sich die meisten Menschen nicht, wenn sie direkt angesprochen werden. (im Gegensatz zu allgemeinen Hilferufen). Notieren Sie Kontaktdaten für spätere Zeugenaussagen.

 

Öffentlich machen

Auch Vorfälle, die sich unterhalb strafrechtlich relevanter Kategorien bewegen, tragen zu einem antisemitischen Klima bei. Sie sollten ebenfalls öffentlich gemacht werden als das, was sie sind, z. B.

  • Othering (»gerade von dir als Jüdin hätte ich erwartet…«)
  • Relativierung des Holocaust (»was Israel mit den Palästinensern tut, ist das gleiche …«)
  • Verschwörungstheorien, die Stereotypen bedienen (»dahinter stecken doch…«)
  • Negierung von Diskriminierungserfahrungen (»Araber können gar keine Antisemiten sein, denn sie sind selbst Semiten …«)

Auch Aussagen, die noch von der Meinungsfreiheit gedeckt sind, können klar antisemitisch sein. Widerspruch ist möglich z.B. durch Leser*innenbriefe (diese werden unabhängig davon, ob sie abgedruckt werden, gezählt und hochgerechnet), Meldung an den Deutschen Presserat (www.presserat.de) oder offene Briefe an prominente Autoren antisemitischer Äußerungen.

 

Verbündete suchen

Um Antisemitismus als alltägliche Erfahrung in Deutschland öffentlich sichtbar zu machen, gibt es mehrere Anlaufstellen:

Diese vermitteln ggf. auch Unterstützung bei der strafrechtlichen Verfolgung sowie an für das Thema aufgeschlossene Presse.

 

Sie sind von Hate Speech im Netz betroffen? Tipps zum Umgang damit finden Sie hier.

 

Mit Spenden helfen

Aktive brauchen eine Menge Mut und einen langen Atem, um wirksam gegen Antisemitismus, Rechtsextremismus und Rechtspopulismus vorgehen zu können. Daneben erleichtert eine verlässliche Finanzierung die Arbeit in ihren Projekten und Initiativen.

Mit Ihrer Spende können Sie dazu beitragen, dass wir bundesweit und jeweils vor Ort die demokratische Zivilgesellschaft stärken.

 

Unser Opferfonds CURA unterstützt Betroffene rechter Gewalt und deren Angehörige sowie Menschen in Bedrohungssituationen.