Wie erinnert man an eine Geschichte, von der es kaum Spuren gibt? Seit fast 30 Jahren setzt sich die ehrenamtliche „Initiative für einen Gedenkort ehemaliges KZ Uckermark e.V.“ gemeinsam mit Überlebenden und Angehörigen dafür ein, die Geschichte des ehemaligen Jugendkonzentrationslagers zu erforschen und einen selbstorganisierten Ort der Erinnerung weiterzuentwickeln. Die Amadeu Antonio Stiftung unterstützt diese Arbeit finanziell im Rahmen der Projektförderung.
Von Luisa Gerdsmeyer
In Fürstenberg/Havel, unweit der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, befindet sich das Gelände des ehemaligen Jugendkonzentrationslagers Uckermark. Abseits größerer Straßen gelegen, wirkt das Gelände auf den ersten Blick unscheinbar. Heute ist es ein Gedenkort, der an die Geschichte der dort Inhaftierten erinnert. Gleichzeitig macht der Ort sichtbar, welche menschenfeindlichen Ideologien zu den hier begangenen Verbrechen führten und wie diese bis in die Gegenwart fortwirken.
Gestaltet und weiterentwickelt wird der Gedenkort von der Initiative für einen Gedenkort ehemaliges KZ Uckermark e.V., gemeinsam mit Überlebenden und Angehörigen. Bei einem geführten Rundgang auf dem Gelände konnte sich die Amadeu Antonio Stiftung Einblicke in die Gedenkarbeit und die Geschichte des Ortes verschaffen.
Das Jugendkonzentrationslager: Gewalt statt Jugendschutz
Das Konzentrationslager Uckermark entstand 1942. Errichten mussten es Häftlinge des nahegelegenen Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück. Die Nationalsozialist*innen bezeichneten das Lager verharmlosend als „Jugendschutzlager“. „Doch was in diesem Lager passiert ist, hat mit Jugendschutz nichts zu tun“, stellt Moira klar, die den Rundgang gemeinsam mit Míša durchführt. „Die sogenannten ‚Jugendschutzlager‘ waren Teil des Lagersystems der Nazis. Es sollte hier nicht darum gehen, Jugendliche zu schützen. Vielmehr sollte die vermeintlich homogene nationalsozialistische ‚Volksgemeinschaft‘ vor Jugendlichen ‚geschützt‘ werden, die die Nationalsozialist*innen als ‚asozial‘ verfolgten.“ Inhaftiert wurden im Jugendkonzentrationslager Uckermark zwischen 1942 und 1945 etwa 1.200 als Mädchen und junge Frauen eingeordnete Jugendliche im Alter von 16 bis 21 Jahren. Die Anerkennung, dass es sich bei dem Lager um ein KZ handelte, erfolgte erst in den 1970er Jahren. Zuvor galt es als Teil des sogenannten „Fürsorgeerziehungssystems“.

Viele der Inhaftierten kamen aus Familien, die von den Nazis als „asozial“ stigmatisiert wurden – etwa aufgrund von Armut, psychischen Krankheiten oder weil sie mit alleinerziehenden Müttern aufwuchsen – oder hatten bereits viele Jahre ihres jungen Lebens in Einrichtungen des nationalsozialistischen „Fürsorgeerziehungssystems“ verbracht, bevor sie ins Lager überstellt wurden. Die Institutionen dieses Systems hatten nichts mit ‚Fürsorge‘ oder ‚Erziehung‘ im heutigen Sinne zu tun. Die Begriffe verharmlosen vielmehr die Gewalt, die von ihnen ausging. Sie handelten nicht im Interesse der Jugendlichen, sondern allein im Interesse des NS-Regimes. Jugendliche, die den von den Nationalsozialist*innen zugewiesenen Platz in der „Volksgemeinschaft“ nicht einnahmen, wurden verfolgt, weggesperrt und bestraft.
„Als ‚asozial‘ galt, wer sich nicht in das Gesellschaftsbild der Nationalsozialist*innen einfügte. Teilweise konnten wir aus den Akten einzelner Inhaftierter rekonstruieren, welche willkürlichen Gründe für ihre Inhaftierung angeführt wurden. Das reichte von (unterstellten) romantischen Beziehungen zu ‚zu vielen‘ oder ‚den falschen‘ Männern über Armut, Wohnungslosigkeit, Alkohol- und Drogenkonsum, Verweigerung des Arbeitsdienstes, psychischen Krankheiten oder wiederholtem Diebstahl bis hin zu ‚übermäßigen‘ Kinobesuchen. Häufig waren es verschiedene vermeintliche Verhaltensauffälligkeiten, die gebündelt zu dem abwertenden Stempel ‚asozial‘ führten. Selber denken, individuell sein und einfach Spaß haben war nicht erwünscht. Jugendliche sollten gehorsam und diszipliniert sein“, so Míša. Zudem wurden Sinti*zze und Rom*nja meist pauschal als ‚asozial‘ verfolgt.
Der Lageralltag
Schon bei der Einlieferung in das Lager mussten sich die Inhaftierten extrem erniedrigenden Prozeduren unterziehen. Die Gewalt setzte sich im Lageralltag fort, der von Schikanen und Grausamkeit geprägt war. Es herrschte ein dauerhaftes Redeverbot. Gesundheitsgefährdende Maßnahmen, wie von den Nazis verharmlosend als „Frühsport“ bezeichnete Übungen barfuß und in Unterwäsche, gehörten ebenso zum Alltag wie zahlreiche Appelle, Misshandlungen und Disziplinierungsmaßnahmen. Viele Überlebende trugen schwere körperliche Folgeschäden davon. Ein großer Teil des Lageralltags war geprägt von Zwangsarbeit, unter anderem für die Firma ‚Siemens & Halske‘, die im Lager eine Fertigungsbaracke betrieb.
Trotz der Redeverbote, Kollektivstrafen und Aufrufe zur Denunziation berichten Überlebende von Solidarität und gegenseitiger Unterstützung unter den Inhaftierten. Auf einer Informationstafel auf dem Gelände erinnern die Worte der Überlebenden Käthe Anders an den Zusammenhalt untereinander:
„Wenn eine was angestellt hat, ist der ganze Saal bestraft worden. Damit wollten sie die jungen Menschen zum Denunzieren anregen. Aber das ist bei uns net drin gewesen, da wäre eine für die andere durchs Feuer gegangen. Wir haben jedes Stückel Brot aufgeteilt. Wenn eine kein Nachtmahl gekriegt hat, haben wir geteilt. Wir haben zusammengehalten. Uns habens nicht untergekriegt.“ (Käthe Anders)

Ab Januar 1945 wurde ein Teil des KZ Uckermark zu einem Vernichtungsort umfunktioniert. Ein großer Teil der inhaftierten Mädchen und jungen Frauen wurde in das nahegelegene Frauenkonzentrationslager Ravensbrück überstellt. Im Vernichtungsort wurden von Januar bis April 1945 rund 5.000 überwiegend jüdische Frauen aus dem KZ Ravensbrück sowie Inhaftierte aus anderen Konzentrationslagern und Ghettos ermordet.
Kontinuitäten bis in die Gegenwart
Für die Initiative geht es nicht nur darum, die Geschichte des Jugendkonzentrationslagers Uckermark und die Erinnerungen der Inhaftierten sichtbar zu machen. Ein Anliegen ist es auch, die Kontinuitäten nationalsozialistischer Ideologien bis in die Gegenwart zu thematisieren.
Die von den Nazis als „asozial“ Verfolgten litten auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs unter Stigmatisierung und Ausgrenzung. Aus Angst vor gesellschaftlicher Ablehnung schwiegen viele über ihre Erfahrungen. Lange hielt sich die Vorstellung, die Betroffenen seien „zu Recht“ verfolgt worden, teilweise bis heute. Weder in der BRD noch in der DDR wurden die im KZ Uckermark inhaftierten Mädchen und jungen Frauen als Verfolgte des Nationalsozialismus anerkannt. Entsprechend erhielten sie keine Entschädigungszahlungen.
Erst 2020 erkannte der Deutsche Bundestag die als sogenannte „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“ verfolgten Menschen als Opfergruppen des Nationalsozialismus an. Die Folgen der jahrzehntelangen Stigmatisierung wirken jedoch bis heute. Noch immer wird das Wort ‚asozial‘ ganz selbstverständlich als Schimpfwort benutzt. „Menschen werden abgewertet, ausgegrenzt oder kriminalisiert, weil sie arm sind, keine Wohnung haben, von gesellschaftlichen Normen abweichen oder nicht in die Vorstellungen passen, wie ein ‚richtiges‘ Leben auszusehen hat. Diese Mechanismen haben eine Geschichte – und genau deshalb ist es wichtig, sie sichtbar zu machen“, so Míša.
Die Initiative greift diese Kontinuitäten in ihrer Bildungs- und Erinnerungsarbeit gezielt auf. Sie macht deutlich, dass die Stigmatisierung der Betroffenen nicht 1945 endete, sondern sich bis in die Gegenwart fortsetzt.
Die Arbeit der Initiative für einen Gedenkort ehemaliges KZ Uckermark e.V.
Seit fast 30 Jahren leistet die Initiative für einen Gedenkort ehemaliges KZ Uckermark e.V. kontinuierliche, rein ehrenamtlich getragene Gedenk- und Erinnerungsarbeit. Sie besteht aus einem bundesweiten Netzwerk von Aktiven. Die wenigsten von ihnen leben in Fürstenberg/Havel oder in der Nähe des ehemaligen Lagergeländes. Dennoch gelingt es ihnen seit Jahrzehnten, die Geschichte des KZ Uckermark zu erforschen, die Erinnerungen von Überlebenden sichtbar zu machen, solidarische Netzwerke mit Überlebenden und Angehörigen aufzubauen und den Gedenkort kontinuierlich weiterzuentwickeln.
„Wir sind eine altersmäßig sehr durchmischte Gruppe. Einige arbeiten schon seit Jahrzehnten mit, andere sind in den letzten Jahren hinzugestoßen. Diese verschiedenen Perspektiven bereichern unsere gemeinsame Arbeit. Wir organisieren uns in unterschiedlichen regionalen und thematischen Untergruppen. Was uns alle eint, ist unser Selbstverständnis als Feminist*innen und Antifaschist*innen.“, erzählt Míša.
Die Initiative versteht ihre Arbeit als einen Prozess des Offenen Gedenkens, bei dem die Perspektiven von Überlebenden und Angehörigen im Zentrum stehen und gleichzeitig Raum entsteht, sich einzubringen und neue Formen des Erinnerns zu entwickeln. „Wir sehen diese Arbeit nicht als linearen Prozess“, erklärt Míša. „Vielmehr ist sie eine andauernde Auseinandersetzung mit der Frage, wie ein kollektives und würdiges Gedenken, das Betroffenenperspektiven zentriert, gestaltet werden kann. Unsere Ansätze haben sich im Laufe der Jahre zum Teil verändert. Dass sich diese Entwicklungen auch auf dem Gelände und in unseren Veröffentlichungen ablesen lassen, verstehen wir als Teil dieses Prozesses.“
Von vielen anderen KZ-Gedenkstätten in Deutschland unterscheidet sich der Gedenkort Uckermark auch dadurch, dass die Erinnerungsarbeit nicht staatlich getragen oder institutionell verankert ist. „Das birgt Herausforderungen, etwa in Bezug auf die Finanzierung unserer Arbeit oder die Befugnisse, die wir hier auf dem Gelände haben“, meint Moira. „Gleichzeitig eröffnet uns die rein zivilgesellschaftliche Organisation mehr Möglichkeiten, Betroffenenperspektiven konsequent zu zentrieren und auch staatliche Erinnerungspraxen, ebenso wie Kontinuitäten von Gewalt und Ausgrenzung, kritisch zu hinterfragen und auch dies als Teil der Erinnerungsarbeit zu verstehen.“
Die Entwicklung des Gedenkorts
Dass das Gelände des ehemaligen KZ Uckermark heute überhaupt besichtigt werden kann, geht auf das unermüdliche Engagement der Initiative zurück. Nach 1945 wurden die Gebäude des Lagers niedergebrannt. Anschließend blieb das Gelände über Jahre ungenutzt, bevor es von 1970 bis 1993 vom sowjetischen Militär genutzt wurde. Die baulichen Überreste dieser Zeit sind bis heute sichtbar.

1997 fand ein erstes Baucamp auf dem Gelände statt, bei dem Engagierte gemeinsam begannen, die historischen Strukturen des ehemaligen Lagers sichtbar zu machen, Spuren zu sichern und die Grundlage für die Entwicklung eines Gedenkorts zu schaffen. Dabei konnte ein Teil der Fundamente des KZs freigelegt werden. Bei den Grabungen wurden zahlreiche Gegenstände gefunden. Die seit 2001 jährlich stattfindenden Bau- und Begegnungstage sind bis heute ein zentraler Bestandteil der Arbeit der Initiative. Dabei arbeiten die Engagierten daran, die historischen Wege, Gebäude und topographischen Gegebenheiten des Geländes wieder sichtbar zu machen und zu markieren sowie Informationstafeln zu installieren. Ein wichtiger Bestandteil der Bau- und Begegnungstage ist zudem die Begegnung mit Angehörigen, Aktivist*innen und solidarischen Unterstützer*innen, die Recherche zur Geschichte des Ortes sowie die inhaltliche Auseinandersetzung mit Kontinuitäten von gewaltvollen gesellschaftlichen Verhältnissen.
Jedes Jahr organisiert die Initiative zudem eine Befreiungsfeier zur Erinnerung an die Befreiung des KZ Uckermark durch die Rote Armee im Jahr 1945. Über viele Jahre reisten Überlebende an und berichteten von ihren Erfahrungen. Heute setzen Angehörige die Erinnerungsarbeit fort und teilen die Geschichten ihrer Familien. Die Feiern bieten Raum für selbstbestimmtes Gedenken und Trauern. Zugleich versteht die Initiative sie als Ort der Vernetzung: Regelmäßig werden Gruppen eingeladen, die Erinnerungsarbeit zu rechter Gewalt nach 1945 leisten. Ziel ist es, Verbindungen zwischen unterschiedlichen Kämpfen um Erinnerung und gegen menschenfeindliche Ideologien und Gewalt herzustellen.
Die Amadeu Antonio Stiftung unterstützt die Erinnerungsarbeit der Initiative seit mehreren Jahren durch die Förderung von Bau- und Begegnungstagen und Befreiungsfeiern.



