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Jugendbegegnung schaffen

Creative Commons (CC0)
Wie schafft man Begegnung zwischen geflüchteten und nicht geflüchteten Jugendlichen? Ein Protokoll
Das Projekt „Youth 4 youth“

Café Köpenick, Kreisjugendring Köpenick e.V., Berlin

Ein Drittel der nach Deutschland geflüchteten Menschen sind Kinder und Jugendliche, jede*r Zehnte ist ohne Familienangehörige hier. Für die Gestaltung einer Willkommensstruktur an Schulen oder im formalen Bildungssektor gibt es bereits eine Reihe von Gesetzen, erprobte Instrumente sowie neue Ideen und Forderungen aus der Zivilgesellschaft (z.B. INITIATIVE Bildungsrecht für Kinder mit Fluchterfahrung: Jetzt! der Freudenbergstiftung). Welche Unterstützung und Perspektiven bietet Jugendlichen mit Fluchterfahrung die Offene Kinder- und Jugendarbeit als Baustein einer ganzheitlichen Bildung? Darüber haben wir mit Matti, Leiter des Projekts „Begegnung“ des Café Köpenick, dem Haus der Jugend Köpenick gesprochen. Gemeinsam mit dem Zentrum für Demokratie Treptow/Köpenick hat er mit Erfolg das Projekt „Youth 4 youth“ umgesetzt, um geflüchteten und nicht geflüchteten Jugendlichen einen Raum der Begegnung zu schaffen.

„Als ersten Schritt haben wir eine breite Einladung an alle Jugendlichen gesandt, die sich dafür interessieren, Geflüchtete und ihre Lebenssituation kennen zu lernen und auch etwas für sie zu tun“, erzählt Matti. Gemeinsam mit dem Demokratiezentrum im Bezirk wurde ein Workshop auf die Beine gestellt, der für die jugendlichen Teilnehmenden Grundlagen von Flucht und Asyl vermitteln sollte. Mit Plakaten, Flyern und der direkten Ansprache von Jugendeinrichtungen sowie „Schulen ohne Rassismus“[1] wurde breit eingeladen.

Zum Workshop kamen schließlich 35 Jugendliche ins Demokratiezentrum. Nach der Vermittlung einiger Grundlagen zur Flucht und Fluchtursachen, dem Ablauf des Asylverfahrens und der Lebenssituation von Asylsuchenden in Deutschland wurden gemeinsam Ideen gesammelt und Vereinbarungen getroffen, was die Jugendlichen nun weiter tun wollen. „Die Motivation der Kids für den Workshop war ganz unterschiedlich, einige wollten sich politisch organisieren, andere waren enttäuscht von der Mitarbeit in Willkommensinitiativen, in der sie keine Perspektive fanden. Aber alle waren sich schließlich einig, dass sie gemeinsam mit geflüchteten Jugendlichen Freizeit verbringen wollen“, erzählt Matti rückblickend.

Um in Kontakt zu bleiben, wurde ein E-Mail-Verteiler eingerichtet, weil nicht alle Jugendlichen die gleichen sozialen Netzwerke wie Facebook oder Whatsapp nutzen, aber jede*r eine E-Mail-Adresse hatte.

Das erste gemeinsame Treffen

Nun ging das Projekt in die Hauptverantwortung des Café Köpenick über und das Demokratiezentrum zog sich aus dem Projekt heraus. „Im zweiten Schritt haben wir also alle Jugendlichen, die aus dem Workshop und nun auch geflüchtete Jugendliche aus dem Bezirk, in unser Jugendhaus eingeladen. Schwierig war hier vor allem die Erreichung der geflüchteten Jugendlichen. Ich habe mich nun auf den Weg gemacht und Klinken geputzt.“ Matti sieht den Schlüssel zur Erreichung von geflüchteten und unbegleiteten Jugendlichen in einer grundlegenden Vertrauensarbeit mit den zuständigen Sozialarbeiter*innen, geflüchtete Jugendliche die mit ihren Eltern da sind, könnten nur über eine Vertrauensarbeit mit der Familie erreicht werden. Das Projekt „youth 4 youth“ konzentrierte sich auf die unbegleiteten jugendlichen Flüchtlinge. Matti musste hier einen langen Atem haben, das geplante Projekt vorstellen und zunächst die Sozialarbeiter*innen davon überzeugen, dass es für die von ihnen betreuten Jugendlichen wertvoll sein könnte.

Beim ersten Treffen beider Zielgruppen, also der Neuankommenden und Alteingesessenen, ging es zunächst um eine Bedürfnisklärung. Den gemeinsamen Nenner fanden alle Jugendlichen im Wunsch nach gemeinsamen Freizeitaktivitäten.

Start des gemeinsamen Freizeitangebotes

Die Ziele der Freizeitangebote waren vielschichtig. Kurzfristig: Jugendliche mit und ohne Fluchterfahrung zusammen bringen; Mittelfristig: Den Jugendlichen unterschiedliche Orte zeigen, an denen sie ihre Freizeit verbringen können; Langfristig: Den Austausch der Jugendlichen auf eigene Beine zu stellen. Die Finanzierung der Angebote lief rein über Spenden und richtete sich an alle Jugendliche, so dass jede*r teilhaben konnte ohne selbst Geldmittel beizusteuern.

Das erste Format war ein Kickerturnier, das im Café Köpenick ausgerichtet wurde, die Einladung ging an alle Jugendlichen aus den ersten zwei Projektphasen. „Es kamen echt einige Leute, auch wenn nicht alle gekickert haben. Manche haben sich an die Bar gesetzt und einfach abgehangen. Und nachdem das Kickerturnier vorbei war, haben zwei eher sportliche Mädchen noch ein Volleyballturnier vorgeschlagen, bei dem dann alle mitgespielt haben. Das war cool zu sehen“, erzählt Matti.

Im zweiten Freizeittreffen fuhren die Jugendlichen zusammen auf das Jugendschiff ReMiLi, ein Schiff im Hafen von Berlin-Köpenick, das zahlreiche Sportangebote bereithält. Matti berichtet, dass einige von den geflüchteten Jugendlichen seit dem regelmäßig zum Jugendschiff gehen, um die Angebote im Fitnessraum zu nutzen.

Im Anschluss gab es auch einen Ausflug zum gemeinsamen Schlittschuhlaufen, der für Matti zum Highlight des Programms wurde. „Wir sind da als Gruppe hingegangen und auch schnell aufgefallen, weil wir eine große und sehr gemischte Gruppe waren. Von den jugendlichen Geflüchteten konnten viele nicht Schlittschuhlaufen. Schnell waren die deutschen Jugendlichen und sogar Umstehende aus dem Publikum dann aber mit dabei, haben sie unterstützt und gemeinsam haben alle an diesem Tag Schlittschuhlaufen gelernt. Sport hat eine tolle Wirkung, die auch ohne Sprache funktioniert.“

Nach und nach bildete sich eine Kerngruppe von Jugendlichen heraus, die immer wieder an den Aktivitäten teilnahmen. Diese wurden jedoch sämtlich von dem Bildungsreferenten Matti organisiert, es gelang nicht, die Programmverantwortlichkeit an die Jugendlichen abzugeben. Die letzte Veranstaltung war ein Kampfsporttag, zu dem nur noch wenige ins Café Köpenick kamen.

Projektende und lessons learned

Einige der anfangs gesammelten E-Mail-Adressen waren inzwischen ungültig oder Rückmeldungen auf die Einladung blieben einfach aus. Nach einem halben Jahr endete das Projekt „youth 4 youth“ schließlich. Versuche, das Projekt mit der externen Beratung durch eine Sprach- und Kulturmittlerin von der Kontakt und Beratungsstelle für Flüchtlinge und Migrant_innen e.V. KuB Berlin wieder zu beleben, blieben aufgrund fehlender Kontinuität erfolglos.

Für das Projekt entscheidend war die Arbeit mit dem peer-to-peer Ansatz, das heißt die Arbeit mit Gleichaltrigen und auf Augenhöhe, bei der gegenseitig und voneinander gelernt wird. Mit dem kleinen Unterschied, dass die ansässigen Jugendlichen keine Multiplikatoren-Ausbildung im klassischen Sinn genossen, sondern ihre eigenen Fertigkeiten eingebracht haben.

Nicht erreicht wurde allerdings das langfristige Ziel, eine selbstverwaltete und eigendynamische Gruppe zu schaffen. Aus Zeit- und Ressourcengründen war es dem Bildungsreferenten Matti nicht länger möglich, das Projekt weiter zu koordinieren, da die nötige Jugendsozialarbeit nicht in seinen originären Aufgabenbereich der politischen Bildung fällt. Es wäre also notwendig, eigene Mittel aus der Jugendhilfe oder von Stiftungen zu akquirieren, um die nötigen Personalkosten zu decken. Matti sieht das Konzept der offenen Jugendarbeit in der Krise, da besonders in Berlin das Personal durch finanzielle Kürzungen durch die Jugendämter ausgedünnt ist.

„Wir haben auch gemerkt, dass das Konzept unseres Cafés, das als ein Raum konzipiert ist, in dem die Jugendlichen alles selbst machen können und müssen, für die geflüchteten Jugendlich nicht so gut vermittelbar war“, resümiert Matti. Funktioniert haben dahingehend konkrete Angebote mit Rahmen und Anleitung, bei denen die Jugendlichen trotzdem teilhaben und dann auch selbst Angebote einbringen konnten.

Deshalb klappt ein anderes Projekt ganz gut, eine direkte Kooperation mit einer Notunterkunft (NUK) für Jugendliche im alten Forsthaus Köpenick, bei der eine Partnerschaft entstanden ist. Die Jugendlichen aus der NUK nutzen das Café für Partys, veranstalten Kochabende für alle Besucher*innen des Cafés und können so selbst auch etwas zurück geben, statt die Angebote des Cafés nur zu konsumieren. Im Sommer 2016 war Matti mit den Jugendlichen auf einem Sommercamp in Mecklenburg-Vorpommern, auch private Kontakte sind hier entstanden. Nun wurde die NUK allerdings geschlossen und die Jugendlichen müssen alle in einen anderen Bezirk von Berlin ziehen – wie und ob sie nun noch regelmäßig ins Café kommen können, bleibt abzuwarten, monatelange Beziehungsarbeit und Vertrauensaufbau werden so durch Verwaltungshandeln konterkariert.

 

Weitere Informationen

  • Jugendmigrationsdienste in Deutschland http://www.jugendmigrationsdienste.de/
    Über 450 Jugendmigrationsdienste (JMD) bundesweit begleiten junge Menschen mit Migrationshintergrund im Alter von 12 bis 27 Jahren mittels individueller Angebote und professioneller Beratung bei ihrem schulischen, beruflichen und sozialen Integrationsprozess in Deutschland. Individuelle Unterstützung, Gruppen- und Bildungsangebote sowie eine intensive Vernetzung mit Schulen, Ausbildungsbetrieben, Integrationskursträgern und anderen Einrichtungen der Jugendhilfe zählen zu den wesentlichen Aufgaben der JMD.

 

  • Jugendliche ohne Grenzen http://jogspace.net/
    Jugendliche ohne Grenzen (JOG) ist ein 2005 gegründeter bundesweiter Zusammenschluss von jugendlichen Flüchtlingen. Unsere Arbeit folgt dem Grundsatz, dass Betroffene eine eigene Stimme haben und keine „stellvertretende Betroffenen-Politik“ benötigen. Wir entscheiden selbst, welche Aktionsformen wir wählen, und auch, wie wir diese durchführen. JOG ist gegen jegliche Art von Diskriminierung, insbesondere: Rassismus, Faschismus & antimuslimischer Rassismus.

[1] „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ ist ein Titel, den Schulen erlangen können, wenn sich zwei Drittel aller Mitglieder in der Schule, d.h. Schüler*innen, Lehrer*innen und weitere Angestellte in einer Wahl dafür aussprechen. Mit dem Titel sind Maßnahmen der politischen Bildung verbunden. Weitere Informationen: www.schule-ohne-rassismus.org

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