Robert Zillmann, von Hause aus Jurist und Feuerwehrmann, ist seit 2018 Bürgermeister der Stadt Colditz. Gemeinsam mit dem Kulturbüro Sachsen und der Leipziger Polizeidirektion haben seine Stadtverwaltung und er einen intensiven Prozess zur Aufarbeitung von rechter Gewalt und organisierter Kriminalität in Colditz angestoßen.
Interview mit Robert Zillmann, Bürgermeister der Stadt Colditz
Wie haben Sie als Colditzer vor Ihrer Wahl zum Bürgermeister das Problem Rechtsextremismus in der Stadt wahrgenommen?
Robert Zillmann: Ich habe 2003 mein Abitur gemacht und dann in Leipzig studiert, deshalb kenne ich die großen Exzessen rechter Gewalt, von denen ich während des Aufarbeitungsprozesses erfahren habe, nur aus Erzählungen. Als Jugendlicher habe ich miterlebt, wie Dorffeste von mehreren Dutzend Neonazis belagert wurden, und das hat schon einen Eindruck hinterlassen. Oder dass ehemalige Klassenkameraden aus der Grundschule plötzlich sagen, sie seien bereit für den rechten Straßenkampf. Das haben wir alle mitbekommen, nur die Gewaltexzesse nicht. Heute haben wir dieses geballte militante Auftreten von rechts zum Glück nicht mehr. Es gibt rechte Jugendgruppen, es gibt Hetze auf Social Media, aber mit der Bedrohungssituation von damals ist das nicht mehr zu vergleichen.
Was war früher ihr Eindruck vom kulturellen, stadtgesellschaftlichen Leben?
Robert Zillmann: Ich habe mich vor allem dem Thema Feuerwehr gewidmet. Deshalb ist meine Sicht ein wenig eingeschränkt. Natürlich gab es Dorffeste im Umland von Colditz, zu denen ich dann aber aufgrund der Erfahrungen mit Nazis nicht mehr hingegangen bin. In Colditz selber gab es das Stadtfest und das Feuerwehrfest, um die sich das kulturelle Leben gedreht hat. Interessanterweise gab es bei Feuerwehrfesten nie rechte Bedrohungsszenarien oder Gewalt.
Auf Schloss Colditz gab es während des Nationalsozialismus ein Konzentrationslager, das während des Zweiten Weltkrieges auch als Kriegsgefangenenlager genutzt wurde. Welche Rolle hat die Auseinandersetzung mit diesem Teil der Colditzer Geschichte bei Ihnen als junger Mensch gespielt?
Robert Zillmann: Damit habe ich mich wirklich erst intensiv beschäftigt, als ich Bürgermeister wurde. Ich glaube, das ist ein Problem in meiner Generation, dass wir wenig über unsere Heimatgeschichte wissen. International ist dieser Teil der Stadtgeschichte deutlich bekannter als in vielen Teilen der Stadtgesellschaft. Deshalb haben wir nach wie vor viele internationale Gäste hier.
Im Jahr 2018 wurden Sie dann zum Bürgermeister gewählt. Was war ihre Motivation dafür, zu kandidieren? Was wollten Sie verändern in Colditz?
Robert Zillmann: Ich habe mich damals gefragt, wo wir stehen und wo wir hinwollen. Wie kann ich meine Stadt voranbringen? Basierend auf den Überlegungen ein Programm geschrieben, von Straßen über Finanzen bis hin zur Jugendbeteiligung. Die war mir besonders wichtig, ich wollte gern ein Jugendparlament gründen. Das Parlament war etwas zu ambitioniert, aber wir haben eine sehr aktive Jugendbeteiligung aufgebaut mit sehr engagierten Ehrenamtlichen, die kürzlich wieder mit einem Preis ausgezeichnet wurden.
Während Ihrer ersten Amtszeit, 2023, gab es polizeiliche Ermittlungen und eine Razzia im Umfeld der Familie N. Der Polizei ging es bei der Razzia in erster Linie um Verstrickungen der Familie in Drogenhandel und organisierte Kriminalität. Allerdings war diese Familie nach der Jahrtausendwende Mittelpunkt einer militanten Neonazi-Szene, die über Jahre verantwortlich war für brutale Überfälle und Anschläge, Einschüchterung aller, die nicht in ihr Weltbild passten, Angriffe auf Polizeibeamte und sogar auf den damaligen Bürgermeister. Die Stadt wurde von dieser Neonazi-Szene regelrecht terrorisiert, viele Betroffene trauen sich bis heute nicht, öffentlich über ihre Erlebnisse zu sprechen. Welche Rolle hat in der Zeit vor dieser Razzia die Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus für Sie als Bürgermeister gespielt?
Robert Zillmann: Im Rahmen des Wahlkampfes 2018 habe ich das erste Mal gemerkt, dass viele Leute dieses Thema immer noch umtreibt. Da ging es dann um rechte Netzwerke und Namen, die mir ehrlicherweise nichts gesagt haben, obwohl ich Colditzer bin. Ich habe zugesagt, mir das anzuschauen und einen Umgang damit zu finden. Ein erster Ansatz war, dass z.B. Unternehmer, die mit einem schwarz-weiß-roten Firmenlogo unterwegs sind, keine städtischen Aufträge mehr bekommen. Bis 2023 war es für mich aber ein Randthema. Dann wurde die Razzia durchgeführt und das Thema Rechtsextremismus kam in Verbindung mit organisierter Kriminalität auf den Tisch. Vor allem waren die rechten Gewaltexzesse von früher wieder Thema. Darauf war ich nicht vorbereitet. Beim Kommunaldialog habe ich dann eine Person vom Kulturbüro Sachsen kennengelernt, die mich darauf angesprochen hat. Und ich habe mich gefragt, warum die rechtsextreme Vergangenheit plötzlich wieder thematisiert wird, wenn es doch eigentlich um Drogendelikte geht und wo die Zusammenhänge sind. Die Person vom Kulturbüro hat dann vorgeschlagen, einen Aufarbeitungsprozess anzustoßen, auch um den Betroffenen von damals einen Abschluss zu ermöglichen. Ich fand den Ansatz gut, sich dem offen und ehrlich zu stellen und Fehler einzugestehen, auch wenn die, die jetzt in der Verwaltung und bei der Polizei arbeiten, damals keine Verantwortung getragen haben. Ich bin sehr dankbar, dass die Polizeidirektion Leipzig und ihr Präsident René Demmler sich dem gestellt und Personalkapazitäten dafür freigemacht hat. Das ist auch bei den Betroffenen angekommen, dass ein ehrliches Interesse da war und Fehler eingestanden wurden.
Sie haben zwischen 2023 und 2026 gemeinsam mit dem Kulturbüro Sachsen einen Aufarbeitungsprozess durchgeführt. Welche wichtigen Schritte und Meilensteine gab es auf diesem Weg?
Robert Zillmann: Der größte Meilenstein war das erste Treffen mit dem Kulturbüro beim Kommunaldialog und die Erkenntnis, dass man sich der Vergangenheit stellen muss. Das war wirklich ein sehr wertvoller Austausch. Die Offenheit vom Polizeipräsidenten René Demmler war ebenfalls ein zentraler Punkt, denn wäre die Polizei nicht dabei gewesen, hätte der Prozess keinen Sinn gemacht. Das Agieren oder auch Nicht-Agieren der Polizei in der Vergangenheit, wenn es zu rechter Gewalt kam, war ein zentrales Thema für die Leute hier vor Ort. Sie haben in der Vergangenheit Untätigkeit erlebt, erlebt, dass weggeschaut wurde. Während des Prozesses haben wir sehr intensive nicht öffentliche Gespräche mit Betroffenen von damals durchgeführt. Dass Polizei und Stadtverwaltung Fehler eingestanden haben, hat den Betroffenen viel bedeutet. Der Schlusspunkt waren dann öffentliche Diskussionsformate zu Extremismus, insbesondere Rechtsextremismus, und zu den Erkenntnissen, die wir aus dem Aufarbeitungsprozess gezogen haben.
Welche Erkenntnisse haben Sie aus dem Aufarbeitungsprozess für sich und die Arbeit der Stadtverwaltung mitgenommen?
Robert Zillmann: Dass es einen kurzen Draht braucht zwischen Stadtverwaltung und Polizei und dass Gespräche nicht nur anlassbezogen, sondern regelmäßig stattfinden hat sich schon früh im Aufarbeitungsprozess rauskristallisiert. Das ist auch wichtig, um intern für das Thema Rechtsextremismus zu sensibilisieren. Das Mindset ist auf beiden Seiten mittlerweile ein ganz anderes. Wichtig ist auch, nicht verharmlosend zu agieren. Also bei einer rechten Schmiererei nicht zu sagen „Das waren doch bloß irgendwelche 13-Jährigen“, sondern alles zur Anzeige zu bringen und sichtbar zu machen. Nichts verschweigen und das Problem kleinreden, sondern offensiv damit umgehen. Das bedeutet auch, dass Personen, die sich bei Stadtfesten rechtsextrem äußern, einen Platzverweis bekommen. Null-Toleranz Politik sozusagen. Außerdem setzen wir uns intensiver mit der NS-Vergangenheit der Stadt auseinander. Entscheidend ist, die Bürgerinnen und Bürger beim Thema Rechtsextremismus mitzunehmen und für Beteiligung zu sorgen. Auch über dieses Thema hinaus ist die Stärkung von Engagement zentral, zum Beispiel durch unser Bürgerbudget. Selbst wenn es „nur“ um die Verkehrsführung geht, stärkt Beteiligung das Vertrauen und hilft gegen Extremismus.
Was hat sich in Bezug auf ehrenamtliche, zivilgesellschaftliche Strukturen und Beteiligung verändert?
Robert Zillmann: Ich würde sagen, dass mehr Menschen aktiv geworden sind, auch losgelöst vom Aufarbeitungsprozess. Es gibt viele Engagierte, die wirklich an Bord bleiben, zum Beispiel beim Kulturmarkt e.V., der sich auf die Fahne geschrieben hat, Kulturen zusammenzubringen., z.B. durch Märkte, Theater und Konzerte. Das ist ein großer Gewinn für Colditz. Mein Eindruck ist, dass es wieder besser funktioniert, ins Gespräch miteinander zu kommen. Das Engagement der Kirchen, dass es schon länger gibt, geht ebenso weiter.
Abschließende Worte?
Robert Zillmann: Ich würde gern dem Kulturbüro Sachsen danken, vor allem den Personen, die den Prozess bei uns vor Ort begleitet haben. Es war sehr wichtig, dass sie drangeblieben sind und im Zweifel nachgehakt haben – dadurch haben sie einen großen Anteil am Erfolg des Projektes.
Vielen Dank für das Gespräch!
Zitat der Jury
„Herzlichen Glückwunsch an die Stadt Colditz zur Auszeichnung als Kommune der Demokratie! Die Stadt hat sich entschieden, ihrer Geschichte mit Rechtsextremismus und rechter Gewalt nicht länger auszuweichen. Bürgermeister Robert Zillmann hat Verantwortung übernommen und einen mehrjährigen Aufarbeitungsprozess angestoßen, in dem die Perspektiven der Betroffenen im Mittelpunkt standen. Heute geht Colditz einen Schritt weiter: für eine Stadt, die hinschaut, Betroffene ernst nimmt, Bürger*innen beteiligt und Rechtsextremismus entschieden entgegentritt. Aufarbeitung wird so zum Ausgangspunkt für demokratische Veränderung. Vielen Dank für dieses Engagement!“
– Timo Reinfrank, Geschäftsführer der Amadeu Antonio Stiftung




