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Gefördertes Projekt

Rechte Gewalt: Eine Spurensuche in Deutschland

Bilderbuchhafte Idylle und Tatort zugleich: In diesem Waldstück in der Nähe von Dahle (NRW) wurde die 25-jährige Dagmar Kohlmann am 16. Juli 1995 von Rechtsextremen ermordet. (Foto: Julius Schien)

Ist die Rede von Mölln, Solingen oder Hanau, ist sofort klar, worum es geht: Rechte Gewalt. Aber was assoziiert man mit Arnstadt, Buxtehude oder Oberhausen? Die Deutschlandkarte ist übersät mit Orten, an denen Rechte gemordet haben. Der Fotojournalist Julius Schien bereist die Tatorte. Seine Aufnahmen offenbaren die Alltäglichkeit der Orte, die „Rechtes Land“ wurden, und es teilweise heute noch sind.

von Jakob Wilkening

Am 16. Juli 1995 wurde die 25-jährige Dagmar Kohlmann von einem Rechtsextremen und seiner Lebensgefährtin entführt. Die beiden brachten sie mit dem Auto in ein Waldstück in der Nähe von Dahle (Nordrhein-Westfalen), um sie zu ermorden und zu vergraben. 26 Jahre später steht Julius Schien in diesem Waldstück, um es zu fotografieren. Es ist ein Ort der Naherholung, kaum jemand erinnert sich heute noch an Dagmar Kohlmann. Nichts stört die Friedlichkeit der Natur, es gibt keine Gedenktafel, auf der ihr Name steht.

Kohlmann ist eine von 219 Todesopfern rechter Gewalt, die die Amadeu Antonio Stiftung seit der deutschen Wiedervereinigung zählt. Die Chronik dokumentiert die Namen der Opfer, die Umstände ihres Todes, persönliche Einzelheiten und den rechtsextremen Hintergrund der Tat. Sie ist der Ausgangspunkt für Julius Schiens Recherche. Sein Anspruch ist es, den exakten Ort ausfindig zu machen, bis auf die Hausnummer genau.

Eine akribische Spurensuche

Die Taten gehen bis in die frühen neunziger Jahre zurück, die Zeit der sogenannten Baseballschlägerjahre. Auch deshalb ist die Recherche kompliziert, denn besonders die lange zurückliegenden Fälle sind oft schlecht dokumentiert. Im Fall Kohlmann kontaktiert Julius Schien die Staatsanwältin, die damals mit dem Fall betraut war, aus ihren Informationen kann er aber noch nicht auf den exakten Tatort schließen. „In solchen Fällen kann man nur auf gut Glück hinfahren und sich durchfragen, das hat schon ein paar Mal geklappt“, sagt er. Auch dieses Mal hat er Glück. Auf dem Polizeipräsidium im anliegenden Ort Alterna erinnert sich ein Polizist an einen Kollegen, der mit dem Fall zu tun hatte. Er sucht ihn auf. Der Ex-Polizist schildert den Mordfall von damals in allen Einzelheiten: Der Täter, ein Neonazi aus Dahle, beging noch zwei weitere Morde, bis er gefasst wurde. Die Polizei wusste nach seiner Verhaftung zwar, dass er auch Dagmar Kohlmann getötet hatte, aber nicht, wo ihre Leiche lag. Mit Spürhunden und einem kleinen Bagger brachten sie den Täter in das anliegende Waldstück und ließen sich zeigen, wo er und seine Partnerin Kohlmann mit einem Spaten töteten und anschließend vergruben. Der Ex-Polizist erinnert sich haarklein an die Details, besonders an das Bild des Erdlochs, in dem sie lag. Von ihm erfährt Schien den genauen Fundort.

Etwas später steht er allein im Wald, während die Sonne untergeht. Die Situation ist paradox: In dieser bilderbuchhaften Idylle soll ein Mensch auf grausame Weise von einem Neonazi ermordet worden sein.

Wo jetzt Rosen blühen, brannte eins eine Flüchtlingsunterkunft. Am 31. Januar 1992 starb hier eine dreiköpfige Familie aus Sri Lanka mit einem 13 Monate alten Baby.

Sie wissen nicht, was dort passiert ist

Julius Schien ist Fotojournalist, er studiert noch. Niemand vor ihm hat sich einem vergleichbaren Projekt angenommen, zu über 200 Tatorten zu fahren und sie zu dokumentieren. Was die Bilder zeigen, ist die Alltäglichkeit der Orte. Schon ihre schiere Anzahl verleiht ihnen Ausdruck. Und es entsteht eine Spannung, wenn diese Alltäglichkeit gestört wird und plötzlich die Gewalt in den Mittelpunkt rückt. Oft sind es keine schönen oder erwähnenswerten Kulissen, sie scheinen völlig normal zu sein, beinahe banal, aber für den Fotografen haben sie eine Bedeutung. Die Fotos zeigen Straßenecken, öffentliche Plätze, Parks oder Feldwege. Orte, an denen teilweise täglich hunderte Menschen vorbeikommen. Nur in seltenen Fällen erinnert eine Gedenktafel an die Opfer. Die meisten Leute, denen Julius Schien an den Tatorten begegnet, sind überrascht. Sie wissen nicht, was dort passiert ist. Oft nicht einmal, wenn der Platz nach dem Opfer benannt ist und sie direkt um die Ecke wohnen.

Seine Arbeit dokumentiert aber nicht nur Tatorte, sie hält die Erinnerung an die Menschen aufrecht, die dort getötet wurden. Seit der Wiedervereinigung sind 33 Jahre ins Land gegangen und das Bewusstsein für das Ausmaß der Opfer ist gering. Die Zahlen sind enorm, aber trotzdem ist immer noch häufig die Rede von Einzelfällen. Die Bundesregierung erkennt lediglich 109 Morde seit der Wiedervereinigung als rechtsmotiviert an. Durch seine Recherche spricht Schien häufig mit Staatsanwält*innen und Forensiker*innen, einige sagen, die Dunkelziffer dürfte im vierstelligen Bereich liegen.

Stimmung am Tatort

Für seine Dokumentation fährt Schien durch ganz Deutschland. Wenn er an einem Tatort ankommt, beginnt ein langwieriger penibler Prozess. Es kann ein bis zwei Tage dauern, bis er das finale Foto schießt. Das hängt davon ab, wie gut besucht der Ort ist, wie das Licht ist, wie lange die Sonne scheint. Daraus ergibt sich die Stimmung des Bildes. Er macht sich mit dem Ort vertraut, schießt erste Bilder mit einer Digitalkamera, sichtet sie und wählt aus. Das finale Foto schießt er mit einer Großformatkamera. Allein der Aufbau der Technik dauert einige Minuten. Es ist eine analoge Filmkamera, mit ihr kann er das Bild genau so komponieren, wie er es haben möchte. “Das zurücknehmende, langsame, bedachte Arbeiten ist Teil des Prozesses”, sagt Schien. “Es schafft den Raum, sich mit dem Ort auseinanderzusetzen, nochmal zu lesen, was dort passiert ist und mit Menschen ins Gespräch kommen.” Erst wenn er das Bild genau vor Augen hat, wenn das Licht stimmt, wenn der Platz menschenleer ist, schießt er das Foto.

Warten auf den richtigen Moment: Fotograf Julius Schien bei der Arbeit.

Wo sich nichts ändert

„Rechtes Land“ lautet der Titel der Arbeit. Sie zeigt Orte, quer über die Bundesrepublik verteilt, von ganz im Norden bis ganz in den Süden, die mit rechter Gewalt verbunden sind. “Mindestens in diesem bestimmten Moment waren diese Orte rechtes Land“, erklärt Schien. “In diesem Moment hatten Rechtsextreme die absolute Verfügungsgewalt über Ort und Menschen und nutzten sie, um zu töten.”

Manchmal kommt er an einen Tatort, der offensichtlich rechtes Land geblieben ist. So wie im thüringischen Saalfeld. In dieser Stadt gibt es einen Gang, in dem die 14-Jährige Jana G. von einem Neonazi erstochen wurde, weil sie ihn “Scheiß Fascho” nannte. Statt einer Gedenktafel prangt an dieser Wand ein Graffiti: “Nazi Kiez”. Um die Ecke parkt ein Auto, auf dessen Heckscheibe klebt ein Sticker der NPD. Es sind Orte, die Rechtsextreme weiterhin einnehmen und markieren, weil sie sich sicher fühlen können, trotz allem.

Hier (Saalfeld/Thüringen) wurde die 14-jährige Jana G. am 26. März 1998 ermordet. Das Tatmotiv: gekränkte Männlichkeit und rechtsextremer Hass auf politisch Andersdenkende.

Die Todesopfer der 1990er Jahre hatten schon damals wenig Aufmerksamkeit, heute erinnert sich – bis auf Ausnahmen – kaum jemand an sie. Damals berichtete oft gerade einmal die Lokalzeitung, wer heute noch nach Informationen sucht, muss häufig ganz von vorne anfangen. Nur in wenigen Fällen entstand eine breitere öffentliche Aufmerksamkeit. Die NSU-Morde sind ein Beispiel dafür, sie stehen zusätzlich für ein massives Behördenversagen. Der Mörder von Dagmar Kohlmann war aber ebenfalls ein rechtsextremer Serienmörder, trotzdem ist bis heute nicht vollständig geklärt, wie viele Menschen er tatsächlich ermordet hat. Denn der Fall bekam nie die nötige Aufmerksamkeit. Auch deshalb ist „Rechtes Land“ nicht nur Dokumentation von Vergangenem, sondern auch ein Zeugnis deutscher Gegenwartsgeschichte. Denn Rechte Gewalt ist nie verschwunden, sie ist eine deutsche Konstante.

 

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