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Gute Nachrichten

“Es reicht, es muss sich gehörig was ändern!” Die Bildungs- und Aktionswochen gegen Antisemitismus 2021 starten

Mit 150 Veranstaltungen in allen Bundesländern und digital sowie einer bundesweiten Plakat- und Online-Kampagne machen die Aktionswochen in den kommenden Wochen auf den alltäglichen Antisemitismus aufmerksam und machen deutlich: Es reicht! Es muss sich gehörig was ändern! 

Seit 2003 und auch in diesem Jahr machen die Bildungs- und Aktionswochen gegen Antisemitismus mit einer bundesweiten Kampagne und zahlreichen Veranstaltungen den antisemitischen Alltag in Deutschland sichtbar, zeigen Möglichkeiten auf, was dagegen zu tun ist und unterstützen die Zivilgesellschaft in ihrem tagtäglichen Kampf gegen Antisemitismus.

Aber nach den Anschlägen in Halle und Hanau, nach den massiven antisemitischen Ausschreitungen der letzten Jahre im Mai 2021 unter dem Deckmantel der “Israelkritik” und auch nach zahlreichen Versuchen, die Errungenschaften der Anti-Antisemitismusbekämpfung rückgängig zu machen und einen Schlussstrich zu ziehen, lautet die Botschaft in diesem Jahr: machen und einen Schlussstrich zu ziehen, lautet die Botschaft in diesem Jahr: Ja, wir machen endlich Schluss. Schluss mit Antisemitismus und Schluss mit Shalom Deutschland: mit den Phrasendrescher:innen, die große Sonntagsreden schwingen und sich bei konkreten Handlungen zurückhalten, Schluss mit Goysplainer:innen, die Jüdinnen:Juden erklären, was Antisemitismus ist und auch Schluss mit den Israelkritiker:innen, die angeblich nichts gegen Juden haben, aber Israel von der Landkarte tilgen wollen.

Und das alles im Jahr 2021, eigentlich einem Festjahr: Gefeiert werden 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland. Die Stimmung wird aber getrübt. 2021 ist ein Festjahr mit Beigeschmack. Gleichzeitig waren aber auch die 1699 Jahre jüdisches Leben in Deutschland vor der Corona-Pandemie – gelinde gesagt – nicht einfach. Denn Antisemitismus hat eine lange Geschichte, Verfolgungen, Vertreibungen, Morde prägen die deutsch-jüdische Geschichte.

Vielleicht ist das Festjahr aber auch gerade durch die aktuelle Gleichzeitigkeit von alltäglichem Antisemitismus und resilientem jüdischem Leben repräsentativ für die letzten 1700 Jahre: Ja, es gibt jüdisches Leben in Deutschland, es gibt jüdische Perspektiven und es gibt auch Verbündete, die sich gegen Antisemitismus engagieren, trotz alledem. Deshalb senden die Aktionswochen gleichzeitig ein <3 Shalom Deutschland <3 an diejenigen, die tagtäglich gegen diesen Antisemitismus kämpfen. Wir brauchen Standhafte und Verbündete, – wie euch – mit denen wir Schulter an Schulter gegen Antisemitismus stehen und ohne die wir unsere Arbeit nicht machen könnten.

Aus Gesprächen mit v.a. jüdischen Netzwerk- und Kooperationspartner:innen wurde diese Stimmung deutlich und floss in die Kampagnengestaltung mit ein. “Es reicht, es muss sich gehörig was ändern!“, erläutert der Projektleiter der Aktionswochen Nikolas Lelle. “Nach Hanau, nach Halle, nach antisemitischen Ausschreitungen darf sich niemand ausruhen und denken, wir hätten Antisemitismus im Griff. Es muss mehr passieren. Die jüdische Community findet sich zwischen Lobhudelei und Ignoranz wieder.” Das Ziel der Aktionswochen ist es also weiterhin den jüdischen Perspektiven Sichtbarkeit zu verschaffen. “Wo Anschläge wie Halle erst Monate her sind, kann Harmonie auf Knopfdruck keine Realität sein. Stattdessen blicken wir auf die Praktiken jüdischer Widerständigkeit, die jüdisches Leben in diesem Land überhaupt erst ermöglicht haben”, erläutert Lelle.

Diese Haltung spiegelt sich nicht nur in der Plakat- und Online-Kampagne, sondern auch in zahlreichen Kooperationsveranstaltungen, die im Rahmen der diesjährigen Aktionswochen stattfinden:

Eine Übersicht der weiteren Veranstaltungen, Hintergrundtexte zu den Plakaten, und erschienenen Publikationen im Rahmen der diesjährigen Aktionswochen finden Sie hier: www.shalom-deutschland.de

Bei Fragen wenden Sie sich an: aktionswochen@amadeu-antonio-stiftung.de

Stellungnahme

Die Bedrohungen gegen Jasmina Kuhnke sind Angriffe auf die Zivilgesellschaft

Die Schwarze Aktivistin und vierfache Mutter Jasmina Kuhnke setzt sich unter dem Social Media Synonym Quattromilf seit Jahren unentwegt und entschlossen gegen Rassismus und Menschenfeindlichkeit ein. Nun wurde ihre Adresse mit den Worten „Massakriert Jasmina Kuhnke“ veröffentlicht. Dies zwang sie und Ihre Familie aus der eigenen Wohnung zu fliehen und unterzutauchen.

Aktivist*innen, Politiker*innen und Organisationen, die offen die Zivilgesellschaft und demokratische Werte verteidigen, waren schon immer Ziel und Opfer von rechten Hetzkampagnen. Doch seit einigen Jahren müssen wir beobachten, wie sich menschenfeindliche Sprache im Netz derart etabliert, dass Menschen von Rassist*innen und der extremen Rechten offen bedroht und sogar körperlich angegriffen werden.

Die Verteidigung von Menschenrechten und Aktionen, sind schon Anlass für Hass und Hetze. Dabei werden Menschen, nach dem Geist des Grundgesetzes, die für die Demokratie und das Gleichwertigkeitsprinzip einstehen, zum Feindbild gemacht.

Insbesondere Frauen werden besonders häufig attackiert und gelten den Angreifer*innen als Dorn im Auge: Das Frauenbild der extremen Rechten reagiert besonders hasserfüllt auf Frauen, die sich für emanzipatorische Werte engagieren.

Ein aktuelles und besonders brutales Beispiel ist die Markierung der Frau und Mutter Jasmina Kuhnke als Zielscheibe. Nach dem jahre langem Engagement der Schwarzen Aktivistin, wurde sie nicht nur rassistisch und antifeminitsich attackiert, ihre Adresse wurde veröffentlicht und schließlich erhielt sie Morddrohungen mit dem Aufruf „Massakriert Jasmina Kuhnke“. Daraufhin musste sie mit ihrer sechsköpfigen Familie fluchtartig ihre Wohnung verlassen und schließlich umziehen. Dabei musste sie nicht nur die gesamten Kosten des Unttertauchens zahlen, sondern ebenso die Anwält*innen zur Verfolgung der Straftaten und zur Durchsetzung des Polizeischutzes.

Als seien die Anfeindungen der extremen Rechten nicht genug, kamen im Falle von Jasmina Kuhnke auch noch rechtskonservative Medien hinzu, die durch Behauptungen wie „der Kampf gegen Rassismus sei für Betroffene und Unterstützer*innen zum lukrativen ‚Geschäftsmodell‘ geworden“, die Wut und Gewaltphantasien jener Personen befeuerten, die nur allzu bereit waren Worten auch Taten folgen zu lassen.

Besonders skandalös ist, dass die Polizei die Bedrohung nicht ernst genommen und Hilfe abgelehnt hat. Es kann nicht sein, dass engagierte Personen wie Jasmina Kuhnke vom Staat nicht beschützt werden. Es sollte nach den Fällen von Hanau, Halle und dem Mord an Walter Lübcke auch der Polizei bekannt sein, dass Rechtsextremist*innen durchaus dazu in der Lage sind, Menschen zu töten. Diese unterlassene Hilfeleistung ist sowohl ein Skandal gegenüber Jasmina, aber auch gegenüber allen, die sich gegen Rechtsextremismus exponieren.

Doch Aktivist*innen wie Jasmina Kuhnke sind keine Opfer, sie sind Held*innen. Auch weil sie und viele andere aktivistische Mütter nicht nur sich selbst schützen müssen, sondern ebenso die Sicherheit ihrer Familien verantworten, ist der Schutz dieser tapferen Frauen auch unsere Verantwortung.

Deshalb unterstützen wir den Spendenaufruf unter dem Motto „SHEROES Fund“, die Aktivist*innen wie Jasmina Kuhnke unterstützen soll, die durch das fluchtartige Untertauchen, die Finanzierung von Anwält*innen und den zeitgleichen Umzug Kosten von 50.000€ tragen musste. Nachdem das Fundraising-Ziel von 50.000 € für die Unterstützung von Jasmina Kuhnke erreicht ist, soll der “Sheroes Fund” ebenso andere Sheroes unterstützen.

Sie und viele andere Sheroes werden nicht die Letzten sein, die im Kampf gegen Menschenfeindlichkeit Bedrohungen erfahren werden und keine von ihnen sollte allein gelassen werden. Deshalb rufen wir jede Person dazu auf, den Aufruf mitzutragen und zu spenden!

Unter dem Link finden Sie den Spendenaufruf und die Beschreibung zu Jasmina Kuhnkes Situation.

https://www.betterplace.org/de/projects/93203-deine-spende-fuer-shero-jasmina-kuhnke

Illustrationscredits: Beno Meli

Stellungnahme

Zum Safer Internet Day 2021: Für ein Internet, in dem sich alle sicher fühlen!

Verschwörungsideologien in Sozialen Netzwerken mobilisieren Menschen. Der “Sturm auf das Kapitol” in den USA und ein halbes Jahr davor der „Sturm auf den Reichstag“ hier in Berlin haben das gezeigt. Online-Hetze, Desinformation und Radikalisierung kann sehr reale und tödliche Folgen haben. In Christchurch, Neuseeland, tötete im Januar 2019 ein online radikalisierter Täter 51 Menschen und streamte die Tat live in Sozialen Netzwerken. Und es gab Folgetaten: die Attentate von Halle im Oktober 2019 und Hanau im Februar 2020 sind Beispiele dafür.

Neben Facebook, Youtube und Co. ist besonders Telegram ein Hotspot für die Verbreitung von Verschwörungsmythen und die Markierung von politischen Feind*innen. Was dieses hybride Medium besonders macht: Es gibt so gut wie kein Handeln der Betreiber*innen – keine Moderation, keine Sperrungen, keine Löschungen. In Kanälen mit zum Teil mehr als 100.000 Abonnent*innen, verbreiten Akteur*innen der extremen Rechten und Verschwörungsideolog*innen die Adressen von politischen Gegner*innen oder ihre Dienstanschriften. Wir wissen, dass sich Berliner Jüdinnen und Juden von den Inhalten in Atilla Hildmanns Telegram-Kanal mit rund 114.000 Abonnent*innen bedroht fühlen.

Was macht digitale Gewalt mit den betroffenen Organisationen und Einzelpersonen?

Menschen, die von solchen Anfeindungen betroffen sind, ziehen sich zurück, äußern sich weniger in Sozialen Netzwerken. So sind engagierte Frauen besonders häufig von misogynen Attacken betroffen. Die Täter veröffentlichen Telefonnummern, Mailadressen und private Anschriften – wir sprechen hier von „Doxing“. Viele Betroffene lassen sich dazu drängen, ihre Social Media-Profile zu schließen oder geben beispielsweise ihren Beruf auf. So ein Rückzug bedeutet: Den Betroffenen wird ein Teil ihres Lebens- und Informationsraums genommen. Die Folgen können wie bei anderen Gewalterfahrungen traumatisch sein. Sie reichen von Stress, Angst, Unruhe bis hin zu Depressionen und Suizidgedanken. Doch auch erzwungene Umzüge oder Arbeitsplatzverluste sind sehr konkrete, schwerwiegende Lebensveränderungen – selbst wenn es nicht zu offline-Gewalt kommt.

Was sind die Auswirkungen für unsere Gesellschaft als Ganze?

In einer Studie des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft von 2019 haben 44% der Berliner Befragten angegeben, dass sie wegen drohender und tatsächlicher Hasskommentare seltener ihre politische Meinung bei Diskussionen im Internet einbringen. Auf Organisationsebene ist es übrigens so, dass zum Beispiel ganze Medienhäuser ihre Kommentarfunktion auf Plattformen oder ihrer Website abschalten. Hassrede ist somit eine Einschränkung der Meinungsvielfalt: Denn die Stimmen von marginalisierten und diskriminierten Gruppen fehlen zunehmend. So verschieben sich auch gefühlte Mehrheiten im Land.  Denn wenn sich ganze Gruppen von besonders häufig angefeindeten Menschen aus Angst von Diskussionen zurückziehen, fehlt ihre Perspektive. Das ist für die Meinungsvielfalt besonders deshalb problematisch, weil die Stimmen marginalisierter Gruppen schon per Definition im Diskurs unterrepräsentiert sind. Wir müssen daher gegensteuern.

Was können Zivilgesellschaft, Politik und Strafverfolgung tun?

Aus Sicht der Betroffenen ist bei strafbaren Inhalten ein schneller zuverlässiger Schutz und effiziente Strafverfolgung am Wichtigsten. Wir empfehlen deshalb, Ansprechpersonen zum Thema Digitale Gewalt bei Polizei und Staatsanwaltschaft zu benennen. An sie könnten sich Betroffene und Zivilgesellschaft wenden. Sinnvoll ist ebenso, wenn das Land Berlin eine Ansprechperson zu digitaler Gewalt benennt. Diese könnte eine Brückenfunktion zwischen Politik, Verwaltung, Strafverfolgung, Zivilgesellschaft und Wissenschaft bilden.

Wir empfehlen, dass die Polizei proaktiv entsprechenden Kanäle, z.B. bei Telegram in Form von Online-Streifen in den Blick nimmt, auch um mögliche zukünftige Anschläge zu verhindern. Das wird aber nicht reichen: Online-Communities mit radikalisierenden Dynamiken gibt es im Internet überall. Es gibt aber auch überall Menschen, denen solche Aktivitäten auffallen. Bitte nehmen sie deren Warnungen ernst. Dafür ist aus unserer Sicht wichtig, dass Mitarbeitende aller Polizeidienststellen für das Thema digitale Gewalt sensibilisiert werden.

Transparenz und Wirksamkeit von Meldewegen verbessern: Viele Menschen wissen nicht, dass sie Online Anzeigen erstatten oder hetzerische Kommentare melden können. Hier benötigt es weitere Aufklärung. Zur Verbesserung der Prozesse empfehlen wir eine wissenschaftliche Evaluation.

Gegen Diskriminierung in digitalen Räumen hilft am Effektivsten zivilgesellschaftliche Präventionsarbeit und Bildung. Deshalb bietet unser Projekt Workshops zu Gegenrede und Moderation an. Darüber hinaus braucht es aus unserer Sicht Digital Streetwork, also die 1-zu-1-Ansprache von radikalisierungsgefährdeten Personen.

Digitale Räume dürfen nicht als etwas betrachtet werden, das getrennt von der Offline-Welt funktioniert. Für Täter*innen wie Betroffene sind digitale Räume ein ganz normaler Lebensraum, der sich mit dem Offline-Bereich verschränkt. Menschenfeindlichkeit im digitalen Raum hat Auswirkungen auf die offline-Welt und andersherum. Betroffene von digitaler Gewalt verdienen die gleiche Anerkennung, Schutz und Unterstützung wie andere Gewaltopfer.

Das Internet muss endlich ein Ort werden, an dem sich alle Menschen sicher fühlen!

Unser Mitarbeiter Oliver Saal vom Projekt „Civic.net – Aktiv gegen Hass im Netz“ war am 20. Januar 2021 als Sachverständiger zur öffentlichen Sitzung des Ausschusses für Verfassungsschutz beim Berliner Abgeordnetenhaus eingeladen. Dies ist die gekürzte und redigierte Version seiner Rede.

Seit 2004 findet jährlich im Februar der internationale Safer Internet Day (SID) statt. Über die Jahre hat sich der Aktionstag als wichtiger Bestandteil im Kalender all derjenigen etabliert, die sich für Online-Sicherheit und ein besseres Internet engagieren.

Sechs Jahre Hanau: „Tot sind wir erst, wenn man uns vergisst“

Foto: Nicholas Potter

Sechs Jahre nach dem rechtsextremen Anschlag vom 19. Februar 2020 arbeiten Angehörige aktiv gegen Rassismus und Diskriminierung, aber warten immer noch auf Aufklärung. Ein Interview von Belltower.News mit Nesrin Unvar.

Am 19. Februar 2020 ermordete ein Rechtsterrorist beim Anschlag von Hanau neun Menschen: Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kenan Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov. Danach erschoss der Täter seine eigene Mutter. Sechs weitere Menschen wurden teils schwer verletzt. Am 10. Januar 2026 starb mit Ibrahim Akkuş ein weiteres Opfer an den Spätfolgen der Tat.

„Ich will nicht, dass mein Sohn umsonst gestorben ist“, sagt Serpil Temiz Unvar, Mutter von Ferhat Unvar. Ein halbes Jahr nach dem Anschlag, am 14. November 2020, gründete sie an Ferhats Geburtstag gemeinsam mit Angehörigen und Freund*innen ihres Sohnes in Hanau die Bildungsinitiative Ferhat Unvar.

Der Leitspruch der Bildungsinitiative geht auf Ferhat selbst zurück. Kurz vor seinem Tod hatte er in den sozialen Netzwerken geschrieben: „Tot sind wir erst, wenn man uns vergisst.“ Der Satz steht heute für den Auftrag der Initiative, Erinnerung wachzuhalten und sie mit politischer Bildungsarbeit und Empowerment von jungen Menschen zu verbinden.

In Workshops und Vorträgen an Schulen und in außerschulischen Bildungseinrichtungen rückt die Initiative die Perspektive der Betroffenen ins Zentrum des Gedenkens, klärt über Rechtsextremismus und andere menschenfeindliche Ideologien auf und stärkt junge Menschen durch Empowerment.

Im Gespräch erzählt die 23-jährige Nesrin Unvar, Schwester von Ferhat Unvar, welche Rolle ihr Bruder in ihrem Leben spielt, welche Meilensteine die Bildungsinitiative seit ihrer Gründung erreicht hat – und welche politischen Konsequenzen sie auch sechs Jahre nach dem Anschlag von Hanau weiterhin fordert.

Belltower.News: Nesrin, welche Erinnerungen hast du an Ferhat?
Nesrin Unvar: Ferhat war mehr als nur mein Bruder. Zwischen uns lagen sechs Jahre, aber gegen Ende hatte unsere Beziehung fast etwas von einer Vater-Tochter-Dynamik. Er war mein Beschützer. Als Kind hat er mich überall mitgenommen. Wir saßen zu dritt mit unserem Bruder Mirkan vor dem Fernseher, und schon mit fünf Jahren habe ich zusammen mit meinen Brüdern Die Simpsons geschaut. Später haben wir DVDs ausgeliehen – meinen ersten James-Bond-Film und sogar meinen ersten Horrorfilm habe ich mit Ferhat gesehen.

Als ich in der Schule einmal völlig verzweifelt war, habe ich mich an Ferhat gewandt. Ich bekam einen Anruf von ihm: „Nes, komm nach Hause. Wenn du dich aus dieser Situation retten willst, zieh deine Schule durch, mach ein Studium und werd erfolgreich.“ Das war sein Anspruch – an sich und an mich.

Ferhat hatte selbst Schwierigkeiten in der Schule. Er hatte ADHS, konnte im Unterricht nicht stillsitzen. Manche Lehrkräfte kamen damit nicht klar. Er war einer von wenigen Schülern mit Migrationsgeschichte auf dem Gymnasium. Meine Mutter wusste damals oft nicht, wie sie reagieren sollte. Später hat ein Lehrer sogar gesagt: „Entweder geht Ferhat oder ich.“ Solche Sätze vergisst man nicht.

Welche Bedeutung hatte Hanau für Ferhat?
Die Stadt hat ihm das Leben genommen – und er hat hier auch schon zu Lebzeiten immer wieder Alltagsrassismus erfahren. Ferhat hatte eine Hassliebe zu Hanau. Er war in Hanau bekannt, im positiven Sinne ein „bunter Hund“. Er war beliebt, hat hier tolle Freundschaften aufgebaut und viel gelacht. Hinter seinem Humor steckten aber auch verdrängte Sorgen. Vor allem die Rassismuserfahrungen in der Schule – sowohl durch das Lehrpersonal als auch durch Mitschüler*innen haben ihn stark belastet. Kurz vor seinem Tod hat er seine Ausbildung als Heizungsinstallateur abgeschlossen und träumte davon, gemeinsam mit seinem Cousin einen eigenen Betrieb zu eröffnen. Ferhat wollte nie aus Hanau weg.

Nach dem Anschlag am 19. Februar hat deine Mutter, Serpil Temiz Unvar, in Ferhats Namen eine Bildungsinitiative gegründet. Wie ist es dazu gekommen?
Kurz nach dem Anschlag kamen fünf, sechs Freund*innen von Ferhat zu uns. Sie hatten selbst kaum Geld, aber packten 125 Euro in einen Briefumschlag und sagten: „Wir wollen helfen. Du bist nicht allein.“ Diese Worte haben meiner Mutter unglaublich viel Kraft gegeben.

Die ersten Treffen fanden bei uns im Keller statt. Wir haben über Ferhat gesprochen, über Zukunftspläne, haben gemeinsam Geburtstage gefeiert. Später haben wir einen Raum am Freiheitsplatz in Hanau erkämpft, renoviert, gestrichen und Möbel gespendet bekommen. Schritt für Schritt ist daraus professionelle Bildungsarbeit entstanden – mit Workshops, Social-Media-Arbeit und Vernetzung, erst bundesweit und mittlerweile auch international.

Was waren die ersten Meilensteine eurer Bildungsinitiative?
Ein wichtiger Meilenstein war unser zweiter Jahrestag. Ab 2022 haben wir begonnen, eigene Teamende auszubilden, die bundesweit Workshops zum 19. Februar und zum Schwerpunkt Antidiskriminierung anbieten. Im selben Jahr haben wir auch zum ersten Mal an internationalen Veranstaltungen mit anderen Betroffenen extremistischer Gewalt teilgenommen, unter anderem an einem Vernetzungstreffen in Mailand. Dort haben sich Initiativen aus verschiedenen europäischen Ländern ausgetauscht – das war für uns ein wichtiger Schritt hin zu mehr Sichtbarkeit und Solidarität über Deutschland hinaus.

Wie laufen eure Workshops ab?
Wir schaffen Räume, in denen sich junge Menschen sicher fühlen. Unsere Workshops folgen deshalb dem Peer-to-Peer-Prinzip – von jungen Menschen für junge Menschen. Einige unserer Teamenden sind Freund*innen von Ferhat, auch ich selbst gebe Workshops. Seit diesem Jahr bieten wir zudem einen speziell für Grundschulkinder und Pädagog*innen entwickelten Workshop an. Während der rund dreistündigen Workshops ab Klasse 7 sind Lehrpersonen aber nicht anwesend, damit sich die Schüler*innen ohne Angst vor schlechten Noten öffnen können.

Wie sind die Reaktionen der jungen Menschen?
In unseren Workshops erleben wir, dass sich Schüler*innen verstanden fühlen und sich uns gegenüber öffnen – etwa Kinder, die im Alltag Diskriminierung erfahren, oder Kinder mit ADHS oder Autismus. Wir schaffen Safe Spaces, in denen offen über Hass, Ausgrenzung und Extremismus gesprochen werden kann. Unser Wunsch ist, dass es selbstverständlich wird, in Schulen über diese Themen zu sprechen, damit sich die Strukturen im Bildungssystem langfristig ändern. Ein Kind hat auf einem Feedbackbogen geschrieben: „Wenn ich groß bin, möchte ich in eurem Verein arbeiten.“ Solche Rückmeldungen geben uns große Kraft.

In diesem Jahr jährt sich der Anschlag in Hanau zum sechsten Mal. Welche politischen Konsequenzen forderst du als Betroffene?
Zentrale Forderung bleibt die lückenlose Aufklärung des 19. Februar 2020. Wir brauchen ein unabhängiges Informationsgremium und eine echte Begegnung auf Augenhöhe mit den Betroffenen. Dazu gehört auch eine bedingungslose Existenzsicherung der Hinterbliebenen im gesetzlichen Rahmen – mit weniger bürokratischen Hürden im Opferentschädigungsrecht. Rassist*innen und Menschen mit schweren psychischen Problemen müssen konsequent entwaffnet werden. Und: Rassismus muss verlernt und bekämpft werden. Das ist Aufgabe des Staates. Bildungsarbeit darf kein Projekt auf Zeit sein, sondern muss strukturell abgesichert werden.

Wie können Menschen die Arbeit eurer Bildungsinitiative unterstützen?
Indem sie Gedenkveranstaltungen und Demonstrationen besuchen, unsere Inhalte in den sozialen Netzwerken teilen, unsere Workshops buchen oder uns mit einer Spende unterstützen.

Dieser Artikel erschien zuerst bei Belltower.News.

Niemand schuldet Xavier Naidoo eine Entschuldigung

Foto: JCS via Wikimedia Commons (CC BY 3.0), Bearbeitung: Amadeu Antonio Stiftung.

Die Veröffentlichungen im Fall Jeffrey Epstein bestätigen Missbrauch, nicht Verschwörungsmythen. Wer daraus eine Rehabilitierung Xavier Naidoos ableitet, verkennt den Unterschied zwischen Aufklärung und Ideologie.

Von Kira Ayyadi

Es ist wieder so weit. In Kommentarspalten und Telegram-Kanälen wird ernsthaft die Frage gestellt, ob wir uns nicht bei Xavier Naidoo entschuldigen müssten. Schließlich, so heißt es, habe er „doch recht gehabt“. Epstein! Eliten! Kindesmissbrauch!

Was dabei bewusst vermischt wird: Der reale Missbrauchsskandal um Jeffrey Epstein ist kein Beweis für Naidoos Weltbild. Er ist der Beweis dafür, dass mächtige Männer Verbrechen begehen können und das Strafverfolgung oft versagt. Vielleicht ist der Fall ein Beweis für ein korruptes System. Dafür braucht es keine apokalyptischen Erzählungen von geheimen Blutritualen.

Es gibt diese merkwürdige Sehnsucht nach nachträglicher Rehabilitierung, von erfolgreichen Männern. Kaum taucht der Name Xavier Naidoo wieder in der Öffentlichkeit auf, heißt es: Man müsse sich bei ihm entschuldigen, zu Unrecht ausgegrenzt, zu früh verurteilt, heute bestätigt. Als Beleg dienen die Epstein-Akten.

Reanimation von QAnon durch die Epstein-Akten?

Das Problem: Naidoo hatte nie „teilweise recht“. Er war nie ein unbequemer Aufklärer. Er war und ist ein zentraler Verstärker der QAnon-Ideologie.

QAnon ist keine harmlose Skepsis gegenüber Macht. QAnon ist eine geschlossene Weltanschauung, deren Kernbehauptung lautet: Eine geheime Elite missbraucht Kinder, trinkt ihr Blut, kontrolliert Medien, Politik und am Ende sogar das, was wir essen. Erlösung gibt es nur für Eingeweihte. Alle anderen sind Teil der Verschwörung oder zu blind, sie zu erkennen.

„Die fressen unsere Babys, verdammt nochmal!“

Genau dieses Weltbild hat Naidoo über Jahre bedient. Nicht beiläufig, nicht missverständlich, sondern explizit. Nun sprach Naidoo jüngst, am Dienstag, dem 17. Februar, auf einer Demonstration vor dem Kanzleramt für Kinderschutz über Kannibalismus: „Unwissentlich haben wir alle bestimmt schon einen Menschen gegessen“, versichert er einer Frau. Und weiter: „Die fressen unsere Babys, verdammt nochmal!“ Er schwurbelt über Menschen, die „selbst Kannibalen sind“ und ein Interesse daran hätten, „dass wir alle Kannibalen werden, damit wir alle in die Hölle runterfahren“.

Und irgendwo zwischen Endzeitpathos und Erweckungsrhetorik wurde selbst der Supermarkt verdächtig: Chips als mögliches Nebenprodukt einer finsteren Elite. Ein Chiphersteller würde absichtlich embryonales Gewürzmittel zufügen. Das ist keine Zuspitzung, er scheint das so zu meinen.

Dabei ist das keine neue Erzählung. Sie greift auf bekannte antisemitische Erzählungen wie die Ritualmordlegende zurück, die Jüdinnen*Juden seit dem Mittelalter unterstellt, christliche Kinder zu entführen und zu töten, um ihr Blut, etwa zur Herstellung von Matz, zu verwenden. Solche Projektionen dienten historisch der Entmenschlichung und Legitimation von Gewalt und werden in heutigen Verschwörungsnarrativen lediglich modernisiert und neu aufgeladen.

Dass es reale sexualisierte Gewalt gibt, auch durch mächtige Männer, ist unstrittig. Dafür braucht es weder QAnon noch Xavier Naidoo. Der Fall Epstein ist belegt, dokumentiert, juristisch aufgearbeitet. Aber er bestätigt keine Theorie von globalem Kannibalismus, Blutritualen oder geheimen Kinderfarmen. Er bestätigt vor allem eines: dass Verschwörungsideologien reale Verbrechen instrumentalisieren, um Fantasien glaubwürdig erscheinen zu lassen.

Genau hier liegt der Trick. QAnon dockt an Wirklichkeit an und biegt dann radikal ab. Wer diesen Sprung nicht mitmacht, gilt als naiv oder Teil des Systems. Wer ihn kritisiert, wird als Zensor markiert. Und wer jetzt fordert, man müsse sich bei Naidoo entschuldigen, macht diesen Mechanismus nachträglich salonfähig. Xavier Naidoo hatte kein Erkenntnisproblem. Er hatte, und hat, ein Ideologieproblem. Und dafür schuldet ihm niemand eine Entschuldigung.

Epstein! Eliten! Kindesmissbrauch!: Erkenntnis braucht Zeit

Was wir heute im Fall Epstein wissen, ist monströs und beängstigend. Aber vor allem ist es unvollständig. Erst mit zeitlichem Abstand und durch sorgfältige journalistische Recherche wird sich zeigen, welches Ausmaß die Verbrechen tatsächlich hatten, wer Verantwortung trägt und wo staatliche Institutionen versagt haben. Erkenntnis entsteht nicht durch Gerüchte oder TikTok-Deutungen, sondern durch überprüfbare Fakten, Quellenarbeit und öffentliche Kontrolle.

Dieser Artikel erschien zuerst bei Belltower.News.

Verschwörung statt Aufklärung: Die Debatte um die Epstein-Files

Millionen von Dokumenten schüren Verschwörungsfantasien. Das hilft weder Betroffenen, noch bekämpft es die Strukturen, die erst zu Missbrauch, Gewalt und Ausbeutung geführt haben.

Mit der erneuten Freigabe von Akten im Fall Jeffrey Epstein dominieren Schlagzeilen über prominente Kontakte und verstörende Details. Einzelne Aspekte werden seither zunehmend als Bestätigung von Verschwörungshypothesen gedeutet. Dabei geraten sowohl die Perspektiven der Betroffenen als auch die strukturellen Machtverhältnisse aus dem Blick, die sexualisierte Gewalt, Missbrauch und die Ausbeutung Minderjähriger über Jahrzehnte hinweg ermöglicht und gedeckt haben.

„Because she deserves the truth.“ Mit dieser Kampagne, begleitet von Fotos aus ihrer Jugend, fordern Überlebende der Taten des verurteilten Sexualstraftäters Jeffrey Epstein die vollständige Offenlegung aller Akten sowie eine Reform der Verjährungsfristen zivilrechtlicher Klagen gegen ihre damaligen Täter. Sie sprechen stellvertretend für die geschätzt mehr als 1.000 Betroffenen, die von Epstein und seinem Umfeld über Jahre hinweg systematisch sexuell ausgebeutet wurden. Jahrzehntelang fanden viele von ihnen kein Gehör. Berichte wurden angezweifelt, Taten verharmlost, Betroffene diskreditiert. Die Übergriffe gingen weiter. Jetzt fordern sie erneut Gerechtigkeit.

Mit der Veröffentlichung von über drei Millionen Seiten, tausenden Videos und mehr als 100.000 Fotos Ende Januar 2026 liegt nun der bislang größte Datensatz der sogenannten Epstein Files für die Öffentlichkeit zugänglich vor. Die Epstein-Akten wurden auf Grundlage gerichtlicher Entscheidungen schrittweise entsiegelt und über offizielle Gerichtsdatenbanken zugänglich gemacht. Die Akten sind weder selbsterklärend noch übersichtlich strukturiert. Es handelt sich um juristische Dokumente mit Schwärzungen, Verweisen und fragmentarischen Informationen. Ohne fachliche Einordnung ist es schwer, zwischen belegtem Sachverhalt, Vorwurf und prozessualer Darstellung zu unterscheiden. Die schiere Masse der Daten erschwert zusätzlich einen fundierten Überblick. Wie viele Unterlagen weiterhin unter Verschluss liegen, ist nicht sicher. Klar ist jedoch, dass ein Teil der Dokumente versiegelt bleibt und zahlreiche freigegebene Akten erhebliche Schwärzungen enthalten.

Trotzdem zeigen die zuletzt veröffentlichten Daten, dass sich unter der aktuellen Rechtslage keine juristischen Konsequenzen ergeben. Und weder die öffentliche Debatte noch politisches Handeln stellen bislang das Wohl der Überlebenden oder den Anspruch auf Aufklärung in den Mittelpunkt. Unzureichend geschwärzte Nacktbilder, die vollständige Nennung von Namen und Telefonnummern, Diskreditierungsversuche und der Vorwurf finanzieller Motive: Während weiterhin Dokumente zurückgehalten und mutmaßliche Täteridentitäten geschützt werden, wird das Leid der Überlebenden zur Projektionsfläche. Memes reagieren mit Spott auf verstörende Inhalte, KI-Fakes verwischen Realität und Fantasie, politisch motivierte Kampagnen überlagern die Stimmen der Betroffenen.

„Flood the zone with details.“ 

Die Mischung aus unvollständigen Informationen, schockierenden Details und mangelnder Kontextualisierung schafft Raum für Spekulationen. Statt um Aufarbeitung geht es in der öffentlichen Diskussion deshalb zunehmend darum, ob der Fall Epstein als Bestätigung langjähriger Verschwörungserzählungen gelesen werden kann. Denn kaum ein Fall vereint so viele Elemente verschwörungsideologischer Projektionen wie dieser: ein über Jahrzehnte bestehendes System sexualisierter Gewalt an Mädchen und jungen Frauen, ein jüdischer Multimillionär, bei dem nicht klar ist, wie genau er zu Reichtum kam, extrem wohlhabende und einflussreiche Täter, ein Netzwerk aus Mitwissern, Vertuschungen, geschwärzte Akten, die Involvierung von Geheimdiensten sowie schwer zugängliche Orte wie eine private Insel.

In Verbindung mit selektiv herausgegriffenen Datenschnipseln aus den Akten wirken bereits bestehende Verschwörungsnarrative wie „Pizzagate“, also die Behauptung eines angeblichen Kindesmissbrauchsrings im Keller einer Washingtoner Pizzeria, oder QAnon, die Erzählung einer satanischen globalen Elite, die nur durch Donald Trump gestoppt werden könne, für manche wie plausible Deutungen des Unfassbaren. Organisierte sexualisierte Gewalt und die Ausbeutung von Mädchen und Frauen sind jedoch keine Vergehen isolierter Täterzirkel. Aktuelle Verfahren wie der Pelicot-Prozess oder der Prozess gegen das sogenannte Telegram-Vergewaltiger-Netzwerk zeigen, dass es sich nicht um einzelne Skandale handelt. Sexualisierte Gewalt ist kein exklusives Verbrechen reicher Eliten, sondern allgegenwärtig und wird oft nur dann sichtbar, wenn Betroffene sich trotz massivem Widerstand Gehör verschaffen. Oder auch durch bloßen Zufall.

Antisemitische Auslegungen und rechtsextreme Genugtuung

Gerade weil diese strukturelle Gewalt omnipräsent, komplex und schwer zu durchdringen ist, gewinnen vereinfachende Deutungsmuster an Attraktivität. Solche Deutungen zielen nicht auf Aufarbeitung oder Prävention, sondern auf Personalisierung, Skandalisierung und klare Feindbilder. In diesem Muster greifen häufig alte antisemitische Erzählungen, die komplexe Machtverhältnisse auf vermeintlich geheime Netzwerke jüdischer Akteure reduzieren.

Epsteins erhebliche finanzielle und politische Kontakte sind unstrittig und müssen kritisch aufgearbeitet werden. Seine jüdische Herkunft und die aktuellen Dokumente, die Fragen zu Verbindungen etwa zum früheren israelischen Ministerpräsidenten Ehud Barak aufwerfen, wurden jedoch auch jenseits einschlägiger Milieus rasch antisemitisch gedeutet. Entsprechende Passagen dienen in sozialen Netzwerken als vermeintlicher Beleg für die alte, tief verankerte Erzählung einer angeblichen jüdischen Weltverschwörung. Die Existenz realer Machtverflechtungen rechtfertigt jedoch keine kollektiven Zuschreibungen und keine religiösen oder ethnischen Erklärungen für Verbrechen dieser Tragweite.

Das klassische Motiv vom jüdischen Strippenzieher findet sich ebenso in Behauptungen, Epstein habe gemeinsam mit Steve Bannon den globalen Aufstieg rechtsextremer Parteien geplant. Verbindungen müssen kritisch geprüft, mögliche Einflussnahmen transparent gemacht und, wenn möglich, geahndet werden. Die Frage jedoch, warum sich mittlerweile so viele von menschenverachtenden Ideologien angesprochen fühlen, lässt sich nicht durch solche vereinfachenden Schuldzuschreibungen beantworten, auch wenn es sicherlich bequemer wäre.

Antisemitische Mythen werden auch herangezogen, wenn es um die Jagd nach der spektakulärsten „Enthüllung“ geht. In sozialen Medien und unseriösen Zeitungsberichten kursieren Behauptungen über rituelle Opfer, Kannibalismus oder das Trinken von Kinderblut, die Epstein und seinem Netzwerk als Teil angeblicher geheimer Machenschaften zugeschrieben werden. So werden anonyme Telefonanrufe als klare Beweise ausgelegt und verwandeln einen realen Missbrauchsfall in eine sensationelle Gut-gegen-Böse-Geschichte, welche direkt an QAnon und Pizzagate anknüpft. In den bekannten Akten finden sich jedoch keine verifizierten Beweise für organisierte Kannibalismus-Rituale oder ein globales Kinderblut-Komplott.

Während seriöse Medienhäuser sich mit Zeit und fachlicher Einordnung durch die unübersichtliche Masse an Dokumenten arbeiten, inszenieren sich Recherche-Communitys rund um die öffentlich zugänglichen Akten als Teil einer Enthüllungsbewegung und erzeugen das Gefühl kollektiver Wirksamkeit. Die digitale Spurensuche verspricht Selbstermächtigung in einer lähmenden Situation: Wenn konkrete Täter juristisch nicht belangt werden, lässt sich Ohnmacht durch die Konstruktion eines allmächtigen Gegners kompensieren. Jede und jeder kann vermeintliche „Belege“ zusammentragen, Namen zählen, Screenshots dazu teilen. Tatsächlich liefern sie jedoch meist selektive, verkürzte Deutungen, die nur scheinbar schlüssig sind und denen schlicht und einfach der Kontext fehlt. Dass etwa prominente Politiker*innen oder Musiker*innen hunderte Male in Dokumenten erwähnt werden, liegt oft an banalen Gründen wie Newslettern oder allgemeinen Verteilern, wird aber als Indiz für Verstrickung und umgehend massentauglich veröffentlicht. Die Jagd nach spektakulären Verbindungen stiftet Gemeinschaft und Identität. Gleichzeitig verschieben sie den Fokus weg von den belegbaren, aber weniger spektakulär klingenden Problemen: realen Netzwerken der sexuellen Ausbeutung, institutionellem Versagen und dem Machtmissbrauch wohlhabender Täter*innen und ihrer Helfer*innen.

Mit der Suche nach eindeutigen Antworten wächst auch die Nachfrage nach radikalen Lösungen. Für rechtsextreme Milieus sind die Files daher besonders anschlussfähig, weil sie zentrale ideologische Motive bedienen: Elitenfeindlichkeit, antisemitische Codes, tiefes Misstrauen gegenüber Institutionen und die moralische Mobilisierung über „Kinderschutz“. Bekannte rechtsextreme Akteure reagieren teils mit demonstrativer Genugtuung auf die erneute öffentliche Verhandlung des Leids der Betroffenen, da sie sich in ihren Weltbildern bestätigt sehen. Reale Machtverflechtungen werden dabei in das Bild einer globalen Verschwörung übersetzt und legitimieren Forderungen nach autoritärem Durchgreifen und radikaler „Säuberung“. Das untergräbt rechtsstaatliche Prinzipien wie unabhängige Gerichte, Beweislast und den Schutz von Betroffenen. Solche Lösungsfantasien reproduzieren vielmehr jene hierarchischen Strukturen, die Machtmissbrauch ermöglichen, anstatt die gesellschaftlichen Bedingungen in den Blick zu nehmen und wirksame Präventionsmechanismen auszubauen.

Strukturelle Aufarbeitung statt spektakulärer Erregung

Viele der in den Epstein-Files erwähnten Personen betonen, von nichts gewusst zu haben. Juristisch mag Unwissenheit im Einzelfall nicht auszuschließen sein. Doch angesichts der Dauer, der Offenheit und der Vielzahl der Kontakte stellt sich eine andere, unbequeme Frage: Wie wahrscheinlich ist es, dass über Jahre hinweg niemand die Ausbeutung wahrgenommen haben will – spätestens nach Epsteins Verurteilung im Jahr 2008 wegen Sexualdelikten an Minderjährigen? Beunruhigender als die Vorstellung einer allumfassenden, geheim koordinierten Verschwörung ist die Möglichkeit, dass bestimmte Praktiken in den damaligen Kreisen nicht als gravierender Tabubruch, sondern als hinnehmbar oder zumindest ignorierbar galten. Der eigentliche Skandal wäre dann weniger das Bild einer perfekt organisierten Geheimstruktur als vielmehr die Selbstverständlichkeit von Machtmissbrauch und sexualisierter Ausbeutung in einem Milieu, das sich seiner gesellschaftlichen Stellung sicher war. Diese Form der Ignoranz – des bewussten Wegsehens – bildet den Nährboden, auf dem solche Verbrechen über Jahre stattfinden konnten.

Die Überlebenden fordern nach Jahrzehnten noch immer das Minimum: Aufklärung und Transparenz. Sie wollen, dass benannt wird, wer Verantwortung trägt und welche Strukturen es ermöglicht haben, dass Gewalt über Jahre fortbestehen konnte. Die aktuelle Veröffentlichung der Dokumente und ihre öffentliche Rezeption kommen diesem Anspruch jedoch kaum näher. Stattdessen kreist die Debatte zunehmend um die Frage, welche Verschwörungserzählung nun als bestätigt gilt. In der Masse der Dokumente lassen sich scheinbar stets Fragmente finden, die eigene bestehende Weltbilder bestätigen. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Machtstrukturen ersetzt das jedoch nicht.

Entscheidend ist nicht die nächste spektakuläre Enthüllung, sondern die Frage, wie so eine unfassbare Machtballung entstehen und geschützt werden konnte: durch Geld, gesellschaftliche Stellung, Geschlechterverhältnisse, Alter, mächtige Netzwerke und institutionelle Blindstellen. Sexualisierte Gewalt und die Ausbeutung Minderjähriger sind kein isoliertes Fehlverhalten Einzelner, sondern werden durch Hierarchien, Abhängigkeiten und institutionelles Wegsehen begünstigt. Betroffene ernst zu nehmen heißt, ihre Forderung nach verlässlicher Aufklärung nicht durch Spekulationen und autoritäre Fantasien zu übertönen. Nachhaltige Veränderung entsteht nicht durch Empörung, sondern durch die Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Bedingungen, die solch einen jahrzehntelangen Machtmissbrauch ermöglichen, durch die Stärkung von Strukturen, die ihn künftig verhindern, und durch das Empowerment mutiger Stimmen, die ihn überhaupt erst sichtbar machen.

AfD-Korruption: Selbstbedienungsmentalität auf Kosten der Steuerzahler

Foto: Unsplash/Robert Anasch

Politiker*innen der AfD stehen inmitten eines Korruptionsskandals, inklusive gut bezahlter Jobs für die Familien und Pärchenreisen auf Kosten der Demokratie. Eine parteiinterne Schlammschlacht.

Von Kira Ayyadi

Ulrich Siegmund will Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt werden und steht für eine rechtsextreme AfD, die die Demokratie verachtet, aber sich großzügig von ihr bezahlen lässt. Von Pärchenurlaub auf Steuerzahlerkosten bis hin zu Vetternwirtschaft in Spitzenämtern: Der aktuelle Skandal zeigt, wie AfD-Kader in Sachsen-Anhalt, Niedersachsen, aber auch in der Bundesspitze öffentliche Mittel systematisch für private Vorteile nutzen. Siegmund, Tobias Rausch und andere Funktionäre sichern sich und ihren Familien gutbezahlte Posten und das offenbar bundesweit.

Worum geht es?

Begonnen hat alles mit einem Vorwurf gegen den Bundestagsabgeordneten Jan Wenzel Schmidt. Schmidt war von 2022 bis Februar 2025 Generalsekretär der AfD in Sachsen-Anhalt, der Landesverband wird vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft. Seit Monaten steht Schmidt parteiintern unter Druck. Dabei geht es unter anderem um Vorwürfe dubioser Geschäftspraktiken: Schmidt habe sein Bundestagsmandat genutzt, um private Geschäftsbeziehungen aufzubauen.

Demnach war Schmidt in fragwürdige Geschäfte mit künstlichen Diamanten aus China verstrickt. Außerdem soll er Mitarbeiter*innen seiner privaten E-Zigaretten-Firma zum Schein als Minijobber in seinem Bundestagsbüro eingestellt haben, bezahlt aus Steuermitteln. Schmidt weist sämtliche Anschuldigungen zurück.

Außerdem brisant: Schmidt beschäftigt den rechtsextremen Gewalttäter und früheren Aktivisten der Identitären Bewegung, Mario Müller, als wissenschaftlichen Mitarbeiter.

Schmidt setzte zum Gegenschlag an und erhob seinerseits schwere Vorwürfe gegen Parteikolleg*innen im Landesverband: Sie sollen systematisch Abrechnungsbetrug begangen und Vetternwirtschaft betrieben haben.

„Einige Akteure gehören auf die Anklagebank und nicht auf die Regierungsbank“, schreibt Schmidt in einer internen Mail, die der Spiegel zitiert. Er wirft dem Landesvorstand „parteischädigendes Verhalten“ vor. Außerdem würde seit einigen Monaten systematisch gegen ihn und seine Familie vorgegangen. Das Vorgehen werde von einer Gruppe von Leuten koordiniert, die innerparteilich als „Pokerrunde“ bekannt sei und von Schmidt selbst mitgegründet wurde.

Rechtsextreme Schlammschlacht

„Es ist parteiintern unstreitig bekannt, dass bei Fahrtkostenabrechnungen, Reisezuordnungen und Terminbegründungen über Jahre hinweg unsauber gearbeitet wurde – und zwar fraktions- und funktionsübergreifend“, schreibt Schmidt in der Mail weiter. Gleichzeitig existierten deutlich gravierendere Vorgänge wie „Auslandsreisen mit fehlender oder nachträglich konstruierter Terminlage (Griechenland, Disney Land, New York)“ oder „Dienstreisen nach Berlin, deren Ziel die dortige Spielbank war“.

Kfz-Meister findet Visitenkarte im Auto

Kurz vor Weihnachten leitete der Landesvorstand der AfD in Sachsen-Anhalt ein Parteiausschlussverfahren gegen den Bundestagsabgeordneten und früheren Generalsekretär Jan Wenzel Schmidt ein.

Im Kontext des Verfahrens wurden dem parteiinternen Schiedsgericht Unterlagen vorgelegt, deren Herkunft inzwischen selbst Gegenstand von Kritik ist. Wie der MDR berichtet, stammen einzelne Dokumente aus dem Handschuhfach eines Privat-Pkw sowie aus kopierten persönlichen Dokumenten des Abgeordneten. Ein Kfz-Meister, der an Schmidts privatem Fahrzeug gearbeitet hatte, soll eine Visitenkarte sowie weitere Unterlagen gefunden und diese an AfD-Funktionär*innen weitergegeben haben. Die Dokumente gelangten anschließend in die internen Parteiverfahren.

Schmidt zeigt in einem Interview mit der Kampagnen-Plattform „Nius“ Unverständnis über die Sanktionierung und spricht gar von einem „Vernichtungsfeldzug“ gegen ihn. „Wir haben die Reihen zu schließen, nicht zu spalten“, fordert er. Dabei verschickte er Mitte Dezember eine Mail, in der er ankündigte, ab Januar im Zwei-Wochen-Takt Informationen zusammenzutragen und an die Partei weiterzugeben.

Dass die Selbstbedienungsmentalität in der rechtsextremen Partei strukturell verbreitet zu sein scheint, machen gleich mehrere Fälle deutlich. Eine Recherche des ZDF-Magazins Frontal machte öffentlich, dass der Vater des AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund im Büro des Bundestagsabgeordneten Thomas Korell aus Sachsen-Anhalt arbeitet, für monatlich 7.725 Euro. Bezahlt von der Bundestagsverwaltung.

Auch gegen den Landesschatzmeister Stefan Lieschke wurden Vorwürfe erhoben. Ihm wird angelastet, Anfang Dezember ein Kreisspitzentreffen des Landesverbands, das als Videokonferenz stattfand, heimlich aufgezeichnet und die Audiodatei an Schmidt weitergeleitet zu haben. Lieschke, der auf Platz 20 der AfD-Landesliste für die Landtagswahl kandidiert, äußerte sich dazu nicht.

Schmidt erklärte seinerseits, er habe keine entsprechende Aufnahme von Lieschke erhalten. In einer Stellungnahme des Landesverbands hieß es, Lieschke habe sich „nachweislich zumindest in räumlicher Nähe eines strafrechtlich relevanten Audiomitschnitts“ befunden, zitiert der Deutschlandfunk. Bis zum Abschluss der parteiinternen Verfahren wolle man sich nicht weiter äußern.

Die Vorwürfe weiten sich immer weiter aus

Mittlerweile steht auch der Landesvorsitzende Martin Reichardt im Visier: Konkret betrifft der Vorgang zwei enge Familienangehörige. Beide waren zeitweise im Bundestagsbüro von Jan Wenzel Schmidt beschäftigt. Nach Arbeitsverträgen, die WDR und NDR einsehen konnten, erhielt eine der beiden Personen auf Grundlage eines Vertrags aus dem Jahr 2022 ein monatliches Entgelt von 520 Euro. Ein weiterer Vertrag sah für das Jahr 2023 eine Vergütung von 800 Euro pro Monat vor.

Nach Recherchen von WDR und NDR handelt es sich dabei jedoch nicht um Einzelfälle. Demnach war auch die Ehefrau des stellvertretenden AfD-Landesvorsitzenden Hans-Thomas Tillschneider zeitweise im Bundestagsbüro beschäftigt und erhielt dafür ein monatliches Honorar von 900 Euro. Zudem soll eine Angehörige des Landesvorstandsmitglieds Juliane Waehler einen Vertrag über 450 Euro pro Monat gehabt haben.

Auch ein Familienmitglied des AfD-Landtagsabgeordneten Christian Hecht soll demnach im Büro Schmidt angestellt gewesen sein, mit einer monatlichen Vergütung von 2.500 Euro. Auch diese Arbeitsverträge liegen WDR und NDR vor.

Die Vorwürfe über jene Kreuzbeschäftigung von Familienmitgliedern in der AfD sind mittlerweile verwirrend lang: Drei Geschwister des Parlamentarischen Geschäftsführers der AfD-Landtagsfraktion in Sachsen-Anhalt, Tobias Rausch, sollen im Bundestagsbüro der AfD-Abgeordneten Claudia Weiss beschäftigt sein. Umgekehrt taucht die Tochter von Weiss auf einer Mitarbeiter*innenliste der AfD-Landtagsfraktion auf. Dort ist demnach auch die Ehefrau von Rausch angestellt, berichtet das ZDF. Sie, Lisa Lehmann, die Ex-Partnerin des früheren AfD-Landesvorsitzenden André Poggenburg, Moderatorin von Copmact, soll von ihrem Ehemann Tobias Rausch mehrfach auf Delegationsreisen mitgenommen worden sein, berichtet Table Media.

Rausch tritt mittlerweile als Bevollmächtigter der Partei in dem Ausschlussverfahren gegen Schmidt auf. Er hat inzwischen die Nachfolge seines langjährigen Weggefährten Jan Wenzel Schmidt als innerparteilicher Strippenzieher angetreten und auch dessen ehemalige Aufgaben als Generalsekretär übernommen.

Korruption nicht nur in Sachsen-Anhalt 

Was sich in Sachsen-Anhalt abzeichnet, ist kein regionales Ausrutschen, sondern Teil einer breiten Krise der AfD. Recherchen des Spiegels zeigen, dass auch der Landesverband Niedersachsen von ähnlichen Vorwürfen erschüttert wird: persönliche Bereicherung, familiäre Seilschaften, mutmaßliche Korruption. Parteiintern ist von einem „Geheimbund“, von Einschüchterung und einem Klima der Angst die Rede. Funktionär*innen sprechen offen von „Krieg“ und „Terror“ gegen die eigenen Leute.

Zehn AfD-Mitglieder, darunter die Europaabgeordnete Anja Arndt, haben demnach umfangreiche Dossiers mit Transkripten, Chatverläufen, eidesstattlichen Versicherungen und Gedächtnisprotokollen zusammengestellt. Sie fordern Ordnungsmaßnahmen gegen komplette Landesvorstände, unter anderem in Niedersachsen und warnen vor einem massiven Glaubwürdigkeitsverlust der Partei. AfD-Bundessprecher*innen Alice Weidel und Tino Chrupalla räumten ein, sich „noch keinen objektiven Überblick“ verschafft zu haben.

Jüngst berichtete MDR INVESTIGATIV, dass auch Tino Chrupalla eine Familienangehörige eines Parteikollegen beschäftigen soll. Dabei soll es sich um die Ehefrau des sächsischen AfD-Landtagsabgeordneten Roberto Kuhnert handeln. Die Frau soll seine Bürgerbüros in Weißwasser und Niesky im Landkreis Görlitz betreuen und das bereits seit vielen Jahren.

Erst am vergangenen Sonntag hatte der Parteichef in der Sendung gegenüber Caren Miosga erklärt, er finde Jobs für Verwandte von Parteifreunden „schwierig“, dieses Vorgehen habe für ihn „ein Geschmäckle“.

Bei Vetternwirtschaft sieht selbst die AfD eine rote Linie

Während rassistische Hetze, autoritäre Rhetorik und demokratiefeindliche Positionen in der AfD längst normalisiert sind, fürchten viele Funktionär*innen, dass Korruptions- und Bereicherungsvorwürfe die eigene Wähler*innenschaft nachhaltig abschrecken. „Wie wollen wir regieren, wenn wir uns so unprofessionell verhalten und bereichern?“, zitiert der Spiegel einen AfD-Funktionär aus Sachsen-Anhalt.

Geheuchelte Moral 

Auch ideologische Wegbereiter der extremen Rechten schlagen Alarm. Der rechtsextreme Verleger Götz Kubitschek spricht von einem „korrumpierenden Sog“, den die AfD von Beginn an entwickelt habe. Kaum etwas könne der Partei gefährlich werden: „Keine Remigration-Debatte, keine Rußland-Debatte, kein Verfassungsschutz, keine Verleumdung, keine Ignoranz, und die Gewalt gegen ihre Repräsentanten schon gar nicht. Aber sich selbst schweren Schaden zufügen – das kann sie, und zwar, indem sie sich verstreitet oder indem sie offenbart, daß sie nicht besser, disziplinierter, konsequenter agiert als die anderen“ (sic!). Die Maßnahmen gegen Schmidt begrüßt Kubitschek. Interessant, galt der AfD-Politiker doch lange als treuer Unterstützer des politischen Vorfelds, wie der Identitären Bewegung.

Kubitscheks Urteil  wirkt allerdings schnell heuchlerisch, sind doch zahlreiche seiner geistigen Ziehkinder mittlerweile in AfD-Büros untergekommen und mit lukrativen Gehältern ausgestattet, so etwa Benedikt Kaiser, Daniel Fiß und der schon erwähnte Mario Müller. Sie gelten als politische Vorfeldaktivisten, die mutmaßlich zentral in den Akademien des Instituts für Staatspolitik um Götz Kubitscheck geschult wurden.

Legal aber politisch entlarvend

Rechtswidrig ist all das nicht. Dies wäre es nur, wenn die Abgeordneten ihre Verwandtschaft direkt bei sich selbst beschäftigt hätten. Die Vorgänge zeigen jedoch, dass man auch unter Einhaltung dieser Vorschrift umfänglichen Nepotismus betreiben kann.

Dass ausgerechnet eine Partei, die sich als moralische Erneuerungsbewegung inszeniert, nun bundesweit mit Vorwürfen zu Vetternwirtschaft, Bereicherung und Machtmissbrauch konfrontiert ist, entlarvt den Kern des AfD-Projekts: Es geht nicht um „das Volk“, sondern um Zugriff auf Ressourcen, Posten und Geld – abgesichert durch Loyalitäten, familiäre Netzwerke und innerparteiliche Einschüchterung.

Dieser Artikel erschien zuerst bei Belltower.News.

Ibrahim Akkuş: Ein weiteres Todesopfer des rechtsterroristischen Anschlags in Hanau

Mit dem Tod von Ibrahim Akkuş ist ein Überlebender des rechtsterroristischen Anschlags von Hanau am 19. Februar 2020 gestorben. Wie bei vielen Betroffenen rechter Gewalt endete der Anschlag für ihn nicht in der Tatnacht. Die Amadeu Antonio Stiftung nimmt ihn nun in die Chronik der Todesopfer rechter Gewalt auf.

Von Luisa Gehring

Am Abend des 19. Februars 2020 erschießt ein Rechtsterrorist in Hanau neun Menschen: Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kenan Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov. Später auch seine Mutter Gabriele Rathjen und sich selbst. Auf Ibrahim Akkuş schießt der Täter in der „Arena Bar“ achtmal. Akkuş kommt schwer verletzt ins Krankenhaus. Kurz vor dem sechsten Jahrestag des rassistisch motivierten Anschlags in Hanau stirbt Ibrahim Akkuş im Alter von 70 Jahren am 10. Januar 2026 an den Spätfolgen der Tat.

Monatelang lag Ibrahim Akkuş nach dem Anschlag im Krankenhaus. Nach mehreren Operationen wurde er schließlich entlassen und war seitdem auf einen Rollstuhl angewiesen. Auch die psychischen Folgen der erlebten Ungerechtigkeit und Grausamkeit begleiten Akkuş bis zu seinem Tod. Bis zuletzt lebte er in Hanau-Kesselstadt. Er konnte sein Bett nur noch selten verlassen und trotz der fehlenden Barrierefreiheit pflegten ihn seine Frau und seine heute 19-jährige Tochter zu Hause, um ihm ein Verbleiben im Familienkreis zu ermöglichen.

Vor dem türkischen Rechtsextremismus geflohen

Ibrahim Akkuş wurde in Bismil-Diyarbakır (Türkei) geboren. Sein Leben als Kurde in der Türkei war geprägt von rechter Gewalt und politischer Verfolgung. Mit zwanzig Jahren floh er gemeinsam mit seinem Bruder nach Deutschland. In Hanau beantragten die Brüder Asyl. Ibrahim Akkuş konnte in Hanau bleiben, der Asylantrag seines 19-jährigen Bruders wurde abgelehnt. Nach seiner Abschiebung in die Türkei wurde er dort von Rechtsextremen ermordet.

Ibrahim Akkuş arbeitete in Deutschland auf Baustellen. Er lebte mit seiner Frau zusammen in Hanau-Kesselstadt und wurde Vater seiner Tochter Sara. Der 19. Februar 2020 war ein tiefer Einschnitt. Die familiäre Kontinuität in Erfahrung mit rechtem Terror verändert die Sichtweise von Ibrahim Akkuş auf Deutschland. „Ich dachte, das ist ein demokratisches Land. Niemand würde uns umbringen“, sagte er 2025 im Interview mit der taz.

Vom Staat alleingelassen

Nach dem rechtsterroristischen Anschlag in Hanau fühlt er sich von der deutschen Gesellschaft alleingelassen. Jeden Tag litt er unter den körperlichen und mentalen Folgen des Anschlags. Durch den Anschlag verlor er nicht nur Vertrauen in den Ort, den er einst als „Land der Hoffnung“ bezeichnete, er verlor durch seine Pflegebedürftigkeit auch seine körperliche Selbstbestimmtheit.

Seit der Tat wird immer wieder Kritik an staatlichen Behörden formuliert. So wurde bekannt, dass sehr wahrscheinlich derselbe Täter bereits im Jahr 2018 in Hanau-Kesselstadt Jugendliche rassistisch beleidigt und mit einem Sturmgewehr bedroht hat. Statt den flüchtigen Täter zu suchen, versuchten die Beamt*innen damals den Anrufer des Notrufs auszumachen, da dieser den Einsatz zu zahlen habe. Außerdem zeigten Recherchen, dass zum Zeitpunkt der Tat die Polizei-Notrufe nur an zwei Apparaten entgegengenommen werden konnten, die allerdings nicht durchgängig besetzt waren. Viele Hinweise und Anrufe in der Tatnacht, die womöglich zur Verhinderung der Morde am zweiten Tatort beigetragen hätten, wurden daher nicht gehört.

Am zweiten Tatort, der Arena-Bar, war zum Tatzeitpunkt der Notausgang verschlossen. Die Gäste konnten nicht vor dem Attentäter fliehen. Zeug*innen berichten, dass die Polizei Hanau den Barbetreiber angewiesen haben soll, die Notausgangstür geschlossen zu halten, um leichter Razzien durchführen zu können. Die Staatsanwaltschaft lehnt ein Ermittlungsverfahren gegen die Polizei Hanau allerdings ab. Man könne nicht klären, ob eine offene Notausgangstür den Tod der Opfer verhindert hätte.

Die Angehörigen der Opfer und Überlebenden berichteten von einem unangemessen und unsensiblen Umgang der Polizist*innen, von Gefährderansprachen und Täter-Opfer-Umkehr. Dreizehn der Polizist*innen der SEK-Einheit, die später an den Tatorten eintrafen, waren mutmaßlich Mitglieder einer rechtsextremen Chatgruppe, die wenige Monate nach der Tat aufflog und aufgelöst wurde.

Der Abschlussbericht des 2021 einberufenen Untersuchungsausschusses, der den zahlreichen Hinweisen auf staatliche Verschuldungen nachgehen sollte, kommt zu dem Schluss, dass zwar die „Tat durch die hessischen Sicherheitsbehörden nicht zu verhindern“ war, der Tathergang jedoch durch Maßnahmen wie den rechtmäßigen Entzug der Waffenerlaubnis maßgeblich hätte beeinflusst werden können.

Opferentschädigung greift nicht

Nach dem Terroranschlag ist der Staat seiner Pflicht zur Entschädigung des widerfahrenen Unrechts nicht nachgekommen. Aufklärungs-, Erinnerungs- und Unterstützungsarbeit wurden größtenteils von den Opfern und ihren Angehörigen selbst geschultert. Die Initiative 19. Februar Hanau versucht, diese Lücke zu füllen. Auch Sara Akkuş berichtete vor dem Tod ihres Vaters, dass sie vor allem durch die Initiative Unterstützung erfahren haben. Zu oft endet in Deutschland das erfahrene Leid nicht mit dem rechten Terror selbst. Angehörige und Betroffene werden mit den gesundheitlichen Folgen und Traumata meist im Stich gelassen. Wirkt sich dies auf ihre Arbeitskraft aus, kommen finanzielle Sorgen hinzu.

Anerkennung als Todesopfer rechter Gewalt

Die Amadeu Antonio Stiftung erkennt Ibrahim Akkuş als Todesopfer rechter Gewalt an. Ohne den rechtsextremen Anschlag von Hanau wäre er heute wahrscheinlich noch am Leben. Für die Einordnung in die Chronik Todesopfer rechter Gewalt gilt keine zeitliche Begrenzung: Entscheidend ist allein, ob der Tod auf eine vorausgegangene rechte Gewalttat zurückzuführen ist.

Der Staat muss nun nachziehen. Eine staatliche Anerkennung als Todesopfer rechter Gewalt ist nicht nur mit einer klaren Benennung des erfahrenen Unrechts und der Übernahme von Verantwortung verbunden. Die Anerkennung hat auch materielle Folgen. Todesopfer rechter Gewalt und ihre Angehörigen haben in Deutschland ein Anrecht auf Opferentschädigungsgelder.

Spotlight Antisemitismus: Das Feindbild Zionismus

Was ist Zionismus eigentlich? Wo kommt Antizionismus her? Welche antizionistischen Vorfälle finden im Alltag statt? Eine Analyse.

„Falafel“ steht auf dem T-Shirt in lateinischer, arabischer und hebräischer Schrift. Die kleinen frittierten Kichererbsenbällchen verbinden Kulturen, sie werden sowohl in den arabischen Ländern als auch in Israel gegessen. Das „Falafel Humanity Shirt“ ist ein Projekt, das gemeinsam von einem Hamburger und einem israelischen Designer sowie von einer iranischen Designerin ins Leben gerufen wurde. Der Erlös wird an „Women Wage Peace“ gespendet, eine von Frauen gegründete Friedensbewegung, die sich für eine gewaltfreie Lösung im israelisch-palästinensischen Konflikt stark macht. Eigentlich ein unterstützenswertes Anliegen, sollte man meinen.

Mitte Oktober 2025 wird eine Person aufgrund dieses T-Shirts in einem linken Café in Berlin-Neukölln nicht bedient. Sie würde „keine Zionisten bedienen“, sagt die Bedienung, und behauptet, die Kundin unterstütze „den Genozid in Gaza“, Hebräisch sei „die Sprache des Unterdrückers“. Der Fall hat für viel Aufmerksamkeit gesorgt. Und das T-Shirt über Nacht berühmt gemacht.

Die Anfeindung aufgrund des „zionistischen“ Shirts ist kein Einzelfall: In der Chronik antisemitischer Vorfälle der Amadeu Antonio Stiftung sind mehrere antizionistische Vorfälle  dokumentiert, die als Code für Antisemitismus funktionieren. Sie zeigen, dass Zionismus längst zum Feindbild erklärt worden ist, was selbst in Mordaufrufen gipfelt. Das neue Spotlight widmet sich diesen Entwicklungen, beleuchtet Hintergründe und dokumentiert das Vorfallsgeschehen: Was ist Zionismus? Wie entwickelte sich der Antizionismus als Ablehnung historisch? Welche antizionistischen Vorfälle finden im Alltag heute statt?

Das „Falafel Humanity Shirt“ mit dem Wort „Falafel“ in lateinischer, arabischer und hebräischer Schrift (Quelle: Privat)

Was ist Zionismus?
Zionismus entstand als politische Bewegung zur Schaffung einer gesicherten Heimstätte für Jüdinnen*Juden. Das Wort leitet sich vom Hügel „Zion“ im Südosten Jerusalems ab, der bereits in der Bibel beschrieben wird. Er gilt als die Wohnstätte Gottes und das ursprüngliche Heimatland von Jüdinnen*Juden. Viele von ihnen fühlen sich daher mit diesem Ort verbunden und bis heute heißt es am Ende des Pessach-Gebets „Nächstes Jahr in Jerusalem“. Pessach ist eines der wichtigsten jüdischen Feste. Gefeiert wird die Befreiung der Israeliten aus der Sklaverei des ägyptischen Pharaos. Unter dem Eindruck des zunehmenden Antisemitismus in Europa im 19. Jahrhundert und zahlreicher Pogrome insbesondere in Osteuropa gegen Jüdinnen*Juden, formulierte Theodor Herzl die Idee eines jüdischen Staates erstmals 1896 in seinem Buch „Der Judenstaat“. Mit einer jüdischen Mehrheit solle dieser als Zufluchtsort, Schutzraum und Ort der kulturellen Selbstbestimmung dienen.
Es gibt bis heute keine einheitliche Ideologie des Zionismus, sondern viele verschiedene Strömungen: Der politische Zionismus als jüdische Nationalbewegung entstand als Antwort auf europäische Nationalbewegungen, die zunehmend völkisch-antisemitisch geprägt waren; der religiöse Zionismus sieht die Rückkehr von Jüdinnen*Juden als göttliche Pflicht an; Hauptmerkmale des sozialistischen Zionismus sind kollektivistische Strukturen (z.B. in Form von ländlichen Kollektivsiedlungen, den Kibbuzim);  der revisionistische Zionismus verfolgt stattdessen eine antisozialistische und nationalistische Ausrichtung.

Gegen die Idee des frühen Zionismus gab es auch Einwände von jüdischer Seite: Teils lehnten Jüdinnen*Juden die Idee ab, weil sie es für sinnvoller erachteten, für Gleichberechtigung in ihrem Herkunftsland zu kämpfen. Außerdem berge ein eigener Staat mit gemeinsamer jüdischer Kultur auch Herausforderungen, z. B. in Bezug darauf, dass Neu-Hebräisch als Amtssprache erst erlernt werden muss, um sich untereinander verständigen zu können. Auch diverse religiöse Auslegungen aufgrund von unterschiedlichen Herkunftsländern und sozialem Milieu wurden als Hindernisse für einen funktionierenden jüdischen Staat angesehen. Für die meisten Jüdinnen*Juden konnten diese Einwände im Laufe der Zeit ausgeräumt werden. Dennoch gibt es Jüdinnen*Juden, die den Zionismus aus religiösen oder politischen Gründen weiterhin ablehnen. Für die breite Mehrheit spielt der Staat Israel jedoch als möglicher Zufluchtsort im Falle einer erneuten antisemitischen Verfolgung eine wichtige Rolle.

Nationalsozialismus und arabischer Antizionismus
Als Herzl sein Buch schrieb, war die Region rund um den Hügel Zion eine osmanische Provinz. 1917 eroberten britische Truppen im Ersten Weltkrieg den Teil des Osmanischen Reichs, der das heutige Israel, die palästinensischen Gebiete und Teile Jordaniens umfasste. Die Briten erhielten nach dem Zerfall des seit ca. 1299 bestehenden Osmanischen Reiches, vom Völkerbund 1922 das Mandat zur Verwaltung dieses Gebiets, das fortan als Mandatsgebiet Palästina bezeichnet wurde. Hier lebten überwiegend Araber*innen, die größtenteils muslimisch waren, aber auch eine arabisch-christliche Minderheit, Drusen, Beduinen und Jüdinnen*Juden. Vor allem in den 1920er und 1930er Jahren stieg die Zahl von Jüdinnen*Juden durch die Auswanderung aus Europa an. In der muslimisch-arabischen Bevölkerung im Mandatsgebiet Palästina machten sich Bedenken breit, dass sich mit der Gründung eines jüdischen Staates die Mehrheitsverhältnisse zu Ungunsten der Muslim*innen verändern könnten.

1921 ernannten die Briten Amin al-Husseini zum Großmufti von Jerusalem und damit zum Führer der arabischen Palästinenser*innen. Dessen Anhänger gingen bereits in den 1920er Jahren gewaltsam gegen Jüdinnen*Juden und gegen Araber*innen vor, die an Jüdinnen*Juden Land verkauften, denn sie wurden und werden bis heute als „Kollaborateure“ des Zionismus gesehen. Als glühender Antisemit und Verbündeter Hitlers beteiligte sich Husseini außerdem aktiv an der Shoah, indem er unter anderem eine bosnisch-muslimische SS-Division („Handschar“) aufstellte. Beide, Husseini und Hitler, waren der Überzeugung, dass das Heil der Welt von der Vernichtung der Juden abhinge. Vor allem die „Protokolle der Weisen von Zion”, ein antisemitisches Pamphlet, das erstmals 1919 auf Deutsch erschien, half dabei, den Zionismus als Teil einer Weltverschwörung „der mächtigen Juden“ und als Bedrohung aller Nicht-Juden umzudeuten. In der arabischen Welt nähren die Protokolle bis heute den Mythos des „übermächtigen Juden“, der in diesem Weltbild im Staat Israel verkörpert wird.

Antizionismus nach der Shoah
Viele europäische Jüdinnen*Juden wurden in der Shoah ermordet, andere konnten in die USA oder nach Israel emigrieren. Für die meisten Überlebenden war nach der Ermordung von sechs Millionen Jüdinnen*Juden eine Zukunft in Europa kaum mehr vorstellbar. In den jüdischen „Displaced Person“-Camps (DP) organisierten sich Überlebende in Selbstverwaltungsstrukturen, in denen Zionismus eine entscheidende Rolle spielte. Hier bereiteten sie ihre Auswanderung nach Palästina vor. Die Auswanderung von Jüdinnen*Juden nach Israel wird auch Aliyah genannt. Aliyah ist hebräisch und bedeutet „Aufsteigen“, womit im ursprünglichen Sinne die Wallfahrt zum Tempel in Jerusalem gemeint war. 1947 verabschiedeten die Vereinten Nationen den Teilungsplan, der die Teilung des Gebiets in einen palästinensischen und einen jüdischen Staat vorsah. Das britische Mandat wurde am 14. Mai 1948 niedergelegt, der Staat Israel wurde vom ersten israelischen Ministerpräsidenten David Ben Gurion ausgerufen. Die arabischen Staaten schlugen die Chance auf einen arabischen Staat in einem Teilgebiet Palästinas aus, weil sie das gesamte Land für sich beanspruchten. Sie rückten noch in der Nacht des 14. Mai auf das israelische Gebiet vor. Der erste arabisch-israelische Krieg begann. Israel gewann und festigte damit seinen territorialen Anspruch als souveräner Staat. Die unmittelbare Folge war einerseits die Vertreibung und Flucht von etwa 700.000 Araber*innen, die auf Arabisch als „Nakba” (zu Deutsch „Katastrophe“) bezeichnet wird, sowie die Verwaltung und spätere Annexion des Westjordanlands durch Jordanien und die Verwaltung des Gaza-Streifens durch Ägypten. Andererseits wurden 850.000 Jüdinnen*Juden zwischen 1948 und 1968 aus arabischen Ländern vertrieben.

Der Wendepunkt der westdeutschen Linken hin zum Antizionismus
Ein ägyptischer Aufmarsch mit Panzern und Soldaten an der israelisch-ägyptischen Grenze 1967 veranlasste Israel dazu, einen Präventivschlag gegen ägyptische Luftwaffenstützpunkte zu beginnen. Das war der Beginn des Sechstagekriegs zwischen Israel und Ägypten, an dem sich auch Jordanien und Syrien auf ägyptischer Seite beteiligten. Israel hatte nach sechs Tagen Jerusalem eingenommen und große Geländegewinne erzielt. Der Krieg war zu Ende.

Das führte zu einem Wendepunkt in Teilen der bis dahin eher prozionistisch eingestellten westdeutschen Linken hin zum Antizionismus, da Israel nun als Aggressor wahrgenommen wurde. Oder wie der Historiker Michael Brenner zusammenfasst: „[D]ie Juden waren nicht mehr Opfer, sondern wurden plötzlich zu Tätern.“ Bereits im selben Jahr gab es erste „Palästina-Komitees“ und 1969 solidarisierte sich der „Sozialistische Deutsche Studentenbund“ mit dem Kampf der arabischen Welt gegen Israel. Auch die linksextreme Terrorgruppe „Rote Armee Fraktion“ (RAF, gegründet 1970) rief zur Solidarität mit dem „Befreiungskampf des Palästinensischen Volkes“ auf. Die Gruppierung wurden unter anderem von der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) militärisch ausgebildet, die mit terroristischer Gewalt gegen Israel kämpfte. Deren Vorsitzender war ab 1969 Yassir Arafat, der sich in der politischen Tradition seines Vorbilds al-Husseini sah.

Unter dem Eindruck der Entwicklungen im Nahen Osten beschloss die UN-Generalversammlung am 10. November 1975 die UN-Resolution 3379 mit dem Titel „Beseitigung aller Formen der Rassendiskriminierung“. In dieser hieß es, dass „der Zionismus eine Form von Rassismus und rassischer Diskriminierung“ sei. Trotz der Aufhebung der Resolution im Jahr 1991 hält sich dieses dämonisierende Stigma weiterhin und äußert sich heute vor allem in postkolonialen Kontexten in der Behauptung, Israel sei ein „kolonialistischer Apartheidsstaat“ und Israelis in dieser Logik „white colonizer“ beziehungsweise Rassist*innen. Dass die israelische Gesellschaft ethnisch wie konfessionell deutlich diverser ist als jene ihrer arabischen Nachbarstaaten und in Israel rechtliche Gleichberechtigung herrscht, hat in dieser Argumentation keinen Platz. Dieser historische Hintergrund bestimmt das Weltbild antiisraelischer Akteure bis heute maßgeblich und schlägt sich dementsprechend im Vorfallsgeschehen nieder.

Antizionismus als Code für Antisemitismus
Wie sich anhand der Chronik antisemitischer Vorfälle der Amadeu Antonio Stiftung zeigt, ist Antizionismus ein Code für Antisemitismus und äußert sich in der Absprache des Existenzrechts Israels; der Unterstellung des gezielten Mordes an Zivilist*innen sowie der Kontrolle und Zensur der Presse; der Gleichsetzung des jüdischen Staates mit einem Krebsgeschwür oder Insekten (Entmenschlichung) und Aufruf zum Mord. In letzter Konsequenz sind damit Jüdinnen*Juden immer direkt betroffen.

In München halten antiisraelische Personen neben einer Synagoge eine Demonstration ab. Sie zeigen Schilder, auf denen „Zionismus abschaffen“ zu lesen ist. Der größte Teil von Jüdinnen*Juden steht – vor allem nach der Shoah – für das Existenzrecht Israels und damit für Zionismus ein, weil dieser einzige Schutzraum für jüdisches Leben benötigt wird.

Dass sich der Hass nicht nur gegen den Staat Israel richtet, sondern auch gegen konkrete Personen, zeigt eine Versammlung in Langenau. Hier skandieren antizionistische Demonstrierende „Zionisten sind Faschisten töten Kinder und Zivilisten“. Die Gleichsetzung mit Faschisten dämonisiert und delegitimiert den jüdischen Staat, verzerrt historische Fakten und ist antisemitisch. Außerdem bedient sich dieser Satz einer modernen Form der „Ritualmordlegende“. Diese besagt, dass „die Juden“ christliche Kinder töten, um deren Blut für das Pessachfest zu nutzen. Neben dieser Verschwörungserzählung beziehen sich die Antizionìst*innen außerdem auf den Mythos einer gleichgeschalteten „zionistischen Presse“, die ausschließlich zugunsten Israels berichte. So behauptet eine Rednerin: „[…] und alle werden hier verhetzt von der zionistischen Presse, die ja immer vor Ort ist […].“

Ein Redner geht bei einer antiisraelischen Demonstration in Berlin-Mitte, an der sich Linksradikale und Islamisten beteiligen, noch einen Schritt weiter: „Zionismus ist ein Krebsgeschwür, wobei wir alle anpacken müssen, um es jetzt zu beenden, um die Menschen zu heilen und Frieden zu schaffen.“ Mit dieser Aussage wird der Zionismus als eine tödliche Krankheit dargestellt, die unbedingt beseitigt werden muss, damit die Welt eine bessere werde. Seit Jahrhunderten werden Jüdinnen*Juden mit diesen antisemitischen Codes als „Parasiten“ (wie z.B. von Adolf Hitler), „Krankheit“ oder „Virus“ beschrieben, um sie zu entmenschlichen und Gewalt gegen sie zu rechtfertigen. Der Redner bedient sich unter dem Deckmantel des Antizionismus altbekannter, zutiefst antisemitischer Stereotype. Eine Schmiererei auf dem Boden ebenfalls in Berlin-Mitte setzt Zionist*innen mit Nationalsozialisten und Ungeziefer gleich („Zionazis are insects“). Wie mit mit diesem Ungeziefer umgegangen werden soll, macht die Parole  „Zionisten töten“ (z.B. in Göttingen, Berlin und Frankfurt am Main dokumentiert) unmissverständlich klar.

Mordaufruf „Zionisten töten“ an der S-Bahnstation Humboldthain in Berlin-Gesundbrunnen (Quelle: Privat)

Ganz konkret von Mordaufrufen in Berlin-Neukölln betroffen sind die antisemitismuskritischen Betreiber*innen der Bar „Bajszel“. Im Oktober 2025 wurde ein Flugblatt mit deren Portraits sowie Vor- und Nachnamen verteilt, darüber die eindeutige Drohung „Make Zionists Afraid“.  Über jedem der drei Fotos wurde ein rotes, auf der Spitze stehendes Dreieck abgebildet. Das rote Dreieck verwendete die Terrororganisation Hamas, um israelische Ziele zu markieren und zu eliminieren. Hierbei handelt es sich um einen eindeutigen Mordaufruf, der mit den Worten „Wer sich während eines Völkermordes auf die Seite der Täter stellt, sollte sich nirgendwo in Berlin sicher fühlen.“ untermauert wird. Ein ähnliches Drohplakat wurde nach dem Mord an zwei Mitarbeitenden der israelischen Botschaft in Washington in der Nähe der Humboldt Universität in Berlin-Mitte im Mai 2025 aufgehängt.

Dass bei antizionistischem Hass und Hetze letztendlich Jüdinnen*Juden die Leidtragenden sind, zeigt ein Beispiel aus München. Eine Münchner Jüdin erhält einen antisemitischen Drohbrief, in dem sie als „zionistisches Schwein“ und „zionistischer Mörder“ bezeichnet wird. Verbunden mit dieser Beleidigung ist eine unverhohlene Drohung: „Du bist hier nicht willkommen. Wir werden dich ständig beobachten.“ Die Betroffene wird als Zionistin markiert und als Schwein entmenschlicht – in Anlehnung an die antijudaistische Tiermetapher der „Judensau“, weil sie Jüdin ist.

Diese antizionistischen Vorfälle, egal ob in Form von Schmierereien, Parolen auf Demonstrationen oder auf Plakaten dienen – bewusst wie unbewusst – als Code für ein antisemitisches Welterklärungsmodell. Analog zur antisemitischen Vorstellung, alles Schlechte, Böse und Widersprüchliche in der Welt sei auf „den Juden” zurückzuführen, nimmt Israel diese Rolle beim Antizionismus im außenpolitischen Kontext ein – als „Jude unter den Staaten”, wie es der Publizist und Historiker Léon Poliakov schon 1983 auf den Punkt brachte. Gegen Zionismus zu sein, bedeutet in der Konsequenz, sich gegen einen jüdischen Schutzraum zu positionieren und gegen Jüdinnen*Juden, die diesen befürworten. Entsprechend betrifft dies Jüdinnen*Juden direkt und führt zu Sorge um die eigene Sicherheit. Vor allem seit dem Angriff der Terrororganisation Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und dem damit verbundenen Anstieg antisemitischer Vorfälle weltweit ist die Anzahl der Einwanderungen von Jüdinnen*Juden nach Israel deutlich gestiegen, wie die Jüdische Allgemeine berichtet. Wie wichtig dieser Schutzraum für Jüdinnen*Juden ist, betont Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, im September 2024: „Der Zionismus steht für das Recht des jüdischen Volkes, nach Jahrhunderten der Entrechtung über seine eigene Zukunft zu entscheiden. Mit Israel gibt es einen Staat, in dem Juden ihre Identität frei und selbstbewusst leben können – der einzige Staat, in dem Jüdinnen und Juden die Mehrheitsgesellschaft darstellen.“

Angriffe auf die Demokratie: Der Missbrauch parlamentarischer Instrumente durch die AfD

Die AfD flutet den Bundestag mit „Kleinen Anfragen“, aber nicht zur Kontrolle – sondern, um die Zivilgesellschaft zu diffamieren, zu lähmen und letztendlich zu zerschlagen. Ihre Angriffe auf die Amadeu Antonio Stiftung sind gezielte Angriffe auf die Demokratie. Es geht nicht um Fakten, sondern um den Aufbau eines Misstrauens, das unsere Gesellschaft spaltet.

Von Lea Lochau und Jan Riebe

Die AfD hat am 6. Januar 2026 zum wiederholten Mal eine Kleine Anfrage zur Amadeu Antonio Stiftung gestellt. Kleine Anfragen sind eine wichtige demokratische Errungenschaft des Parlaments. Sie sind ein zentrales parlamentarisches Mittel der Opposition, um schriftliche Anfragen zu stellen, die von der Bundesregierung ebenfalls schriftlich beantwortet werden müssen. Sie dienen dazu, Auskunft über staatliche Maßnahmen in unterschiedlichen Bereichen zu erhalten.

Bei der AfD hingegen mehren sich die Hinweise, dass es ihr nicht in erster Linie um eine Stärkung der Demokratie geht, sie eher das Gegenteil beabsichtigt. Dabei verfolgt sie vor allem drei Strategien, die den Anschein erwecken, sie wolle damit der Demokratie und Deutschland eher schaden:

In ihrer Kleinen Anfrage attackiert die AfD die staatliche Förderung einzelner Projekte der Amadeu Antonio Stiftung und stellt sie als politisch einseitig und fragwürdig dar. Sie wirft der Stiftung eine „tendenziöse Ausrichtung“ vor, Zweckentfremdung von Mitteln sowie mangelnde politische Neutralität und fordert detaillierte Aufschlüsselungen u. a. der Projektausgaben und Kooperationspartner*innen.

Regierungsapparate gezielt lähmen

Markus Lanz hat dies am Beispiel des Freistaats Thüringen plastisch aufgezeigt: Die AfD Thüringen hat in ihrer ersten Legislaturperiode (2014-19) im Thüringer Landtag ca. 1.300 Kleine Anfragen gestellt, in der zweiten Legislaturperiode (2019-24) ca. 2.900 Kleine Anfragen, in der jetzt dritten Legislaturperiode (2024-29) rechnet der Thüringer Innenminister mit weit über 6.000 Kleinen Anfragen der AfD, was ca. 3,3 Anfragen pro Kalendertag entspricht. Viele der Anfragen sind laut AfD KI-generiert, das schlägt sich auch in der Qualität der Anfragen nieder. Parlamentarische Initiativen erfolgen aus den Antworten sehr selten. Das verstärkt den Eindruck, der AfD geht es im Wesentlichen nur darum, die Landesregierung mit Kleinen Anfragen zu fluten, um sie zu lähmen.

Als Mittel der Spionage

Laut SPIEGEL haben die AfD-Fraktionen in den deutschen Landesparlamenten seit Anfang 2020 mehr als 7.000 Kleine Anfragen mit sicherheitsrelevanten Bezügen gestellt – so viele wie keine andere Partei. Daher werfen mehrere Innenexperten*innen aus Bund und Ländern der Partei vor, parlamentarische Anfragen gezielt zu missbrauchen, um die kritische Infrastruktur in Deutschland auszuspähen – möglicherweise im Auftrag Russlands. Die AfD wehrt sich gegen diese Vorwürfe

Politische Gegner*innen werden diskreditiert und letztendlich zerstört

Die Kleinen Anfragen zur Amadeu Antonio Stiftung, anderer zivilgesellschaftlicher Organisationen und zu Bundesprogrammen zur Stärkung der Demokratie sind in der dritten Strategie zu verorten. Konkret geht es um die Zerstörung der Zivilgesellschaft.

Zerstörung der demokratischen Zivilgesellschaft

Die Zerstörung der demokratischen Zivilgesellschaft ist das ausgemachte Ziel der Rechtsextremen und somit auch der AfD, als dem parlamentarischen Zentrum des deutschen Rechtsextremismus. Einer der wichtigsten Stichwortgeber der AfD, der Publizist Benedikt Kaiser, warnt immer wieder, dass es darum gehen müsse, mit rechtsextremen Konzepten die gesellschaftliche Hegemonie zu erlangen. Um das zu erreichen, sei es unabdingbar, die Macht der demokratischen Zivilgesellschaft zu brechen. „Wahre Hegemonie äußert sich im Alltag, nicht am Wahltag“, so Kaiser. Benedikt Kaiser, der für AfD-Abgeordnete im Bundestag und Europaparlament arbeitet, warnt daher die AfD sich nur auf den parlamentarischen Betrieb zu konzentrieren. Vielmehr solle sie sich für eine starke, „volksbejahende“ Zivilgesellschaft einsetzen. Führende Politiker*innen der AfD haben erkannt, dass die demokratische Zivilgesellschaft eine tragende Säule der liberalen Demokratie ist. In der „Analyse“ der AfD ist die liberale Demokratie kurz vor dem ersehnten Fall oder wie es ein Björn Höcke kürzlich in einem Interview ausdrückte: „Historisch gesehen erleben wir die finalen Krisen eines abgewirtschafteten Systems“. Damit das System aber auch fällt, müsse nachgeholfen werden. Die Zerstörung der demokratischen Zivilgesellschaft ist demnach Vorbedingung für den Systemsturz. Die Amadeu Antonio Stiftung wird als ein Flaggschiff dieser Zivilgesellschaft betrachtet, weshalb es besonders viele Angriffe auf die Stiftung gibt und diese vielfach besonders koordiniert verlaufen. Einher geht dies mit Angriffen auf die sehr erfolgreichen Bundesprogramme für Demokratie wie „Demokratie Leben!“.

Doch wie tragen „Kleine Anfragen“ zur Delegitimierung der Zivilgesellschaft bei?

Björn Höckes AfD in Thüringen fing bereits 2016 an regelmäßig Kleine Anfragen zur Amadeu Antonio Stiftung und anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen zu stellen. In anderen Bundesländern folgten mehrere AfD-Fraktionen dem Thüringer Vorbild. Seit 2019 stellt die AfD auch im Bundestag Kleine Anfragen zur Förderung der Amadeu Antonio Stiftung.

Ausgerechnet eine demokratische Fraktion hat diese Strategie befeuert: Mit einer Kleinen Anfrage der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Februar 2025, die sich gegen die organisierte Zivilgesellschaft richtete, haben die Anfragen eine neue Intensität erhalten. Allein im Zeitraum Februar 2025 bis Januar 2026 richten sich 15 Kleine Anfragen allein an die Förderung zivilgesellschaftlicher Organisationen, mit dem Ziel diese zu diskreditieren und strukturell anzugreifen. Bestückt mit Detailfragen zu Förderhöhen und Projektlaufzeiten und Einzelmaßnahmen, denen die implizite Unterstellung von Intransparenz und „verschwendeten Geldern“ innewohnte. Im großen Stil wird seit Februar 2025 die politische Neutralität, die Gemeinnützigkeit und damit die Professionalität und Sinnhaftigkeit demokratischen Engagements infrage gestellt. Im November 2025 legte die AfD dann sogar mit einem Antrag im Bundestag gegen die Stiftung nach, in dem gefordert wurde, die Förderung zu streichen.

Wie die AfD Antworten auf Kleine Anfragen politisch verwertet

Bei den Kleinen Anfragen der AfD steckt der Vorwurf schon in der Anfrage, noch bevor eine schriftliche Antwort der Bundesregierung vorliegt. Bereits die Fragestellung legt oft den Deutungsrahmen fest: Begriffe wie „mutmaßlich“, „linksextrem“, „politische Einflussnahme“ oder „Steuergelder“ sollen Zweifel an der Rechtmäßigkeit von NGOs schüren oder sie als Belastung der Gesellschaft brandmarken. Auch, wie in der aktuellen Kleinen Anfrage vom Januar, behauptet die AfD wahrheitswidrig, die Amadeu Antonio Stiftung fordere „ein Verbotsverfahren gegen die AfD“. Korrekt ist, dass die Amadeu Antonio Stiftung sich gemäß Artikel 21 Absatz 2 des Grundgesetzes („Parteien, die nach ihren Zielen oder nach dem Verhalten ihrer Anhänger darauf ausgehen, die freiheitliche demokratische Grundordnung zu beeinträchtigen oder zu beseitigen oder den Bestand der Bundesrepublik Deutschland zu gefährden, sind verfassungswidrig.“) für ein Prüfverfahren einsetzt, indem das Bundesverfassungsgericht klären soll, ob die AfD verfassungswidrig ist oder nicht.

Effekt: Die Zweifel sind gesät. Dieser Effekt soll selbst dann eintreten, wenn, wie sehr häufig, die Bundesregierung später keine Unregelmäßigkeiten feststellt.
Auch eine entlastende Antwort kann kommunikativ als „Bestätigung, dass Fragen berechtigt waren“ verkauft werden.

Selektives Zitieren der Antworten

Die AfD und andere rechtsextreme Akteure sowie rechtsalternative Plattformen nutzen selektive Informationen, die verfangen, aber falsch oder zugespitzt dargestellt werden. Wenn die Bundesregierung in Antworten auf aktuelle Kleine Anfragen auf getätigte Antworten in vorherigen Kleinen Anfragen verweist, heißt es dann schnell: Die Bundesregierung konnte oder wollte diese Frage nicht beantworten. Darüber hinaus werden Antworten, die missliebig ausfallen, in der Pressearbeit weggelassen, Zahlen werden ohne Kontext dargestellt (z. B. Fördersummen) und suggeriert, zivilgesellschaftliche Organisationen erhalten Geld quasi ohne Gegenleistung. Oder es wird ein erwünschter, emotionalisierter, aber wahrheitswidriger Kontext („Millionen Steuergeld im linken NGO-Geflecht verschwinden.“) hergestellt und Antworten werden wörtlich zitiert und Seriosität suggeriert, aber bewusst aus dem Kontext gerissen.

Normalisierung von Angriffen auf zivilgesellschaftliche Akteure

Durch die immer wiederkehrende und forcierte Beschäftigung des Bundestags mit einer einzelnen Stiftung wird der Eindruck erzeugt, sie sei besonders problematisch oder auffällig, obwohl sie regulär gefördert und rechtlich überprüft wird, wie andere Träger auch. Das Verfahren selbst wird so also missbraucht, unabhängig vom Inhalt der Antworten.

Anknüpfung an Verschwörungsnarrative

Die Antworten dienen als Bausteine für Verschwörungserzählungen der AfD, z. B.:

  • „staatlich finanzierte Vorfeldorganisationen“
  • „Kampf gegen die Opposition mit Steuergeldern“
  • „ideologische Umerziehung“

Mit jeder Anfrage zu den Bundesprogrammen für Demokratie oder geförderten Trägern wird somit das eigene Narrativ eines durch eine „volksfeindliche“ Elite installierten NGO-Staates gefüttert. In dieser Logik rechtfertigt dies gleich den nächsten Fragenkatalog.

Doppelte Standards

Während es für die AfD und parteinahe Medien scheinbar ein Skandal ist, dass z. B. der Präsident des Thüringer Verfassungsschutzes Stephan Kramer im Stiftungsrat der Amadeu Antonio Stiftung sitzt, verheimlicht die parteinahe Stiftung der rechtsextremen AfD, die Desiderius Erasmus Stiftung (DES), seit Jahren, wer im Kuratorium der DES sitzt. Und das wohl aus „gutem“ Grund, nachdem bekannt wurde, dass mehrere Rechtsextreme im Gremium saßen, wie u. a. Erik Lehnert (damals Institut für Staatspolitik) – ein Bewunderer der faschistoiden Diktatur von Salazar in Portugal. Während die Amadeu Antonio Stiftung Mitglied der Initiative Transparente Zivilgesellschaft ist, scheuen die AfD und DES scheinbar jegliche Transparenz.

Fazit

Kleine Anfragen dienen der AfD nicht primär der Kontrolle staatlichen Handelns, sondern werden als Einschüchterungs- und Diffamierungsversuch missbraucht und als ein Instrument gegen das demokratische „System“ genutzt. Auch wenn die Bundesregierung kein „Fehlverhalten“ feststellen kann, verfangen diese Anfragen, zumal sie der AfD zur Kommunikation und für Kampagnen dienen. Sie säen systematisch Misstrauen gegenüber zivilgesellschaftlichem Engagement und verfestigen Falschbehauptungen, die das Vertrauen in demokratische Strukturen massiv untergraben und scheinbar für viele auch weitere Angriffe, sogar physische, gegen die demokratische Zivilgesellschaft legitimieren.

Gefördertes Projekt

Multimediale Doku rechtsextremer Gewalt schließt Leerstellen im Landkreis Leipzig

Büro des Bon Courage e.V. in Borna nach einem Angriff 2017, Foto: Archiv Bon Courage e.V.

Der Landkreis Leipzig ist seit den 1990er Jahren bis heute eine Schwerpunktregion rechter Gewalt in Sachsen. Mit dem Projekt „Leerstellen“ machen Jugendliche Erfahrungen von Betroffenen digital sichtbar und sensibilisieren für die Gefahren rechtsextremer Ideologien.

Von Vera Ohlendorf

Rechtsextreme, rassistische und antisemitische Gewalt ist in den sächsischen Landkreisen seit über 35 Jahren Realität. In jüngster Zeit verzeichnen die Opferberatungsstellen des RAA Sachsen e.V. eine Zunahme rechtsmotivierter Angriffe. 2024 haben sie 328 solcher Vorfälle im gesamten Bundesland dokumentiert. Im Landkreis Leipzig wurden 23 Angriffe erfasst – ein Anstieg um 35 % im Vergleich zum Vorjahr. „Hinter den Zahlen stehen Betroffene, die rechtsextreme Gewalt erleben“, sagt Lena vom Projekt „Leerstellen“. „Das ist eine Personengruppe, die in der Öffentlichkeit praktisch nicht zu Wort kommt, einerseits aufgrund der Gefahren, die mit einer öffentlichen Sichtbarkeit verbunden sein können und andererseits, weil ihnen ihre Erfahrungen häufig abgesprochen werden.“

Vor zwei Jahren wurde das Projekt „Leerstellen – Betroffene rechter Gewalt im Landkreis Leipzig und ihre Perspektiven“ deshalb vom Netzwerk für demokratische Kultur e.V. ins Leben gerufen. Betroffenenperspektiven sollen möglichst niedrigschwellig im Landkreis vermittelt werden. Gleichzeitig will der Verein marginalisierte Personen unterstützen. „Unser Grundsatz ist solidarische Parteilichkeit. Wir glauben den Betroffenen, wenn sie uns von ihren Erfahrungen berichten, wir zeigen Interesse und wir wollen rechtsextreme Gewalt sichtbar machen, um etwas zu verändern“, beschreibt Lena.

Kontinuitäten rechtsextremer Gewalt in vier Episoden

Jugendliche und junge Erwachsene gehören zur Kernzielgruppe, denn sie sind, neben Menschen mit Migrationsgeschichte in allen Altersgruppen, besonders häufig mit rechtsextremer Gewalt konfrontiert. Weil Peer-to-peer-Ansätze präventiv wirken können, ging es aber nicht nur darum, betroffene Jugendliche zu finden, die ihre Geschichte erzählen. Junge Menschen aus dem Landkreis Leipzig wurden von Anfang an aktiv in Konzeption, Recherche, Interviewführung und Aufarbeitung des Projektes eingebunden. Der Erinnerungsort wurde bewusst im digitalen Raum geschaffen: „Wir arbeiten überwiegend mit kurzen Videos. Das hat es den Betroffenen einfach gemacht, zu sprechen. Außerdem können die Interviews so auch in Workshopformaten eingesetzt werden, ohne dass die betroffenen Personen selbst viel Zeit aufwenden und ihre Erfahrungen immer wieder neu erzählen müssen“, erklärt Lena das Konzept. Die Web-Doku erzählt in vier Episoden, wie sich rechtsextreme Gewalterfahrungen auswirken, wiederholen und wie die Betroffenen damit umgehen.

Angriff auf Fußballteam in Brandis 2009

In Brandis wurden am 24. Oktober 2009 Spieler und Fans des Roten Stern Leipzig ‘99 e.V. während eines Amateurfußballspiels der Bezirksklasse durch 50 organisierte Neonazis überfallen. Die zum Teil mit Eisenstangen und Holzlatten bewaffneten Angreifer verletzten mehrere Personen schwer. Unterstützende Polizeikräfte trafen erst nach etwa 30 Minuten am Sportplatz ein. Die Verletzten wurden in verschiedene Krankenhäuser in der Region gebracht. Der Überfall bekam viel überregionale Aufmerksamkeit, zahlreiche Medien berichteten. Der erste Prozess fand im Februar 2010 am Amtsgericht Leipzig statt. Ein Täter wurde zu zwei Jahren und zwei Monaten Gefängnis ohne Bewährung verurteilt. Bis 2012 folgten weitere Prozesse gegen rund 50 Angeklagte, von denen viele Bewährungsstrafen erhielten. Der Überfall und der anschließende Justizmarathon haben bis heute tiefe Spuren im Verein hinterlassen, das zeigen die Interviews der Webdoku deutlich. Ein so gewaltsamer Angriff hat sich nicht wiederholt, bis heute sind bei Auswärtsspielen des Roten Sterns jedoch immer wieder Neonazis präsent, die Spieler*innen und Fans bedrohen.

35 Jahre rechtsextreme Gewalt in Wurzen

Die zweite Episode zeichnet die Kontinuität rechtsextremer Gewalt in Wurzen in den letzten 35 Jahren nach. Stimmen aus zwei Generationen beschreiben ein komplexes Bild der Kleinstadt, die seit den 1990er Jahren als rechtsextreme Hochburg gilt. Nach dem Ende der DDR verlor die Stadt fast ein Viertel ihrer Bevölkerung. Schnell entstand eine organisierte Neonazi-Szene, die bis heute aktiv ist. In den 1990er Jahren richtete sich die Gewalt in erster Linie gegen Migrant*innen und Geflüchtete sowie jene, die als politische Gegner*innen wahrgenommen wurden. 1991 wurde die Geflüchtetenunterkunft in der Stadt brutal angegriffen. Wurzener Unterstützer*innen brachten die Betroffenen (sechs Familien mit zwölf Erwachsenen und 35 Kindern) daraufhin zu einer Aufnahmeeinrichtung im hessischen Gießen, von wo aus sie zuvor nach Wurzen verteilt worden waren. Als die Betroffenen erneut nach Wurzen zurückkehren sollen, treten sie in den Hungerstreik. Nach politischem Druck durften alle Geflüchteten in Hessen bleiben. Die Unterstützer*innen in Wurzen erhielten Ordnungswidrigkeitsverfahren.

Der rechtsextreme Überfall blieb kein Einzelfall. In den 1990er Jahren folgten weitere rassistische Angriffe in der Stadt, die die Webdoku detailliert dokumentiert. Die rechtsextreme Gewalt richtet sich in dieser Zeit, den sogenannten Baseballschlägerjahren, immer wieder auch gegen Jugendliche. Wer für Rechtsextreme optisch oder politisch auffällig war – etwa durch Punk-Outfits oder Engagement gegen Menschenfeindlichkeit – konnte zur Zielscheibe werden. Ähnlich wie die Angriffe auf Geflüchtete wurden und werden die Gewalttaten gegen sie in der Stadt bagatellisiert, gesellschaftliche Solidarität bleibt meist aus. Stattdessen sehen sich die Betroffenen Strategien der Täter-Opfer-Umkehr ausgesetzt. 1996 sah der sächsische Verfassungsschutz in Wurzen das „wohl wichtigste Zentrum der Neonazis in Deutschland“. Wie diese Erfahrungen und die damit einhergehenden psychischen Belastungen ganze Biografien geprägt haben, schildern die interviewten Personen in der Webdoku eindringlich. 2016 bis 2018 kam es nach dem sogenannten „Sommer der Migration“ erneut zu einer Häufung schwerer rassistischer Gewalttaten in der Stadt. Bedrohungen und Gewalt gegen nicht-rechtsextreme Engagierte, Migrant*innen, Geflüchtete und queere Menschen dauern bis heute an. Einige davon kommen in der Webdoku zu Wort und berichten, dass auch der gesellschaftliche Abwehrreflex Kontinuität hat: Viele Wurzner*innen spielen das Ausmaß rechtsextremer Gewalt herunter. Die Zustimmungswerte zu rechtsextremen Parteien sind hoch, bei der Bundestagwahl 2025 erreichte die AfD in Wurzen einen Zweitstimmenanteil von 43,6 %.

1998 stirbt Nuno Lourenço nach rechtsextremem Angriff in Markkleeberg-Gaschwitz

An Nuno Lourenço erinnert die dritte Episode. Am 4. Juli 1998 wurde der portugiesische Zimmermann in Markkleeberg-Gaschwitz von acht jungen Rechtsextremen angegriffen und verstarb fünf Monate später an den Folgen seiner schweren Verletzungen. Er wurde 49 Jahre alt. Sein Tod ist die Folge rechtsextremer Dominanz im gesamten Landkreis Leipzig, die während der sogenannten Baseballschlägerjahre nicht auf Wurzen beschränkt bleibt. Die Webdoku dokumentiert das Leben Nuno Lourenços, den rechtsextremen Angriff auf ihn und den anschließenden Prozess gegen die Täter. Diese werden im April 1999 wegen schwerer räuberischer Erpressung, Diebstahl und gefährlicher Körperverletzung vor der Jugendkammer des Leipziger Landgerichts angeklagt, der Haupttäter außerdem wegen versuchten Totschlags. Während die Staatsanwaltschaft einen direkten Zusammenhang zwischen den Verletzungen und dem Tod Nuno Lourenços sieht, wertet das Gericht die Tat lediglich als schwere Körperverletzung. Obwohl sich die Täter mehrmals rassistisch äußern, erkennt das Gericht kein rassistisches Tatmotiv. Der Haupttäter wird zu einer Jugendstrafe von vier Jahren Gefängnis verurteilt, die Mittäter erhalten Bewährungsstrafen. Das Gericht setzt kein Datum für den Haftantritt des Haupttäters fest, sodass dieser zunächst auf freiem Fuß bleibt. Erst als ein Beitrag der Sendung „Monitor“ die ausbleibenden Konsequenzen skandalisiert, wird die Haftstrafe durchgesetzt.

Nuno Lourenço wird erst im Jahr 2009 als Todesopfer rechter Gewalt anerkannt. Seit 2018 engagiert sich der Initiativkreis Nuno Lourenço für ein würdiges Gedenken und kritische Erinnerungsarbeit. Die Gruppe organisiert jährliche Gedenkveranstaltungen und führt Bildungstage für Schüler*innen durch. Auch hieran sind Engagierte aus dem Leerstellen-Projekt beteiligt. Vor einigen Jahren gestaltete eine Künstlerin einen Comic zum Leben und Sterben Nuno Lourenços, der im Rahmen des Projektes dauerhaft an einer Bushaltestelle unweit des Tatorts angebracht wurde.

18 Jahre Anfeindungen gegen antirassistische Arbeit in Borna

Im Dezember 2025 wurde die vierte Episode veröffentlicht, die sich mit der Vereinsgeschichte des Bon Courage e.V. in Borna beschäftigt. Der Verein entstand 2007 als Reaktion auf rechtsextreme Gewalt gegen junge Menschen. Halt fanden nicht-rechtsextreme Jugendliche im Kontakt miteinander. Im Verein organisierten sie Informations- und Kulturveranstaltungen, leisteten Erinnerungsarbeit und schützten sich durch Solidarität. Der Kontakt zu anderen Betroffenengruppen, etwa zu Menschen, die aus rassistischen Motiven angegriffen werden, existierte in den Jahren nach der Gründung kaum. Ähnlich wie in Wurzen wurden Betroffene rechtsextremer Gewalt in dieser Zeit in der Stadtgesellschaft weder beachtet noch ernstgenommen. Ähnlich wie in Wurzen verfestigte sich die organisierte Neonazi-Szene in der Stadt und kann sich auf die Zustimmung vieler Bornaer*innen verlassen. Über die Zustände vor Ort aufzuklären und vor den Gefahren extrem rechter Ideologie zu warnen, ist dem Bon Courage e.V. bis heute ein zentrales Anliegen.

Mit rechtsextremen Anfeindungen, zerstörten Fenstern und Diffamierungsstrategien ist der Verein über die letzten 18 Jahre immer wieder konfrontiert gewesen. In den 2010er Jahren wurden die Mitstreiter*innen auf die menschenunwürdigen Verhältnisse in Geflüchtetenunterkünfte in der Umgebung Bornas aufmerksam, die im öffentlichen Bewusstsein bis dahin fast unsichtbar waren. Durch regelmäßigen Austausch mit Bewohner*innen erschloss sich das Ausmaß der Entrechtung durch Sachleistungsprinzip, Residenzpflicht und desolate bauliche Zustände. Fortan machte es sich der Bon Courage e.V. zur Aufgabe, mit den Betroffenen gemeinsam für Verbesserungen zu streiten und organisiert Kundgebungen und Informationsveranstaltungen. Zudem bietet der Verein Beratungen, Sportangebote, Sprachlerntreffs, Gesprächskreise oder Hausaufgabenhilfen für Geflüchtete an. Über die Jahre professionalisierte sich die Arbeit und wird seit 2016 öffentlich finanziell gefördert. Allen Anfeindungen zum Trotz setzt der Verein seine engagierte Arbeit unbeirrt fort. Geflüchtete und Migrant*innen haben hier einen einzigartigen Raum, um sich selbst zu organisieren und sich im Umgang mit Rassismuserfahrungen zu empowern. Viele ehemalige und aktuelle Engagierte kommen in der Webdoku zu Wort und lassen 18 Jahre bewegte Vereinsgeschichte lebendig werden. Sie erzählen, welchen Lebensrealitäten Geflüchtete im ländlichen Raum ausgesetzt sind und wie aus Gewalt- und Ohnmachtserfahrungen Selbstorganisierung entstanden ist.

Erinnerungsarbeit und Zukunftsvision verbinden

Die Interviews der Episoden werden jeweils durch Archivmaterial und Zeitungsartikel der letzten 35 Jahre ergänzt. Neben der Aufarbeitung rechtsextremer Gewalt im Landkreis umfasst das Projekt auch intensive Bildungsarbeit an Schulen, die durch Jugendliche aus dem Landkreis umgesetzt wird, die in die Erarbeitung der Episoden eingebunden waren. Ziel ist es, Schüler*innen mit Hilfe der Webdokumentation zu sensibilisieren und einen Perspektivwechsel zu erreichen, um dem grassierenden Rechtsextremismus im Landkreis Leipzig entgegen zu wirken. „Wir haben über die letzten Jahre sehr intensiv mit einer Gruppe von etwa zehn Jugendlichen gearbeitet“, erzählt Lena. „In Medienwerkstätten haben wir sie in die Recherche- und Archivarbeit eingeführt. Sie haben sich damit auseinandergesetzt, wie man sensibel mit Betroffenen umgeht, wie man gute Interviewfragen stellt und sie waren an der Auswahl des Materials beteiligt. Wir freuen uns, dass die meisten von ihnen Lust hatten, Peer-to-Peer-Workshops mit Schulklassen durchzuführen.“ Zehn Workshops sind an Berufsschulen, Gymnasien und Oberschulen im Landkreis Leipzig bereits durchgeführt worden, das Interesse ist groß. Gemeinsam mit pädagogischen Fachkräften wurde außerdem ein Methodenheft erarbeitet, das über die Webseite heruntergeladen werden kann. Damit kann die Webdoku im Unterricht oder im Kontext von Jugendfreizeitangeboten flexibel eingesetzt werden. Auf der projekteigenen Instagramseite werden weitere Vorfälle rechtsextremer Gewalt im Landkreis dokumentiert.

Obwohl viele Menschen nicht an einer Auseinandersetzung mit rechtsextremer Gewalt im Landkreis interessiert sind, stoßen die Engagierten auf viel positive Resonanz. „Mich freut es sehr, dass so viele Betroffene bereit waren, ihre Geschichten zu erzählen. Das ist nicht selbstverständlich und zeigt, dass unser solidarischer Ansatz funktioniert“, sagt Lena. Immer wieder melden sich Menschen beim Verein, die auf Gewalttaten hinweisen und über ihre Erfahrungen sprechen wollen. Die Webseite verzeichnet hohe Klickzahlen. Das Team des Leerstellen-Projektes wünscht sich, dass sich die Menschen Zeit nehmen, sich mit den Erfahrungen der Betroffenen auseinander zu setzen. Denn das Ausmaß der Gewalt, dem etwa Menschen mit Migrationsgeschichte im Landkreis Leipzig ausgesetzt sind, ist größer als in der Großstadt. Die Bedrohungen sind existentiell. Damit sich die Verhältnisse verbessern, ist es wichtig, dass mehr Menschen dafür eine Verantwortung spüren. Statt Relativierungen, Täter-Opfer-Umkehr oder Nestbeschmutzer-Vorwürfen braucht es solidarische Unterstützung für diejenigen, die rechtsextremer Gewalt ausgesetzt sind.

Rechtsextremer Bürgermeister: Altenberg im Erzgebirge ist kein Sonderfall

Altenberg im Erzgebirge, Foto: Unsplash/adrebanane, bearbeitet durch Amadeu Antonio Stiftung

Im sächsischen Wintersportort Altenberg steht mit André Barth ein AfD-Politiker an der Spitze der Stadt. Der Wahlsieg ist kein lokales Kuriosum, sondern Ergebnis struktureller Schwächen kommunaler Demokratie und Teil einer gezielten rechtsextremen Strategie.

Von Timo Reinfrank

Altenberg im Osterzgebirge steht für Wintersport, Hochflächen, dichte Wälder und eine Landschaft, die weit über Sachsen hinaus als Erholungsregion bekannt ist. Der Kur- und Ferienort lebt von seiner touristischen Attraktivität, von Loipen, Wanderwegen und dem Bild einer ruhigen, funktionierenden Kleinstadt. Gerade deshalb markiert die jüngste Bürgermeisterwahl einen tiefen politischen Einschnitt: In Altenberg steht nun ein rechtsextremer Politiker an der Spitze der Stadtverwaltung.

Der AfD-Landtagsabgeordnete André Barth gewann die Wahl mit 61,8 Prozent der Stimmen bereits im ersten Wahlgang, bei einer ungewöhnlich hohen Wahlbeteiligung von 70,8 Prozent. Barth hatte das Amt zuvor bereits kommissarisch geführt. Altenberg hat damit einen rechtsextremen Bürgermeister und dieses Ergebnis ist kein lokales Kuriosum, sondern politisch hoch relevant.

Auffällig ist weniger die Höhe des Ergebnisses als die strukturelle Ausgangslage der Wahl. Barth war der einzige Kandidat, der für eine Partei antrat. Die übrigen vier Bewerber*innen kandidierten parteilos, einer von ihnen für eine Wählervereinigung. Die Sozialpädagogin Johanna Franz kam auf 21,3 Prozent, der Kandidat der Wählervereinigung Geising, Steffen Götze, auf 7,6 Prozent. Zwei weitere Einzelkandidaten blieben deutlich darunter. Eine bundesweit organisierte, kampagnenerfahrene Partei traf damit auf ein zersplittertes Feld ohne vergleichbare Ressourcen, Sichtbarkeit oder Rückhalt. Diese Asymmetrie ist kein Zufall, sondern Ausdruck eines tieferliegenden Problems kommunaler Demokratie.

Altenberg steht zudem nicht isoliert. In Sachsen stellt die AfD bereits mit Rolf Weigand den Bürgermeister in Großschirma. In Pirna gewann Tim Lochner das Oberbürgermeisteramt, formal parteilos, politisch jedoch klar dem rechtsextremen AfD-Lager zuzuordnen. Kommunale Exekutivämter sind für die Partei längst kein Nebenschauplatz mehr, sondern ein strategisches Ziel: personalisiert, alltagsnah und mit hoher symbolischer Wirkung.

Strukturbrüche, Abwanderung, demografischer Druck und eine vielerorts ausgedünnte demokratische Infrastruktur treffen besonders im Osterzgebirge und im Erzgebirge auf eine jahrzehntelange rechtsextreme Präsenz. Diese Kontinuitäten reichen weit vor die AfD zurück. Die Partei knüpft daran an, professionalisiert vorhandene Milieus und übersetzt sie systematisch in institutionelle Macht.

Altenberg kommt dabei eine zusätzliche Rolle zu: Trotz touristischer Bekanntheit ist die Stadt hoch verschuldet und musste zuletzt immer neue Kredite aufnehmen, um handlungsfähig zu bleiben. Solche Dauerkrisenlagen sind anfällig für autoritäre Versprechen, für Erzählungen von „Durchgreifen“ und vermeintlich unideologischer Effizienz.

Der Fall Altenberg widerlegt erneut die Hoffnung, rechtsextreme Parteien würden sich durch Verantwortung selbst entzaubern. Das Gegenteil ist der Fall. Kommunale Ämter wirken normalisierend. Bürgermeister*innen erscheinen als pragmatische Verwalter*innen, politische Entscheidungen als Sachzwang. So wird rechtsextreme Politik schrittweise in den Alltag kommunaler Verwaltung integriert, oft unterhalb der öffentlichen Aufmerksamkeitsschwelle.

Darauf weist auch Benjamin Winkler, Leiter des Büros Sachsen der Amadeu Antonio Stiftung, hin. Kommunale Wahlerfolge der AfD, so Winkler, entstünden nicht über Nacht, sondern seien das Ergebnis langfristiger rechtsextremer Präsenz, stabiler Netzwerke und eines politischen Umfelds, das diese Entwicklungen über Jahre unterschätzt habe.

Aus dieser Analyse ergibt sich ein klarer Handlungsauftrag. Es reicht nicht, Kommunen finanziell besser auszustatten, so notwendig das ist. Demokratische Parteien müssen kommunale Demokratie wieder als strategisches Kernfeld begreifen. Kandidaturen dürfen kein Zufallsprodukt sein, sondern müssen frühzeitig aufgebaut, begleitet und geschützt werden. Wer für ein Bürgermeisteramt kandidiert, braucht Rückhalt, Coaching und verlässliche Unterstützung – gerade dort, wo rechtsextreme Akteure Druck ausüben und Einschüchterung zum politischen Instrument gehört.

Gleichzeitig darf kommunale Demokratie nicht länger der AfD oder parteilosen Einzelbewerber*innen überlassen bleiben. Beteiligung, demokratische Kultur, Zivilgesellschaft und transparente Verwaltung müssen offensiv politisch vertreten werden, nicht nur im Wahlkampf, sondern dauerhaft. Kommunale Exekutivmacht entsteht nicht am Wahltag, sondern durch kontinuierliche Präsenz in Vereinen, Initiativen, Nachbarschaften und Räten.

Altenberg zeigt, dass auch idyllische Urlaubsorte keine politisch neutralen Räume sind. Rechtsextreme Normalisierung macht weder vor touristischer Kulisse noch vor kommunalen Haushaltskrisen Halt. Ein rechtsextremer Bürgermeister ist kein lokaler Ausrutscher, sondern das Ergebnis politischer Arbeit und politischer Versäumnisse. Wer diese Entwicklung stoppen will, muss demokratische Präsenz ebenso konsequent, langfristig und strukturell organisieren.

Dieser Artikel erschien zuerst bei Belltower.News.

Leitfaden für wirksame Gegenstrategien: Rechtsextreme Angriffe auf Demokratieprojekte

Foto: Unsplash/Christian Lue

Rechtsextreme Parteien attackieren gezielt Förderprogramme für Demokratieprojekte und deren Träger, um sie und ihre Arbeit gegen Menschenfeindlichkeit zu schwächen. Der Leitfaden zeigt mit praxisnahen Tipps, wie zivilgesellschaftliche Initiativen Angriffe erkennen, sich schützen und ihre Arbeit wirksam fortführen können.

Von Vera Ohlendorf

Im Sommer 2025 wurde bekannt, dass eine rechtsextreme Partei gezielt gegen das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ und seine geförderten Träger vorgeht. Ein Landesverband sprach kurze Zeit später öffentlich davon, auch auf Landesebene Maßnahmen gegen weitere staatliche Förderprogramme und geförderte Initiativen zu ergreifen. Das ist kein Zufall: Rechtsextreme Akteure nutzen parlamentarische Mittel, Kampagnen, Desinformationen und Einschüchterung, um die Arbeit der demokratischen Zivilgesellschaft zu delegitimieren und ihr Engagement gegen menschenfeindliche Ideologien zu erschweren. Die demokratische Zivilgesellschaft ist jedoch Bedingung einer Demokratie, die auf Meinungsfreiheit, Mitbestimmung durch alle, Minderheitenschutz und demokratischer Kontrolle von Institutionen beruht.

Die rechtsextreme Strategie ist klar: Gemeinnützige Initiativen sollen durch parlamentarische Anfragen, Unterstellungen und rechtliche Verfahren unter Druck gesetzt werden. Ziel ist es, die Förderung zivilgesellschaftlicher Arbeit zu schwächen und demokratisches Engagement zu diskreditieren. Wer die demokratische Zivilgesellschaft angreift und kritische Stimmen gezielt zum Schweigen bringen will, stellt die plurale Demokratie insgesamt infrage. Wo Solidarität, Zusammenhalt und das Vertrauen in demokratische Prinzipien und Institutionen schwinden, haben es rechtsextreme Kräfte leichter, ihre Ideologien zu verbreiten und Zustimmung für einen autoritären Staatsumbau zu finden.

Immer mehr Vereine, Bündnisse und Initiativen, die sich gegen Rechtsextremismus, Rassismus, Antisemitismus oder gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit engagieren, sind dem Risiko ausgesetzt, Ziel von Angriffen zu werden. Sie sind solchen Strategien aber nicht hilflos ausgeliefert. Der Leitfaden „Feindliche Angriffe auf Demokratieprojekte“ zeigt, wie Falschinformationen und Verleumdungen strategisch eingesetzt und professionell widerlegt werden können. Er ermutigt, wertvolle Arbeit für Demokratie und Menschenrechte verständlich zu erklären und sichtbar zu machen und solidarische Netzwerke gegen rechtsextreme Anfeindungen zu bilden.

Kurz und bündig zeigt der Leitfaden, wie:

  • sich Vorwürfe wie „einseitige Arbeit“ oder „Fördermittelmissbrauch“ sachlich widerlegen lassen;
  • sich eine demokratische Haltung selbstbewusst öffentlich zeigen lässt und warum das so wichtig ist;
  • gute Medienarbeit strategisch vorbereitet und umgesetzt werden kann;
  • sich Stress und Überlastungen im Team vermeiden lassen;
  • präventive Maßnahmen die Angreifbarkeit verringern;
  • Datenschutz und IT-Sicherheit zu mehr Resilienz beitragen und
  • Solidarität und gute Netzwerke im Angriffsfall hilfreich sind.

Der Leitfaden hilft Engagierten dabei, sich selbst und ihre Organisation zu schützen, um die Arbeitsfähigkeit der Zivilgesellschaft allen Angriffen zum Trotz zu erhalten. Wenn Initiativen und Vereine resilient sind und weiterhin auf Missstände wie fehlende Teilhabe, Ausgrenzungen, soziale Schieflagen und Infrastrukturprobleme hinweisen, Lösungen entwickeln und für mehr Mitbestimmung und Gerechtigkeit streiten, haben rechtsextreme Akteure keine Chance, den Demokratiebegriff zu missbrauchen und für autoritäre, antidemokratische Ziele zu instrumentalisieren.

Hier geht es zum Leitfaden.

Gefördertes Projekt

Bildungsarbeit gegen Rassismus neu gedacht: Mut aus dem Koffer

Materialien des Projekts „Mut aus dem Koffer“, Foto: SOS Kinderdorf Lausitz e.V.

Cottbuser Fachkräfte haben einen Anti-Rassismuskoffer entwickelt, der Kinder und Jugendliche sensibilisiert und Ausgrenzungen entgegenwirkt.

Von Vera Ohlendorf

In Brandenburg sind immer mehr Menschen von rassistischen Angriffen und Ausgrenzung betroffen. Laut Opferperspektive e.V. hat sich die Zahl rechtsextrem motivierter Gewalttaten 2024 erneut erhöht. Rassismus war dabei mit 130 erfassten Übergriffen das häufigste Tatmotiv. Fachkräfte beobachten, dass rassistische Äußerungen auch in Schulen und Jugendtreffs in Cottbus zunehmen.

Um sich ein umfassenderes Bild zu verschaffen, führten drei Sozialarbeiterinnen eine Umfrage an einer Oberschule durch. Die Ergebnisse bestätigten: Rassismus ist ein großes Problem. Kinder und Jugendliche mit Migrationsgeschichte erfahren alltäglich Beleidigungen und Ausschlüsse. Gleichzeitig machte die Umfrage Unsicherheiten sichtbar: Rassismus wird teilweise auch da vermutet, wo es sich um andere Formen von Beleidigungen handelt. „Wir wollten etwas tun und haben uns informiert, welche Bildungsangebote es im Themenfeld für Kinder und Jugendliche in Südbrandenburg gibt“, erzählt Judith, die als eine von drei Fachkräften am Projekt beteiligt ist. „Formate für junge Zielgruppen waren leider kaum vorhanden. Die meisten Angebote richten sich an Erwachsene. Deshalb haben wir mit dem SOS-Kinderdorf Lausitz ein eigenes Projekt gestartet.“ Der Verein ist ein Verbund präventiver und ambulanter Hilfen für Kinder und Jugendliche in Cottbus und im Landkreis Spree-Neiße.

Prävention durch Wissen

Zunächst entwickelten die Sozialarbeiterinnen, die sowohl in der Schulsozialarbeit als auch in einem offenen Jugendtreff tätig sind, einen Projekttag für siebte Klassen der Oberschule. Dabei stand die Wissensvermittlung um Rassismus, dessen Entstehung und anhaltende Wirkmacht in der Gesellschaft im Fokus. „Themen wie Kolonialisierung werden in der Schule häufig nicht im Kontext von Rassismus besprochen“, erzählt Judith. „Außerdem wird die Zeit des Nationalsozialismus erst in der zehnten Klasse behandelt. Viele Kinder und Jugendliche benutzen Begriffe wie ‚Nazi‘, ‚Hitler‘ oder ‚Rasse‘, ohne deren Bedeutungen zu verstehen.“ Der Projekttag konnte diese Lücken schließen und altersgerecht Wissen vermitteln. Nachdem alle siebten Klassen der Schule teilgenommen hatten, wurden weitere Fachkräfte auf das Angebot aufmerksam: „Wir haben viele Anfragen von anderen Schulen bekommen und haben schnell gemerkt, dass wir diese Nachfrage personell gar nicht bedienen können“, beschreibt Judith. „So sind wir auf die Idee gekommen, einen Koffer zusammenzustellen, der alle Methoden und Materialien enthält. Mit dem können die Lehrer*innen und Sozialarbeiter*innen den Projekttag ohne uns umsetzen.“ Die Entwicklung des Koffers wurde durch die Amadeu Antonio Stiftung gefördert.

Mut aus dem Koffer

Der Projekttag ist modular aufgebaut und umfasst vier Stationen. „Wir haben das Ganze für die siebten bis neunten Klassen entwickelt, die Module können aber flexibel angepasst und auch in den fünften und sechsten Klassen umgesetzt werden“, beschreibt Judith.

Wie läuft der dreistündige Projekttag aus dem Koffer genau ab? Zu Beginn werden die wichtigsten Begriffe geklärt: Was ist Rassismus überhaupt, wie ist er entstanden, von wem geht er aus und welche Auswirkungen hat er? Was bedeutet Kolonialisierung und was hat die Zeit des Nationalsozialismus mit dem Thema zu tun? „Uns ist es sehr wichtig, dass wir für den Projekttag einen rassismussensiblen Rahmen schaffen. Viele Kids sind selbst von Rassismus betroffen. Deshalb haben wir ein Awarenesskonzept entwickelt, das Teil des Projektes ist und im Koffer ausführlich beschrieben ist“, betont Judith. Nach der gemeinsamen Begriffsklärung und einem kurzen Video teilt sich die Klasse in vier Gruppen auf, die nacheinander alle Stationen bearbeiten. An einer geht es um die Reflexion von Vorurteilen. Judith beschreibt die Methode so: „Wir lassen alle ein Los ziehen, überall steht aber das Gleiche drauf. Die Aufgabe besteht darin, einen ‚typischen Jugendlichen‘ zu malen. Danach stellt die Gruppe fest, dass alle etwas anderes gemalt haben. Oder auch, dass sie eine Person gemalt haben, die nichts mit ihnen selbst zu tun hat. Anhand dessen kommen die Kinder dann über Stereotype ins Gespräch.“ Danach geht es weiter zum Thema Zivilcourage: Anhand von Alltagssituationen diskutiert die Gruppe, wie man gegen rassistische Äußerungen aktiv werden und Betroffene gut unterstützen kann. Die dritte Station vertieft das Wissen um Begriffe, die mit Rassismus und Rechtsextremismus in Verbindung stehen. An der vierten Station dreht sich die Diskussion um die Frage „Ist das schon rassistisch?“. Ziel ist es, Rassismus von anderen Diskriminierungsformen, etwa Sexismus, und Beleidigungen ohne diskriminierende Motivation unterscheiden zu lernen.

Koffer des Projekts „Mut aus dem Koffer“, Foto: SOS Kinderdorf Lausitz e.V.

„Zum Ende des Tages empfehlen wir, noch eine erwachsene Person in den Projekttag einzubinden, die selbst von Rassismus betroffen ist und von ihren Erfahrungen spricht. Das hat erfahrungsgemäß eine große Wirkung auf die Kids“, sagt Judith, die, ebenso wie ihre Mitstreiterinnen, weiß positioniert ist. „Wir haben in jeder Phase des Projektes mit Vereinen wie der Opferperspektive, der RAA und weiteren zusammengearbeitet und Feedback und Hinweise von Menschen mit Rassismuserfahrungen, zum Beispiel auch aus unserem Kollegium, eingebunden.“

Fachkräfte sensibilisieren

Auch die Fachkräfte selbst sind Zielgruppe des Projektes. Um eine hohe pädagogische Qualität und Expertise bei der Umsetzung sicherzustellen, enthält der Koffer umfangreiches Begleitmaterial: „Wir haben viel Zeit darauf verwendet, die Methoden zu beschreiben und Hintergrundinformationen zusammenzutragen. Es ist wichtig, dass die Fachkräfte verstehen, wie das Konzept funktioniert und welche Ziele an den Stationen erreicht werden sollen. Außerdem geben wir noch ein paar Ideen mit auf den Weg, wie man den Projekttag abwandeln oder weiterführen kann und haben auch Beratungs- und Unterstützungsangebote aufgeführt“, beschreibt Judith. Zusätzlich bietet das Team auch Fachkräfteschulungen an. Der Koffer wird an Schulen in Cottbus und im Spree-Neiße-Kreis sowie in Fachgremien der Sozialen Arbeit beworben, das Team erhält viel positive Resonanz. Weitere Schulungen sind für das kommende Frühjahr in Planung.

Im November 2025 wurde das Projekt mit dem Cottbuser Toleranzpreis ausgezeichnet. Mit dem Preisgeld wird ein zweiter Koffer angeschafft, denn die Nachfrage ist groß. Judith zieht ein vorläufiges Fazit: „Wir freuen uns sehr, dass das Projekt so gut angenommen wird. Wir merken aber auch, dass wir langsam an unsere Grenzen kommen. Aktuell suchen wir nach Finanzierung, um uns personell besser aufzustellen. Bis das klappt, machen wir erstmal neben unserer regulären Arbeit weiter, denn wir wollen auf jeden Fall vorankommen.“

Informationen zum Projekt gibt es auf Instagram: instagram.com/mutausdemkoffer.

Schützt Trump die AfD vor dem Verbotsverfahren?

Foto: Unsplash/Pau Casals

Die AfD ist offener rechtsextrem denn je. Die Angst vor einem Parteiverbotsverfahren scheint wie verflogen. Ein Grund für die weitere Radikalisierung heißt Donald Trump.

Von Jan Riebe

In den nächsten Wochen könnte das Verwaltungsgericht Köln die Einstufung der AfD durch das Bundesamt für Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch erstinstanzlich bestätigen. Das hätte weitgehende Folgen für Teile der Partei. Viele Mitglieder im Öffentlichen Dienst könnten die Partei verlassen. Für Beamt*innen hätte die Einstufung mitunter unmittelbare dienstrechtliche Konsequenzen. Trotzdem tritt die AfD offener rechtsextrem denn je auf. Die Angst vor einem Parteiverbotsverfahren scheint wie verflogen. Drei Gründe sind entscheidend, dass die Radikalisierung der AfD weiter geht. Einer heißt Donald Trump.

„Trump ist der Gamechanger“

Seit einem Jahr ist Donald Trump erneut US-Präsident. Der AfD ist es gelungen, sich als wichtigen Ansprechpartner der MAGA-Bewegung (Make America Great Again) in Deutschland zu etablieren. An der Amtseinführung von Trump am 20. Januar 2025 nahmen mehrere AfDler*innen teil, eingeladen durch die US-Administration. Im Wahlkampf zur Bundestagswahl warben u.a. Elon Musk und Vize-Präsident JD Vance offensiv für die Partei. Musk trat sogar per Live-Schalte beim AfD-Wahlkampfbeginn zur Bundestagswahl 2025 auf.

Die Einstufung der AfD als gesichert rechtsextremistisch im Mai 2025 durch das Bundesamt für Verfassungsschutz hatte harsche Reaktionen von führenden Vertretern der US-Regierung zur Folge. Ende Dezember 2025 melden mehrere Medien, dass die USA sogar Maßnahmen gegen deutsche Staatsdiener*innen geprüft habe – aus Verärgerung über die Einstufung. Die AfD gab sich in Teilen euphorisch. Selbst Maximilian Krah, einst Spitzenkandidat im Wahlkampf zum Europaparlament 2024, inzwischen nur noch, innerparteilich sehr umstrittener, Bundestagsabgeordneter. Noch im Sommer hatte sich Krah mit dem rechtsextremen Vorfeld und Teilen der Partei überworfen, da er vehement dafür eintritt, sich vom Konzept zur „Remigration“ des österreichischen Kopf der Identitären Bewegung, Martin Sellner, zu distanzieren. Zuletzt hatte im gescheiterten Verbotsverfahren gegen die rechtsextreme Zeitschrift Compact das Bundesverwaltungsgericht die Pläne von Martin Sellner zur „Remigration“ als verfassungswidrig eingestuft. Das könnte unmittelbare Konsequenzen für die AfD haben, warnte Krah. Distanziere man sich nicht, sei ein AfD-Verbot die unmittelbare Konsequenz. Die Gefahr sieht Krah jetzt nicht mehr. Auf X schreibt er zu den Meldungen, dass die USA Sanktionen gegen Deutschland wegen der AfD-Einstufung geprüft habe: „Womit das AfD-Verbot erledigt sein dürfte. Trump ist der Gamechanger“.

Radikalisierung als Erfolgsrezept

Dieser Rückenwind aus den USA seit dem Wahlgewinn von Trump im November 2024 beflügelt insbesondere die Radikalsten in der Partei. Man sieht sich zunehmend als unantastbar – auch durch den Verfassungsschutz und das Bundesverfassungsgericht. Dieser vermeintliche Schutzschirm des Weißen Hauses ist einer der Hauptgründe für die weiter öffentlich zur Schau gestellte steigende Radikalisierung der Partei.

Der zweite Grund liegt im guten Abschneiden bei der Bundestagswahl und den sehr guten Umfrageergebnissen für die kommenden Landtagswahlen. In Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt sieht sich die AfD kurz vor einer absoluten Mehrheit. Ob das realistisch ist oder nicht, die AfD sieht sich in der Radikalisierung als Erfolgskonzept bestätigt.

Mäßigung kaum mehr möglich

Der dritte Grund der andauernden Radikalisierung heißt Parteistruktur. Die Radikalisierung scheint inzwischen auch immanent in der Parteizusammensetzung angelegt. Selbst wenn die AfD sich taktisch mäßigen wollen würde, ist fraglich, ob sie das noch könnte.

Durch den Radikalisierungskurs ist die Parteistruktur mit ihren Mitgliedern eine wesentlich andere als noch vor fünf oder zehn Jahren. Sie sind in der Partei nicht obwohl, sondern weil sie sich stets radikalisiert. Die Partei hat sich dreimal „gehäutet“. Erst musste Bernd Lucke (2015), dann Frauke Petry (2017) und schließlich Jörg Meuthen (2021) gehen. Alle hatten versucht, der Radikalisierung etwas entgegenzustellen. Es gewannen jeweils die Radikalen. War Petry beim Sturz von Lucke selbst noch im Lager der Radikalen an seinem Sturz beteiligt, erwischte es sie nur zwei Jahre später, weil sie sich nicht schnell genug weiter radikalisierte. Sich als nicht radikal genug zu inszenieren, diesen tödlichen Karrierefehler will keine AfD-Parteiführung mehr machen.

Etappen der Radikalisierung

Einige Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit zeigen das anschaulich, aber auch, dass das Führungsduo Weidel/Chrupalla aufpassen muss, als nicht zu gemäßigt wahrgenommen zu werden:

Am 14. Januar kündigte das Ehepaar Lena und Steffen Kotré, beide AfD-Landtagsabgeordnete aus Brandenburg, eine Veranstaltung unter dem Titel „Remigration in Theorie und Praxis“ in Luckenwalde in Brandenburg mit Martin Sellner an. Eine Provokation der Vorsitzenden Chrupalla und Weidel, die sich schon länger dafür stark machen, Sellner nicht zu AfD-Veranstaltungen einzuladen. Nach einem Telefonat mit der Parteiführung sagte das Ehepaar Kotré formal die Veranstaltung ab, um im gleichen Atemzug zu erwähnen, dass sie nun „zufällig“ am gleichen Tag, zum gleichen Thema von Martin Sellner in Brandenburg eingeladen worden seien. Da Sellner jetzt der Veranstalter sei, sei es keine AfD-Veranstaltung mehr. Ann-Kathrin Müller vom Spiegel spekuliert, dass der Streit inszeniert war, um das Thema in der Öffentlichkeit zu halten. Selbst wenn dem so sein sollte, bleibt am Ende, dass die radikale Position sich durchgesetzt hat und Weidel und Chrupalla beschädigt dastehen – wie öfters in letzter Zeit.

Auch beim Streit, ob AfD-Bundestagsabgeordnete nach Russland reisen dürfen, wurde Weidel vorgeführt, unter anderem wieder von Steffen Kotré. Die Reise mehrerer AfDler nach Russland hatte im November letzten Jahres für Unruhe gesorgt. Während Chrupalla damit keine Probleme hatte, untersagte Weidel einem Abgeordneten die Reise und benannte „klare Rahmenbedingungen“ für die drei Kader, die reisen durften. Dazu zählten keine Fotos mit russischen Politiker*innen und keine Interviews mit russischen Medien. Doch in Russland angekommen, ignorierte die Reisegruppe weitestgehend die Vorgaben der Parteichefin. Auch hier zeigte sich, dass die Parteiführung nicht die Kontrolle über die Gesamtpartei hat und die Radikalsten gerne ihre Macht zeigen – auch öffentlich.

Auch die neue Parteijugend „Generation Deutschland“ geht, wie die Mutterpartei, den Weg der Radikalisierung und nicht der Mäßigung. Das hat der Gründungsparteitag gezeigt und ist auch bei den bisherigen Gründungen der Landesverbände deutlich erkennbar. In Mecklenburg-Vorpommern wählte man, trotz Unvereinbarkeitserklärung, einen ehemaligen führenden Kader der Identitären Bewegung und ehemaliges Mitglied der Jugendorganisation der NPD in den Vorstand der Generation Deutschland. Vom Bundesvorstand kam keine Kritik. Wenn verschieden Parteilager kandidieren, setzt sich das völkische Lager durch – so in Nordrhein Westfalen. Die Generation Deutschland scheint somit noch radikaler zu werden, als die aufgelöste Junge Alternative.

Der derzeitige Radikalisierungskurs der AfD lässt sich noch an vielen weiteren Punkten darlegen, wie die zunehmende Akzeptanz von Nazi-Sprüchen, auch und gerade durch Alice Weidel. Fest stehen dürfte, dass der Radikalisierungskurs nicht zeitnah beendet wird. Im März wird dies womöglich für alle noch deutlicher sichtbar, wenn „das freundliche Gesicht des NS“, Matthias Helferich, der neue starke Mann der AfD in Nordrhein-Westfalen wird. Seit Monaten kämpft der Helferich-Flügel mit dem gemäßigter auftretenden Parteiflügel um (noch) NRW-Chef Martin Vincentz um den Parteivorsitz. Alle Zeichen deuten daraufhin, dass Helferich diesen Machtkampf gewinnt. In der letzten Legislaturperiode hatte die AfD Helferich nicht in die Bundestagsfraktion aufgenommen, da er als zu radikal galt. Das hat sich geändert und Helferich wird zunehmend zu einer zentralen Machtfigur der AfD. Er verleiht der fortlaufenden Radikalisierung der AfD ein Gesicht. Das andere Gesicht der Radikalisierung ist Ulrich Siegmund, der im September Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt werden will. Im Auftreten ist er ein Gegensatz zu Helferich. Siegmund ist die Perfektion der Selbstverharmlosung, der weichgespült redet ohne einen Deut weniger radikal als Höcke & Helferich zu sein.

Greift Höcke nach dem Parteivorsitz?

Wohin die Radikalisierung führt bleibt abzuwarten. Am ersten Juliwochenende findet der AfD-Bundesparteitag in Erfurt statt, also ausgerechnet in Thüringen. Manche spekulieren, dass Höcke dort den Griff nach dem Parteivorsitz wagt. Da der Thüringer aber auch parteiintern vielen als Feigling gilt, der sich nicht zur Wahl stellt, wenn der Sieg nicht vorher ausgemacht ist, ist es eher unwahrscheinlich, dass Höcke zum Angriff auf den Parteivorsitz bläst. Zumal vor den wichtigen Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern im September wird die AfD kaum einen Streit auf offener Bühne austragen. Möglich ist aber, dass ein Vertrauensmann von Höcke antritt.

Ob das Duo Weidel/Chrupalla nochmal antritt oder es eine neu zusammengesetzte Parteispitze im Juli gibt oder erstmals nur eine Person das Amt übernimmt, am Radikalisierungskurs wird sich absehbar nichts ändern. Insbesondere die Überzeugung, durch die US-Regierung vor einem Verbotsprüfungsverfahren sicher zu sein, wird dazu führen, dass dieser Radikalisierungskurs sich auch nicht spürbar verlangsamt, wie es geschah, als die AfD das Verfahren noch ernsthaft fürchtete. Nur ein entschiedenes Handeln der politischen Ebene, die deutlich macht, dass sie solch ein Verfahren unabhängig von äußerer Einflussnahme prüft, könnte der AfD-Strategie ein Strich durch die Rechnung machen — oder Fehler der Parteiführung.

„Verhältnis zwischen der MAGA-Bewegung und der AfD nachhaltig zerrüttet“

Der Pro-Trump-Kurs von Alice Weidel ist nicht unumstritten. Teile der Partei und des rechtsextremen Vorfelds kritisieren den Kurs. Man müsse viel mehr deutsche Interessen in den Vordergrund stellen, lautet ein Vorwurf. Nach der militärischen US-Intervention in Venezuela, die auch bei den Wählenden der AfD kritisch aufgenommen wurde, reagierte Weidel auf die parteiinterne Kritik und äußerte sich ungewohnt Trump-kritisch: Der US-Präsident habe „gegen ein elementares Wahlversprechen verstoßen – und zwar sich nicht in andere Staaten einzumischen. Und das muss er seinen eigenen Wählern erklären.“, so Weidel. Das stieß in Teilen der Partei auf Zustimmung, andere zeigten sich entsetzt über die Trump-Kritik. Die Antwort aus den USA kam prompt. Der Vorsitzende der Republicans Overseas, George Weinberg, bezeichnet die Kritik von Weidel an US-Präsident Donald Trump als „einfach dumm“. Weinberg sieht das Verhältnis zwischen der MAGA-Bewegung und der AfD nachhaltig zerrüttet. Nach dieser Kritik von Weinberg äußerte sich Weidel wieder gewohnt unkritisch gegenüber Trump – wahrscheinlich das Ziel von Weinberg, Weidel und die AfD wieder auf Kurs zu bringen. Und auch Maximilian Krah warnte am Wochenende seine Partei: „Und als AfD sollten wir tunlichst einen Zoff mit Trump vermeiden, schließlich schützt der uns vor einem Verbotsverfahren“. Ob da alle in der Partei lange mitmachen, ist unwahrscheinlich. Die Politik des US-Präsident, die auch zunehmend gegen Deutschland gerichtet ist, wird zu einer Zerreißprobe für die AfD.

Dieser Artikel erschien zuerst bei Belltower.News.

Ein ungeklärter Mord und der Kampf um Erinnerung: 30 Jahre nach dem rassistischen Brandanschlag in Lübeck

Am 18. Januar 1996 wurde die Geflüchtetenunterkunft in der Hafenstraße in Lübeck Tatort eines Brandanschlags. Sieben Kinder und drei Erwachsene starben. 38 weitere Menschen wurden verletzt.. Foto: IMAGO / teutopress

Am 18. Januar 1996 wurde die Geflüchtetenunterkunft in der Hafenstraße in Lübeck Tatort eines Brandanschlags. Sieben Kinder und drei Erwachsene starben. 38 weitere Menschen wurden verletzt. Bis heute gilt der Brand als der folgenschwerste ungeklärte Brandanschlag in der Geschichte der Bundesrepublik.

Von Luisa Gehring

Gegen 3:41 Uhr ging der Notruf von Francoise Makodila bei der Feuerwehr ein. In panischer Angst rief sie „Hafenstraße! Nazis!“, während im Hintergrund bereits das Feuer wütete. Wenig später erstickten sie und ihre fünf Kinder im giftigen Rauch. Weitere Bewohner*innen starben in den oberen Stockwerken oder bei dem verzweifelten Versuch, sich über Fenster und Dächer zu retten.

Aus sicherer Entfernung beobachteten drei junge Skinheads die brennende Geflüchtetenunterkunft. Eine Polizeistreife kontrollierte die Männer und nahm sie später fest. In den Vernehmungen fielen sie durch widersprüchliche Aussagen, spezifisches Täterwissen und Brandspuren auf. Ein vierter Tatverdächtiger wurde zwar festgenommen, jedoch nicht erkennungsdienstlich behandelt und bald wieder freigelassen. Auch die anderen drei Verdächtigen waren bereits einen Tag nach der Tat wieder auf freiem Fuß.

Trotz klarer Hinweise, Zeugenaussagen und Geständnisse eines Täters wurden die vier Tatverdächtigen nicht verurteilt. Auch von staatlicher Seite wird der rassistische Anschlag nicht offiziell anerkannt.

Die Initiative Hafenstraße ’96 erinnert jährlich an die Opfer, kämpft für Aufklärung und setzt sich für eine lebendige Erinnerungskultur in Lübeck ein. Anlässlich des 30. Jahrestages haben die Aktiven eine neue Kampagne gestartet. Im Interview sprechen sie über ihre Arbeit, ihre Forderungen an die Politik und darüber, wie ein würdevolles Gedenken aussehen kann.

Amadeu Antonio Stiftung: Ihr erinnert seit vielen Jahren an den Brandanschlag in der Hafenstraße. Wie sieht eure Arbeit konkret aus?

Initiative Hafenstraße ’96: Wir organisieren jedes Jahr das Gedenken am 18. Januar in Lübeck – gemeinsam mit dem Lübecker Flüchtlingsforum e. V. Unsere Arbeit erfolgt vollständig ehrenamtlich. Dabei stehen wir im engen und regelmäßigen Kontakt mit Überlebenden und Angehörigen. Wir unterstützen sie bei verschiedenen Themen, setzen uns öffentlich für ihre Interessen ein und kämpfen für eine Aufklärung des Mordes.

Darüber hinaus organisieren wir jährlich weitere Veranstaltungen, zum Beispiel Filmvorführungen wie den Dokumentarfilm „Tod in Lübeck“. Anlässlich des 30. Jahrestages haben wir mehrere Veranstaltungen auf die Beine gestellt, um ein würdevolles und starkes Zeichen für eine lebendige Erinnerungskultur zu setzen.

Zum 25. Jahrestag haben wir eine Online-Petition für die Einrichtung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses in Schleswig-Holstein gestartet.

Den Untersuchungsausschuss gibt es immer noch nicht und ihr kritisiert auch, dass bis heute weder Täter zur Verantwortung gezogen noch der Ermittlungsskandal aufgeklärt wurde. Habt ihr Ideen, wie der Druck dazu erhöht werden kann?

In diesem Jahr, als zum 30. Jahrestag, haben wir die Kampagne #ZeitZuReden ins Leben gerufen. Mit meterhohen Plakatwänden in Lübeck und Grevesmühlen fordern wir Zeitzeug*innen von damals dazu auf, sich zu melden – entweder bei uns über eine eigens eingerichtete E-Mail-Adresse, die von einem Juristen verwaltet wird, oder direkt bei den Ermittlungsbehörden.

Vorbild für diese Kampagne ist der Brandanschlag von Saarlouis, bei dem der Täter Jahrzehnte später aufgrund einer neuen Zeugenaussage wegen Mordes verurteilt wurde.

Was fordert ihr von der Landesregierung?

Wir fordern, dass der 18. Januar einen festen Platz in der Erinnerungskultur für die Opfer rechter Gewalt in Schleswig-Holstein erhält. Außerdem halten wir weiter an der Forderung nach Einrichtung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses fest, um die damaligen Ermittlungen und Verfahren noch einmal kritisch zu beleuchten.

Wie könnte eine solche Erinnerungskultur vor Ort in Lübeck aussehen?

Wir sind der Ansicht, dass es uns in Lübeck inzwischen gelungen ist, eine würdevolle Form des Gedenkens zu etablieren. Die Überlebenden kommen seit einigen Jahren wieder regelmäßig zu den Gedenkveranstaltungen, weil wir gemeinsam eine Form gefunden haben, die ihren Bedürfnissen gerecht wird. In den vergangenen Jahren haben wir uns intensiv für eine stärkere Einbindung der Lübecker Stadtverwaltung eingesetzt, mit Erfolg. Vertreter*innen der Hansestadt Lübeck nehmen inzwischen regelmäßig an unseren Veranstaltungen teil.

Darüber hinaus fordern wir ein festes Budget für unsere Arbeit. Die Auseinandersetzung mit dem Brandanschlag sowie mit rechter Gewalt insgesamt muss ein fester Bestandteil der Bildungsarbeit an Lübecker Schulen werden. Und dafür braucht es finanzielle Mittel für politische Bildungsarbeit.

In diesem Zusammenhang halten wir auch die Gestaltung eines dauerhaften Gedenkortes für sinnvoll. Aber auch hierfür ist eine finanzielle Unterstützung notwendig.

Wie erinnert ihr als Initiative in diesem Jahr an den Brandanschlag?

Wie in jedem Jahr erinnern wir auch diesmal am 18. Januar um 12 Uhr an den Brandanschlag am Gedenkort Ecke Hafenstraße/Konstinstraße. Viele Überlebende reisen erneut an und werden das Gedenken gemeinsam mit uns gestalten. Es wird Musik und Redebeiträge geben, Besucher*innen sind eingeladen, Blumen zum Gedenken niederzulegen. Auf ausdrücklichen Wunsch der Überlebenden bitten wir jedoch darum, keine Kerzen mitzubringen.


Wir gedenken der Opfer des Brandanschlags

  • Françoise Makodila Landu
  • Christine Makodila
  • Miya Makodila
  • Christelle Makodila Nsimba
  • Legrand Makodila Mbongo
  • Jean-Daniel Makodila Nkosi
  • Monica Maiamba Bunga
  • Nsuzana Bunga
  • Sylvio Bruno Comlan Amoussou
  • Rabia El Omari

Der Brandanschlag und die fatalen Ermittlungsfehler

Trotz klarer Hinweise und Zeugenaussagen konzentrierten sich die Ermittlungen der Polizei auf die Bewohner*innen des Hauses. In einer perfiden Täter-Opfer-Umkehr, wie sie auch beim Umgang der Sicherheitsbehörden mit den NSU-Morden zu beobachten war, wurde ein libanesischer Hausbewohner verhaftet. Grundlage dafür war eine „Zeugenaussage“, wohlgemerkt aus dem Umfeld der tatverdächtigen Skinheads. Der Mann verbrachte Monate in Untersuchungshaft und wurde insgesamt zweimal unschuldig angeklagt. Erst 1997 erfolgte sein Freispruch mangels Beweisen.

Als einer der Tatverdächtigen 1998 wegen eines anderen Verbrechens inhaftiert wurde, gestand dieser gegenüber einem Justizvollzugsbeamten, die Geflüchtetenunterkunft gemeinsam mit drei Freunden in Brand gesetzt zu haben. Ein halbes Jahr später bestätigte er erneut sein Geständnis gegenüber einem Journalisten.

Die Ermittlungen wurden dennoch nicht wieder aufgenommen, der Fall wurde zu den Akten gelegt. Hinweisen auf eine rassistische Tatmotivation, die bei einem Brandanschlag gegen eine Geflüchtetenunterkunft auf der Hand liegt, wurden nicht nachgegangen.
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„Nicht genug, dass wir zehn Menschen aus unserer Mitte verloren haben. Die wirklichen Täter laufen frei herum und werden nicht weiter verfolgt.“

Stellungnahme der Überlebenden des Lübecker Brandanschlags, Frühjahr 1996

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Auch die Landesregierung Schleswig-Holstein erkennt die Opfer des Lübecker Brandanschlags nicht als Todesopfer rechter Gewalt an. Der Fall steht exemplarisch für den Umgang der Sicherheitsbehörden mit rechter Gewalt während der sogenannten Baseballschlägerjahre. Bis heute ist der Staat den Opfern und ihren Angehörigen eine Verurteilung der Täter und eine vollumfängliche Aufklärung der Tat schuldig. Trotz der erdrückenden Beweise und des Geständnisses gilt der Brand offiziell als Folge eines technischen Defekts.

Thema: Rassismus

Petition: Jede Stunde zählt – Protestierende im Iran unterstützen, Regime isolieren!

Seit dem 28. Dezember protestieren Millionen mutiger Menschen im Iran unter Lebensgefahr gegen das bestehende Regime. Diese Proteste sind keine vereinzelten Unruhen – sie sind der klare Ausdruck eines Volkes, das Freiheit, Würde und Grundrechte einfordert.

Das Regime im Iran führt einen systematischen Krieg gegen die eigene Bevölkerung. Internet und Kommunikation werden blockiert, um Gewalt zu vertuschen. Sicherheitskräfte schießen mit scharfer Munition auf unbewaffnete Demonstrierende. Tausende Menschen wurden bereits getötet, verhaftet oder verletzt. Die Revolutionsgarden sind zentral an der Niederschlagung der Proteste beteiligt und kontrollieren zahlreiche Krankenhäuser, in denen Verletzte keine Hilfe erhalten, sondern verhaftet werden.

Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz hat öffentlich erklärt, dass das Regime am Ende ist. Jetzt müssen diesen Worten Taten folgen. Wer in dieser Lage bei Appellen stehen bleibt, akzeptiert faktisch die Gewalt. Jeder Tag des Zögerns kostet Menschenleben.

Deutschland muss jetzt sichtbar an der Seite der Protestierenden stehen.

Wir fordern die politische, wirtschaftliche und diplomatische Isolation des Regimes und rufen die Bundesregierung zu sofortigem Handeln auf:

  1. Unverzügliche Ausweisung des iranischen Botschafters aus Deutschland und Rückruf des deutschen Botschafters aus Teheran – noch heute. Dies ist ein wichtiges Signal an die Menschen im Iran. Ein Regime, das permanent Verbrechen gegen die eigene Bevölkerung begeht, darf nicht weiter diplomatisch normal behandelt werden.
  2. Sofortiges nationales Betätigungsverbot der Revolutionsgarden in Deutschland – noch vor der EU-Terrorlistung. Die Revolutionsgarden sind das zentrale Repressionsinstrument des Regimes. Ihre Aktivitäten in Deutschland müssen sofort verboten und ihre EU-Terrorlistung vorangetrieben werden.
  3. Aufnahme politischer Gespräche mit demokratischen, säkularen iranischen Menschenrechtsorganisationen und Oppositionellen. Deutschland muss klar zeigen, wen es unterstützt: Die Menschen im Iran, nicht ihre Unterdrücker und Henker.

Jetzt entscheidet sich, ob Freiheit im Iran eine Chance hat. Erstmals seit Jahrzehnten besteht eine reale Chance auf politischen Wandel. Der Westen muss jetzt entschlossen handeln. Die Menschen im Iran dürfen nicht allein gelassen werden!

Hier geht es zur Petition.

Erstunterzeichner*innen:

  • Elio Adler, Vorsitzender der WerteInitiative e. V.
  • Mina Ahadi, Frauen- und Menschenrechtlerin
  • Prof. Dr. Marina Allal, Freie Universität Berlin
  • Tahera Ameer, Lars Repp und Timo Reinfrank, Vorstand Amadeu Antonio Stiftung
  • Dr. Michael Moses Arndt, MdB (Die Linke)
  • Seyran Ateş, Gründerin der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin
  • Lisa Badum, MdB (Bündnis 90/Die Grünen)
  • Hiwa Bahrami, Leiter für internationale Beziehungen, Demokratische Partei Kurdistan Iran (PDKI)
  • Güner Yasemin Balci, Autorin und Integrationsbeauftragte Berlin Neukölln
  • Volker Beck, Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft e.V.
  • Dr. Ulrike Becker, Amadeu Antonio Stiftung
  • Deidre Berger, Programmleiterin Tikvah Institut
  • Christian Berkel, Schauspieler
  • Prof. Dr. Julia Bernstein, Frankfurt University of Applied Sciences, Vorsitzende des Netzwerks jüdischer Hochschullehrender in Deutschland, Österreich und Schweiz
  • Jakob Blankenburg, MdB (SPD)
  • Franziska Brantner, Bundesvorsitzende Bündnis 90/Die Grünen
  • Elmar Brok, ehem. Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Europäischen Parlaments (CDU)
  • Gitta Connemann, MdB (CDU)
  • Ron Dekel, Präsident der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD)
  • Christian Dürr, Bundesvorsitzender der FDP
  • Prof. Dr. Tobias Ebbrecht-Hartmann, Hebräische Universität Jerusalem
  • Henny Engels, Berlin
  • Christian Eymery, Vizepräsident der Deutsch-Ukrainischen Gesellschaft – Für unsere und eure Freiheit e.V.
  • Saba Farzan, deutsch-iranische Publizistin
  • Jochen Feilcke, Vorsitzender DIG Berlin und Brandenburg e.V.
  • Prof. Dr. Dr. Michel Friedman
  • Ralf Fücks, Zentrum Liberale Moderne
  • Benno Fürmann, Schauspieler
  • Constantin Ganss, Vizepräsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft
  • Dr. Kamran Ghaderi, österreichischer Staatsbürger, Menschenrechtsaktivist, von 2016 bis 2023 in Geiselhaft im berüchtigten Evin Gefängnis im Iran.
  • Mostafa Ghazizadeh, Vertreter Auslandsbeziehungen der Demokratischen Partei Kurdistan Iran in Deutschland
  • Uschi Glas, Schauspielerin
  • Katrin Göring-Eckardt, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages a. D.
  • Prof. Stephan Grigat, Professor für Theorien & Kritik des Antisemitismus, Leiter des Centrums für Antisemitismus- & Rassismusstudien
  • Amir Gudarzi, Autor und Dramatiker
  • Eren Güvercin, Alhambra Gesellschaft e.V.
  • Roya Hakakian, Autorin
  • Rebecca Harms, MdEP a.D. (Bündnis 90/Die Grünen)
  • Simone Dinah Hartmann, Gründerin von STOP THE BOMB
  • Deborah Hartmann, Direktorin der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz
  • Patrick Heinemann, Rechtsanwalt
  • Prof. Jeffrey Herf, Emeritus, University of Maryland, College Park, USA
  • Dieter Hermann
  • Sigrid Herrmann, Islamismusanalystin und Publizistin
  • Susanne Krause Hinrichs, Geschäftsführerin Stiftung für Toleranz und Völkerverständigung
  • Prof. Dr. Heribert Hirte, Köln
  • Elfriede Jelinek, Schriftstellerin
  • Anetta Kahane, Autorin und Gründerin der Amadeu Antonio Stiftung
  • Prof. Dr. jur. Matthias von Kaler, Berlin
  • Vivian Kanner, Sängerin und Schauspielerin
  • Prof. Dr. Guy Katz, München gegen Antisemitismus
  • Roderich Kiesewetter, MdB (CDU), Obmann im Auswärtigen Ausschuss
  • Hellmut Königshaus, Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages a.D.
  • Prof. Dr. Ruud Koopmans, Soziologe
  • Philip Krämer, MdB a.D. (Bündnis 90/Die Grünen)
  • Valerio Krüger, Sprecher des Vorstands der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte IGFM
  • Matthias Küntzel, Politikwissenschaftler
  • Stella Leder, Autorin, Dramaturgin und Leiterin des Instituts für Neue Soziale Plastik
  • Klaus Lederer, MdA
  • Dr. Nikolas Lelle, Amadeu Antonio Stiftung
  • Prof. Dr. Stefan Liebig, Hochschullehrer
  • Helge Lindh, MdB (SPD)
  • Max Lucks, MdB (Bündnis 90/ Die Grünen)
  • Oliver Masucci, Schauspieler
  • Dr. Gudrun Schittek MdHB, Bezirk Harburg-Wahlkreis Süderelbe, GRÜNE Bürgerschaftsfraktion Hamburg
  • Resa Memarnia, Politikwissenschaftler
  • Hesam Misaghi, Aktivist
  • Kazem Moussavi, Sprecher Green Party of Iran in Deutschland
  • Frank Müller-Rosentritt, MdB a.D. (FDP)
  • Rabbiner Prof. Dr. Andreas Nachama, Synagoge Sukkat-Schalom in Berlin
  • Fathiyeh Naghibzadeh, Mitgründerin Mideast Freedom Forum Berlin
  • Olga Neuwirth, Komponistin
  • Thomas von der Osten-Sacken, freier Publizist
  • Carsten Ovens, CEO European Leadership Network
  • Prof. Dr. hc. Karl-Heinz Paqué, Vorstandsvorsitzender der Friedrich Naumann Stiftung für die Freiheit, Präsident der Liberalen Internationale
  • Dr. Nora Pester, Verlegerin
  • Hourvash Pourkian, Vorsitzende Frauen in Führung – Frau Leben Freiheit
  • Eva Quistorp, MdEP a.D. (Bündnis 90/Die Grünen), Theologin und Feministin
  • Julien Reitzenstein, Historiker und Autor
  • Prof. Lars Rensmann, Universität Passau
  • Barbara Richstein, Vizepräsidentin des Landtages Brandenburg a.D.
  • Reinhold Robbe, Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages a. D.
  • Sebastian Roloff, MdB (SPD)
  • Mirjam Rosenstein, NAFFO
  • Michael Roth, Staatsminister a. D., Publizist
  • Andrea Sawatzki, Schauspielerin
  • Esther Schapira, Journalistin
  • Lasse Schauder, Bundesvorsitzender des Jungen Forums der Deutsch-Israelischen Gesellschaft
  • Prof. Dr. Dr. Thomas Schirrmacher, Internationaler Präsident, International Society for Human Rights
  • Rebecca Schönenbach, Frauen für Freiheit
  • Prof. Dr. Susanne Schröter, Goethe-Universität Frankfurt
  • Gazelle Sharmahd, Freedom Advocate, daughter of German-American kidnapped and killed hostage Jamshid Sharmahd
  • Prof. Dr. Vladimir Shikhman, Professor für Wirtschaftsmathematk, TU Chemnitz und Mitglied im Netzwerk Jüdischer Hochschullehrender e. V.
  • Thorsten Sommer, DJ Phonatic
  • Michael Spaney, Direktor Mideast Freedom Forum Berlin
  • Sacha Stawski, Vorsitzender Honestly Concerned e.V.
  • Prof. Dr. Karin Stögner, Universität Passau
  • Dr. Kim Robin Stoller, Vorsitzende, Internationales Institut für Bildung, Sozial- und Antisemitismusforschung (IIBSA)
  • Markus Töns, MdB (SPD)
  • Ali Ertan Toprak, Bundesvorsitzender Kurdische Gemeinde Deutschland
  • Hanna Veiler, Präsidentin der European Union of Jewish Students (EUJS)
  • Prof. Gert Weisskirchen, MdB a.D. (SPD)
  • Johannes Winkel, MdB (CDU), Bundesvorsitzender der Jungen Union Deutschlands
  • Sabina Wolf, Journalistin für Politik und Wirtschaft
  • Prof. Dr. Oliver von Wrochem, Leitung KZ-Gedenkstätte Neuengamme
  • Ayande – Jugendverband e. V.
  • Azadi Berlin
  • Bajszel, Programmschenke Berlin
  • Deutsch-Israelische Gesellschaft e.V.
  • DIG Augsburg-Schwaben e.V.
  • DIG Berlin und Brandenburg e.V.
  • European Leadership Network (ELNET), Berlin
  • European Union of Jewish Students
  • First-Aid-Iran
  • Gesellschaft für kritische Bildung
  • Honestly Concerned e.V.
  • Israeli Community Europe e.V.
  • JSUD, Ron Dekel
  • JuFo – Junges Forum der Deutsch-Israelischen Gesellschaft e.V.
  • Mideast Freedom Forum Berlin
  • Tikvah Institut
  • Werteinitiative. jüdisch-deutsche Positionen e.V.
  • Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas
Thema: Allgemein

Naomi Elektra Bruhn: Zwischen kollektivem Trauma und sozialem Zusammenhalt nach dem 7. Oktober: Eine qualitative Interviewstudie in den Kibbuzim Magen, Kfar Aza und Nahal Oz

Wie reflektieren Kibbuzbewohner*innen in der Grenzregion zum Gazastreifen die Ereignisse des 7. Oktober 2023 – und was folgt daraus für ihre Gemeinschaft, Identität und Zukunft? Eine qualitative Interviewstudie aus den Kibbuzim Kfar Aza, Nahal Oz und Magen zeigt Dynamiken von Zusammenhalt und Konflikt, zivilgesellschaftlicher Solidarität und enttäuschten Schutzerwartungen – ebenso wie die tiefgreifenden Ambivalenzen im Verhältnis zur Nachbarschaft in Gaza.

Naomi Elektra Bruhn ist Masterstudentin der Soziologie und Volkswirtschaftslehre an der Universität Hamburg. Ihr akademischer und journalistischer Schwerpunkt liegt auf den Auswirkungen des 07. Oktobers auf die israelischen Kibbuzim in der Grenzregion zu Gaza. Zudem ist sie als Referentin zu Antisemitismus und Theorien der politischen Ökonomie tätig.

Der [transfer] mit Naomi Elektra Bruhn findet am 5. Februar 2026, 19 Uhr bei YouTube im Livestream hier statt.

In der Veranstaltungsreihe [transfer] der Amadeu Antonio Stiftung stellen (angehende) Wissenschaftler*innen ihre Forschungs- und Abschlussarbeiten zu Antisemitismus und Jüdischen Studien vor. Kurz, bündig und zum Transfer in die außerakademische Welt. Seit 2023 gibt es eine Kooperation mit der Initiative Interdisziplinäre Antisemitismusforschung, die uns einen direkten Zugang zu spannenden und relevanten Forschungsprojekten ermöglicht.

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Social Media Netiquette der Amadeu Antonio Stiftung

Wir freuen uns über Dialog, Austausch und konstruktive Kritik auf unseren Social-Media-Kanälen und unserer Website. Damit Diskussionen für alle sicher, respektvoll und bereichernd bleiben, gelten die folgenden Regeln. Mit deiner Interaktion erkennst du diese Richtlinien an.
Diese Netiquette gilt für die Social-Media-Kanäle der Amadeu Antonio Stiftung (Instagram, YouTube, Threads, Facebook, Bluesky, X/Twitter, YouTube, TikTok und LinkedIn) sowie für alle weiteren von uns moderierten Online-Bereiche.

1. Unser Anspruch: Respektvoll, sachlich, solidarisch

Wir möchten eine demokratische und respektvolle Debattenkultur fördern.
Dazu wünschen wir uns:

  • einen freundlichen und respektvollen Umgangston, auch bei kontroversen und polarisierenden Themen
  • sachliche Argumente statt persönliche Angriffe
  • Beiträge, die zum Thema des jeweiligen Posts passen
  • konstruktive Kritik, die auf Dialog statt auf Eskalation setzt

2. Was wir nicht dulden

Um unsere Community zu schützen, werden folgende Inhalte entfernt und ggf. gemeldet:

  • Menschenfeindliche oder diskriminierende Inhalte
  • rassistische, antisemitische, sexistische, queerfeindliche, ableistische oder sonstige abwertende Äußerungen
  • Verherrlichung oder Verharmlosung rechtsextremer Ideologien
  • Verschwörungserzählungen, die auf Feindbildern und Hetze basieren oder diese befeuern
  • gezielte Desinformation oder Verbreitung widerlegter Falschbehauptungen

Weitere unerwünschte Inhalte

  • Beleidigungen, Verleumdungen oder persönliche Angriffe
  • Gewaltandrohungen oder Aufrufe zu Straftaten
  • Inhalte, die Rechte Dritter verletzen (Urheberrecht, Persönlichkeitsschutz)
  • Spam, Werbung, Kettenbriefe oder massenhafte Wiederholungen
  • Off-Topic-Beiträge ohne Bezug zum jeweiligen Post

Bei strafrechtlich relevanten Inhalten erfolgt eine Anzeige bei den zuständigen Behörden.

3. Moderation und Konsequenzen

Wir üben auf unseren Kanälen das digitale Hausrecht aus.
Das bedeutet:

  • Kommentare können verborgen, gelöscht oder an die Plattformbetreiber gemeldet werden.
  • Bei wiederholten oder besonders schweren Verstößen behalten wir uns vor, Nutzer*innen temporär oder dauerhaft zu blockieren.
  • Gegebenenfalls machen wir Moderationsentscheidungen transparent, um unserer Community Orientierung zu geben.
  • Wir reagieren auch dann, wenn Inhalte nicht strafbar sind, aber gegen unsere Grundwerte und Gesprächsregeln verstoßen.

4. Für eine starke, demokratische Online-Kultur

Wir danken allen Nutzer*innen, die sich sachlich, solidarisch und konstruktiv beteiligen. Indem wir gemeinsam klare Grenzen gegen Hass und Desinformation setzen, schaffen wir Räume für demokratische Debatten, in denen sich alle sicher äußern können.

Gegenwind 2026 – Fonds gegen Rechtsextremismus

Foto: IMAGO/Christian Heilwagen

Ihr verteidigt die Demokratie – wir fördern eure Initiative!

Rechtsextreme Akteur*innen gewinnen an Einfluss, demokratische Institutionen werden delegitimiert und demokratiefeindliche Ideologien dringen in den Alltag vor. Desinformation, Verschwörungserzählungen und Antisemitismus prägen öffentliche Debatten. Rassismus, Abwertung und Ausgrenzung sind für viele Menschen bittere Realität.

In Krisenzeiten zeigt sich: Demokratie braucht mehr als formale Verfahren. Sie braucht Menschen, die sich einmischen, Verantwortung übernehmen und Gegenentwürfe zur autoritären Zuspitzung verteidigen. Dafür ist eine starke, handlungsfähige Zivilgesellschaft unverzichtbar.

Ihr leistet diese Arbeit – oft unter hohem Druck. Ihr begegnet Angst, Ohnmacht und Vereinzelung mit Solidarität, Unterstützung und konkreten Möglichkeiten zum Engagement. Ihr schafft und sichert Räume, in denen rechtsextreme Ideologien keinen Platz haben. Ihr unterstützt Menschen, die von rechtsextremer, rassistischer oder antisemitischer Gewalt betroffen oder bedroht sind. Ihr haltet demokratische Räume offen – auch dort, wo Engagement zunehmend angegriffen, delegitimiert oder eingeschüchtert wird, insbesondere in kleineren Städten und ländlichen Regionen.

Vor und nach den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern verschärft sich diese Situation. Rechtsextreme Akteur*innen nutzen gesellschaftliche Krisen, um demokratische Institutionen zu schwächen und Menschen gegeneinander auszuspielen. Umso wichtiger ist eine Zivilgesellschaft, die Haltung zeigt, Schutz organisiert und demokratische Praxis verteidigt. Es braucht Orte, an denen Menschen solidarisch zusammenkommen, Konflikte aushandeln und gemeinsam handlungsfähig bleiben. Dabei möchten wir euch unterstützen.

Förderschwerpunkte

Der Schwerpunkt der Gegenwind-Förderung liegt in den ostdeutschen Bundesländern. Wir möchten insbesondere Initiativen aus Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt ermutigen, vor und nach den Landtagswahlen Projekte zu entwickeln und Anträge zu stellen.
Auch Projekte aus kleinstädtischen und ländlichen Räumen in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und dem Saarland sind besonders eingeladen, sich zu bewerben.

Förderhöhe und Kriterien

Gefördert werden Projekte mit bis zu 2.500 Euro, in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt bis zu 5.000 Euro, die:

  • sich klar gegen Rechtsextremismus positionieren und menschenfeindlichen Ideologien widersprechen;
  • Begegnungs-, Schutz- oder Beteiligungsräume schaffen oder erhalten, in denen diskriminierungssensible Debatten möglich sind, solidarischer Zusammenhalt gestärkt und demokratische Teilhabe gefördert wird;
  • zivilgesellschaftliches Engagement für Demokratie stärken, neue Initiativen und Bündnisse unterstützen, vernetzen oder Maßnahmen gegen rechtsextreme Normalisierung umsetzen;
  • Teilhabe, Selbstvertretung, Sicherheit und Resilienz von Menschen stärken, die von rechtsextremer, rassistischer oder antisemitischer Gewalt betroffen oder bedroht sind;
  • sich mit Umbrüchen demokratischer Kultur und rechtsextremer Instrumentalisierung gesellschaftlicher Krisen auseinandersetzen;
  • rechtsextreme, antisemitische und rassistische Ideologien analysieren und wirksame Gegenstrategien entwickeln;
  • solidarische Kooperationen fördern, etwa zwischen ost- und westdeutschen oder zwischen städtischen und ländlichen Initiativen.

Kosten für Sicherheitsmaßnahmen, etwa zur Absicherung von Veranstaltungen oder Räumen, können beantragt werden.

Wir danken unseren zahlreichen Spender*innen sowie der Kampagnen-Plattform Campact, die diese Förderung mit ermöglichen.

Hinweise zur Antragstellung

  • Bevorzugt gefördert werden Initiativen, die breite Allianzen bilden und z. B. landwirtschaftliche Betriebe, Sportvereine, freiwillige Feuerwehren, Senior*inneneinrichtungen oder Selbstvertretungen für Menschen mit Behinderungen einbeziehen.
  • Wir stehen euch beratend zur Seite. Unsere Kontaktdaten findet ihr hier.
  • Bitte stellt eure Anträge über unser digitales Antragsformular.
  • Anträge können ganzjährig eingereicht werden, solange Fördermittel verfügbar sind.
  • Es gelten unsere allgemeinen Förderkriterien und Regelungen zur Antragstellung

Der Anschlag von Magdeburg: Ein Jahr danach

Ein Jahr nach dem Anschlag beschäftigt viele weiterhin die Frage nach dem Motiv. Magdeburg zwischen Trauer, Aufarbeitung und der Frage, wer gehört wird.

Von Lisa Geffken und Jakob Roßa

Vor einem Jahr verwandelte sich der Magdeburger Weihnachtsmarkt in einen Ort des Grauens. Heute ist er wieder hell erleuchtet. Es ist eine friedliche, fröhliche Szene, die für manche schwer zu ertragen ist. Während Besucher*innen in Vorfreude auf das nahende Weihnachtsfest über den Platz schlendern, kämpfen andere noch immer mit den Schatten des 20. Dezembers 2024: Angehörige, die ihre Liebsten verloren haben, Verletzte, deren Wunden nicht heilen wollen, und Menschen, die sich fragen, ob gesellschaftlich eigentlich wirklich verstanden wurde, was damals geschah. Der Jahrestag des Anschlags ist mehr als ein Datum des Gedenkens. Er ist ein Prüfstein dafür, wie ernst die Stadt Magdeburg und Deutschland die Auseinandersetzung mit rechtsextremer Gewalt, die Gefahr des Vergessens und den empathischen Umgang mit Betroffenen nehmen.

Der Anschlag und die Frage nach dem Motiv

Am 20. Dezember 2024 fährt ein Mann mit einem Auto in den Magdeburger Weihnachtsmarkt am Alten Markt. Sechs Menschen werden getötet, über 300 verletzt, viele davon schwer. Ein neues Gutachten stellt nun die bisherigen Ermittlungen grundlegend infrage: Der Anschlag ist demnach eindeutig politisch motiviert, eine terroristische Tat mit rechtsextremer und verschwörungsideologischer Motivation. Zu diesem Ergebnis kommt der Sozial- und Islamwissenschaftler Hans Goldenbaum in einem Gutachten für den Untersuchungsausschuss des Landtags von Sachsen-Anhalt. Damit widerspricht der Sachverständige für politischen Extremismus deutlich der bisherigen Einschätzung von Generalbundesanwalt und Landeskriminalamt, die den Anschlag als Tat eines isolierten Einzeltäters ohne klare Prägung bewertet hatten.

Das Gutachten untersucht die ideologische Motivation des Täters Taleb A., eines aus Saudi-Arabien stammenden Mediziners. Zwar war er in keine organisierten rechtsextremen Strukturen eingebunden und entsprach nicht dem gängigen Bild eines Rechtsextremisten. Dennoch zeigen seine Weltanschauung, die Wahl des Tatorts und seine Erklärungen deutliche Bezüge zur rechtsextremen Erzählung einer angeblichen „Islamisierung Europas“. Diese Tatideologie speist sich aus einem verschwörungsideologischen und islamfeindlichen Weltbild, das stark vom transnationalem Rechtsextremismus geprägt ist.

Online-Radikalisierung in islamfeindlichen Milieus

Seit den 2010er-Jahren war der Täter in Onlineforen und auf X (ehemals Twitter) aktiv. Anfangs veröffentlichte er vor allem religionskritische Beiträge, später zunehmend militant islamfeindliche Inhalte. In seinen Posts stellte er Muslim*innen als homogenes, feindliches Kollektiv dar und bezeichnete den Islam wiederholt als zivilisationsfeindlich. Er bewegte sich dabei in einem Freund-Feind-Schema zwischen Islam auf der einen und Anders- bzw. Nichtgläubigen auf der anderen Seite.

Das Institute for Strategic Dialogue (ISD) bestätigt diese Beobachtungen in seiner Analyse des X-Profils von Taleb A. Darin finden sich etwa Formulierungen, die den Islam als „schlimmer als die Pest“ bezeichnen, sowie geteilte Zitate, in denen behauptet wird, es sei „Zeit, dass wir zugeben, dass wir uns nicht im Krieg gegen den ‚Terrorismus‘ befinden. Wir befinden uns im Krieg mit dem Islam“.

Das Narrativ vom „islamischen Krieg Deutschlands“

Ein zentrales Motiv der Tat war die rechtsextreme Erzählung einer „Islamisierung Europas“ beziehungsweise eines „großen Austausches“. Laut Goldenbaums Gutachten glaubte Taleb A., der deutsche Staat betreibe aktiv eine solche „Islamisierung“ – ein Kernmotiv rechtspopulistischer und rechtsextremer Diskurse. In seiner Vorstellung führte Deutschland einen „islamischen Krieg“, dessen Ziel die „Verbreitung des Islams in Europa“ sei.

Besonders brisant: Taleb A. war überzeugt, Regierung und Sicherheitsbehörden setzten diese vermeintliche „Islamisierung“ gezielt um – unter anderem durch die angebliche Verfolgung und Unterdrückung islamkritischer Aktivist*innen. So retweetet er etwa einen Beitrag der AfD-Vorsitzenden Alice Weidel mit dem Kommentar, die „deutsche Polizei (sei) der echte Treiber des Islamismus in Deutschland“.

Im Jahr 2024 verschärften sich seine Rhetorik und Drohungen deutlich. Taleb A. bezeichnete Gewalt zunehmend als „Notwehr“ gegen eine angeblich islamisierte Regierung. Er forderte die Todesstrafe für die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel, die er für die Zuwanderung von Geflüchteten verantwortlich machte, und verglich die deutsche Regierung mit dem Islamischen Staat (IS).

Der Täter und die „Counter-Jihad“-Bewegung

Laut den Gutachten von Goldenbaum und dem ISD war der Täter Teil einer transnationalen rechtsextremen Diskursgemeinschaft. Im Jahr des Anschlags teilte er verstärkt Inhalte einschlägiger Accounts, die sich gegen den Islam und Zuwanderung von muslimischen Menschen wendeten. Allein in den zwölf Wochen vor dem Anschlag verbreitete er 35 Beiträge des rechtsextremen Kanals „RadioGenoa“ sowie 14 Beiträge einer rechtsextremen Influencerin.

Nach Einschätzungen des ISD handelte der Täter im Einklang mit der Ideologie der sogenannten „Counter-Jihad-Bewegung“, die durch rechtsextreme Parteien immer mehr Einzug in den politischen Mainstream erhält. „In vielen Beiträgen zeigte der mutmaßliche Attentäter seine Unterstützung für rechtsextreme Politiker und Parteien, die eine antimuslimische Idee vertreten. Dazu gehörten die in Teilen rechtsextreme Partei Alternative für Deutschland (AfD) sowie internationale rechtsextreme Politiker*innen und Aktivisten wie Geert Wilders aus den Niederlanden und Tommy Robinson aus dem Vereinigten Königreich“, heißt es in der ISD-Analyse.

Die „Counter-Jihad“-Bewegung vereint seit einigen Jahren antimuslimische Influencer*innen, Thinktanks, Bewegungen und Parteien. Im Kern ihrer Ideologie steht die Vorstellung, der Islam bedrohe den Fortbestand westlicher Gesellschaften. Migration und Multikulturalismus würden eine islamische Unterwanderung Europas fördern. Der Täter von Magdeburg teilte und verbreitete diese verschwörungsideologischen Überzeugungen – bis sie letztlich zur Tat führten.

Betroffene kämpfen bis heute mit den Folgen und für ein würdevolles Gedenken

Während der Prozess und die Gutachten versuchen, die ideologischen Grundlagen der Tat zu fassen und juristisch einzuordnen, bleibt eine andere, nicht weniger wichtige Perspektive oft unterbeleuchtet: die der Menschen, deren Leben der Anschlag aus der Bahn gerissen hat. Hinter den Getöteten, Verletzten und Betroffenen stehen Familien, die trauern, Verletzte, die immer noch mit den Folgen der Tat kämpfen, sowie Augenzeug*innen und Ersthelfer*innen, die mit den Erinnerungen an diesen Tag weiterleben müssen. Wie eine Gesellschaft mit diesen Betroffenen umgeht, sagt am Ende ebenso viel über ihr Selbstverständnis aus wie die Frage, welche Motive dem Täter zugesprochen werden.

Die ARD-Dokumentation „Lange Schatten – Ein Jahr nach dem Anschlag in Magdeburg“ zeigt eindrucksvoll, wie viel die einfühlsame Begleitung und Unterstützung durch Hilfskräfte und psychosoziale Beratung bedeuten. Diese Formen des Beistands sind mehr als Akuthilfe. Denn sie sind Ausdruck einer Haltung, die Menschen in ihrer Verletzlichkeit stärkt. Doch nicht alles, was seither geschah, wurde von Angehörigen als sensibel empfunden. Einige zeigten sich irritiert und verletzt, dass bereits ein Jahr nach dem Anschlag am Tatort wieder ein Weihnachtsmarkt stattfindet. Und damit an genau jenem Ort, an dem ihre Liebsten ums Leben kamen. Angehörige kritisieren zudem, dass seitens der Stadt Magdeburg nach dem Anschlag zu wenig mit ihnen gesprochen und Fehler im Umgang mit ihnen gemacht wurden. Für sie scheint die Rückkehr zum Alltag zu früh, zu schmerzhaft und als Zeichen, dass gesellschaftliche Erinnerung oft schneller verblasst als der Verlust selbst.

Die Instrumentalisierung der Tat schürt neue Ängste und Gewalt

Die Tat hat nicht nur Leben zerstört, sondern auch neue Ängste geschürt, insbesondere unter Muslim*innen und als muslimisch wahrgenommenen Menschen, die in den Wochen danach vermehrt Anfeindungen und Übergriffe erfuhren. Aus migrantischen Selbstorganisationen heraus sind nach dem Anschlag Initiativen entstanden, die das Sicherheitsgefühl von Menschen mit Migrationsgeschichte in der Stadt stärken sollen. Das Projekt „Das Sicherheitsgefühl von Menschen mit Migrationsgeschichte in Magdeburg erhöhen“, das vom Landesnetzwerk Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt (LAMSA) e. V. von März bis Mai 2025 umgesetzt und durch die Amadeu Antonio Stiftung gefördert wurde, reagierte direkt auf das anhaltende Klima der Verunsicherung unter Magdeburger*innen mit Migrationsgeschichte, die seit dem Anschlag deutlich häufiger von Diskriminierungen, Bedrohungen und körperlichen Angriffen betroffen sind. Im Rahmen des Projekts wurden Betroffenen Taschenalarme zur Verfügung gestellt, um ihnen mehr Sicherheit im Alltag zu geben und das Bewusstsein für Zivilcourage in der Stadt zu stärken. Das Ziel war klar: konkrete Hilfe im Alltag leisten und zugleich sichtbar machen, dass jede Form von Rassismus und Gewalt eine Antwort aus Solidarität braucht.

Diese Welle rechtsextremer Gewalt macht deutlich, wie gefährlich die Logik von Hass und Ausgrenzung ist, die der Täter selbst reproduzierte. Nach solch erschütternder Gewalt kann es keine Antwort in Gegenhass geben. Was direkt nach der Tat angebracht war, gilt auch heute, am ersten Jahrestag: Es zählt, die Betroffenen schützend in die Mitte der Gesellschaft zu nehmen, ihnen zuzuhören, ihre Erfahrungen ernst zu nehmen und ihnen die Solidarität zu geben, die staatliche Institutionen und Öffentlichkeit viel zu oft nur verspätet leisten.

Politische Einstellungen sind nicht an Herkunft gebunden

Ein Gedenken, das die Perspektive der Betroffenen ins Zentrum rückt, muss daher auch anerkennen, wo Aufarbeitung und Erinnerungspolitik blinde Flecken aufweisen. Die Initiative „München OEZ erinnern“, die sich nach dem rechtsextremen Attentat im Olympia-Einkaufszentrum 2016 gründete, hat schmerzlich erfahren, wie lange es dauern kann, bis eine rassistische oder rechtsextreme Motivation anerkannt wird. Erst recht, wenn der Täter selbst eine Migrationsgeschichte hat. Nach dem Anschlag von Magdeburg wiesen sie auf diese Parallelen hin: „Politische Einstellungen sind nicht an Herkunft gebunden“, schrieben sie in einem Statement. Dieser Vergleich macht deutlich, dass gesellschaftliche und mediale Deutung von Gewalttaten oft entlang von Herkunft und Identität verzerrt wird und dass Gerechtigkeit und Empathie nur dort beginnen, wo man allen Opfern dieselbe Anerkennung und Respekt entgegenbringt.

Wie die Stadt, Politik und Zivilgesellschaft mit diesem Spannungsfeld zwischen Erinnerung und Alltag umgehen, zeigt sich nun am ersten Jahrestag und daran, wie dieser Raum des Gedenkens gestaltet ist.

Gedenken, Respekt und Solidarität gehören zusammen

Ein Jahr nach dem Anschlag ist Magdeburg erneut zum Ort des Innehaltens geworden. Zum ersten Jahrestag der Tat kommen Überlebende, Betroffene, Zivilgesellschaft, Vertreter*innen aus Politik und religiösen Gemeinschaften zusammen, um der Opfer zu gedenken. Angehörige und Unterstützer*innen betonten im Vorfeld, dass der Ort des Gedenkens nicht nur symbolisch, sondern emotional aufgeladen ist. Doch nach der Kritik von Angehörigen und Betroffenen an der Stadt in den Monaten nach dem Anschlag, wurde in diesem ersten Jahr nach dem Anschlag offenbar gelernt und die Zivilgesellschaft frühzeitig einbezogen.

Gleichzeitig zeigt sich rund um den Jahrestag auch, wie lebendig und entschlossen zivilgesellschaftliches Engagement in Magdeburg ist. Begleitend zum Gedenken in der Magdeburger Johanneskirche organisiert ein breites Bündnis aus Religionsgemeinschaften und Zivilgesellschaft am 20. Dezember ab 18:00 Uhr eine Menschen-Lichter-Kette um den Weihnachtsmarkt am Alten Markt. Unterstützt von der Stadt verteilen Engagierte mehrere tausend Kerzen für eine menschliche Lichterkette und zeigen, dass „Gedenken, Respekt und Solidarität“ in ihrer Stadt zusammengehören. Für viele ist dieses gemeinschaftliche Handeln nicht nur ein Symbol des Zusammenhalts, sondern eine klare Absage an den Hass, den der Täter mit seiner Tat befördern wollte.

Über die Autor*innen: Lisa Geffken und Jakob Roßa arbeiten im Kompetenzzentrum Rechtsextremismus und Demokratieschutz der Amadeu Antonio Stiftung und befassen sich dort mit aktuellen Entwicklungen im Rechtsextremismus und zivilgesellschaftlichen Gegenstrategien.

Rechtsextremismus 2025: Gewalt, Gewöhnung, Gegenwehr

Jahresrückblick des Kompetenzzentrums Rechtsextremismus: 2025 war ein Jahr der Auseinandersetzung und ein Gradmesser dafür, wie viel Widerstandskraft die offene Gesellschaft noch besitzt.

Von Lisa Geffken, Jan Riebe und Hannes Müller

2025 fühlte sich erneut an, als hätte jemand den Takt des Landes verschoben. Es war das Jahr, in dem sich Rechtsextremismus zur neuen Normalität verdichtete. Und es war das Jahr, nachdem in Thüringen 2024 erstmals nach 1945 eine rechtsextreme Partei stärkste Kraft wurde und die politische Öffentlichkeit aufhörte, sich darüber zu empören. Ein Jahr, in dem sich sehr deutlich zeigte, dass der Kampf um die Demokratie nicht nur an Wahlurnen entschieden wird, sondern auf Straßen, Schulhöfen und in Kommentarspalten. Und es war womöglich, wenn man den Blick nach Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern richtet, das letzte Jahr seit 1945 ohne eine rechtsextreme Partei in Regierungsverantwortung.

Während die AfD ihre Machtbasis professionalisiert, ihre Auftritte perfektioniert und ihre Wortwahl in die Alltagssprache diffundiert, zeigt die Zivilgesellschaft eine neue Beharrlichkeit: Menschen gehen auf die Straße, gründen Bündnisse, wehren sich. 2025 war deshalb kein Jahr der Entscheidung, sondern eines der Auseinandersetzung. Und nicht zuletzt ein Gradmesser dafür, wie viel Widerstandskraft eine offene Gesellschaft noch besitzt.


Lisa Geffken, Hannes Müller und Jan Riebe arbeiten im Kompetenzzentrum Rechtsextremismus und Demokratieschutz der Amadeu Antonio Stiftung und befassen sich dort mit aktuellen Entwicklungen im Rechtsextremismus und zivilgesellschaftlichen Gegenstrategien. 


Parteiförmiger Rechtsextremismus

Die AfD bleibt der Motor für die gegenwärtige gesellschaftliche Etablierung des Rechtsextremismus. Mit dem besten Bundestagswahlergebnis ihrer Geschichte, doppelt so stark wie 2021, markiert sie den Übergang zur Machtoption. Die Bundestagswahl im Februar 2025 hat auch gezeigt: Rechtsextremismus ist schon lange kein rein ostdeutsches Phänomen mehr. Der Westen holt rasant auf und ist nur noch vier Jahre hinter der Entwicklung im Osten hinterher – wenn nicht sogar noch weniger. Die AfD etabliert sich als die erfolgreichste Partei der Arbeiter*innen, obwohl keine andere Partei im Bundestag eine stärkere Lobby der Reichsten der Reichen im Land ist.

In vielen Kreistagen ist sie bereits stärkste Fraktion, und lokale Funktionär*innen arbeiten daran, Normalisierung durch Präsenz zu erzeugen: auf Dorffesten, in Bürgerhäusern, in Vereinen. Laut dem Bundesverband mobiler Beratungen ist die AfD in etwa der Hälfte aller ostdeutschen Kreistage und kreisfreien Städte die größte Fraktion oder gleichauf mit anderen. Hierdurch kann sich rechtsextreme Politik weiter etablieren und normalisieren, selbst wenn keine Landrats- oder Bürgermeisterämter gewonnen wurden.

Begleitet wird dieser Aufstieg von einem Netzwerk parteinaher Online-Medien wie NiUS oder Apollo-News. Sie fungieren als Echokammern, die Diskurse verschieben und Empörung in Engagement gegen Vielfalt und Demokratie verwandeln.

Transatlantische Rückkopplung

Das Jahr 2025 brachte auch eine neue internationale Bühne. Mit der Rückkehr Donald Trumps ins Weiße Haus suchte die AfD die Nähe zur Macht und konnte einen starken außenpolitischen Verbündeten für sich gewinnen. US-Vizepräsident J.D. Vance trat bei der Münchner Sicherheitskonferenz als Stichwortgeber auf, indem er europäische Demokratien pauschal delegitimierte; kurz darauf traf AfD-Chefin Alice Weidel ihn für eine Unterredung.

Selbst Elon Musk mischte mit: Sein Online-Gespräch mit Weidel, viral verbreitet, war weniger politisch als symbolträchtig. Ein digitaler Schulterschluss der selbsternannten „Tabubrecher“, trotz kruder Thesen und reichlich Fremdscham-Potenzial, ein Vernetzungserfolg der AfD. Zwei Wochen später ließ sich Musk per Videoschalte zum Wahlkampfauftritt der AfD zuschalten. Im Dezember reisten gleich zehn AfD-Abgeordnete auf Steuerzahler*innenkosten zur weiteren Annäherung an die Trump-Regierung in die USA. Diese transatlantische Lichterschneise markierte das neue Selbstbewusstsein einer Partei, die längst Anschluss an den globalen Rechtspopulismus gefunden hat.

Und doch: Die AfD strauchelt lokal. Trotz hoher Umfragewerte scheitern viele Kandidat*innen in Bürgermeister- und Landratswahlen. Diese Misserfolge zeigen, dass es bisher erst sehr wenige Orte rechtsextremer Hegemonie gibt.

Und auch die Auflösung der Jugendorganisation „Junge Alternative“ aus Angst vor deren Verbot, ist Ausdruck eines Scheiterns der rechtsextremen Partei. Es zeigt sich, dass die Debatte um eine Prüfung eines Parteiverbots die AfD in ihrer Etablierung behindert. Aus der „Jungen Alternative“ ist die „Generation Deutschland“ entstanden – die kein bisschen weniger radikal ist. Die Neugründung der Jugendorganisation, jetzt als integraler Bestandteil der Partei, könnte sich als Bumerang erweisen und ihr in einem Verbotsverfahren massiv schaden.

Türkischer Rechtsextremismus

Zum Bild des Jahres 2025 gehört auch ein Phänomen, das in Debatten oft als Randthema behandelt wird: türkischer Rechtsextremismus. Die „Grauen Wölfe“ bzw. die Ülkücü-Bewegung bilden hier eine der größten, am besten organisierten rechtsextremen Strukturen, deren Ideologie autoritär, ultranationalistisch, antisemitisch, antikurdisch, anti-alevitisch und queerfeindlich ist. 2025 wurde sichtbarer, wie sehr dieser Rechtsextremismus transnational funktioniert: Über Dachverbände, Moschee- und Kulturvereine, Jugendgruppen, Kampfsport- und Freizeitangebote, aber auch Social Media werden autoritäre, türkisch-nationalistische und religiös aufgeladene Narrative in Community-Strukturen hineingetragen. Oft unter dem Radar der Mehrheitsgesellschaft.

​Besonders brisant ist, dass sich die Szene gezielt an Kinder und Jugendliche richtet, die selbst Rassismus- und Ausgrenzungserfahrungen machen und damit anfällig für Angebote von Stärke, Stolz und Zugehörigkeit sind. In Protesten rund um Israel und Palästina, bei antisemitischen Narrativen und in der Mobilisierung gegen kurdische, alevitische oder oppositionelle Stimmen zeigen sich 2025 Überschneidungen zu anderen extremistischen Milieus. Genau hier braucht es eine betroffenenorientierte Auseinandersetzung, die türkischen Rechtsextremismus nicht länger verharmlost, sondern als festen Bestandteil der extremen Rechten in Deutschland mitdenkt.

Generation Rechtsextrem?

Die Jugend des Jahres 2025 ist mit der AfD aufgewachsen. Sie kennt den Bundestag nur mit rechtsextremer Präsenz, Reels voller männlicher Wutreden und Telegram-Kanäle im Stil von Lifestyle-Magazinen. Das prägt und erklärt, warum rechtsextreme Jugendgruppen seit wenigen Jahren einen Zulauf erleben, wie man ihn in der Geschichte der Bundesrepublik nur selten erlebt hat. Für 2025 lässt sich konstatieren: Nie seit den Baseballschlägerjahren war rechtsextreme Jugendgewalt so organisiert, nie war der Anschluss an soziale Medien so nahtlos. Neonazis gab es schon immer in Schulklassen, aber aktuell sind sie mancherorts zum ersten Mal seit den 1990er Jahren wieder dominierend. Die Situation in Schulen in Ost und West ist mehr als alarmierend.

Neonazistische Jugendgruppen von „Die Heimat“ (früher NPD) oder Splitterparteien wie der „III. Weg“ füllen Lücken, wo Schule, Familie und Politik versagen. Sie bieten Zugehörigkeit, Abenteuer und Weltbilder in Schwarzweiß. Die positive Nachricht ist, dass einige der neugegründeten Jugendgruppen auch ziemlich schnell wieder zerfallen. Das hat mal politische, öfter aber private Gründe. Aber die Gefahr ist keineswegs gebannt: Viele neugegründete rechtsextreme Jugendorganisationen fielen anfänglich durch einen fast nicht vorhandenen Organisierungsgrad auf. Das ändert sich aktuell.

Der gestiegene Organisierungsgrad spiegelt sich teils auch in einer zunehmenden Radikalisierung wider. Die Razzien im Mai gegen die Terrorzelle „Letzte Verteidigungswelle“ (14 bis 18 Jahre alt) zeigen, wie Kinder in apokalyptische Kampfvorstellungen abrutschen können. Ihnen werden durchgeführte und geplante Anschläge auf eine bewohnte Asylbewerber*innenunterkunft und ein Kulturzentrum vorgeworfen. Auch der Angriff auf das Vielfaltsfest „Bad Freienwalde ist bunt“ zeigt, wie selbstbewusst rechtsextreme Täter auftreten und zivilgesellschaftliches Engagement angreifen.

Feindbild Queer

Kaum ein Thema wurde 2025 so zur Projektionsfläche des Hasses wie Queerness. Die rechtsextreme „Bewegung“ gegen CSDs hat bereits im letzten Jahr begonnen, doch noch nie wurden so viele CSDs angegriffen, gestört, diffamiert, wie 2025. Die Demos gegen Pride-Paraden, oft von Jugendlichen und jungen Männern getragen, folgten einer Choreografie digitaler Mobilisierung: Memes, Hashtags, Livestreams. Rechtsextreme Influencer inszenierten „Widerstand gegen Genderwahn“ als jugendliche Rebellion.

Doch jede Attacke hatte eine Gegenseite. 2025 fanden über 40 CSDs zum ersten Mal statt – viele in Kleinstädten, wo Menschen sagten: Jetzt erst recht.

Alltag der Normalisierung

Besonders im ländlichen Raum verdichten sich die Trends. Die Etablierung und Normalisierung der AfD gehen mit zunehmender Gewalt einher. Beispiele wie brennende Kreuze für Vielfalt der Gruppe beherzt am Rande einer „privaten“ Feier eines AfD-Lokalpolitikers bei Gardelegen sind dafür Belege. An der Feier nahmen hunderte Rechtsextreme aus ganz Deutschland teil.

Doch nicht nur die AfD macht sich in ländlichen Räumen breit. Dörfer in der Altmark, in Vorpommern oder der Oberlausitz werden zu Laboren rechtsextremer Gegenkultur. Völkische Siedlerfamilien kaufen Höfe, gründen Heimatschulen, veranstalten vermeintlich unpolitische Dorffeste und erziehen ihre Kinder in einer Ideologie, die Abstammung über Menschenrecht stellt. Hier wird kein Aufstand geprobt, sondern Normalität gebaut. Ein besonderes Augenmerk der völkischen Familien ist die ideologische Schulung ihres Nachwuchses. In völkischen Jugendbünden werden Kinder und Jugendliche bei Outdoor-Survival-Camps oder gemeinsamen Ausflügen von klein auf ideologisch gefestigt erzogen.

Recherchen zeigen, wie rechtsextreme Jugendbünde wie der „Jungadler“ seit vielen Jahren als rechtsextreme Kaderschmieden fungieren, oft mit Verbindungen zum Umfeld der 2009 verbotenen „Heimattreuen Deutschen Jugend“, einer Nachfolgeorganisation der Hitlerjugend. Neonazi-Kleinstparteien wie der „III. Weg“ sichern sich über kommunale Mandate Strukturen und Ressourcen. Suppenküchen, Freizeitangebote, Nachbarschaftshilfen: Leistungen, mit denen sie Räume erobern, aus denen sich staatliche Strukturen längst zurückgezogen haben und die demokratische Zivilgesellschaft schleichend verdrängt wird. Diese Strategie funktioniert mittlerweile auch im Westen: In Hilchenbach im Siegerland (NRW) hat der „III. Weg“ ein Haus erworben, nachdem sie eine Immobilie im benachbarten Siegen abgeben mussten. Auch wenn das Haus selten für Propagandaaktionen genutzt wird, zeigt selbst die unregelmäßige Präsenz Erfolg: So ist der „III. Weg“ seit der Kommunalwahl im September erstmals in einem westdeutschen Stadtrat vertreten. Im Wahlbezirk Vormwald wählten 12,32 Prozent die Neonazipartei, in Hilchenbach-Nord 11,76 Prozent.

Eskalierende Gewalt, wachsende Gegenwehr

Rechtsextreme Straftaten stiegen 2025 um fast 50 Prozent, Gewalttaten um 17 Prozent. Täter*innen werden jünger, vernetzter, ideologischer. Besonders erschreckend ist die wachsende Gewaltbereitschaft aus dem Umfeld von AfD-Funktionär*innen.

Dem gegenüber steht aber ein neues Selbstbewusstsein der demokratischen Zivilgesellschaft. Von Großdemonstrationen gegen Kooperationen mit der AfD bis zum kontinuierlichen Widerstand der „Omas gegen Rechts“, welche fast jede Woche eine regionale Neugründung zu verzeichnen haben: Das Jahr brachte eine Welle von Beharrlichkeit.

Diese Energie zeigt Wirkung. Das Veranstaltungsverbot auf dem Heimathof Eschede, nach jahrelangem Engagement, wurde 2025 zum Symbol dafür, dass ziviler Druck wirkt, wenn er nicht nachlässt.

Zwischen Zorn und Zuversicht

2025 war auch das Jahr, in dem sich die politische Stimmung fühlbar veränderte. Nach Jahren der Fragmentierung begann etwas Neues: eine neue Direktheit, eine Lust auf Haltung.

Der sogenannte „Vibeshift“, viel diskutiert im Netz, beschreibt genau dieses Phänomen: Werte rücken wieder ins Zentrum, aber sie polarisieren stärker. Rechtsextreme nutzen Emotionalität strategisch, Zivilgesellschaft antwortet mit Empathie und Solidarität. Im Kern ist das kein Streit um Zahlen, sondern um Deutungshoheit: Wer erzählt die Geschichte dieses Landes?

Was bleibt

2025 wird als Jahr in Erinnerung bleiben, in dem der Rechtsextremismus sich weiter etabliert hat, er immer weniger als Skandal in einer Demokratie wahrgenommen wird, aber auch als ein Jahr, in dem die demokratische Zivilgesellschaft gezeigt hat, dass sie sich dieser Entwicklung entschlossen entgegensetzen wird.

Ob daraus ein neuer demokratischer Aufbruch oder ein weiterer Rückzug ins Zynische entsteht, entscheidet sich 2026. Denn das kommende Wahljahr wird zeigen, ob Deutschland bereit ist, aus der Erschütterung Konsequenzen zu ziehen oder ob das Gewöhnliche endgültig kippt.

Gefördertes Projekt

Druck auf die Zivilgesellschaft: Aufgeben ist keine Option

Foto: Buntes Meißen e.V.

Dass die Zivilgesellschaft „unter Druck“ steht, ist seit einiger Zeit überall zu hören. Was aber bedeutet es, sich in diesen Zeiten gegen Rechtsextremismus und Rassismus zu engagieren?

Von Vera Ohlendorf

Wir haben in diesem Jahr über 300 Projekte gefördert, die wirksam und nachhaltig auf konkrete Konflikte und Probleme reagieren, Ideen umsetzen und Menschen in Kontakt und ins Handeln bringen.

Einige der geförderten Träger haben wir gefragt, wie sie auf das Jahr 2025 zurückblicken, welche Herausforderungen in Erinnerung bleiben werden, wie sie mit rechtsextremen Verleumdungsstrategien, Angriffen und Gewalt gegen ihre Arbeit umgehen und was sie sich für 2026 wünschen, um weiterhin für solidarischen Zusammenhalt, Menschenrechte und Minderheitenschutz einzustehen.

Klar ist: Der Kampf für die Demokratie kann nur erfolgreich sein, wenn wir alle Verantwortung übernehmen und niemanden allein lassen. Verhältnisse lassen sich ändern – mit Engagement, Haltung, Einfluss oder mit finanzieller Unterstützung.

Buntes Meißen e.V. (Sachsen)

Der Verein Buntes Meißen e.V. betreibt eine Begegnungsstätte, bietet Sprachkurse für Geflüchtete an und organisiert Freizeitangebote für Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte. Ende 2024 strichen Vertreter*innen von AfD, FDP, Freien Bürgern und Teilen der CDU den Verein von einer kommunalen Vorschlagsliste für den europäischen Sozialfonds. Im April verweigerte der Stadtrat nach gemeinsamer Abstimmung von CDU und AfD auch die kommunale Förderung. Vorausgegangen waren rechtsextrem motivierte Diffamierungskampagnen, Hakenkreuzschmierereien am Gebäude, eine kleine Anfrage der CDU im Landtag zur Finanzierungsstruktur, ein Brandanschlag auf das Vereinsgelände sowie gewalttätige Angriffe und zahlreiche Drohschreiben gegen Engagierte. Das Bunte Meißen muss Konsequenzen ziehen und wird zum Jahresende den derzeitigen Sitz der Geschäftsstelle auflösen. „Das ist eine drastische, aber notwendige Entscheidung“, sagt Geschäftsführer Sören Skalicks. „Die Vielzahl der Vorfälle hat zu einer erheblichen Verunsicherung bei den Mitarbeitenden geführt.“ Auch weil Fördergelder weggefallen sind, muss der Verein seine Räumlichkeiten zusammenlegen. Die Geschäftsstelle wird Teil des Treff25 in der Meißener Innenstadt.

Was wünschen sich die Mitarbeitenden für das nächste Jahr? „Vor allem ein deutlich sichtbares Bekenntnis zu unserem Verein seitens der Stadt, der Behörden und der Zivilgesellschaft“, betont Sören. „Darüber hinaus benötigen wir finanzielle Unterstützung, um unsere Demokratie- und Präventionsprojekte weiterhin verlässlich durchführen und ausbauen zu können.“

Landesnetzwerk Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt (LAMSA) e.V.

Am 20. Dezember 2024 raste ein Mann mit dem Auto absichtlich auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt, tötete sechs Menschen und verletzte mehr als 300. Der Täter stammt aus Saudi-Arabien und vertritt rassistische, islamfeindliche und rechtextreme Narrative. Es fällt Behörden und Öffentlichkeit bis heute schwer, die Motivlage einzuordnen, da der Täter nicht in die üblichen Raster passt. Rechtsextreme instrumentalisieren die Tat für ihre Interessen und machen Stimmung gegen Geflüchtete. Beim Landesnetzwerk Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt (LAMSA) e.V. gingen im Dezember 2024 und im Januar 2025 zahlreiche rassistische Hassmails zu dem Fall ein, in denen ein Zusammenhang zwischen Migration und Terrorismus hergestellt und Geflüchtete und Muslime zu Sündenböcken für soziale Probleme, Kriminalität und wirtschaftliche Belastungen gemacht wurden. LAMSA sah sich mit Vorwürfen konfrontiert, Extremismus zu fördern und die Demokratie zu untergraben. „Die Emails sind Teil einer groß angelegten Anstrengung, Spaltung zu schüren, Menschenrechte zu untergraben und demokratische Prinzipien zu destabilisieren“, schreibt LAMSA in einer Analyse. Die Anfeindungen haben bei den Mitarbeitenden Spuren hinterlassen: Viele sind emotional belastet und verunsichert. Technische Schutzmaßnahmen wie Spamfilter, IT-Sicherheit oder Monitoring reichen nicht aus, um angemessen mit der Bedrohungslage umzugehen. Nötig sind umfassende Sicherheits- und Präventionsstrategien, die juristische Beratung und einen engen Austausch mit Polizei und Justiz ebenso umfassen wie resilienzfördernde Workshops zu Krisenkommunikation und Stressbewältigung für das Team. LAMSA wünscht sich klare Statements aus Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft, die Angriffe auf Integrations- und Antirassismusarbeit verurteilen und plädiert für eine langfristige Finanzierung für demokratiefördernde Arbeit.

Queeres Netzwerk Gifhorn e.V. (Niedersachsen)

Das Queere Netzwerk Gifhorn e.V. betreibt ein soziales Zentrum für junge Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche, nichtbinäre und queere Menschen und organisiert den örtlichen CSD. Rechtsextreme Anfeindungen gehören für das Team zum Alltag. „In den letzten Jahren kam es mehrfach vor, dass an unserem Zentrum rechtsextreme oder queerfeindliche Sticker angebracht wurden. Online wurden wir als ‚Regenbogen-Mafia‘ bezeichnet“, erzählt Geschäftsführer Dominik Ruder. „Kürzlich haben Unbekannte ein weißes Hakenkreuz aus Gaffa-Tape an unser Schaufenster geklebt. Das hatte eine besonders einschüchternde Wirkung – sowohl auf das Team als auch auf die Jugendlichen, die unser Zentrum nutzen.“ Auf kommunalpolitischer Ebene versucht die AfD, die Arbeit zu diskreditieren und die öffentliche Förderung infrage zu stellen. Der Verein wehrt sich – mit präventiver Arbeit: Bei Veranstaltungen klärt das Team über Rechtsextremismus und Diskriminierungen auf und sensibilisiert für demokratische Werte. Rechtsextreme Anfeindungen werden konsequent dokumentiert, gemeldet und angezeigt. „Einige Jugendliche nehmen aus Angst vor Anfeindungen seltener oder gar nicht mehr an unseren Angeboten teil“, berichtet Dominik. Er wünscht sich mehr öffentliche Anerkennung für die Arbeit des Vereins. „Wir brauchen mehr finanzielle und personelle Ressourcen, um queeren Jugendlichen Sicherheit zu geben und unsere Beratungsangebote ausbauen zu können. Sie dürfen mit dem Problem nicht allein bleiben.“

Welcome In! Fulda e.V. (Hessen)

Beim Welcome In! Fulda e.V. engagieren sich Menschen mit und ohne Fluchterfahrung, öffnen Räume für Begegnungen und bieten Hilfe im Asyl- und Integrationsprozess. Nachdem der Verein eine politische Podiumsdiskussion unter Ausschluss der AfD organisiert hatte, warf diese den Engagierten „fehlende Neutralität“, intransparente parteipolitische Interessen und Fördermittelmissbrauch vor. Die AfD-Stadtfraktion berief einen Akteneinsichtsausschuss ein. Die Vorwürfe erwiesen sich als haltlos. „Wir haben entschieden, nicht mehr auf jede Provokation der AfD einzugehen, um ihre Agenda nicht zu verstärken und unsere Energie auf unsere Vereinsarbeit zu konzentrieren“, stellt Jochen Kohlert von „Welcome In!“ klar. „Wir wollen die Angriffe nicht allein aushalten, sondern bauen starke Allianzen mit anderen betroffenen Vereinen auf und zeigen gemeinsam Haltung. Wir planen gerade eine gemeinsame Veranstaltungsreihe zu Demokratiethemen, die in eine große Demonstration vor den Kommunalwahlen münden wird. Damit setzen wir bewusst auf eine positive Gegenkraft statt auf reaktive Abwehr.“ Die größte Herausforderung bestehe darin, die Polarisierung zu durchbrechen und echte Begegnungen zu ermöglichen. Dafür und für die Umsetzung nötiger Sicherheitsmaßnahmen sind mehr personelle Ressourcen nötig.

Kreisjugendring Oberhavel e.V.

Der Kreisjugendring im brandenburgischen Oberhavel sah sich im Jahr 2024 mit Vorwürfen der AfD-Fraktion im Kreistag konfrontiert. Dem Verein wurde vorgeworfen, Hass, Hetze und Spaltung zu fördern; zudem wurde das Team als „linksextrem“ bezeichnet. In diesem Zusammenhang wurden sowohl die öffentliche Förderung als auch die Trägerschaft des Kreisjugendrings für die externe Koordinierungs- und Fachstelle der Lokalen Partnerschaft für Demokratie im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ wiederholt infrage gestellt.

Die Koordinatorin des Kreisjugendrings intensivierte daraufhin den Austausch mit den demokratischen Parteien, um den Dachverband sowie seine 32 Mitgliedsorganisationen abzusichern. Der Kreisjugendring ist im Rahmen der CSD Oberhavel Initiative an der Organisation des CSD in Oranienburg beteiligt und weist neben der angespannten allgemeinen Sicherheitslage und dem rechten Gegenprotest im Jahr 2024 darauf hin, dass es im Landkreis weder queere Jugendtreffs noch etablierte Schutzstrukturen für queere Menschen gibt. Vor diesem Hintergrund sprach sich das Team für eine Fortführung des Regenbogenschutzfonds aus.

Losmachen e.V., Cottbus (Brandenburg)

Die Lausitz ist eine Region im Strukturwandel, die sich mit rechtsextremer Dominanz konfrontiert sieht. Losmachen e.V. stärkt die regionale demokratische Zivilgesellschaft in herausfordernden Zeiten und engagiert sich für eine solidarische Gesellschaft. Unter anderem betreibt der Verein einen zivilgesellschaftlichen Co-Working-Space in der Cottbuser Innenstadt. Beleidigungen und Drohungen von Nazis hat es bereits gegeben, auch kleine Anfragen der AfD zur Förderung im Brandenburger Landtag. Das Team sorgt sich vor allem um Orte und Menschen aus dem weiteren Netzwerk, die mehrfach gewaltsam angegriffen wurden. In diesem Jahr wurde ein Sicherheitskonzept erarbeitet, das Handlungsanweisungen für Angriffsfälle gibt. Außerdem haben die Engagierten gemeinsam mit anderen, die von rechter Gewalt betroffen sind, die „Initiative Sichere Orte“ ins Leben gerufen. Hier organisieren sich bedrohte Jugendclubs, Kulturzentren und Hausprojekte in der Region. Gemeinsam machen sie Angriffe öffentlich und organisieren gegenseitige Hilfe, auch finanziell. Die solidarische Netzwerkarbeit bringt neue Herausforderungen mit sich: „Wir stellen fest, dass Sicherheit ein kontinuierlicher Prozess ist, mit dem wir uns immer beschäftigen müssen. Neue Ereignisse mitdenken, Verhalten anpassen und in- und miteinander Vertrauen entwickeln, mit dem wir uns sicher fühlen können. Dabei wollen wir uns auch selbst empowern“, beschreibt Lukas, der im Verein und in der „Initiative Sichere Orte“ aktiv ist. Ziel sei es, das Thema Sicherheit nicht nur defensiv zu denken, sondern angesichts des wachsenden rechtsextremen Einflusses den solidarischen Zusammenhalt zu stärken.

Kontaktstelle Holler e.V., Kusel (Rheinland-Pfalz)

Die Kontaktstelle Holler engagiert sich in der rheinland-pfälzischen Kleinstadt Kusel in der offenen Kinder- und Jugendarbeit und setzt sich für politische Bildung sowie gegen rechtsextreme Normalisierungstendenzen ein. „Es gibt regelmäßig rechtsextrem motivierte Klebeaktionen an unserer Einrichtung“, erzählt Bastian aus dem Team. „Wir erhalten Morddrohungen per E-Mail, Hasskommentare bei Facebook und wir werden auf offener Straße angefeindet. Die fortschreitende Normalisierung rechtsextremer Strukturen macht unser Engagement schwierig, immer wieder müssen wir unsere Arbeit erklären und rechtfertigen.“ Hilfreich seien Vernetzungen und gelebte Solidaritätsbeziehungen mit anderen Vereinen und Gruppen, denen es ähnlich geht. Gemeinsam ist es leichter, klare Statements gegen lokale rechtsextreme Gruppen zu setzen. „Wir möchten unseren Safe Space erhalten und benötigen mehr finanzielle Mittel, um den Selbstschutz besser zu organisieren“, sagt Bastian.

Rabryka Görlitz (Sachsen)

Die Rabryka in Görlitz ist ein Kultur- und Kreativzentrum, das einen offenen Raum für alle bietet, die Veranstaltungen organisieren oder das Miteinander in der Stadt gestalten wollen. Die Rabryka steht für Diversität, Inklusion und positioniert sich klar gegen rechtsextreme Äußerungen. Immer wieder steht sie deshalb im Fokus von Anfeindungen. Schon 2024 wurde der Betreiberverein durch die AfD im Stadtrat mit einem Kündigungsantrag zum Entzug der Konzession für den Betrieb des Geländes konfrontiert. Rechtsextreme Störungen von Veranstaltungen und verfassungsfeindliche, rechtsextreme Sticker und Schmierereien am Gebäude kommen seit Jahren immer wieder vor. Das Team lässt sich jedoch nicht einschüchtern, sondern holt Rechtsberatung ein, erarbeitet Notfallpläne für Angriffssituationen und erhöht die Sicherheitsvorkehrungen bei Veranstaltungen. Ein regelmäßiges Monitoring der Social-Media-Kanäle und die Zusammenarbeit mit der örtlichen Polizeidirektion haben sich als hilfreich erwiesen. Dennoch: Das von politischen Kräften strategische Framing der Vereinsarbeit als „links“ verfängt in der Stadtbevölkerung und erschwert die Arbeit. Die Engagierten machen trotzdem weiter, denn Aufgeben ist keine Option.

Antisemitismus 2025: Die Geiseln sind frei, der Hass bleibt

Am 27. September demonstrieren noch Zehntausende in Berlin, gegen Israel, gegen Krieg, gegen einen angeblichen Genozid, angeführt von der Linkspartei. Foto: Nikolas Lelle

Jahresrückblick: Zwischen Aufatmen nach der Rückkehr der Geiseln, steigenden Antisemitismus-Fallzahlen und Geschichtsrevisionismus von rechts.

Von Nikolas Lelle

Der Blick aufs Jahr 2025 ist nicht ganz hoffnungslos. Die antiisraelische Massenmobilisierung könnte an ihr Ende gelangt sein. Mit der Beruhigung der Lage im Nahen Osten dürfte das Thema auch hierzulande an Relevanz verlieren. Der Terroranschlag auf eine Chanukka-Feier in Sydney zeigt aber, wie tödlich weiterhin Antisemitismus ist. Generell gilt: Die antisemitischen Vorfälle haben ein neues Hoch erreicht. Und niemand sollte die rechtsextreme Raumnahme unterschätzen, die in Deutschland immer mit einer Zunahme an Antisemitismus einherging.

Am 13. Oktober 2025 ist es so weit: Nach jüdischem Kalender, auf den Tag genau zwei Jahre nach ihrer Entführung, kommen die noch lebenden israelischen Geiseln an Simchat Thora endlich aus der islamistischen Geiselhaft frei. In Gaza herrscht Waffenruhe. Der Krieg ist offiziell vorbei.

„Wie geht es euch?“, habe ich im Sommer noch Sigmount Königsberg, den Antisemitismusbeauftragten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, in einem Telefonat gefragt, um die Stimmung innerhalb der jüdischen Communitys besser zu verstehen. „Wir warten“, war seine kurze Antwort. „Wir warten darauf, dass die Geiseln endlich freikommen.“ Das erste Mal seit dem 7. Oktober 2023 ist jetzt, nach der Freilassung, ein erstes Aufatmen unter Jüdinnen*Juden zu vernehmen.


Nikolas Lelle leitet seit 2020 die Bildungs- und Aktionswochen gegen Antisemitismus bei der Amadeu Antonio Stiftung. Er beschäftigt sich vornehmlich mit Antisemitismuskritik, Erinnerungskultur und Gesellschaftstheorie. Er hat in Frankfurt am Main und Mainz Philosophie und Soziologie studiert und an der HU Berlin promoviert. Zuletzt erschien von Lelle „,Arbeit macht frei’. Annäherungen an eine NS-Devise“. 2026 kommt „Antisemitismus definieren. Eine Anleitung zum Abgrenzen“ zusammen mit Tom Uhlig.


Ich sitze an diesem Tag in der Amadeu Antonio Stiftung, zusammen mit Kolleg*innen schauen wir uns die Freilassung der Geiseln an. Seit zwei Jahren bewegt uns das Schicksal dieser Menschen. Jetzt sind sie endlich wieder frei. Hoffnung mischt sich unter das Gefühl von Wut und Ohnmacht, das uns so lange begleitet. Wenige Tage zuvor haben wir die Aktionswochen gegen Antisemitismus eröffnet, größer denn je, mit 200 Veranstaltungen in über 60 Städten. Nach zwei Jahren der antisemitischen Eskalation tut es gut zu sehen, wie viele sich deutschlandweit gegen Antisemitismus engagieren. Gegen Vereinzelung und Einsamkeit festigen wir ein 22 Jahre währendes, nachhaltiges Netzwerk von jüdischen und antisemitismuskritischen Akteur*innen.

Mit dem Ende der Kriegshandlungen in Gaza und der Freilassung der Geiseln drängt sich die Frage auf, wie es jetzt in Deutschland weitergeht? Wird die antiisraelische Szene sich weiter radikalisieren? Kommt es zu Gewalt, zu Terroranschlägen? Während ich diese Zeilen schreibe, erreichen mich die Nachrichten aus Sydney: Eine Chanukka-Feier wurde angegriffen, zwei islamistische Attentäter, Vater und Sohn, ermordeten 16 Menschen, verletzten weitere 40 Personen, teils schwer. Dunkelheit legt sich über das Fest des Lichts. Der Demospruch „Globalize the Intifada“ drängt sich auf. Ist so etwas auch in Deutschland denkbar? Es könnte doch auch anders kommen. Mit dem Ende der Kriegshandlungen in Gaza und der Freilassung der Geiseln könnte der antiisraelischen Bewegung Wind aus den Segeln genommen werden? Erleben wir vielleicht den Anfang vom Ende der antiisraelischen Massenbewegung nach dem 7. Oktober? Auch Ende 2025 gibt es keine abschließenden Antworten auf diese Fragen. Es zeichnet sich zwar ab, dass der harte Kern der Szene weitermacht und versucht, das Thema am Laufen zu halten. Ihnen spielt in die Karten, dass Antisemitismus in Form des Antiisraelismus mittlerweile in Mode gekommen ist, also zu einem kulturellen Code wurde. Es bleibt aber zu hoffen, dass die Massenbewegung an ihr Ende gelangt ist.

Erst wenige Wochen vor der Freilassung der Geiseln erlebte sie ihren Höhepunkt: Am 27. September demonstrieren noch Zehntausende in Berlin, gegen Israel, gegen Krieg, gegen einen angeblichen Genozid, angeführt von der Linkspartei. Ich mache mir vor Ort ein Bild. Die Stimmung ist ausgelassen, die Sonne scheint. Für diesen Artikel schaue ich nochmal über meine Fotos. Auf Schildern und Transparenten zeigt sich das breite Spektrum von Narrativen. „The people want the fall of Germany’s Staatsräson“ steht hier ebenso auf Schildern wie „Von Westsahara bis Palästina: Stoppt Siedlerkolonialismus“ und „Es ist alles die Besatzung“; Friedenstauben und Kalashnikovs sollen „antikolonialen Widerstand“ symbolisieren, zur Holocaust-Relativierung im Slogan „Wollt ihr den totalen Völkermord?“ gesellt sich die Behauptung „There is only one Solution: Intifada Revolution“.

Während Zehntausende mit moralischer Selbstgewissheit Einigkeit demonstrieren, stehen auf der Handvoll Gegenkundgebungen entlang der Route nur wenige Menschen. Das Zahlenverhältnis zeigt eindrücklich die Lage im Herbst 2025. Solidarität mit von Antisemitismus Betroffenen zeigen die Wenigsten. Die Mehrheit der Demonstrierenden hat kein Problem damit, mit oder neben antisemitischen Parolen und islamistischen Symbolen durch die Stadt zu ziehen. „Shame on you“, rufen sie den Teilnehmer*innen einer israelsolidarischen und antisemitismuskritischen Kundgebung im Berliner Lustgarten zu.

Viele scheinen noch kurz vor dem Ende auf die richtige Seite wechseln zu wollen. Influencer*innen und Aktivist*innen haben in den Tagen vor der Demo Videos veröffentlicht, in denen sie bekennen, sie hätten zum angeblichen Genozid zu lange geschwiegen, seien aber jetzt endlich aufgewacht. Auf der Demonstration selbst wird vom Lautsprecherwagen verkündet, es sei nicht schlimm, wenn es die erste Demo gegen Israel sei, die man besuche; schlimm sei bloß, wenn es die letzte bleibe. An diesem Samstag hat die Mobilisierung funktioniert. Unter den Demonstrant*innen sind sicherlich viele, die es gut meinen, die gegen Ungerechtigkeiten auf die Straße gehen wollen. Diese Geisterfahrer des guten Willens bilden hier die Masse für antiisraelische und antisemitische Agitation.

Für Jüdinnen*Juden war die Demonstration der schlagende Beweis, dass ihr Schicksal auch zwei Jahre nach dem 7. Oktober nicht allzu viele Menschen in diesem Land interessiert. Dabei ist die Lage katastrophal. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Das Bundeskriminalamt hat 2025 6.236 Straftaten dokumentiert, die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) 8.627 antisemitische Vorfälle. Die Gedenkstätten berichten von zunehmenden Sachbeschädigungen und Übergriffen, jüdische Studierende skandalisieren die weiterhin desolate Lage an deutschen Hochschulen, der Zentralrat der Juden in Deutschland prangert an, wo er nur kann: Es nutzt alles nichts. Der Antisemitismus grassiert und wird doch kleingeredet. In der Chronik antisemitischer Vorfälle gibt die Amadeu Antonio Stiftung einen fast tagesaktuellen Eindruck. Mehr als 300 Vorfälle wurden hier dieses Jahr dokumentiert. Eine Auswahl:

Kurz nach Silvester wird in Apolda an einem jüdischen Erinnerungsort ein Schweinekopf abgelegt. Im Februar wird auf einer Demonstration in Berlin gefordert, Jüdinnen*Juden zu erschießen. In Köln werden Anfang April 23 Stolpersteine unkenntlich gemacht. In Hamburg hat im Mai jemand versucht, ein Auto von der Fahrbahn abzudrängen, aus dem hebräische Musik zu hören war. In Kleinmachnow verbietet eine Schneiderei im Juni via Facebook-Post Israelis und Jüdinnen*Juden den Zutritt. In Frankfurt am Main attackieren Aktivist*innen im August während eines Klima-Camps Mitglieder der Jüdischen Gemeinde mit Farbe und in Göttingen steht Anfang September am Universitätsgebäude „ZIONISTEN TÖTEN“. Am 9. November wird in Hamburg eine ältere Dame attackiert, während sie Stolpersteine putzt und Ende November ein Rabbiner in Offenbach auf offener Straße beleidigt. Das ist die neue Normalität. Jeden Tag passieren im Schnitt mehr als 20 solcher Vorfälle.

Nicht übersehen werden dürfen die rechtsextremen Alltagskulturen und parlamentarischen Raumgewinne in diesem Land, die Schlussstrichrufe ebenso mit sich bringen wie Verschwörungsideologien. Der Leiter einer KZ-Gedenkstätte berichtete mir im Sommer, dass fast täglich Jugendliche, die mit ihren Schulklassen durch die Gedenkstätte geführt werden, durch neonazistische Marken oder Symbole auffallen. Die Höckesche „erinnerungspolitische Wende“ wird praktisch umgesetzt und zeigt sich auch in antisemitischen Vorfällen wie beschmierten Gedenkorten, geschändeten Grabstätten oder herausgerissenen Stolpersteinen. Aus den Landtagswahlen 2026 könnte die sogenannte Alternative für Deutschland als Gewinnerin hervorgehen.

Die Beruhigung im Nahen Osten, die sich womöglich darin übersetzt, dass die antiisraelische Massenbewegung an ihr Ende gelangt, wird Antisemitismus aber nicht verschwinden lassen. Aus antisemitismuskritischer Perspektive bleibt das Motto für die nächsten Jahre daher: weitermachen.

Dieser Artikel erschien zuerst bei Belltower.News.

Kommentar

Wie die Debatte über „unabhängige NGOs“ politisch instrumentalisiert wird

Timo Reinfrank, Geschäftsführender Vorstand der Amadeu Antonio Stiftung (Quelle: Peter van Heesen)

Die scheinbar sachliche Frage nach Transparenz ist Teil einer autoritären Strategie. Die Zivilgesellschaft soll als demokratische Gegenmacht geschwächt werden.

Von Timo Reinfrank

Die jüngste Ausgabe der ARD-Sendung titel, thesen, temperamente griff eine Debatte auf, die in Deutschland seit Monaten vor allem von Rechtsextremen befeuert wird: Die Behauptung, Nichtregierungsorganisationen seien nicht unabhängig genug, arbeiteten politisch voreingenommen oder seien gar von der Regierung gesteuert. Was als scheinbar sachliche Frage nach Transparenz präsentiert wird, ist längst Teil des autoritären Playbooks, wie wir es aus den USA kennen. Es ist eine Strategie, die darauf abzielt, die Zivilgesellschaft als demokratische Gegenmacht zu schwächen.

Passend zur medialen Erzählung versucht die AfD, das Thema im Bundestag weiterzutreiben. Mit einem wohl aussichtslosen Antrag auf einen Untersuchungsausschuss mit dem Titel „Mögliche parteipolitische Beeinflussung durch steuerfinanzierte Nichtregierungsorganisationen“ möchte sie die vermeintliche Skandalisierung demokratischen Engagements erneut institutionalisieren. Schon der Titel zeigt, dass es hier nicht um Aufklärung geht. Die Schlussfolgerung steht bereits im Antrag, lange bevor irgendetwas untersucht wurde.

Dass die Debatte um staatliche Förderungen von demokratischem Engagement Fahrt aufnahm, liegt auch daran, dass die CDU/CSU im Bundestagswahlkampf 2025 eine umfangreiche Anfrage an die Bundesregierung gestellt hatte: 551 Fragen zu angeblichen politischen Verflechtungen von gemeinnützigen Organisationen. Wer die Liste las, fand dort ein buntes Sammelsurium von ganz unterschiedlichen Organisationen, die miteinander kaum etwas gemein hatten – außer der Tatsache, dass sie in irgendeiner Form Teil der demokratischen Zivilgesellschaft sind. Die meisten von ihnen wussten nicht einmal, warum sie genannt wurden. Dennoch bildeten sie plötzlich das Herzstück einer Erzählung über angebliche politische Einflussnahme und einen „NGO-Schattenstaat“. Eine Erzählung, die ursprünglich in Staaten wie Russland, Ungarn oder der Türkei, im Zuge autoritärer Ermächtigung ihren Ursprung fand. Dort wurden NGOs seit den 2010er-Jahren zunehmend als „ausländische Agenten“ diffamiert. Damit sollten kritische zivilgesellschaftliche Organisationen geschwächt und vor allem kriminalisiert werden. Aber auch in den USA konnte sich spätestens seit der Tea-Party-Bewegung ein Anti-NGO-Narrativ etablieren, durch die verschwörungsideologische QAnon-Bewegung wird die Erzählung ergänzt und zu einem kohärenten Narrativ, dass vor allem George Soros und die Open Societies Foundations in den Vordergrund rückt. Dieser Wandel macht sich auch sprachlich bemerkbar: In Deutschland spricht man mittlerweile nicht mehr von Vereinen, Verbänden oder Stiftungen, sondern von NGOs, als Chiffre für undurchsichtige Macht- und Finanzierungsstrukturen.

Ebenfalls fehlte in der ttt-Sendung wichtiger Kontext: Die Amadeu Antonio Stiftung hat nicht zu den Demonstrationen aufgerufen, die in der Anfrage als Anlass genannt wurden. Auch fast alle anderen Organisationen auf der 551-Fragen-Anfrage hatten mit den Protesten nichts zu tun. Tatsächlich waren es nur wenige zivilgesellschaftliche Akteure wie Campact und Ortsgruppen von Omas gegen Rechts, die im Frühjahr 2025 zu Protesten aufriefen und das aus einem klar nachvollziehbaren Grund: Die CDU/CSU hatte im Bundestag in Kauf genommen, mit Stimmen der AfD einen Antrag durchzubringen. Das war ein politischer Tabubruch, den rückblickend selbst CSU-Chef Markus Söder kritisch sieht. Dass demokratische Organisationen dagegen mobilisierten, ist ihr gutes Recht – ja, es ist Ausdruck demokratischer Wachsamkeit. Dies nun als vermeintlichen Beleg für mangelnde Unabhängigkeit zu instrumentalisieren, ist eine gefährliche Verdrehung demokratischer Grundsätze – zumal insbesondere Campact nicht gemeinnützig ist, keine staatlichen Mittel bekommt und auch nur ein kleiner Teil der Omas gegen Rechts jemals eine Kleinstförderung bekommen haben.

Zugleich ist bemerkenswert, dass die Union nach der Wahl ihre eigene Rhetorik relativiert hat. Heute bekennt sie sich auch im Koalitionsvertrag klar zur Bedeutung zivilgesellschaftlicher Demokratieförderung. Der ttt-Beitrag bildet nach wie vor die aufgeheizte Wahlkampflogik ab – nicht die politische Realität danach.

Dass die Erzählung von der angeblich fehlenden Kontrolle von NGOs sachlich falsch ist, hätte ebenfalls klarer benannt werden können. Die Programme zur Demokratieförderung gehören zu den am besten evaluierten Bereichen des Bundeshaushalts. Wirkungsüberprüfungen, detaillierte Verwendungsnachweise und strenge Qualitätsanforderungen sind der Standard, nicht die Ausnahme. Wer behauptet, NGOs agierten in einem rechtsfreien Raum, ignoriert bewusst, wie engmaschig diese Programme beaufsichtigt sind.

In der ttt-Sendung wurde auch der Vorschlag diskutiert, eine unabhängige Kommission solle künftig über die Vergabe von Fördermitteln entscheiden. Was technokratisch klingt, wäre in Wahrheit ein tiefgreifender Angriff auf die parlamentarische Demokratie. Wenn demokratisch gewählte Abgeordnete Kontroll- und Entscheidungsrechte an eine externe Instanz abgeben, verlieren sie nicht nur Einfluss – sie entziehen dem demokratischen Prozess seine Legitimation und Kontrolle. Kein funktionierender demokratischer Staat der Welt lagert diese Kernaufgabe seiner politischen Ordnung aus. Es wäre ein gefährlicher Präzedenzfall.

Der politische Kern dieser Debatte ist jedoch ein anderer: Es geht nicht um Neutralität, sondern darum, das Engagement gegen Rechtsextremismus umzudeuten. Genau jene Organisationen, die rechte Gewalt dokumentieren, Betroffene unterstützen, Präventionsarbeit leisten und demokratische Proteste organisieren, geraten ins Visier. Die AfD stört sich nicht an NGOs im Allgemeinen – sie stört sich an jenen, die sichtbar machen, was sie selbst verharmlosen oder leugnen möchte. Und je erfolgreicher diese Arbeit ist, desto härter werden die Angriffe.

Der von der AfD gewünschte Untersuchungsausschuss zeigt, wie offensiv diese Strategie inzwischen verfolgt wird. Er soll den Eindruck erwecken, es gebe ein strukturelles Problem, das nur eine parlamentarische Sonderkommission klären könne. Tatsächlich soll jedoch die Zivilgesellschaft in eine defensive Position gedrängt werden. Wenn kritische Akteure befürchten müssen, jederzeit Gegenstand eines politischen Tribunals zu werden, erfüllt das den Zweck in der Strategie: Abschreckung, Verunsicherung, Schweigen.

Die entscheidende Frage lautet also nicht, ob NGOs unabhängig genug sind. Die entscheidende Frage lautet, ob wir bereit sind, jene zu schützen, die durch ihr Engagement täglich dazu beitragen, dass Demokratie nicht nur ein Verfassungsbegriff ist, sondern gelebte Praxis. Die ttt-Sendung hätte diese politische Dimension deutlich stärker herausarbeiten können. Die Debatte über die Unabhängigkeit von NGOs ist kein abstrakter Diskurs, sondern ein Versuch, eine der zentralen Säulen der demokratischen Kultur anzugreifen.

Dieser Artikel erschien zuerst bei Belltower.News.

Zivilgesellschaft 2025: Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos

Symbolbild, Demonstration in Marburg (Quelle: Christian Lue auf Unsplash)

Jahresrückblick: Die demokratische Zivilgesellschaft steht unter Druck. Trotz Fördermittelkürzungen, Verleumdungsstrategien und gewalttätigen Angriffen blieb sie 2025 resilient – und kämpfte weiter für solidarischen Zusammenhalt, gegen Ohnmachtsgefühle und Menschenfeindlichkeit.

Von Vera Ohlendorf

Der Druck ist nicht neu, aber er hat 2025 eine neue Qualität erreicht. Rechtsextreme Angriffe gehören für zivilgesellschaftliche Träger mittlerweile zum Alltag. Fragt man etwa beim soziokulturellen Zentrum Rabryka in Görlitz nach, mit welchen Anfeindungen sie konfrontiert waren, ist die Antwort eindeutig: „Wir wurden bereits 2024 durch die AfD im Stadtrat mit einem Kündigungsantrag zum Entzug der Betreiberkonzession für den Betrieb unseres Geländes konfrontiert. Rechtsextreme Störungen unserer Veranstaltungen und verfassungsfeindliche, rechtsextreme Sticker und Schmierereien an unseren Gebäuden sind in diesem Jahr öfter vorgekommen.“

Die Kontaktstelle Holler im rheinland-pfälzischen Kusel engagiert sich in der offenen Kinder- und Jugendhilfe und hat ebenfalls zu kämpfen: „Es gibt regelmäßig rechtsextrem motivierte Klebeaktionen an unserer Einrichtung. Wir erhalten Morddrohungen per Email, Hasskommentare bei Facebook und wir werden auf offener Straße angefeindet. Die fortschreitende Normalisierung rechtsextremer Strukturen macht ein antifaschistisches Engagement schwierig. Wir müssen unsere Arbeit immer wieder rechtfertigen. Wir benötigen mehr finanzielle Mittel, um unseren Selbstschutz besser zu organisieren.“

Auch in Senftenberg, Neuruppin, Salzwedel, Cottbus, Bartgeheide, Hannover, Magdeburg, Halberstadt, Lauchhammer und anderen Orten wurden Räume zerstört, Brandanschläge oder Sachbeschädigungen verübt.


Vera Ohlendorf engagiert sich seit Jahren für die Interessen queerer Menschen in Sachsen und leitet die Projektförderung der Amadeu Antonio Stiftung, die bundesweit Projekte gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus finanziell unterstützt.


551 Fragen werden zur politischen Zäsur

Die wachsenden Gefahren für Arbeit und Leben von Engagierten führten allerdings weder zu unterstützenden Statements der Ministerpräsident*innen oder der Bundesregierung noch zu finanziellen Absicherungen für politische Bildung, Antirassismusarbeit oder Rechtsextremismusbekämpfung. Stattdessen öffneten demokratische Parteien wie CDU und FDP ihre Programme für Anliegen, die lange nur durch die extreme Rechte vorgebracht wurden. Ende Januar brachte die Unionsfraktion einen Entschließungsantrag „für sichere Grenzen und das Ende der illegalen Migration“ in den Bundestag ein und verabschiedete diesen mit Stimmen von FDP und AfD. Ein beispielloser Vorgang, der die Brandmauer offiziell zum Einsturz brachte.

Die demokratische Zivilgesellschaft skandalisierte diesen Schulterschluss. Kurz vor der Bundestagswahl fanden bundesweit Demonstrationen statt, die die politische Verschiebung kritisierten und zu einer klaren inhaltlichen Abgrenzung zur rassistischen (Re-)Migrationspolitik der AfD aufriefen. Anstatt die Kritik ernst zu nehmen, lancierte die Unionsfraktion unmittelbar nach der Bundestagswahl mit der Bundestagsanfrage „Politische Neutralität staatlich geförderter Organisationen“ eine Misstrauenskampagne und stellte mit 551 Fragen die Gemeinnützigkeit von 14 Trägern infrage, die sich an den Protesten beteiligt hatten. „Manche Stimmen sehen in den Nichtregierungsorganisationen (NGOs) eine Schattenstruktur, die mit staatlichen Geldern indirekt Politik betreibt“, hieß es da – Anklänge an Verschwörungserzählungen waren offensichtlich. Zwar betonte die damals noch geschäftsführende Ampel-Regierung, dass zivilgesellschaftliches Engagement rechtlich abgesichert und demokratiepolitisch erwünscht sei. Dennoch kam es in den meisten Bundesländern zu kleinen Anfragen und Anträgen durch CDU, FDP oder AfD, die die Förderung weiterer Träger in Frage stellten.

„Demokratie leben!“ in der Kritik

Bei der Bundestagswahl konnte die AfD ihre Zustimmungswerte fast verdoppeln – in einigen Regionen Ostdeutschlands hat sie über 50 Prozent der Stimmen erhalten. Die rechtsextreme Normalisierung erhöht den Druck auf die demokratische Zivilgesellschaft deutlich. Erklärtes Ziel der AfD ist es, Demokratieförderung zu verhindern. Auf kommunaler Ebene konnte sie das 2025 immer häufiger gemeinsam mit der CDU und weiteren Parteien oder Wählervereinigungen erreichen.

In der sächsischen Kleinstadt Wurzen blockierte eine Mehrheit aus CDU, AfD und „Bürger für Wurzen“ im April die städtische Förderung für das Netzwerk für demokratische Kultur e.V., das sich vor 25 Jahren als Antwort auf die wachsende Hegemonie der NPD im Landkreis gegründet hatte. Die knapp 13.000 Euro Sitzgemeindeanteil der Stadt waren Voraussetzung für die Kulturraumförderung des Landkreises in Höhe von 70.000 Euro. Daraufhin sammelten Bürger*innen Spenden, um den Sitzgemeindeanteil zu decken. Der Stadtrat verweigerte jedoch die Annahme. Klar ist: Nicht der klamme Haushalt war der Grund für die Fördermittelstreichung – die Arbeit des Vereins ist aus politischen Gründen nicht gewollt.

Ähnliche Strategien bedrohen die Existenz des Vereins Buntes Meißen e.V. Der Verein betreibt eine Begegnungsstätte, bietet Sprachkurse für Geflüchtete an und organisiert Freizeitangebote für Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte. Ende 2024 wurde die Initiative durch eine Entscheidung von AfD, FDP, Freien Bürgern und Teilen der CDU von einer kommunalen Vorschlagsliste für den europäischen Sozialfonds gestrichen. Im April verweigerte der Stadtrat nach gemeinsamer Abstimmung von CDU und AfD auch die kommunale Förderung. Vorausgegangen waren rechtsextrem motivierte Diffamierungskampagnen, eine kleine Anfrage der CDU im Landtag zur Finanzierungsstruktur, ein Brandanschlag, Hakenkreuzschmierereien und zahlreiche Drohschreiben gegen die Engagierten.

Ende Januar entschied der Landrat des Landkreises Bautzen, das Förderprogramm „Partnerschaften für Demokratie“ des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ zu beenden und verzichtete auf fast 1,6 Millionen Euro Fördermittel bis 2032. Der Bautzener Kreistag bestätigte die Entscheidung mit Stimmen von AfD, CDU, Freien Wählern, der Gruppe Bündnis Oberlausitz/Freie Sachsen und des BSW. Begründet wurde die Absage mit finanziellen Zwängen. Der jährliche Eigenanteil in Höhe von 50.000 Euro sei durch den Landkreis, in dem die AfD bei der Bundestagswahl 46 Prozent der Zweitstimmen erhielt, angeblich nicht zu stemmen. Ein AfD-Kreisrat sprach offen über die Gründe der Ablehnung: „Die Menschen in unserem Landkreis wollen keine Hochglanzprojekte über Toleranz.“ In Salzwedel stimmten die Ratsfraktionen von CDU und AfD mit Stimmen der Freien Wähler unter Verweis auf eine angebliche „linke politische Einflussnahme“ der geförderten Initiativen ebenfalls gegen die Fortführung des Programms. Jugend-, Begegnungs- und Demokratieförderprojekte wurden gestrichen, darunter auch das Jugendparlament, das zwei Jahre zuvor im Stadtrat beschlossen, wegen fehlender Mittel bisher aber nicht umgesetzt wurde.

Die Kürzungen beschränken sich nicht auf Ostdeutschland. Das Programm „Partnerschaften für Demokratie“ wurde auch im bayrischen Regen, in Bargteheide in Schleswig-Holstein und in Wörth (Rheinland-Pfalz) nach ähnlichem Muster abgewickelt. Nach Regeländerungen für die aktuelle Förderperiode haben in vielen Kommunen außerdem nun Stadt- oder Kreisräte das letzte Wort über Förderentscheidungen des Programms, so dass in vielen Fällen AfD-Vertreter*innen über Projekte gegen Rechtsextremismus und Rassismus mitentscheiden. AfD-Fraktionen quer durch alle Bundesländer stellten Anträge auf Kürzungen bei Angeboten der Kinder- und Jugendhilfe, bei soziokulturellen Zentren, Integrations- und Demokratievorhaben. Immer wieder trafen sie auf Zustimmung weiterer Fraktionen, aus politischen Gründen und weil viele kommunale Haushalte leer oder hochverschuldet sind. Wo aber freiwillig auf zusätzliche Landes-, Bundes- oder gar EU-Förderung verzichtet wird, zeigt sich, dass die Arbeit der Zivilgesellschaft eine Bedrohung für den Erfolg autoritärer Umbaustrategien ist.

Ohne Zivilgesellschaft keine Demokratie

Die Zivilgesellschaft gestaltet die politische Willensbildung mit. Da sie gemeinschaftliche Anliegen der Bürger*innen bündeln und langfristig, bedarfsgerecht und mit viel Expertise soziale, kulturelle, pädagogische oder freizeitbezogene Strukturen schaffen und erhalten, sind gemeinnützige Initiativen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt unverzichtbar. Viele Träger engagieren sich gegen Hassrede und Desinformation, rechtsextreme Gewalt, Antisemitismus, Radikalisierungen und Ideologien der Ungleichwertigkeit.

Demokratieschutz und politische Bildung sind staatliche Aufgaben, die im Sinne des Subsidiaritätsprinzips durch freie Träger übernommen werden. Öffentliche Förderprogramme sind Ausdruck dieser Tatsache. „Demokratie leben!“ wurde 2015 durch die schwarz-rote Bundesregierung unter Kanzlerin Angela Merkel ins Leben gerufen – auch als Reaktion auf die Selbstenttarnung des rechtsterroristischen NSU. Zehn Jahre später gehen Rechtsextreme gegen Demokratieprogramme und geförderte Träger vor – und finden teils Zustimmung bei demokratischen Parteien.

Vibe Shift nach rechts

In Zeiten, in denen sich Krisen dauerhaft überlagern, reagieren Menschen mit Resignation und Rückzug. Ohnmachtsgefühle und Isolation machen anfällig für autoritäre Lösungsangebote und sind ein Grund für den rechtsextremen Trend. Zivilgesellschaftliches Engagement widerlegt die Propaganda: Wir können etwas ändern, wenn wir uns solidarisieren. Das Vertrauen in Selbstwirksamkeit durch gemeinschaftliches Handeln stärkt die Demokratie – auch deshalb wurde die demokratische Zivilgesellschaft zum Feindbild.

Wir haben in diesem Jahr deutlich erlebt, welche Folgen der sogenannte Vibe Shift hat: Was lange als rechtsextrem galt, kommt in der Mitte der Gesellschaft an. Unternehmen streichen Diversitätsprogramme, Deportationspläne für Geflüchtete werden breit diskutiert, Stellen für Gleichstellungsbeauftragte abgebaut, Rechte von queeren Menschen stehen zur Disposition und Integrationsprojekte werden abgewickelt, während rechtsextreme Parteien und Ideologien weiter an Einfluss gewinnen.

Mit Desinformationskampagnen wird die Arbeit der demokratischen Zivilgesellschaft gezielt behindert. Demokratische Parteien folgen dem Druck und sind offenbar bereit, frühere Entscheidungen bereitwillig zu revidieren. Das Narrativ vom sogenannten „NGO-Komplex“ fand 2025 durch mediale Wiederholung in Dauerschleife enorme gesellschaftliche Verbreitung – allen Fakten zum Trotz. Gemeinnützige Träger werden damit irreführend als politisch einseitige oder „linke“ Gruppen geframet, die angeblich öffentliche Mittel missbrauchten, ohne dass es dafür Belege gibt. Staatliche Fördermittelpraxen werden trotz strenger Prüfung der Mittelverwendung skandalisiert. Zivilgesellschaftliche Initiativen sehen sich dem Vorwurf ausgesetzt, intransparent zu arbeiten und ihre eigentlichen ökonomischen und politischen Interessen zu verschleiern. Das Framing bedient sich bei antisemitischen Verschwörungserzählungen, etwa bei der des Deep States: Eine akademische, linksliberale Elite beeinflusse Regierung und Gesellschaft, finanziert durch Steuergelder Politik und Zivilgesellschaft im Sinne einer „linken“ Verbotspolitik und diskriminiere gezielt rechte Positionen.

„Neutralitätsgebot“ als Kampfbegriff

Eine Ausstellung der Gruppe „Buntes Prignitz“ in den Räumen der Kreisverwaltung in der brandenburgischen Kleinstadt Perleberg geriet im November in die Kritik. Unter dem Titel „Hand in Hand für Demokratie“ wollten Bürger*innen ein Zeichen für Vielfalt und gesellschaftlichen Zusammenhalt setzen. AfD-Vertreter*innen aus Landtag und Kreisrat fordern das Ende der Ausstellung, da diese „politisch nicht neutral“ sei. Es sei bedenklich, dass die Kreisverwaltung eine Ausstellung „gegen rechts“ zulasse, während die AfD die größte Fraktion im Stadtrat stelle.

Der Mythos um „politische Neutralität“ ist eine der wirkmächtigsten Waffen im rechtsextremen Kulturkampf. Dabei existiert ein solches Gebot juristisch nicht. Das Wort „neutral“ wird im Namen des Schutzes der Demokratie instrumentalisiert, um diese weiter zu beschädigen und Demokrat*innen einzuschüchtern. Mit dem Verweis auf angeblich fehlende „Neutralität“ werden Gemeinnützigkeit und Förderwürdigkeit von missliebigen zivilgesellschaftlichen Organisationen gezielt angegriffen. Unabhängig von den juristischen Fakten verbreitet sich der Neutralitätsmythos in Verbindung mit der NGO-Komplex-Kampagne rasant. Zehntausende zivilgesellschaftliche Organisationen unterlassen bereits politisches Engagement – aus Sorge um die Gemeinnützigkeit, obwohl in der großen Mehrheit der Fälle keine juristischen Gründe für eine Aberkennung vorliegen.

Nicht alle NGOs sind mitgemeint

Die Grenzen des Sagbaren haben sich verschoben. Menschenverachtende und diskriminierende Äußerungen wurden zu legitimen Haltungen im Meinungswettbewerb. Wer sich nicht „neutral“ verhält, also solche Äußerungen nicht wenigstens schweigend stehenlässt, verliert Fördermittel und Existenzberechtigung. Dass es gar nicht um eine Reform des Gemeinnützigkeitsrechtes oder Evaluationen von Förderprogrammen geht, zeigt die Tatsache, dass beim Diskurs gegen die Zivilgesellschaft längst nicht alle NGOs mitgemeint sind. Auch solche, die konservative Ziele vertreten, werden öffentlich gefördert, bleiben von Delegitimierungskampagnen aber verschont. So erhält der rechtskonservative Thinktank Republik 21 e.V. über das Bundespresseamt neuerdings eine institutionelle Förderung über 250.000 Euro jährlich. Der Verein setzt sich für einen weiteren Abbau der Brandmauer gegen die AfD ein, vertritt queerfeindliche Positionen und kämpft gegen Abtreibungen. Auch der Deutsche Bauernverband und seine Mitgliedsorganisationen erhalten erhebliche öffentliche Förderungen. Keineswegs „neutral“ beteiligten sie sich im Schulterschluss mit rechtextremen Strömungen Anfang 2024 an den Bauernprotesten gegen die Ampel-Regierung.

Teufelskreis rechtsextremer Normalisierung und Gewalt

Anderen zu unterstellen, was man selbst tut, gehört zu den Prinzipien rechtsextremen Agierens. Bei den Anfeindungen gegen politisch unliebsame Träger geht es darum, im Namen von „Neutralität“ und „Demokratie“ die Verbreitung bestimmter politischer Positionen in der Öffentlichkeit einzuschränken. Angesichts der Normalisierung und den Kämpfen, die zivilgesellschaftliche Träger für ihren Selbsterhalt führen müssen, wird es immer schwerer, rechtsextreme Ideologien und Aktivitäten zu skandalisieren. Das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ steht vor der Neuausrichtung: Islamismus, Antisemitismus und Linksextremismus werden zukünftig stärker fokussiert, Rechtsextremismus relativiert. Ob die Bekämpfung von Rassismus Schwerpunkt bleibt, ist zu bezweifeln. Vor allem in den strukturschwachen Regionen Ostdeutschlands verliert die demokratische Basis damit Ressourcen.

Rechte Gewalt trifft vor allem marginalisierte Gruppen. Die Zahl der Übergriffe steigt stetig, nicht erst seit diesem Jahr. Öffentliche Aufmerksamkeit bekam das Problem, als Vermummte im Juni ein Vielfaltsfest in Bad Freienwalde angriffen und mehrere Personen verletzten. Die Zahl rechtsextrem motivierter Anfeindungen gegen CSDs erreichte einen neuen Höchststand. Zivilgesellschaftliche Initiativen sind es, die den von rechter Gewalt Betroffenen Räume, Beratung und Schutz bieten. Die Bedarfe steigen also, während die finanzielle Basis schwindet und die Träger selbst zur Zielscheibe werden. Je mehr sie zu Unrecht in der Kritik stehen, desto mehr fühlen sich rechtsextreme Gruppen in ihren Überzeugungen und Gewalthandlungen bestärkt, auch weil Straftaten oft nicht konsequent verfolgt werden. Der Bedarf an Sicherheitsberatungen nimmt zu, das Vertrauen in die Politik schwindet. Ein Teufelskreis, der sich durch öffentliche Kürzungen immer schneller dreht. Wo es an Bildungs- und Freizeitangeboten für Jugendliche fehlt, schließen rechtsextreme Angebote die Lücken.

Demokratische Zivilgesellschaft bleibt stabil

Dass so viel Energie in den Kampf gegen die demokratische Zivilgesellschaft investiert wird, zeigt, dass der autoritäre Machtanspruch durch Initiativen gebremst werden kann, die als demokratisches Korrektiv wirken und Minderheitenschutz, rechtliche Gleichstellung und soziale Gerechtigkeit fordern und fördern. Viele Vereine und Bündnisse haben in diesem Jahr einmal mehr erfolgreich und resilient gearbeitet.

Pro Colore e.V. sammelte Geld, um Projekte im Landkreis Bautzen trotz gestrichener Förderung zu ermöglichen. Der Verein unterstützt ehrenamtlich Kleinprojekte von Kindern und Jugendlichen, die sich gegen Resignation, Vereinzelung und für ein besseres Zusammenleben im ländlichen Raum einsetzen.

In der Gemeinschaftsunterkunft „Haffburg“ in Wismar waren Geflüchtete über Jahre hinweg menschenunwürdigen Strafmaßnahmen und Willkür seitens des Personals ausgesetzt. Durch intensive Öffentlichkeitsarbeit des Flüchtlingsrates Mecklenburg-Vorpommern wurden die Zustände bundesweit bekannt, das Strafsystem ausgesetzt. Der Flüchtlingsrat unterstützt die Betroffenen bei der Trauma-Aufarbeitung und schafft Perspektiven für nachhaltige Veränderung.

Das Demokratiebündnis „Solidarisches Pirna“ gründete sich, nachdem ein AfD-Kandidat zum Oberbürgermeister gewählt wurde. Vereine, queere Menschen, Unternehmen, Kirchenangehörige und Einzelpersonen schlossen sich zusammen, stärkten den diesjährigen Pirnaer CSD gegen eine rechtsextreme Demonstration, unterstützen progressive Stadträt*innen durch Bürgeranfragen, organisierten Demokratiefeste und stritten für Menschenwürde und Vielfalt.

Im hessischen Weilburg entstand als Reaktion auf die verbreitete Zustimmung zu rechtsextremen Ideologien ein Demokratietreffpunkt, der Menschen über Gruppen und Altersklassen hinweg in Kontakt bringt und Raum für Auseinandersetzung mit Kontroversen und gesellschaftlichen Krisen bietet.

Der Demminer Bürger e.V. und das Aktionsbündnis 8. Mai stellten sich dem jährlichen Neonazi-Fackelmarsch mit einem Demokratiefest entgegen und widersprachen der geschichtsrevisionistischen Propaganda. Dabei wurden sie von Demokrat*innen aus Rostock, Hamburg und weiteren Städten unterstützt.

In Südbrandenburg haben sich Jugendclubs, Initiativen für politische Bildung und soziale Einrichtungen zur Initiative Sichere Orte zusammengeschlossen, um der Dominanz extrem rechter Gruppen praktische Unterstützung entgegen zu setzen. Gemeinsam wehren sich die Beteiligten gegen Angriffe – mit Soliaktionen, Skillsharing und finanzieller Hilfe.

Auf Initiative der Gedenkstätte für Zwangsarbeit Leipzig wird ein Gebäude des ehemaligen KZ-Außenlagers „HASAG Leipzig“ unter Denkmalschutz gestellt. Damit kann zukünftig ein würdiger Erinnerungsort entstehen. Neonazis hatten das Gebäude bisher für Konzerte genutzt.

Aufgeben ist keine Option

Die Liste ließe sich fast endlos fortsetzen. Menschen kämpfen weiter gegen Rechtsextremismus, autoritäre Entwicklungen und Menschenfeindlichkeit, wegen und trotz widriger Bedingungen. Sie haben keine andere Wahl. Engagement und Solidarität sind wirksame Mittel gegen die gefühlte Ohnmacht in Zeiten der Dauerkrisen. Die Verhältnisse müssen und lassen sich ändern.

2025 wird als das Jahr in Erinnerung bleiben, in dem demokratische Parteien rechtsextremen Kampagnen gefolgt sind und begonnen haben, die Rolle der Zivilgesellschaft zu destabilisieren. Damit wurde ein Kipp-Punkt überschritten. Spätestens die Ergebnisse der kommenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern werden beweisen, dass konservative Parteien nichts gewinnen, wenn sie rechtsextreme Inhalte übernehmen. Die Demokratie ist nur zu retten, wenn Ausgrenzung und ein autoritärer Staat nicht mehr als glaubhafte Antworten auf Multikrisen taugen. Dafür braucht es die demokratische Zivilgesellschaft, die Ohnmachtsgefühlen und Vereinzelung mit den Gegenmitteln Solidarität, Unterstützung und Selbstwirksamkeit begegnet und die entschieden gegen rechtsextreme Ideologien ankämpft. Dafür benötigt sie dringend politischen Rückhalt und sichere Finanzierung. Dafür braucht es außerdem politische Strategien, Entschlossenheit und den eigennützigen Mut zum Selbsterhalt, auch von Verwaltung, Unternehmen und Medien. 2026 wird das Jahr, in dem der rechtsextreme Autoritarismus noch aufgehalten werden kann – wenn alle Demokrat*innen mitziehen.

Dieser Artikel erschien zuerst bei Belltower.News.

Rechtsextreme und der erfundene „War on Christmas“

Jedes Jahr zur Adventszeit wiederholt sich ein bekanntes Muster: Rechte und rechtsextreme Akteur*innen inszenieren sich als angebliche Verteidiger*innen von Weihnachten, christlicher Tradition und „abendländischer Kultur“. Tatsächlich geht es dabei weniger um Religion oder Brauchtum – sondern um die Mobilisierung von Ressentiments, insbesondere gegen Muslim*innen, Migrant*innen und eine offene Gesellschaft. Weihnachtszeit ist auch Kulturkampfzeit.

Advent, Weihnachten und das „christliche Abendland“

Die Adventszeit besitzt für viele Menschen eine hohe emotionale Bedeutung – auch unabhängig von persönlicher Religiosität. Genau diese emotionale Resonanz macht Weihnachten für rechte Akteur*innen so attraktiv. Sie knüpfen an diffuse Gefühle von Vertrautheit, Nostalgie und Zugehörigkeit an und verknüpfen sie mit politischen Feindbildern. Anstatt sich an der Wärme der Weihnachtszeit zu berauschen, geht es in erster Linie um Ausgrenzung.

Unter dem Schlagwort des „christlichen Abendlandes“ werden dabei nicht christliche Werte wie Nächstenliebe oder Solidarität betont, sondern vor allem Abgrenzung: gegen Muslim*innen, gegen Migration, gegen gesellschaftliche Vielfalt. Weihnachten wird so zu einem identitätspolitischen Marker umgedeutet.

Der Mythos vom „War on Christmas“

Zentral für diese Erzählungen ist der angebliche „War on Christmas“ – also die Behauptung, Weihnachten werde systematisch abgeschafft, umbenannt oder verdrängt. In rechten Narrativen sind dafür wahlweise „Political Correctness“, „der Islam“ oder eine vermeintlich „links-grüne Elite“ verantwortlich.

In der Realität handelt es sich bei den angeführten Beispielen jedoch fast immer um:

  • Missverständnisse,
  • gezielte Falschdarstellungen,
  • Marketingentscheidungen von Unternehmen oder
  • sachliche Gründe wie Sicherheits- oder Brandschutzauflagen.

Der „War on Christmas“ ist keine reale Entwicklung, sondern eine Verschwörungserzählung. Sie funktioniert über Angsterzeugung: „Unsere Tradition wird uns genommen.“

Deutschland und USA: Unterschiedliche Feindbilder, gleiche Logik

Während in den USA der „War on Christmas“ häufig als Angriff eines säkularen, progressiven Liberalismus dargestellt wird, verschiebt sich die Erzählung in Deutschland stärker auf eine angebliche „Islamisierung“. Gemeinsam ist beiden Kontexten, dass kulturelle Identität über Alltags- und Konsumpraktiken verhandelt wird: Weihnachtsmärkte, Dekoration, Süßigkeiten oder Begriffe auf Verpackungen werden politisiert und überhöht.

Typische Skandalisierungen – und was wirklich dahintersteckt

Jahr für Jahr kursieren ähnliche Empörungswellen:

  • Ein Discounter verkauft einen „Herbststern“ – tatsächlich handelt es sich um eine neue Pflanzensorte, nicht um die Abschaffung des Weihnachtssterns.
  • Auf der Rückseite eines Adventskalenders steht „Geschenke-Lager“ – die Vorderseite ist weiterhin eindeutig weihnachtlich gestaltet.
  • Weihnachtsmärkte oder Feste sollen angeblich umbenannt worden sein – oft hat es diese Umbenennungen nie gegeben oder sie hatten sachliche Gründe.
  • Ein Christbaum wird in einer Klinik versetzt – aus Brandschutzgründen, nicht aus religiöser Ablehnung.

In diesem Jahr dominierten vor allem Videos von Demonstrationen, die den Sturz des Assad Regimes in Syrien feierten, die als „Sturm“ auf den Weihnachtsmarkt verkauft wurden, um muslimfeindliche Ressentiments zu schüren. Wasser auf den Mühlen einer Ressentiment-getriebenen „Stadtbild-Debatte“. Solche Einzelbeispiele werden aus dem Kontext gerissen, emotional aufgeladen und als Beleg für einen angeblichen Kulturkampf präsentiert.

Strategien rechter Stimmungsmache

Rechte Akteur*innen nutzen dabei wiederkehrende Kommunikationsmuster:

  • selektive Darstellung: Fotos, Videos oder Zitate ohne Einordnung.
  • Framing: Sachliche Korrekturen werden als „Unterwerfung“ oder „Kapitulation“ gedeutet.
  • Emotionalisierung: Begriffe wie „Säuberung“, „Auslöschung“ oder „Islamisierung“ sollen Bedrohung suggerieren.
  • Vereinfachung: Komplexe gesellschaftliche Zusammenhänge werden auf simple Schuldzuweisungen reduziert.

Wenn Rassismus christliche Werte ersetzt

Besonders deutlich wird die Instrumentalisierung dort, wo christliche Werte offen konterkariert werden. So etwa im Fall einer St.-Martins-Feier in Rheidt, bei der eine muslimische Mutter abwertend angesprochen wurde. Rechte Medien stellten anschließend nicht die Ausgrenzung in den Mittelpunkt, sondern stilisierten die Täter*innen zu Opfern angeblicher „Überempfindlichkeit“.

Hier zeigt sich: Es geht nicht um gelebte Nächstenliebe, sondern um Abwertung und Ausschluss.

Wenn Traditionen tatsächlich gelebt werden

Dass rechte Empörung nichts mit Religion zu tun hat, zeigt sich auch dann, wenn christliche Traditionen von Menschen gelebt werden, die nicht ins völkische Weltbild passen. Als das Nürnberger Christkind rassistisch angefeindet wurde, weil es nicht weiß war, wurde offensichtlich: Entscheidend ist nicht der christliche Bezug, sondern eine ethnisch definierte Vorstellung von „Deutschsein“.

Widersprüche der rechten Inszenierung

Besonders widersprüchlich ist die gleichzeitige Berufung auf christliche Werte und die Verherrlichung von Gewalt. In rechten Milieus werden Weihnachtsmotive mit Waffenästhetik kombiniert, etwa durch Geschenke in Form von Sturmgewehren oder martialische Symbolik. Advent und Weihnachten werden hier nicht spirituell gelebt, sondern politisch instrumentalisiert.

Weihnachtsmärkte als Ort des Kulturkampfes

Weihnachtsmärkte gelten für Rechtsextreme als besonders geeignete Orte des Kulturkampfes. Sie sind öffentlich, emotional aufgeladen und für viele Menschen ein zentraler Bestandteil der Vorweihnachtszeit – auch für jene, die sonst wenig Bezug zum Christentum haben. Rechtsextreme Musik auf Weihnachtsmärkten oder gezielte Provokationen sollen Normalität verschieben und Zugehörigkeit neu definieren.

Das Märchen vom „Weihnachtsmarktsterben“

Eng verknüpft mit dem „War on Christmas“ ist die Erzählung vom angeblichen Sterben der Weihnachtsmärkte. Ausgangspunkt waren sachliche Berichte über steigende Sicherheitskosten, etwa in Dresden. Daraus wurde in sozialen Netzwerken schnell die Behauptung, Weihnachtsmärkte würden massenhaft abgesagt.

Die Fakten sprechen eine andere Sprache:

  • In Deutschland finden jedes Jahr mehrere Tausend Weihnachtsmärkte statt.
  • 2025 wurden lediglich zwei Veranstaltungen wegen Sicherheitskosten abgesagt.
  • Weitere vereinzelte Absagen hatten andere Gründe, etwa Baustellen oder fehlende Nachfrage.
  • Branchenverbände stellen klar: Von einem flächendeckenden Sterben kann keine Rede sein.

Ein reales Kostenproblem wird hier gezielt zu einer kulturellen Katastrophe umgedeutet.

Sicherheit, Angst und Realität

Es ist unbestritten, dass es eine islamistische Bedrohungslage gibt und dass Weihnachtsmärkte seit dem Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz als potenzielle Anschlagsziele gelten. Diese Realität anzuerkennen, ist legitim. Sie wird jedoch von rechtsextremen und rechts-alternativen Akteur*innen instrumentalisiert, um pauschale Feindbilder zu bedienen.

Gleichzeitig unternehmen Staat, Kommunen und Sicherheitsbehörden erhebliche Anstrengungen, um Weihnachtsmärkte bestmöglich zu schützen. Angst ist gerechtfertigt und sollte als solche benannt werden – sie darf aber nicht zur Legitimation von Rassismus missbraucht werden.

Fazit: Kein Kulturkampf, sondern rechte Mobilisierung

Der angebliche „War on Christmas“ ist kein realer Angriff auf Weihnachten. Er ist ein politisches Narrativ, das gezielt Empörung erzeugt, um antimuslimische und rassistische Stimmung zu machen. Gerade in einer Zeit, die für Besinnung, Gemeinschaft und Nächstenliebe stehen sollte, wird Weihnachten so zum Werkzeug rechter Mobilisierung.

Dem gilt es mit Aufklärung, Fakten und einer klaren Haltung für eine offene, solidarische Gesellschaft entgegenzutreten.

Antifeminismus 2025: Bedrohte Körper, bedrohte Demokratie

Jahresrückblick zu Antifeminismus & Queerfeindlichkeit: Rechte Kampagnen, Hasswellen und politisierte Moralpaniken machten 2025 deutlich, wie eng körperliche Selbstbestimmung, Gleichstellung und demokratische Stabilität zusammenhängen.

Von Sabine Herberth und Nora Noll

Anfang Juni 2025, bis jetzt zählt Deutschland schon mindestens 40 Femizide, Taten also, bei denen Frauen wegen ihres Geschlechts getötet wurden, als im Bundestag zwei Richterinnen für das Bundesverfassungsgericht gewählt werden sollten. Eigentlich schien alles klar: Die Juristin Frauke Brosius-Gersdorf galt als fachlich unumstritten. Dann starteten rechte Medienportale wie Apollo News und Nius eine Kampagne gegen sie, nannten sie eine „radikale Abtreibungsaktivistin“, griffen einzelne Fachaufsätze heraus, um zu suggerieren, sie wolle Schwangerschaftsabbrüche „freigeben“. In kurzer Zeit landeten Hunderte Mails bei Abgeordneten, christlich-fundamentalistische Netzwerke mobilisierten gegen ihre Wahl, die AfD blies im Plenum zur Attacke und die Wahl wurde kurzfristig von der Tagesordnung genommen.

Was wie eine Spezialgeschichte fürs juristische Feuilleton wirkte, ist in Wahrheit ein Muster: Eine antifeministische Kampagne aus der rechtsalternativen Medienszene diffundiert bis in den Bundestag, wo konservative Kräfte sie aufgreifen und in „sachliche Bedenken“ zum „Schutz ungeborenen Lebens“ übersetzen. Die Botschaft dahinter: Frauen, die reproduktive Rechte konsequent verteidigen, sollen nicht an die Schalthebel der Macht gelassen werden.

2025 ist das Jahr, in dem sich zunehmender Rechtsextremismus und Autoritarismus in Deutschland besonders sichtbar auf Körper einschreiben, auf die Körper von Frauen, queeren und rassifizierten Menschen. Und zwar nicht nur am extrem rechten Rand, sondern aus der Mitte der politischen Macht und der digitalen Mainstream-Kultur heraus.

Was wir meinen, wenn wir über Antifeminismus sprechen

Antifeminismus ist mehr als Ärger über Gendersternchen oder „Gender-Gaga“-Kolumnen. Gemeint ist eine politische Ideologie, die sich gegen feministische Errungenschaften und gegen Feminist*innen richtet, Geschlechterhierarchien verteidigt und Selbstbestimmung, Gleichstellung und Gewaltschutz zum Feindbild erklärt.

Die Meldestelle Antifeminismus von LOLA für Demokratie e.V. beschreibt Antifeminismus ausdrücklich als Ideologie, die Gewalt gegen Frauen und Hasskriminalität vorbereitet, legitimiert und normalisiert. Die Auswertung ihrer Daten zeigt, wie eng Antifeminismus mit geschlechtsspezifischer Gewalt verwoben ist: Die gemeldeten Vorfälle reichen von Bedrohungen und organisierten Hasswellen über Brandstiftungen bis zu systematischer digitaler sexualisierter Gewalt, inklusive Webseiten, die Vergewaltigungen und Femizide als „Content“ verbreiten. Gewalt wird hier nicht nur in Kauf genommen, sondern als politisches Instrument verstanden.

Queerfeindlichkeit ist dabei kein Nebenschauplatz, sondern zentraler Bestandteil dieser Ideologie: 2024 waren laut Meldestelle über die Hälfte der gemeldeten antifeministischen Vorfälle queerfeindlich motiviert, 123 Fälle explizit transfeindlich, häufig gegen trans Frauen.

Auch die Politik zieht Konsequenzen: Die Gleichstellungs- und Frauenministerkonferenz (GFMK) hat 2024 und 2025 in ihren Beschlüssen das Erstarken von Antifeminismus als „besondere Bedrohung für die Gleichstellung der Geschlechter und die Demokratie“ identifiziert. Sie fordert den Bund auf, Antifeminismus wegen seiner Brückenfunktion in den Rechtsextremismus und seiner Rolle bei der Radikalisierung gewaltbereiter Männlichkeit als sicherheitspolitische Herausforderung ernst zu nehmen und dafür eine länderübergreifende Arbeitsgruppe einzurichten.

Auf europäischer Ebene zeigt der Bericht The Next Wave des European Parliamentary Forum for Sexual and Reproductive Rights (EPF), wie massiv die Gegenbewegung inzwischen aufgestellt ist: Zwischen 2019 und 2023 flossen rund 1,18 Milliarden US‑Dollar in anti-gender und religiös-extremistische Akteur*innen in Europa, mit klarem Fokus auf Angriffe auf reproduktive Rechte, LGBTQIA+-Rechte und Geschlechtergleichstellung. Diese Bewegung ist transnational, hoch professionalisiert und Deutschland ist einer ihrer zentralen Resonanzräume.

Vibeshift: Vom Diversity-Talk zur „Stadtbild“-Debatte

Vibeshift, so nennen Kommentator*innen den Stimmungsumschwung: In den 2010er- und frühen 2020er-Jahren schien sich ein breiter Konsens zu etablieren: „Vielfalt ist unsere Stärke“, #MeToo, Body Positivity, Diversity-Marketing. 2025 wirkt das wie aus einer anderen Zeit. In Mode und Popkultur ist der Trend zurück zu restriktiven Körpernormen längst Thema, von „SkinnyTok“ bis zum Ozempic-Hype. Parallel verschiebt sich der politische Diskurs: Weg von Diversität als Wert, hin zur Frage, ob „zu viel Sichtbarkeit“ das „Sicherheitsgefühl“ oder das „Stadtbild“ störe.

Nicht nur die Wahlerfolge der AfD verschieben die politischen Koordinaten nach rechts. Auch aus der Mitte des politischen Spektrums heraus werden Grenzverschiebungen inzwischen beiläufig vollzogen. Als Bundeskanzler Friedrich Merz im Juli 2025 das Nein von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner zur Regenbogenflagge auf dem Reichstag mit den Worten verteidigt, der Bundestag sei „kein Zirkuszelt“ und dort würden „nicht beliebig irgendwelche Fahnen aufgehängt“, wird queere Sichtbarkeit zur Geschmacksfrage erklärt. Und wenn derselbe Kanzler Migration Wochen später als „Problem im Stadtbild“ beschreibt, werden sichtbare Diversität und rassifizierte Körper zur Projektionsfläche für diffuse Unsicherheiten.

Aus dem Leitmotiv „Vielfalt gehört zu Deutschland“ ist so ein Frame geworden, der Diversität als Störung markiert, im Namen von „Ordnung“, „Sicherheitsgefühl von Frauen“ und „Schutz des Stadtbildes“. Diese Verschiebung im Grundton bildet den Resonanzraum für konkrete politische und gewaltvolle Angriffe.

Angriffe auf Diversität und Gleichstellung

In Sachsen etwa wurden 2025 kommunale Gleichstellungsbeauftragte politisch infrage gestellt, ihre Institutionalisierung zur „freiwilligen Aufgabe“ erklärt, ein Versuch, zentrale Schutz- und Anlaufstrukturen für von Gewalt betroffene Frauen und queere Menschen abzubauen. Analysen bestätigen diese Entwicklung: Gleichstellungsstellen, Frauenbeauftragte und geschlechtergerechte Politik gehören zu den zentralen antifeministischen Angriffsfeldern.

Parallel werden Symbole der Vielfalt selbst zur Angriffsfläche. Die Analyse zu Angriffen auf CSDs und queere Einrichtungen zeigt, wie sich antifeministische Ideologien in Gewalt übersetzen: 2024 dokumentierte die Meldestelle 92 antifeministisch motivierte Angriffe auf CSDs, ihre Teilnehmenden und Organisator*innen. Die Amadeu Antonio Stiftung verzeichnet für 2025 in ihrem Sicherheitsreport bei fast jedem zweiten CSD rechtsextreme Störungsversuche.

Gleichzeitig wächst die CSD-Landschaft: 2025 fanden in Deutschland 245 CSDs statt, so viele wie nie zuvor. Doch gerade dort, wo die AfD über 20 Prozent erzielt, häufen sich Angriffe: In Bautzen marschieren 450 Rechte gegen den CSD, in Magdeburg 350. Queerfeindlichkeit fungiert laut Sicherheitsreport als gemeinsamer Nenner der extremen Rechten, denn sie verbindet AfD, Neonazi-Kameradschaften wie „Jung und Stark“ und Jugendorganisationen wie die „Jungen Nationalisten“.

Es bleibt dabei nicht bei Paraden: Angriffe auf LGBTQIA+-Räume und queere Pädagogik häufen sich. In Neubrandenburg wird das queere Zentrum queerNB seit seiner Eröffnung 2024 wiederholt 2025 mit Schmierereien, Stickeraktionen und Sachbeschädigungen überzogen, in Rostock wird die queere Bar B7 zweimal Ziel von Brandanschlägen, in Berlin-Neukölln die Bar Das Hoven verwüstet, das Schwule Museum mehrfach angegriffen.

Auch Projekte sexueller Bildung und Vielfaltspädagogik geraten in den Fokus. In mehr als jedem zehnten gemeldeten Fall werden „Kinderschutz“-Narrative instrumentalisiert: Homosexualität und Transgeschlechtlichkeit werden mit sexualisierter Gewalt an Kindern verknüpft, Drag-Lesungen und queere Kitas als „Frühsexualisierung“ diffamiert.

Die Linie ist klar: Symbolische Angriffe auf Regenbogenflaggen, CSDs oder queere Kultur gehen Hand in Hand mit Versuchen, die Infrastruktur der Gleichstellung politisch zu schwächen oder zu zerschlagen. Antifeminismus richtet sich ausdrücklich gegen Gewaltschutz, Gleichstellung und Selbstbestimmung und macht damit jene Strukturen angreifbar, die demokratische Teilhabe überhaupt erst ermöglichen.

Femonationalismus – „Frauen schützen“ als Vorwand für Rassismus

Parallel dazu erlebt Deutschland 2025 eine Neuauflage des femonationalistischen Drehbuchs: Gewalt gegen Frauen wird politisch skandalisiert, aber selektiv, Täter sind vor allem dann Thema, wenn sie als „fremd“ markiert werden können.

Die Realität zeichnet ein anderes Bild: Die Initiative One Billion Rising dokumentiert für 2025 bereits 128 Frauen, die von Männern getötet wurden, meist Partner, Ex-Partner oder andere Männer aus dem nahen Umfeld. Parallel dazu veröffentlichen BKA, Menschenrechtsinstitut und Landeskriminalämter neue Zahlen: Laut Bundeslagebild wurden 2024 in Deutschland 308 Frauen und Mädchen gewaltsam getötet, 191 davon durch (Ex-)Partner oder andere Familienangehörige. Insgesamt waren 53.451 Frauen Opfer von Sexualdelikten, 187.128 Frauen Opfer häuslicher Gewalt, 18.224 Frauen Opfer digitaler Gewalt.

Im Bereich der politisch motivierten Kriminalität stieg die Zahl frauenfeindlicher Straftaten 2024 um 73,3 Prozent auf 558 Delikte. Auch die Diakonie Hamburg warnt 2025 anlässlich des 25. November: Fachkräfte berichteten zunehmend von jungen Männern, die sich mit Influencern aus der „Manosphere“ identifizieren und Gewalt gegen Frauen verharmlosen oder rechtfertigen.

Die erste umfassende Femizid-Studie des LKA Nordrhein-Westfalen zeigt, wie tief patriarchale Gewalt in der sogenannten Mitte verankert ist: Zwischen 2014 und 2023 wurden dort 1.666 versuchte und vollendete Tötungsdelikte an Frauen ausgewertet. 522 davon stufte das LKA als Femizide ein, 235 Frauen wurden in diesen Fällen getötet. In 87 Prozent handelte es sich um Beziehungstaten, in 99 Prozent der Fälle waren die Täter Männer, zumeist aktuelle oder ehemalige Partner. Die Untersuchung beschreibt ein Täterbild, das von Kontrolle, Besitzdenken und einem „mittelalterlichen“ Frauenbild geprägt ist, nicht von kultureller Herkunft, sondern von patriarchalen Geschlechterordnungen.

Trotzdem werden öffentliche Debatten immer wieder so geführt, als sei Gewalt gegen Frauen vor allem ein Problem „importierter“ Männlichkeit. Projekte wie gegen-antifeminismus.de dokumentieren, wie rechtsextreme Narrative sexualisierte Gewalt rassistisch externalisieren: „Gewalttätig gegen Frauen sind nur die anderen“, deutsche Täter kommen in dieser Erzählung kaum vor.

So funktioniert Femonationalismus: Der vermeintliche „Schutz der deutschen Frau“ legitimiert migrationsfeindliche Politik, von „sicheren Stadtbildern“ über Schwimmbad-Debatten bis zur ständigen Beschwörung von Silvester 2015 in Köln. Die realen Strukturen der Gewalt, häusliche Gewalt, Femizide in heterosexuellen Beziehungen, digitale Gewalt, geraten aus dem Blick.

Gegen körperliche Selbstbestimmung von Frauen und Queers

Ob Schwangerschaftsabbruch oder Geschlechtseintrag, 2025 rücken rechte Akteur*innen Fragen von Körper und Identität erneut ins Zentrum eines Kulturkampfs.

Die Kampagne gegen Frauke Brosius-Gersdorf ist dafür ein Musterfall: Rechtsalternative Medien zeichnen das Bild einer „Extremistin“, fundamentalistische „Lebensschutz“-Netzwerke mobilisieren mit vorgefertigten Mails, die AfD übernimmt die Empörung im Bundestag. Teile der Union greifen die Vorwürfe auf, nun versehen mit der Sprache des „Lebensschutzes“. Was wie eine fachliche Debatte über Verfassungsrecht daherkommt, ist politisch ein gezielter Angriff auf reproduktive Rechte, mit der klaren Signalwirkung, feministische Haltungen einzuschüchtern.

Der Next Wave-Report liefert den europäischen Kontext: Anti-Abtreibungs-, anti-LGBTQIA+- und andere anti-gender-Akteur*innen haben in Europa seit 2019 über 1,18 Milliarden US‑Dollar mobilisiert, teils unter Nutzung öffentlicher Gelder. Sie arbeiten mit professionellen Lobbystrukturen, „Schatten-Thinktanks“ und kirchlich organisierten NGOs („ChONGOs“), um reproduktive Rechte von der EU-Ebene bis in nationale Parlamente Schritt für Schritt auszuhöhlen.

Selbstbestimmungsgesetz und die Moralpanik 

Ein zweites Frontfeld ist das Selbstbestimmungsgesetz, das seit dem 1. November 2024 in Kraft ist und das entwürdigende Gutachtenverfahren nach Transsexuellengesetz ablöst: Nun reicht eine Erklärung beim Standesamt, um Vornamen und Geschlechtseintrag zu ändern, eine drei­monatige Frist vorausgesetzt.

2025 wird dieses Gesetz zum Fixpunkt einer neuen Moralpanik. Besonders prominent wurde der Fall einer verurteilten Rechtsextremistin, die ihren Geschlechtseintrag änderte und deren Fall von rechten Medien und der AfD als angeblicher Beleg für den „Missbrauch“ des Gesetzes ausgeschlachtet wurde. Während Einzelfälle skandalisiert werden, gehen die Zahlen der tatsächlichen Nutzung in der Berichterstattung unter: Nach Auswertung von dgti und Destatis haben seit Inkrafttreten über 20.000 Menschen ihren Vornamen und/oder Geschlechtseintrag auf Basis des Selbstbestimmungsgesetzes geändert, eine kleine Minderheit der Bevölkerung, aber für die Betroffenen ein massiver Abbau von Hürden.

Die Strategie ähnelt der beim Abtreibungsrecht: Rechte Akteur*innen inszenieren sich als Verteidiger*innen von „Frauenrechten“ und „Kinderschutz“, während sie real die Selbstbestimmung von Frauen und Queers einschränken wollen. Antifeministische Netzwerke verbreiten transfeindliche Narrative, etwa die Konstruktion von trans Frauen als Gefahr in Schutzräumen, und spielen gezielt (cis) Frauenrechte gegen trans Rechte aus.

Akteur*innen und Infrastrukturen im Backlash

Der Backlash 2025 ist kein spontaner Stimmungsumschwung, sondern Ergebnis einer verdichteten Infrastruktur:

  • Rechtsalternative Medien wie Nius oder Apollo News fungieren als Taktgeber des Kulturkampfs. Sie starten Kampagnen gegen Einzelpersonen (Richterinnen, Gleichstellungsbeauftragte, queere Pädagog*innen), Themen (Abtreibungsrecht, Selbstbestimmungsgesetz) und treiben sie in den parlamentarischen Raum.
  • Rechte Influencer*innen der Mannosphäre – von „Red-Pill“-Kanälen bis zu maskulinistischen Coaches – erreichen Hunderttausende junge Männer mit Inhalten, die Frauenhass, Verschwörungserzählungen und Anti-LGBTQIA+-Narrative mischen. Die Pilotstudie Mapping the GerManosphere beschreibt diese deutschsprachige Mannosphäre als misogynes Online-Milieu, das in seiner Ideologie demokratiefeindlich ist und als Rekrutierungsraum für rechtsextreme und islamistische Bewegungen dient.
  • AfD und organisierte rechtsextreme Strukturen arbeiten arbeitsteilig: Während die AfD mit Konzepten wie dem „Stolzmonat“ und Anfragen zu Pride-Flaggen in Kommunalparlamenten die Agenda setzt, übernehmen Gruppen wie „Jung und Stark“ oder die „Jungen Nationalisten“ die Straßenmobilisierung gegen CSDs.
  • Religiös-fundamentalistische Netzwerke und anti-gender-NGOs organisieren „Lebensschutz“-Demos und Angriffskampagnen gegen Beratungsstellen, Ärzt*innen und Frauenhäuser. Der Next Wave-Report zeigt, wie sie über EU-Programme und nationale Fördertöpfe an öffentliche Gelder kommen und so ihre antifeministischen Angebote ausbauen.
  • Angriffe auf Wissenschaft: Die GERDEA-Handreichung dokumentiert, wie rechte Kampagnen zunehmend Hochschulen, Gender Studies und einzelne Forschende ins Visier nehmen mit Shitstorms, Drohungen und politischem Druck. Ziel ist, geschlechter- und gleichstellungspolitische Forschung zu delegitimieren und akademische Räume für antifeministische Narrative zu öffnen.

Gleichzeitig formiert sich Gegenwehr: Queere und feministische Initiativen, gerade im ländlichen Raum, professionalisieren ihre Sicherheitskonzepte, gründen neue CSDs und bauen Beratungsstrukturen aus. Der Sicherheitsreport beschreibt CSDs als Lernorte der Solidarität und Bollwerke der Demokratie, Orte, an denen trotz zunehmender Gewalt sichtbar wird, dass Communities sich nicht vertreiben lassen.

Von Debatten zu Angriffen: Wenn Worte zu Gewalt werden

2025 wird besonders deutlich: Der Diskurs bleibt nicht abstrakt. Antifeministische Erzählungen übersetzen sich in sehr konkrete Gewalt, sichtbar in neuen Lagebildern und Meldestellenberichten, die 2025 vorgelegt wurden:

Die Meldestelle Antifeminismus dokumentiert für 2024 77 Fälle antifeministisch motivierter Sachbeschädigung, 72 Fälle physischer Gewalt und zehn geplante oder umgesetzte Anschläge. Fast 30 Prozent aller Vorfälle finden im digitalen Raum statt, wo Gruppen offen zu Gewalt gegen Frauen aufrufen und sexualisierte Gewaltdarstellungen verbreiten. Parallel weisen die Bundeslagebilder weiterhin hohe Zahlen häuslicher und digitaler Gewalt gegen Frauen und Mädchen aus, Fachstellen berichten von Jugendlichen, die sich an Manosphere‑Influencern orientieren und Gewalt verharmlosen. Zusammengenommen zeigt sich: Antifeminismus ist ein massives Problem für die innere Sicherheit, er verbindet digitale Radikalisierung, Hasskriminalität und geschlechtsspezifische Gewalt und richtet sich gezielt gegen diejenigen Strukturen, die Betroffene schützen sollen.

Antifeminismus benennen, um ihn bekämpfen zu können

Trotz alledem wird Antifeminismus in der öffentlichen Debatte noch oft verharmlost. Im Fall Brosius-Gersdorf etwa war in vielen Medien von einer „kontroversen Kandidatin“ die Rede, selten wurde klar benannt, dass es hier eine orchestrierte antifeministische Kampagne geschafft hat, eine Verfassungsrichterin zu verhindern. Bei Angriffen auf CSDs ist häufig von „Gegendemonstranten“ die Rede, nicht von queerfeindlich motivierter Gewalt.

2025 haben Studien, Lagebilder und politische Beschlüsse, vom GFMK-Beschluss über das Bundeslagebild bis hin zu Mapping the GerManosphere und dem Next Wave-Report, deutlich gemacht: Antifeminismus ist eine Ideologie, ein Netzwerk und ein Machtprojekt. Er verbindet Sexismus, Queerfeindlichkeit, Rassismus und autoritäre Politik.

Für 2026 heißt das:

  • Medien müssen antifeministische und queerfeindliche Kampagnen als solche benennen, statt sie als neutrale „Kontroversen“ oder „Kulturkämpfe“ zu rahmen.
  • Politik muss Antifeminismus als sicherheitspolitisches Problem ernst nehmen: mit systematischer Datenerhebung, Schutzprogrammen für Betroffene, konsequentem Vorgehen gegen frauenfeindliche und queerfeindliche Straftaten und der Stärkung von Gleichstellungsstrukturen.
  • Zivilgesellschaft braucht langfristige Finanzierung, um Beratungsstellen, queere Zentren, feministische Bildungsarbeit und digitale Gegenstrategien auszubauen. Gerade dort, wo rechte Raumnahme besonders aggressiv ist.

Die rechtsextreme und autoritäre Verschiebung im Jahr 2025 wurde auf Körpern ausgetragen. Damit das nicht zur neuen Normalität wird, müssen wir Antifeminismus als das benennen, was er ist: eine politische Ideologie, die demokratische Gleichheit angreift. Wer Demokratie verteidigen will, muss Frauen, Queers und rassifizierte Menschen nicht nur mitdenken, sondern in den Mittelpunkt stellen.

Dieser Artikel erschien zuerst bei Belltower.News.

Digitale Demokratiegefährdung 2025: Labubu-Terrorismus, Affektmaschinen und verzerrte Wirklichkeiten

Foto: Unsplash/Declan Sun

2025 war das Jahr, in dem das digitale Vorfeld der extremen Rechten endgültig aus dem Schatten hervorgetreten ist. Algorithmisch durch Plattformen wie X und Meta belohnt, ästhetisch geschärft durch billig produzierte KI-Inhalte und organisatorisch breit vernetzt

Von Una Titz

Es war ein Jahr, in dem die gewachsenen Online-Infrastrukturen der AfD, ihrer Vorfeldakteur*innen und ihrer Subkulturen als KI-Slop den digitalen Raum dominierten. Hinzu kam eine jahrelang verfestigte Astroturfing-Architektur, die politische Stimmung und Reichweitenströme nahezu reibungslos aus denselben Systemen bezog und die Grenze zwischen orchestrierter Mobilisierung und organischer Empörung verwischte.

Gleichzeitig wurde diese Infrastruktur durch reaktionäre gegenkulturelle Ideologisierung angereichert. Etwa Pronatalismus, Cyberlibertarismus oder Longtermismus bildeten 2025 die ideologische Kulisse, in der rechte Akteur*innen nicht nur Kulturkampf führten, sondern Zukunftswahnvorstellungen entwarfen. Strömungen, die wir auf Belltower.News in der Textreihe [Gegenaufklärung 2025] untersucht haben, fungierten zunehmend als intellektuelle Legitimationsschicht, die digitale Mobilisierung mit schwulstiger Bedeutung versorgen sollte.


Una Titz leitet den Digitalbereich der Amadeu Antonio Stiftung und ist Monitoring-Expertin. Sie beobachtet unter anderem die Ideologien, die Elon Musk und Co. antreiben.


Online first, mit Affektpeaks und festen Content-Kalendern

Es formierten sich eigenständige, online-first organisierte rechtsextreme Netzwerke mit eigenen Jahresrhythmen, festen Content-Kategorien und strategisch kuratierten Empörungs-Ritualen. Diese Öffentlichkeiten produzierten ihre Themen zyklisch, nach einem festen Kalender, der Affektpeaks planbar machte. Ein Beispiel ist der weitestgehend online organisierte „Stolzmonat“, der jedes Jahr erneut genutzt wird, um antifeministische und queerfeindliche Narrative rund um den CSD digital zu überlagern. Solche Formate existieren inzwischen als kulturelle Pflichttermine innerhalb der rechtsextremen Online-Ökosysteme: wiederkehrende Kampagnen, die Reichweite sichern und Deutungshoheit simulieren, bevor überhaupt politisch debattiert wird.

Diese ritualisierte Struktur zeigt sich ebenso in Gaming-Kulturen, in denen antifeministische Memes und Feindbild-Erzählungen längst zu festen Content-Genres geworden sind. Die antifeministische Behauptung, Gamer wollten „echte Spiele“ statt angeblicher woker Aktivist*innenkultur, wurde 2025 zur Standardunterwanderungsstrategie rechtsextremer Akteur*innen, nach Release neuer Spiele. Auch hier geht es um die Herstellung eigener kultureller Realitäten, in denen antifeministische Normen, Maskulinitätsfantasien und populäre Meme-Referenzen zu einer kohärenten rechten Kulturform verschmelzen.

Rechtsextreme agierten dabei in einer Deutlichkeit professionell, die kaum noch zufällige Überschneidungen zulässt. So etablierten Influencer*innen Newsroom-ähnliche Sendeformate, die Unterhaltung und Kulturkampf miteinander verschmolzen. Livestreams, Straßenumfragen, und Protestbegleitungen dienten als permanente Resonanzräume, die in Echtzeit antidemokratisch umgedeutet wurden. Das Attentat auf Charlie Kirk wurde so binnen Minuten in eine rechte Narrativarchitektur überführt, die maximal emotionalisiert und algorithmisch vervielfacht wurde.

Affektmaschinen, Brainrot-Meme-Ökonomien und Enshittifizierung

Entscheidend für 2025 war die Bedeutung von KI als Beschleuniger alternativer Wirklichkeiten. Mit KI-Slop – mithilfe von KI-Generatoren, leicht zu produzierende Bilder niedriger Qualität – entstand eine Ästhetik endloser Reproduktion, in der politische Bilder, Affekte und Takes in Sekundenschnelle erzeugt werden konnten.

KI-Slop führt zu einem Bedeutungsverlust, weil die Geschwindigkeit der Produktion jede einzelne Darstellung entwertet. Der Fall des Mädchens mit dem Messer zeigte sehr deutlich, wie künstlich erzeugte Überzeichnungen kurzfristig starke Emotionen auslösen können und zugleich jede inhaltliche Schwere verlieren, sobald sie sich in der endlosen maschinellen Variation auflösen. In dieser Überproduktion kippte politische Aufladung in Belanglosigkeit.

Wenn in rechten Onlineräumen jede*r innerhalb von Sekunden neue Bilder, Sounds, Videos, Kanäle oder affektive Übersteigerungen mit wenigen Prompts erzeugen kann, konkurrieren diese Beiträge auch miteinander und kannibalisieren sich gegenseitig. Das rechtsextreme Milieu erzeugt so viele Varianten desselben Gefühls, dass keine einzelne länger trägt.

Diese Entwertung trifft auf die Logik der Plattformen. Cory Doctorow beschreibt in seiner Analyse zur sogenannten „Enshittifzierung“ der Plattformökonomie, dass soziale Netzwerke Inhalte nicht nach gesellschaftlichem Wert ordnen, sondern nach den Interessen der Plattform selbst. Sichtbarkeit und Reichweite entstehen auf den Plattformen dabei nicht aus Relevanz, sondern aus intransparenten Plattforminteressen. Genau deshalb können gerade Inhalte, die inhaltlich kaum Gewicht haben, enorme Reichweiten erzielen. Sie passen in die Funktionslogik der Plattformen, nicht in die Logik politischer Kommunikation.

2025 kamen beide Entwicklungen zusammen. Meta hebt KI generierte Inhalte in seinen Empfehlungssystemen hervor, X wiederum verstärkt seit der Musk-Übernahme international die Reichweiten rechtsextremer Accounts. Rechtsextreme Shitposter*innen profitieren davon, weil sie in einem Raum agieren, der affektive Impulse belohnt und keine inhaltliche Prüfung mehr verlangt. In dieser Umgebung ersetzt KI-Variation den Kontext und Wiederholung jegliche Relevanz.

Das Ergebnis ist ein doppelt verzerrter öffentlicher Raum. Rechte Inhalte verlieren in der Überfülle ihre Bedeutung und gewinnen im selben Moment politische Schlagkraft über die Sichtbarkeit, die ihnen die Plattformen künstlich verschaffen. Die Kulturtheoretikerin Sianne Ngai beschreibt 2007 ein vergleichbares Moment in ihrer Analyse negativer Affekte, Ugly Feelings. Wenn Reize zu häufig erzeugt und zu oft wiederholt werden, verlieren sie jede Intensität und zirkulieren dennoch ununterbrochen weiter. Es entsteht ein entwerteter Affekt, der nicht überzeugt, aber trotzdem wirkt.

Genau in dieser Zone bewegt sich 2025 die rechte KI-Öffentlichkeit. Sie produziert Material, das immer weniger sagt und immer mehr erzeugt. In diesem Fall jedoch als substanzlose Reichweite, bedeutungslose Emotion oder Wirkung ohne Aussage.

Doch KI beschleunigt nicht nur affektive Überproduktion, sondern verschiebt auch den Rahmen dessen, was als Wissen gilt. Mit Projekten wie Grokipedia und den sogenannten AI-Reflexionsmaschinen der Techlibertären entstehen digitale Wissensräume, in denen Fakten nicht widerlegt, sondern ersetzt werden. Die neuen KI-Enzyklopädien funktionieren als politisierte Vorfilter, die Weltwissen automatisiert neu sortieren und rechte Frames als scheinbar neutrale Information ausgeben. Radikalisierung wird dadurch weniger der Effekt eines überzeugenden Arguments, sondern das Ergebnis einer vorstrukturierten Informationsumgebung. Wer in solchen Räumen sucht, findet nicht Wissen, sondern eine politisch vorselektierte Version davon.

Eine zweite Entwicklung zeigte sich in der alltäglichen Nutzung von Chatbots. Eine Analyse zur Radikalisierung durch Chatbots zeigt, dass KI-Assistenten zunehmend als parasoziale Begleiter fungieren, die weder Grenzen setzen, noch Widersprüche anmelden und jede feindselige Emotion spiegeln. Zudem bauen sich rechtsextreme Nutzer*innen personalisierte KI-Begleiter auf Plattformen wie Gab, die beispielsweise den Holocaust leugnen oder Verschwörungserzählungen zur vermeintlich gestohlenen US-Wahl verbreiten.

Digitale Gewalt wirkt unter diesen Bedingungen nicht wie der spontane Ausbruch eines Mobs, sondern wie das Ergebnis einer epistemisch programmierten Umwelt. KI schafft Räume, in denen Ressentiments Amplifizierung finden können.

Labubu-Terrorismus und Faschismus als Happening

Parallel dazu verdichtete sich das Netz rechter Mikro-Öffentlichkeiten: Mini-Happenings, Online-Subkulturen, Skinhead-Revival-Formate auf TikTok, aber auch neu entstehende „divisionenartige“ Gruppen auf TikTok wie Urbs Turrium aus Bautzen, die sich ausschließlich digital formieren und deren Identität komplett online erzeugt wurde. Diese Räume funktionieren wie selbstreferenzielle Szenen, deren Bedeutung vornehmlich aus Dauer-Shitposting und affektiver Wiederholung entsteht.

Vorfeldorganisationen von „Heimat“ (früher NPD) oder der JN, etwa die DJV (Deutsche Jugend Voran), verstehen längst, dass Mobilisierung und Gruppenzugehörigkeit weniger über Inhalte als über Affekte hergestellt werden. Videos von Jugendlichen, die in Sachsen zu Gabber-Techno „spazieren gehen“, zeigen, wie aus scheinbar belanglosen Zusammentreffen politisches Kapital geschlagen wird. Ähnlich verhält es sich mit Nischenthemen, die von rechtsextremen Akteur*innen überzeichnet und mit ideologischem Content aufgeladen werden. Mikrotrends wie Looks-Maxxing oder Horror-Maxxing, ursprünglich aus Incel-Milieus stammend, oder popkulturelle Versatzstücke wie Anspielungen auf American History X oder Labubus, werden gnadenlos instrumentalisiert, um bei besonders jungen Nutzer*innen auf TikTok Parasozialität zu erzeugen. Popkultur wird so zur Infrastruktur, auf der vor allem junge Rechtsextreme ihre Identität performen.

Beispielhaft dafür steht die memetische Aneignung der Spielfigur Labubu, die 2025 kulturell dominiert hat. Die Figur fungiert weniger als ästhetisches Objekt, denn als Chiffre für spätkapitalistische Begehrensökonomien. In rechten Online-Szenen wird sie mit KI-Brainrot deformiert und zu rechtsterroristischen Meme-Codes umgebaut, die im akzelerationistischen und nihilistischen Spektrum kursieren. Die Bedeutung entsteht nicht aus der Figur selbst, sondern aus der Aktualität des Symbols, das 2025 als verdichtete Projektionsfläche für Konsumkritik, Verfallsfantasien und Gewaltästhetik dient. In dieser Logik sind rechtsterroristische Memes gezielte Versuche, Popkultur selbst zu überformen.

Dogpiling-as-a-Service 

Plattformen begünstigen auch 2025 Inhalte, die starke Reaktionen hervorrufen. Ein gefundenes Fressen für all jene, die Hass und verzweifelte Wut als Form zersetzender Massenkommunikation einsetzen. Dogpiling, bei dem sich Nutzer*innen oder Bots massenhaft auf eine Person oder Gruppe stürzen, hat sich zu einer eigenen Form kollektiver Gewaltorgie entwickelt, um progressive Aktivist*innen mundtot zu machen. Diese Übergriffsform basiert auf eintrainierten Routinen, die durch automatisierte Kommentare, teilweise KI-erzeugte Hasspostings und algorithmische Verstärkung eine enorme Wucht entfalten. Man könnte das Phänomen auch als Service begreifen, bei dem vernetzte Akteur*innen und automatisierte Systeme bereitstehen, um einen Angriff in Sekunden zu aktivieren. Die Gewalt wird zu einem abrufbaren Werkzeug, das jederzeit gegen neue Zielpersonen eingesetzt werden kann.

Misogynie, Rassismus, Antisemitismus und Queerfeindlichkeit bilden die emotionalen Basismodule, aus denen mobilisiert wird. Kollektive Kommentarfluten, Shitstorms, Raids und Dogpiling funktionieren als Taktiken, die sofort anschlussfähige Erregungsangebote schaffen, um sich am Leid anderer zu ergötzen. Die affektive Mobilisierung ist hier besonders effektiv, weil sie an tief verankerte kulturelle Vorstellungen von Geschlecht, rassifizierten Zuschreibungen und Macht andockt. Sexismus fungiert in solchen Momenten als Kommunikationsstil, der Druck erzeugt, Zugehörigkeit unter Maskulinisten schafft und politische Feindbilder stabilisiert.

Ganz ähnlich funktioniert die Erzählung von der „Pandemie der Einsamkeit“ unter Männern. Sie zeigt, wie stark männliche Isolation, soziale Unsicherheit und der Verlust verlässlicher Rollenbilder politisch ausgenutzt werden. Rechtsextreme Akteur*innen erkennen schnell, dass Einsamkeit ein politisches Risiko darstellt, weil sie Menschen empfänglich macht, für menschenfeindliche Erzählungen. Genau das nutzen antifeministische Influencer und fungieren als kurzfristige Betäubungsmittel in einer emotional überlasteten Medienumgebung. Ihre Geschichten bieten einfache Antworten auf komplexe Fragen und liefern Schuldige gleich mit. Die politische Wirkung entsteht nicht aus Überzeugung, sondern aus Erleichterung.

Quo Vadis 2026? 

Rechtsextreme verfügen nun über eine stabile digitale Infrastruktur, eigenständige Affektökonomien und ein Arsenal an KI-Werkzeugen, die ohne organisatorische Hürden skalieren. Die entscheidenden Verschiebungen im kommenden Jahr setzen in der Architektur der Öffentlichkeit an. Die nächste Phase rechter Digitalstrategien liegt in der fortgeschrittenen Automatisierung ihrer Verbreitung, erkennbar an Projekten wie Grokipedia oder mobilen künstlichen TikTok-Divisionen, die sich jederzeit neu formieren und in laufende Diskurse einklinken können. KI-Systeme, parasoziale Bots und memetische Popkulturformen wachsen folgerichtig zu einem Hassgeflecht, das kaum noch von Plattformlogiken oder algorithmischer Priorisierung zu trennen ist. Unter diesen Bedingungen verschiebt sich digitale Demokratiegefährdung endgültig von ideologischen Inhalten hin zu Infrastrukturfragen. 2026 wird damit weniger durch spektakuläre Ereignisse geprägt sein als durch die alltägliche Verstetigung dieser Misere.

Dieser Artikel erschien zuerst bei Belltower.News.

Gefördertes Projekt

Baseballschlägerjahre: Kammerspiele Magdeburg arbeiten rechtsextreme Gewalt auf

Foto: Nilz Böhme

In den 1990er Jahren setzte in Ostdeutschland ein tiefgreifender gesellschaftlicher Wandel ein, der mit Hass, Rassismus und Hetzjagden verbunden war. Das Ein-Personenstück „Herrentage“ der Magdeburger Kammerspiele beschäftigt sich mit Ursachen und Folgen der rechten Gewalt, die Generationen prägten und bis heute fortwirken.

Von Vera Ohlendorf

„Die Füße haben gebrannt… vom Rennen. Wenn du daran denkst, wie das war… damals… dann erinnerst du dich zuerst an das Rennen. Scheiße… du hättest auf ner Sportschule sein können so viel bist du gerannt…“

Ein kurzes Video zeigt den Magdeburger Jugendclub „Knast“, in den 1990er Jahren Rückzugsort für viele junge Punks und häufiges Angriffsziel von Neonazis. Dann betritt ein Mann die Bühne, vielleicht Ende 30. Er trägt ein schlabberiges T-Shirt, Jogginghose und Turnschuhe. Eine Glatze hat er nicht. Er übt mit einem Baseballschläger und denkt laut nach. Über seine Jugend in Magdeburg und über das „Werkzeug“ in seiner Hand: „Eigentlich ist der Baseballschläger nicht für Gewalttäter erfunden worden, sondern für Künstler*innen. Er bringt eine der größten Herausforderungen mit sich, die es im Sport überhaupt gibt: Den Ball so zu treffen, dass er aus dem Spielfeld katapultiert wird.“ Es bleibt zunächst unklar, ob er aus der Täter- oder der Opferperspektive spricht.

Rechtsfreie Räume

Der Schläger steht symbolisch für ein Lebensgefühl der 1990er Jahre, besonders in Ostdeutschland. Hier spielte Baseball keine Rolle. Nach dem Ende der DDR brach eine andere Zeit an: Neue Freiheiten einerseits, Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit und fehlende Perspektiven andererseits. Viele junge Menschen zogen in die westdeutschen Bundesländer, deutlich mehr Frauen als Männer. Ein Vakuum entstand, das von rechtsextremen Gruppen gefüllt wurde. Menschen mit Migrationsgeschichte, Wohnungslose, linke Jugendliche und alle, die als „anders“ oder „nicht-deutsch“ galten, wurden zur Zielscheibe. Der Baseballschläger bedeutete Gefahr und ständige Angst. Polizei, Behörden und die Mehrheitsgesellschaft bagatellisierten den Hass oder kapitulierten angesichts der rechtsextremen Gewalt. Für die Betroffenen gab es kaum Unterstützung.

„Herrentag“ von Autor und Regisseur Jochen Gehle widmet sich der Zeit von 1990 bis 1997 in Magdeburg. Auf Grundlage von Recherchen und Gesprächen mit Zeitzeug*innen ist, gefördert von der Amadeu Antonio Stiftung, ein fiktionales Stück entstanden, das auf Tatsachen beruht, an die sich viele Magdeburger*innen erinnern. Adäquat aufgearbeitet wurden die „Himmelfahrtskrawalle“ bisher aber kaum. Wohl auch deshalb ist die Premiere der Uraufführung Anfang Oktober 2025 an zwei Abenden ausverkauft. Als Kooperationspartner sind die Landeszentrale für politische Bildung und Miteinander e.V. als Beratungs- und Bildungsinitiative im Bereich Rechtsextremismus und Prävention beteiligt.

„Es ist unser Kernanliegen, Geschichten für die Menschen hier zu erzählen, am besten mit Geschichten von hier“, erzählt Betty Magel, Produktionsleiterin der Magdeburger Kammerspiele. „Die Baseballschlägerjahre sind in Magdeburg ein gesellschaftlich sehr randständig behandeltes Kapitel. Wir wollen den Magdeburger*innen damit einen Gesprächsanlass bieten, über rechtsradikale Gewalt zu sprechen.“

„Himmelfahrtskrawalle“ 1994

In Magdeburg stehen die Baseballschlägerjahre vor allem mit den sogenannten „Himmelfahrtskrawallen“ am 12. Mai 1994 in Verbindung. Bei dem rassistischen Pogrom wurden Migrant*innen von bis zu 200 Neonazis über Stunden nahezu ungestört vor laufenden TV-Kameras und unter Beifall von Passant*innen durch die Innenstadt gehetzt. Zahlreiche Menschen wurden verletzt, Geschäfte zerstört. Der 30jährige Algerier Farid Boukhit erlitt schwere Verletzungen durch zahlreiche Schläge mit Baseballschlägern und Knüppeln. Er verstarb vier Monate später am 27. September 1994. Da die Staatsanwaltschaft einen Zusammenhang zwischen der Körperverletzung und dem Tod ausschloss, wurde der Leichnam nicht obduziert. Der Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt setzte sich vergeblich für eine Überprüfung der Todesursachen ein. Bis heute ist Farid Boukhit nicht als Todesopfer rechter Gewalt anerkannt. Wer ihn getötet hat, wurde bis heute nicht ermittelt. Polizei und Behörden leugneten die rassistische Motivation der Hetzjagd. Ermittlungen wegen Fehlverhaltens von Polizeibeamt*innen wurden schnell wieder eingestellt. Von 86 ermittelten mutmaßlichen Tätern wurden nur acht zu Haftstrafen verurteilt.

Im Stück werden die Schilderungen der Hetzjagd und ihrer Folgen flankiert von fiktionalisierten Aussagen eines Politikers und eines Polizisten, die die rassistischen Ausreden für das Behördenversagen der Zeit widergeben, darunter auch die zynische Aussage des damaligen Polizeichefs, „Sonne und Alkohol“ seien Gründe für die gewalttätigen Ausschreitungen gewesen, „die Afrikaner“ seien selbst verantwortlich und Asylrechtsverschärfungen unumgänglich. Im Theater bleibt es jedoch nicht beim Beschreiben der rassistischen Realität. Der fiktive Politiker hält eine alternative Rede, die bis heute nicht zu hören war und die vielleicht gerade deshalb 30 Jahre später betroffen macht:

„Ein Staat, der nicht in der Lage ist, allen Personen gleichermaßen das Recht auf körperliche Unversehrtheit zu sichern, ist das Papier nicht wert, auf dem seine Verfassung geschrieben ist. Gleichzeitig müssen wir feststellen, dass die Problematik durch ein konsequenteres Einschreiten der Polizei oberflächlich einzudämmen ist, allerdings wird das nicht helfen, die toxische Mischung aus Perspektivlosigkeit, Frustration und tief verinnerlichtem Rassismus und Hass aus den Köpfen und Herzen der oft sehr jungen Gewalttäter herauszubekommen.“

15 Todesopfer rechter Gewalt in Sachsen-Anhalt seit 1992

Rechtsextrem motivierte Tötungsdelikte beschränkten sich in Magdeburg nicht auf den Himmelfahrtstag 1994. Am 9. Mai 1992 wurde der 23-jährige Punk Torsten Lamprecht während eines Überfalls von 60 Neonazis auf eine Geburtstagsfeier in der Gaststätte „Elbterrassen“ getötet. Die Täter waren mit Stahlrohren, Baseballschlägern und Leuchtkugeln bewaffnet. Die Polizei wartete zunächst ab und griff erst ein, als die Angreifer bereits geflüchtet waren. Drei Jahre später wurde ein 24-jähriger Wolfsburger wegen Landfriedensbruchs und gefährlicher Körperverletzung zu vier Jahren Haft verurteilt. Wer genau Lamprecht tötete, wurde nie ermittelt. Auch diese Geschichte ist Teil des Stücks, ebenso wie die von Frank Böttcher. Der 17-jährige Punk wurde im Februar 1997 Opfer eines rechtsextremen Angriffs, als er auf dem Weg von einem Krankenhaus nach Hause war. Er wurde durch Stiefeltritte und Messerstiche getötet. Der Täter wurde zu einer Jugendstrafe von sieben Jahren verurteilt. Der Schauspieler Kevin Schulz spielt diese Szene mit quälender Langsamkeit und vielen Details, die für viele Gäste im Publikum nur schwer zu ertragen sind.

Die drei Personen stehen stellvertretend für insgesamt 15 Opfer, die seit 1992 in Sachsen-Anhalt getötet wurden. Nur sieben von ihnen sind durch die Bundesregierung offiziell als Todesopfer rechter Gewalt anerkannt.

Angst und Gewalt

Die gleichzeitig dokumentarische und fiktionalisierte Erzählform erlaubt es den Zuschauenden, einen emotionalen Zugang in die Welt der 1990er Jahre in Magdeburg zu finden. Die fiktionale Person Andi erzählt eindrücklich von der ständigen Angst junger Menschen, die zur Zielscheibe werden und ihr Leben präventiv einschränken. Eine ähnliche Funktion hat auch die fiktive Figur des Sportlehrers, der den Sportunterricht kurzerhand anpasst und nur noch den Umgang mit rechtsextremer Straßengewalt unterrichtet. Zynisch und an manchen Stellen überspitzt wird einem jüngeren Publikum heute so verständlich, wie ausweglos die Situation für viele Jugendliche in Magdeburg und in ganz Ostdeutschland gewesen ist, angesichts fehlenden Schutzes durch Erwachsene oder die Schule.

Das Stück stößt in Magdeburg nicht überall auf Zustimmung. „Wir haben einen Förderantrag bei der Stadt gestellt. Die AfD-Stadtratsfraktion hat daraufhin nachgefragt, weshalb ein so „politisch einseitiges Projekt“ Geld erhalten solle, wurde aber überstimmt“, erzählt Betty Magel. Die Vorstellungen wurden auf Anraten des Miteinander e.V. durch einen professionellen Security-Dienst abgesichert.

Das Schweigen brechen

„Herrentag“ erzählt auch davon, wie die Baseballschlägerjahre zwei Generationen bis heute prägen. Viele Menschen leben mit traumatischen Erinnerungen an Bedrohungen, eingeschränkte Bewegungsräume oder erlittene Körperverletzungen, die keine Statistik abbildet. Darüber wird kaum gesprochen, weder in den Familien noch in der Öffentlichkeit. Während des Publikumsgesprächs zeigen sich viele Magdeburger*innen sehr bewegt. Eine Frau erzählt davon, dass sie als junge Mutter in den 1990er Jahren nur wenig von den Hetzjagden mitbekommen hat und lange nicht nachvollziehen konnte, weshalb Magdeburg für viele junge Menschen eine „No-Go-Area“ war. Sie hofft, dass sich mehr Jugendliche heute mit dem Thema auseinandersetzen können. Einige Zuschauer*innen ziehen Parallelen in die Gegenwart, in der die Zustimmungswerte zu rechtsextremen Ideologien und Parteien steigen und rechts motivierte Gewalt statistisch nachweisbar wieder zunimmt. Hat sich wirklich etwas verändert? Pascal Begrich von Miteinander e.V. beantwortet diese Frage mit einem klaren „Ja“: Heute bleiben Opfer nicht sich selbst überlassen. Es gibt Beratungsstellen, Präventionsprojekte und eine Zivilgesellschaft, die hinschaut, skandalisiert und solidarisch handelt.

Der Theaterabend ist ein wichtiger Schritt hin zu einer vertieften Auseinandersetzung, die nicht bei der Erinnerung an die Todesopfer enden soll. Die Magdeburger Kammerspiele planen eine Bürgerbühne, bei der auch Magdeburger*innen mit Rassismuserfahrungen und Migrationsgeschichte zu Wort kommen und ihre Erfahrungen und Geschichten der letzten 30 Jahre teilen. Ihre Perspektiven bleiben in den Gedenkveranstaltungen zu den Baseballschlägerjahren bis heute häufig unsichtbar.

Als mobile Schulproduktion geht „Herrentag“ ab Frühjahr 2026 auf Tour – in gekürzter Form, die extreme Gewaltszenen weglässt. Schon im Oktober 2025 hatten 260 Schüler*innen von sechs Schulen Gelegenheit, bei zwei Aufführungen dabei zu sein. Das Theater stellt pädagogisches Begleitmaterial zur Verfügung. Am 10. und 11. März 2026 wird es weitere Abendveranstaltungen für Erwachsene geben. Obwohl die Magdeburger Stadtpresse bisher nicht über das Stück berichtete, ist die Nachfrage groß.

Hier wirkt deine Spende

Menschenwürde verteidigen: Hier macht deine Spende einen echten Unterschied!

Die demokratische Zivilgesellschaft steht bundesweit unter Druck, Angriffe und Diffamierungen haben sich in 2025 weiter zugespitzt. Engagierte Menschen bleiben trotzdem stabil und kämpfen gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus – für die Werte des Grundgesetzes und eine lebendige Demokratie. Die Amadeu Antonio Stiftung fördert und unterstützt sie dank zahlreicher Spender*innen.

Diffamierungen, Angriffe, Kürzungen öffentlicher Fördermittel – 2025 war für viele zivilgesellschaftliche Initiativen mit Herausforderungen verbunden. Dabei brauchen wir ihre Arbeit mehr denn je: Rechtsextreme Einstellungen treffen auf immer mehr Zustimmung und führen dazu, dass Gewalt in allen Bundesländern spürbar zunimmt. Desinformation, Verschwörungserzählungen und Antisemitismus gehören zu unserem Alltag – ebenso wie ein rassistischer Normalzustand, der Abschiebungsforderungen genauso befeuert wie Debatten, die ganze Bevölkerungsgruppen abwerten und diskriminieren.

Deshalb ist ganz klar: Der Kampf für Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit, Minderheitenschutz und die plurale Gesellschaft bleibt alternativlos. 2025 haben wir bundesweit 304 Projekte der demokratischen Zivilgesellschaft gefördert, die – ganz im Sinne des Grundgesetzes – nicht „neutral“ zuschauen, sondern aufklären, sensibilisieren, entkräften, gedenken, Begegnungsräume schaffen, Netzwerke bilden, Sicherheit gewährleisten und Alternativen bieten.

Solidarität ist Resilienz! Wir danken allen Engagierten in den Projekten und Initiativen für ihre Energie, ihre Kreativität und ihren Mut.

2025 haben uns deutlich mehr Förderanträge erreicht als je zuvor. Denn während sich immer mehr Menschen gegen die Bedrohungen der Demokratie engagieren, schrumpfen öffentliche Förderprogramme. Unsere Kleinprojekteförderung kann Kürzungen durch Bund, Länder und Kommunen nicht kompensieren. Sie ermöglicht es aber, in kleinen Orten und ländlichen Räumen wirksam und nachhaltig auf konkrete Konflikte und Probleme zu reagieren, Ideen umzusetzen und Menschen in Kontakt und ins Handeln zu bringen.

Diese Projekte stehen beispielhaft für das vielfältige, kraftvolle und kreative Engagement:

Sonneberg zeigt Haltung! Ein breites zivilgesellschaftliches Bündnis aus Kirchengemeinden, Gewerkschaften, demokratischen Parteien und Vereinen engagiert sich entschlossen, u.a. mit Demokratiefesten, Pluralität und Vielfalt, in dem Landkreis, der als erster einen AfD-Landrat bekam.

In Ostdeutschland finden gewaltbereite rechtsextreme Jugendgruppen immer mehr Anhänger*innen. Kampfsport spielt für die Rechtsextremen dabei eine entscheidende Rolle und ist Mittel für Rekrutierung, Vernetzung und Professionalisierung der Gewalt. Der Chemnitzer Sportverein Athletic Sonnenberg e.V. vermittelt Trainer*innen und Gymbetreiber*innen Wissen und praxiserprobte Strategien, damit Rechtsextreme keine Chance haben, Gyms oder Vereine zu vereinnahmen. Ihr Bildungsprojekt stärkt die Resilienz der Kampfsportszene in Chemnitz und der Region.

Im hessischen Weilburg entstand ein neuer Demokratietreffpunkt, der Menschen über alle Gruppen, Milieus und Altersklassen hinweg in Kontakt bringt und einen geschützten Raum zur Auseinandersetzung mit Kontroversen, Verschwörungserzählungen und gesellschaftlichen Krisen bietet. Der Verein Weilburg erinnert e.V. fördert mit Diskussionsveranstaltungen und Workshops das Bewusstsein für Solidarität und eine demokratische Debattenkultur.

In Demmin in Mecklenburg-Vorpommern treffen sich jedes Jahr am 8. Mai Rechtsextreme zu einem Fackelmarsch. Engagierte rund um den Demminer Bürger e.V. und das Aktionsbündnis 8. Mai stellen sich den Nazis mit einem großen Demokratiefest entgegen und widersprechen der geschichtsrevisionistischen Propaganda. Dabei werden sie von Demokrat*innen aus Rostock, Hamburg und weiteren Städten unterstützt.

Gegenwind – Fonds gegen Rechtsextremismus

105 Projekte, die sich in Ostdeutschland gegen rechtsextreme Menschenfeindlichkeit stark gemacht haben, wurden im Rahmen des Gegenwind – Fonds gegen Rechtsextremismus gefördert: Hunderte Menschen haben, meist ehrenamtlich, Demokratiefeste und Festivals organisiert, Begegnungsräume aufgebaut, Kampagnen gestartet, über die Folgen von Rechtsextremismus und Rassismus aufgeklärt, Menschen mit Rassismuserfahrungen empowert und sich klar gegen soziale Kälte positioniert. Die meisten Projekte wurden in Sachsen und Brandenburg umgesetzt.

Regenbogenschutzfonds

2025 kam es in Deutschland bei fast jedem zweiten CSD zu Angriffen und Störungen, fast die Hälfte davon ging von organisierten Rechtsextremen aus. Deren Mobilisierung hat ein neues Niveau an Professionalität erreicht: Queerfeindlichkeit ist zentraler Bestandteil ihrer Strategie gegen Demokratie und Vielfalt. Weil Behörden die Bedrohungslage teils unterschätzten, haben wir in Zusammenarbeit mit Campact den Regenbogenschutzfonds ins Leben gerufen. Mit 100.000 Euro wurden über 50 CSDs gezielt gefördert. Dadurch konnte die akute Bedrohungslage verringert werden.

CSD Grevesmühlen: „Durch den Regenbogenschutzfonds konnten wir den Schutz queerer Menschen gewährleisten, wo die Polizei es nicht konnte, wie zum Beispiel in den Zügen von und nach Grevesmühlen.”

CSD Plauen: „Durch den Schutzfonds […] haben wir einen Grundstein für langfristige, selbstorganisierte Unterstützungsmaßnahmen für (queere) Veranstaltungen in Plauen gelegt.“

CSD Zwickau: „Die Förderung hat unsere Veranstaltung erst ermöglicht. Wir konnten Menschen eine Bühne geben, deren Stimme im Alltag nicht erhört, denen sie teils ganz abgesprochen wird.“

CSD Halle/Saale: „Auch in diesem Jahr waren wir mit rechten Gegenprotesten und Störaktionen konfrontiert. Durch den Regenbogenschutzfonds konnten wir für einen störungsfreien Ablauf unserer Veranstaltung sorgen […] und unsere queerpolitischen Forderungen auf die Straße tragen.“

CSD Koblenz: „Die Förderung hat uns ermöglicht, durch das Engagieren einer Security ein im Vergleich zum Vorjahr deutlich engeres Sicherheitsnetz auf dem Platz herzustellen. […] So konnten einige Situationen sofort erkannt und entschärft werden. […] Zudem bewerten wir das präsente Auftreten der Security bereits als große Abschreckung gegenüber möglichen Störer*innen.“

CSD Freiberg: „Wir konnten unseren Ordner*innen eine Aufwandsentschädigung zahlen. Da uns dieses Jahr eine rechtsextreme Gegendemonstration in Sicht- und Hörweite gefolgt ist, war ihre Arbeit besonders wichtig.“

Wir bedanken uns bei allen Spender*innen und der Bürgerbewegung Campact, die sowohl den Gegenwind-Förderfonds als auch den Regenbogenschutzfonds möglich gemacht haben.

Weitere 147 Projekte engagierten sich bundesweit gegen Rassismus, Antisemitismus und Rechtsextremismus

Unsere reguläre Förderung war erneut ebenfalls stark nachgefragt und verzeichnete hohe Antragsahlen. Bis zu 2.500 EUR konnten Initiativen aus allen Bundesländern beantragen, die sich für eine kritische Erinnerungskultur an den Holocaust und weitere Verbrechen des Nationalsozialismus oder rechtsextreme und rassistische Morde nach 1945 einsetzten, gegen Antisemitismus, Rechtsextremismus und Rassismus aktiv wurden und Betroffene von Gewalt schützten.

Wir freuen uns, dass wir im Vergleich zu 2024 deutlich mehr Projekte aus Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz fördern konnten, die sich gegen Rechtsextremismus und Rassismus vor Ort eingesetzt haben – die Ergebnisse der Bundestagswahlen haben einmal mehr gezeigt, dass rechtsextreme Normalisierungsprozesse nicht auf ostdeutsche Bundesländer beschränkt bleiben.

Sicherheitsmaßnahmen

Uns haben in diesem Jahr über die CSDs hinaus viele Anträge für Sicherheitsmaßnahmen erreicht. Ein deutliches Zeichen dafür, dass rechtsextrem motivierte Angriffe auf die Arbeit der demokratischen Zivilgesellschaft zunehmen und Bedarfe nach Security für Veranstaltungen, Schulungen, Resilienz-Beratungen, Anschaffungen von Sachmitteln (z.B. Walkie-Talkies, Schutzfolien für Fensterfronten) oder Supervisionen nach Angriffen sehr groß sind. Dank Spenden konnten wir Sicherheitsmaßnahmen für 26 Projekte in Chemnitz, Biesenthal, Laage, Dresden, Burgdorf, Veilsdorf, Magdeburg, Görlitz, Torgau, Neustadt an der Weinstraße, Langenhagen, Werdau, Sonneberg, Apolda, Erfurt, Zwenkau, Halle, Magdeburg, Grimma, Strausberg und in weiteren Orten finanzieren.

Die folgenden Beispiele zeigen den Ideen- und Methodenreichtum der geförderten Projekte:

Seit dem Massaker der Hamas am 07. Oktober 2023 und dem Beginn des Gaza-Krieges nehmen Antisemitismus und Muslimfeindlichkeit zu. Diskurse werden extrem polarisiert geführt. Die LAG politisch kulturelle Bildung Sachsen e.V. hat Fachaustausche organisiert, die politische Bildner*innen in Sachsen zusammengebracht und Räume eröffnet haben, in denen konfliktbeladene Themen mit Empathie für die Perspektiven von Betroffenen besprochen wurden. So entwickelten sich neue Ansätze für eine rassismus- und antisemitismuskritische Bildungsarbeit in Sachsen.

Kurz vor dem Jahrestag des rechtsterroristischen Anschlages lud die Initiative 19. Februar Hanau zu einer Veranstaltung in Hanau ein, um der Ermordeten zu gedenken und über die gemeinsamen Kämpfe für eine vollständige Aufarbeitung zu sprechen. Angehörige und Überlebende teilten ihre Gedanken, Emotionen und Hoffnungen. Trotz und wegen Behördenversagens und fehlender Konsequenzen gegenüber den Verantwortlichen macht die Initiative eine zivilgesellschaftliche Aufarbeitung und ein würdiges Erinnern möglich.

Da viele junge Menschen in Magdeburg kaum Wissen über die Lebensrealitäten von Migrant*innen in der DDR haben, hat der Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt das Projekt REAL*TALK Ost entwickelt. Hier kamen Menschen mit Flucht- oder Migrationsgeschichten aus verschiedenen Generationen zusammen, um ihre Geschichten und Erfahrungen zu teilen und Ideen für eine gerechtere und offenere Gesellschaft zu formulieren.

An einer Mittelschule im bayrischen Nersingen kam es zu rassistischen Diskriminierungen durch Schüler*innen. Die Schulleitung organisierte ein Anti-Rassismus-Training für die betreffenden Jahrgangsstufen. Die Schüler*innen lernten, Denk- und Handlungsmuster kritisch zu reflektieren und Handlungsstrategien für mehr Zivilcourage im Schulalltag zu entwickeln.

Alle geförderten Projekte 2025 sind hier einsehbar.

Ausblick 2026 – Räume schaffen, resilient bleiben

Demokratische Räume, in denen Menschen auf Augenhöhe und ohne menschenfeindliche Ideologie miteinander in Austausch kommen, stehen unter Druck – in Ostdeutschland und immer häufiger auch im Westen. Die demokratische Zivilgesellschaft sieht sich weiterhin mit Fördermittelkürzungen, kleinen Anfragen und Diffamierungsstrategien konfrontiert, die mit Falschinformationen zum angeblichen „Neutralitätsgebot“ darauf abzielen, Gemeinnützigkeit und Daseinsberechtigungen von Vereinen und Initiativen in Frage zu stellen.

Die kommenden Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt stellen für engagierte Demokrat*innen in beiden Bundesländern eine weitere Herausforderung dar. Wir alle sind gefordert, bundesweit und insbesondere in Ostdeutschland dabei mitzuhelfen, demokratische Kerne zu erhalten und neue Räume entstehen zu lassen – gerade dort, wo AfD-Regierungsbeteiligungen auf Kommunal- oder Landesebene nicht auszuschließen sind.

Demokratie verteidigen heißt, Menschen Gestaltungsmöglichkeiten, Räume und Rückhalt zu geben! Wichtig sind diese Räume besonders für diejenigen, die Rassismus, Antisemitismus, Antifeminismus, Queerfeindlichkeit und weiteren Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit ausgesetzt sind und für die Ausgrenzung und Gewalt schon zum Alltag gehören.

  • Wir werden den Gegenwind – Förderfonds gegen Rechtsextremismus 2026 fortführen und damit dazu beitragen, dass in kleinen und mittelgroßen Städten und in ländlichen Regionen demokratische Räume erhalten bleiben und neu entstehen.
  • Wir werden noch intensiver daran arbeiten, Initiativen dringend notwendige Mittel für Sicherheitsmaßnahmen zur Verfügung zu stellen – mehr Resilienz für CSDs und alle anderen, die bedroht und angegriffen werden.
  • Der allgemeine Fonds der Amadeu Antonio Stiftung wird bundesweit Projekte fördern, die kritische Erinnerungskulturen pflegen, Kontinuitäten benennen, Perspektiven und Empowerment von Betroffenen in den Mittelpunkt stellen und Antisemitismus, Rassismus, Antifeminismus und andere Formen gruppenbezogener Menschlichkeit bekämpfen.

2025 haben wir über 620.000 Euro zur Verfügung stellen können. Um unsere Förderung bundesweit fortsetzen zu können, benötigen wir deine Spende! Hilf mit, die Demokratie zu verteidigen!

35 Jahre nach dem Mord an Amadeu Antonio: Warum die Bundesregierung über 100 rechte Morde nicht zählt

Amadeu Antonio gilt als eines der ersten Todesopfer rechter Gewalt nach der Wiedervereinigung. Er starb am 6. Dezember 1990, nachdem er elf Tage zuvor von einem Neonazi-Mob brutal zusammengeschlagen und ins Koma geprügelt wurde. Doch seit dem Mord an Amadeu Antonio vor 35 Jahren haben Rechtsextreme nicht aufgehört zu morden. Im Gegenteil, seit der Wiedervereinigung zieht sich die Blutspur rechter Gewalt durch die Geschichte der Bundesrepublik.

Staatliche Behörden erkennen lediglich 117 Todesopfer offiziell an, die Amadeu Antonio Stiftung hingegen dokumentiert derzeit 221 Todesopfer rechter und rassistischer Gewalt. Die Gründe für diese Diskrepanz von über 100 verwehrten Anerkennungen rechter Tatmotive sind vielschichtig. Doch sind vor allem die Konsequenzen dieser Lücke verheerend – sowohl auf persönlicher als auch auf gesellschaftspolitischer Ebene.

Der doppelte Schmerz

Das erste und oft entscheidende Problem entsteht bereits bei der polizeilichen Ermittlungsarbeit: Ob ein rechtsextremes Motiv bei einer Tat überhaupt erkannt wird, hängt maßgeblich von den zuständigen zum Tatort gerufenen Polizist*innen ab. Dies liegt auch daran, dass die Behörden bei der Erfassung politisch motivierter Kriminalität oft das „tatauslösende“, also dominierende, rechtsextreme Motiv zur Einschätzung heranziehen. Taten, bei denen ein rechtsextremes Motiv lediglich begleitend oder wie in den meisten Fällen Gewalt-eskalierend wirken, werden dabei leicht übersehen oder gar nicht erst in Betracht gezogen.

Studien legen offen, dass von Rassismus betroffene Menschen häufig eine sekundäre Viktimisierung erfahren: Sie erleben eine erneute Schädigung durch jene Instanzen, die sie eigentlich schützen sollen. Die Behörden neigen dazu, nach leicht beweisbaren persönlichen Konflikten oder direkten Täter-Opfer-Beziehungen zu suchen, während Indizien für ein politisches Motiv zu wenig Beachtung geschenkt werden – im schlimmsten Fall kommt es sogar zur Täter-Opfer-Umkehr. Ein drastisches Beispiel sind die Ermittlungen im NSU-Komplex, bei denen jahrelang in Richtung angeblicher Verbindungen der Opfer in ein kriminelles Milieu ermittelt wurde, obwohl es diese gar nicht gab.

Die SeVik-Studie des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft der Universität Jena zeigt deutlich: Behörden greifen bei politisch motivierter Kriminalität weiterhin auf unzureichende und verengte Erklärungsmuster zurück. Rechtsextreme Gewalt wird häufig nur dann anerkannt, wenn die Täter*innen polizeibekannte, organisierte Neonazis sind oder wenn eindeutige rechtsextreme Symbolik vorliegt.

Doch wie das Deutsche Institut für Menschenrechte betont, geht es bei rassistischer Gewalt nicht in erster Linie um die subjektiven Motive der Täter*innen, sondern um die Wirkung der Tat auf die Betroffenen. Deshalb muss die Motivermittlung konsequent bei der Perspektive der Betroffenen ansetzen, sobald ein Verdacht auf eine rechtsextreme Tat besteht. Nur ein solcher Ansatz gewährleistet, dass die menschenfeindliche Realität der Tat korrekt erfasst wird – und Betroffene ernst genommen sowie geschützt werden.

Die juristische Hürde

Dieses Dilemma spitzt sich im Gerichtssaal weiter zu. Besonders hier wird die Schwierigkeit deutlich, das rechtsextreme Motiv der Tat formaljuristisch zweifelsfrei nachzuweisen, obwohl der inhaltliche Gehalt des Geschehens klar darauf hindeutet. Zwar gelten rassistische oder menschenfeindliche Motive im deutschen Strafrecht als besonders verwerflich und strafverschärfend. Sie erfüllen das Mordmerkmal der „niedrigen Beweggründe“ und würden eine Tötung zum Mord hochstufen. Trotzdem entscheiden sich Gerichte oft für das leichter beweisbare Urteil: Totschlag. Es geht ihnen dabei auch um Verfahrenssicherheit, denn Mord als vermeintlich subjektives Motiv ist weitaus schwerer zu beweisen.

Richter*innen und Staatsanwält*innen versuchen deshalb, mögliche Verfahrensfehler und Revisionsverfahren zu vermeiden, anstatt das volle Unrecht der Tat in der Urteilsbegründung abzubilden.

Ein exemplarisches Beispiel hierfür ist der Mord an Mahdi ben Nacer, bei dem das Gericht trotz klarer Aktenlage ein rassistisches Motiv umgehend ausschloss. Der Täter wurde nicht wegen Mordes, sondern wegen Totschlags verurteilt – ein Vorgehen, das der Generalbundesanwalt später beanstandete, weil das qua Aktenlage offensichtlich vorliegende rassistische Motiv nicht ausreichend erörtert wurde. Der Bundesgerichtshof entscheidet voraussichtlich Mitte Dezember über die Wiederaufnahme des Verfahrens.

Die Verantwortung des Staates

Diese fehlende juristische Konsequenz bei der Würdigung des Motivs hat weitreichende Konsequenzen für die Betroffenen und die gesamte Gesellschaft. Denn die Anerkennung von Todesopfern rechter Gewalt ist weit mehr als eine bürokratische Geste: Sie ist ein Schlüssel zu mehr Gerechtigkeit und dem Schutzversprechen unserer Verfassung. Mit der Anerkennung erhalten Angehörige nicht nur Anspruch auf Entschädigungszahlungen, sie erhalten vor allem eine Antwort auf das quälende „Warum?“. Die staatliche nicht-Anerkennung dieser Fälle hat traumatisierende Konsequenzen für die Hinterbliebenen.

Auf gesellschaftspolitischer Ebene führt diese Praxis zu einer gefährlichen Verzerrung der Realität, indem sie die wahre, tödliche Konsequenz von Rassismus, Rechtsextremismus, Antisemitismus und anderen menschenfeindlichen Ideologien systematisch verschleiert. Wird ein Problem nicht sichtbar gemacht, kann auch wenig dagegen unternommen werden.

Die Justiz muss sich der Herausforderung stellen, die tödliche Realität rechter Gewalt konsequent als solche zu benennen. Das rassistische oder menschenfeindliche Motiv muss auch dann als schwerwiegender Umstand behandelt werden, wenn es nicht für eine Mordanklage reicht. Selbst wenn das Gericht „nur“ auf Totschlag erkennt, muss der menschenfeindliche Hass in der Urteilsbegründung ausführlich gewürdigt werden, um das Strafmaß deutlich zu erhöhen. Diese explizite Benennung ist ein entscheidender Schritt, um Opfern und Angehörigen später die offizielle Einstufung der Tat als staatlich anerkannte Form politisch motivierter Gewalt zu erleichtern.

Der 35. Todestag von Amadeu Antonio ist nicht nur ein Tag des Gedenkens, sondern eine dringende Mahnung an Politik, Justiz und Sicherheitsbehörden, den Blick bei der Bewertung von Vorurteilskriminalität zu schärfen. Nur wenn alle Todesopfer rechter Gewalt lückenlos anerkannt werden, wird Deutschland seiner Verantwortung für eine umfassende Aufarbeitung der Kontinuitäten rechter Gewalt gerecht. Auch für eine wirkungsvolle Prävention wäre eine realistischere Bewertung der tödlichen Folgen rechter Gewalt eine notwendige Grundlage. Die Anerkennung der Todesopfer rechter Gewalt wäre vor allem auch ein Zeichen an alle Angehörigen, dass ihre Wunden, die durch staatliches Versagen noch zusätzlich vertieft wurden, endlich den Weg zur Heilung finden können.

Die Lücke in Thüringen schließt sich: Mehr Todesopfer rechter Gewalt als bisher bekannt

Die Gruppe Dissens Erfurt hat 2022 am Todestag von Heinz Mädel die Futterstraße, in der Nähe des Tatortes, symbolisch in die „Heinz-Mädel-Straße“ umbenannt. Foto: Dissens Erfurt.

Ein neues Gutachten belegt, dass erheblich mehr Menschen in Thüringen in Folge rechter Gewalt ums Leben kamen, als bisher staatlich anerkannt. Am 20. November übergab Innenminister Georg Maier dem Landtag den Abschlussbericht der Untersuchung. Insgesamt zehn Todesfälle werden von den Wissenschaftler*innen als politisch rechts motiviert eingestuft und ihre staatliche Anerkennung als solche empfohlen.

Bislang hatte das Land Thüringen lediglich ein Todesopfer rechter Gewalt, den 1993 von fünf Neonazis in Arnstadt getöteten Karl Sidon, offiziell anerkannt. Zivilgesellschaftliche Initiativen und Journalist*innen wiesen seit Jahren auf diese eklatante Lücke hin. Der Thüringer Landtag beschloss die Erstellung des Gutachtens bereits 2018, sieben Jahre später liegen die Ergebnisse nun vor. Dafür haben Forschende der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin in Kooperation mit dem Moses-Mendelssohn-Zentrum an der Universität Potsdam ein Jahr lang Gerichtsurteile, Verfahrensakten und weitere Quellen ausgewertet. Eingebunden waren in die Bewertung der Fälle neben behördlichen Perspektiven auch zivilgesellschaftliche Vertreter*innen von der Opferberatung Ezra und der Beratungsstelle gegen Rechtsextremismus Mobit.

Thüringen ist damit bei der Aufarbeitung von Todesopfern rechter Gewalt den gleichen Weg gegangen wie das Land Brandenburg. Die Brandenburger Studie des Moses Mendelssohn Zentrums aus dem Jahr 2015 war wegweisend und zeigte als erste, wie eklatant die Diskrepanz zwischen staatlichen und zivilgesellschaftlichen Opferzahlen war. Glaubwürdig war die Neubewertung der Altfälle vor allem auch deshalb, weil mit der Beteiligung der Beratung gegen Rechtsextremismus demos, der Amadeu Antonio Stiftung, dem Aktionsbündnis Brandenburg und der Beratungsstelle Opferperspektive eine starke zivilgesellschaftliche Perspektive eingebunden wurde. Die Methodik wird bundesweit von Initiativen und Wissenschaftler*innen hochgelobt. Doch während einige Länder dem Beispiel folgten, scheuen andere die notwendige Verantwortung und den Willen zur Transparenz.

Interne Kontrollen liefern nur geringe Ergebnisse

Dort, wo Landesregierungen auf interne, behördliche Überprüfungen setzten und die zivilgesellschaftliche Expertise weitgehend ausschlossen wurde, fielen die Ergebnisse ernüchternd aus – und die Glaubwürdigkeit der Überprüfungen blieb gering. So setzten Sachsen, Sachsen-Anhalt und Nordrhein-Westfalen auf interne Arbeitsgruppen der Polizei oder des LKA. Das Ergebnis: Die Zahl der nachträglichen Anerkennungen in diesen Bundesländern war im Verhältnis zur zivilgesellschaftlichen Dokumentation deutlich geringer. In NRW, Sachsen und Sachsen-Anhalt wurden die internen Prozesse von den Opferberatungsstellen scharf kritisiert und die Ergebnisse als unzureichende Aufarbeitung abgelehnt. Die Angst, eigene Fehler erklären zu müssen, scheint hier die Aufklärungsbereitschaft der Behörden zu überschatten.

Diese geringe Zahl an Nachmeldungen gilt als Beleg dafür, dass eine rein behördeninterne Perspektive nicht geeignet ist, rechtsextreme Tatmotive zu erkennen, die über Jahre hinweg in polizeilichen Akten als persönliche oder kriminelle Milieu-Konflikte abgetan wurden.

Externe Überprüfung als Schlüssel zur Gerechtigkeit

Im Gegensatz dazu führte die Einbeziehung unabhängiger Forschung und der Expertise von zivilgesellschaftlichen Organisationen zu einer historischen Korrektur. Wie eingangs erwähnt, gilt Brandenburg hier als Vorreiter. Vor der unabhängigen Untersuchung zählte das Land lediglich neun Todesopfer rechter Gewalt. Nach dem Forschungsprojekt verdoppelte sich die Zahl. 2018 folgte Berlin, was zu einer nachträglichen Anerkennung von sieben Todesopfern führte. Nun zog Thüringen nach und erhielt mit dem Abschluss dieser unabhängigen Neuüberprüfung die Empfehlung, neun Todesopfer nachträglich anzuerkennen.

Das Gutachten empfiehlt die Anerkennung folgender Personen:

Trotz der fehlenden Anerkennungsempfehlung für den 1993 in Schlotheim getöteten Mario Jödecke ist dieses Gutachten ein bedeutender Schritt in der Aufarbeitung der tödlichen Dimension von Rassismus und menschenfeindlicher Ideologie im Freistaat Thüringen.

Die unverzichtbare Beteiligung der Zivilgesellschaft

Der Erfolg in Brandenburg und Thüringen ist untrennbar mit der Einrichtung eines Projektbeirats verbunden, der Wissenschaftler*innen und staatliche Akteur*innen mit der Zivilgesellschaft zusammenbrachte. Dieses Gremium ist von unschätzbarem Wert, da es Vertrauen zu Hinterbliebenen und Zeug*innen herstellt und so den Zugang zu unabhängigen Informationen ermöglicht, die den Behörden oft fehlen. Die zivilgesellschaftlichen Stimmen bieten einen kritischen, außenstehenden Blick auf die Akten und gewährleisten, dass die Gutachten die Perspektive der Betroffenen berücksichtigen, anstatt sich nur auf rein polizeiinterne Kriterien zu stützen. Der Beirat ist somit der Garant für die Glaubwürdigkeit der gesamten Untersuchung.

„Als konkreten nächsten Schritt fordern wir die staatliche Anerkennung der eingeordneten Todesfälle bis Ende des Jahres 2025“, erklärt Franziska Schestak-Haase, Beraterin bei ezra – Beratung für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Thüringen. Denn die staatliche Anerkennung ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit für die Angehörigen – sie bedeutet die Rückgewinnung der Deutungshoheit und ermöglicht den Hinterbliebenen Zugang zu Härteleistungen.

„Das Vorgehen in Thüringen zeigt: Wir brauchen einen ehrlichen, gemeinsamen Blick von Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Behörden auf diese Taten. Nur so können wir endlich das tödliche Ausmaß rechter Gewalt von offizieller Stelle lückenlos und wahrhaftig abbilden. Das sind wir den Opfern schuldig“, fasst Timo Reinfrank, Vorstand der Amadeu Antonio Stiftung abschließend zusammen.

Angesichts der klaren Ergebnisse aus Brandenburg, Berlin und Thüringen ist das Zögern in anderen Bundesländern nicht mehr hinnehmbar. Trotz der Beratung im niedersächsischen Landtag fehlt in den meisten Ländern der politische Mut, die Fehler der Vergangenheit umfassend aufzuarbeiten.

Thüringen zeigt erneut, dass der „Brandenburger Weg“ zum bundesweiten Standard für alle Altfälle der Todesopfer rechter Gewalt werden muss. Nur die unabhängige Überprüfung kann das Vertrauen in die staatlichen Institutionen zurückgewinnen und dem vollen Ausmaß der rechten Gewalt in Deutschland endlich Rechnung tragen.

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