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Was ist Antisemitismus?

Was ist Antisemitismus?

Antisemitismus hat eine lange Geschichte und gehört bis heute zu den größten Herausforderungen unserer Gesellschaft. Der Hass auf Juden, die Ablehnung des Jüdischen, wo immer es auftaucht, ist weit verbreitet. Antisemitismus drückt sich in Form von Schändungen von jüdischen Friedhöfen, judenfeindlichen Schmierereien, der Leugnung des Holocausts, (Brand-)anschlägen auf Synagogen sowie Beleidigungen und körperliche Gewalt gegenüber Jüd*innen aus. Während unmittelbar und direkt ausgesprochener Hass auf jüdische Personen noch vielfach zu Entsetzen und Widerspruch führt, provoziert die indirekte, über Umwege geleitete Form der Ablehnung – selbst wenn sie ebenso hasserfüllt ist – meist keine Reaktionen.

 

Auch Aussagen über den Nahostkonflikt, die beanspruchen, legitime Kritik an der Politik Israels zu üben, können antisemitische Inhalte haben. Das ist beispielsweise der Fall, wenn Israel das Existenzrecht abgesprochen wird oder eine Gleichsetzung der israelischen Politik mit den Verbrechen der Nationalsozialisten sprachlich konstruiert wird, indem eine „Vernichtungspolitik“ gegenüber Palästinenser*innen vorgeworfen wird. Wird das Wort „Jude“ als Schimpfwort auf dem Schulhof oder im Fußballstadion genutzt, handelt es sich nicht um eine unpolitische Aussage, sondern um eine antisemitische Beleidigung.

  

Wandlungen der Judenfeindschaft

 

Antisemitische Vorstellungen wirken verlockend, da hierdurch komplexe gesellschaftliche Probleme eine (scheinbar) verständliche Erklärung finden. Unverstandene Phänomene, Krisen und Umbrüche werden vor allem mit Verschwörungsvorstellungen erklärt. Die einfache Begründung für schwierige Zusammenhänge lautet dann: „Die Juden sind schuld.“ Diese Formel zur Welterklärung wird auf diese Weise sogar zur Deutung gegensätzlicher gesellschaftlicher Prozesse und Phänomene herangezogen. Damit dient der Antisemitismus gleichzeitig der (moralischen) Selbstaufwertung der Antisemit*innen.

 

Antisemitismus hat sich als sehr wandlungsfähig erwiesen. Er passt sich seiner Zeit an, macht für alle Probleme und Krisen, die er mit Fortschritt und Moderne in Verbindung bringt, „die Juden“ verantwortlich und propagiert „die gute alte Zeit“. Antisemitismus hat also stets eine antimoderne Stoßrichtung.

Hohe Verbreitung antisemitischer Einstellungen

 

Der offene Antisemitismus von Rechtsextremen und derjenige aus überwiegend muslimisch-sozialisierten Milieus sind in der öffentlichen Wahrnehmung am stärksten präsent. Dies hat auch damit zu tun, dass diese Gruppen ihren Antisemitismus seltener hinter einer Umwegkommunikation ‘verstecken’ und ihn ganz offen äußern.

 

Doch der Antisemitismus findet sich heute in allen Gesellschaftsschichten, allen Bildungsgruppen, allen politischen Richtungen. Er bietet Projektionsflächen für alle.

Ob religiös motiviert, rechts oder links, in der Mitte der Gesellschaft, ob mit oder ohne Einwanderungsgeschichte: Jeder kann sich aus dem reichen Arsenal antisemitischer Klischees bedienen. Zuweisungen auf bestimmte Gruppen - z.B. auf den Rechtsextremismus, den Islamismus oder die Flüchtlinge, dienen oft dazu, die eigene Gruppe selbst davon zu entlasten. In der deutschen Gesellschaft kann keine Gruppe behaupten, sie wäre gänzlich frei von Antisemitismus.

 

Jenseits punktueller Aufmerksamkeit nach überregional bekannt gewordenen antisemitischen Übergriffen wird Antisemitismus in Deutschland kaum noch als Problem wahrgenommen. Grund ist die weit verbreitete Annahme, Deutschland habe seine Vergangenheit in diesem Bereich vorbildlich aufgearbeitet. Demnach seien es nur noch paar „ewig Gestrige“, die ihren Judenhass verbreiten.

  

Daten über antisemitische Straftaten

 

Die Daten über antisemitische Straftaten sind ungenau und geben kein repräsentatives Bild über die Verbreitung von Antisemitismus in den gesellschaftlichen Milieus. Kommen die Straftaten aus muslimischen Milieus, werden sie teilweise als Ausländerkriminalität gezählt, ganz so als wären Muslim*innen per Definition keine Deutsche. Der Zusammenhang der Tat  spielt dann oft eine untergeordnete oder keine Rolle. Kommen Straftaten aus dem rechtsextremen Milieu, ist die Frage, ob jedes geschmierte Hakenkreuz oder jeder Neonazi-Spruch eine antisemitische Straftat darstellt oder nur solche gezählt werden, die jüdische Personen direkt angreifen.

 

Aus der Erfassung heraus fallen antisemitische Vergehen, die schriftlich beispielsweise im Internet verübt, aber nicht angezeigt oder nicht verfolgt werden. Das gleiche gilt für die täglichen Belästigungen von jüdischen Menschen im Alltag, deren Anzeige im Sande verläuft oder die die Betroffenen gar nicht erst zur Anzeige bringen - aus Scham oder weil sie die Erfahrung gemacht haben, dass Antisemitismus als Motiv nicht ernst genommen wird.

 

  

Antisemitismus über Umwege

 

Oberflächliche Betrachtungen der repräsentativen Studien zu demokratie- und menschenfeindlichen Einstellungen scheinen diesen Eindruck  zu bestätigen: Die renommierte „Mitte“-Studie der Friedrich Ebert Stiftung in Zusammenarbeit mit der Bielefeld Universität kam 2016 zum Ergebnis, dass lediglich 6 % der Deutschen antisemitisch sind und solchen Aussagen zustimmen, wie “Die Juden arbeiten mehr als andere Menschen mit üblen Tricks, um das zu erreichen, was sie wollen”. 2004 waren es noch 10 %, die solchen “klassischen” antisemitischen Aussagen zustimmten.

 

Dass Antisemitismus dennoch keine aussterbende, zu vernachlässigende Form der Menschenfeindlichkeit ist, zeigt ein genauer Blick: Während die Zustimmung zu klassischen Formen des Antisemitismus seit Jahren kontinuierlich abnimmt, äußern die Deutschen Antisemitismus zunehmend über Umwege. Vielfach geschieht dies in Form von antisemitischen Äußerungen mit Israelbezug - israelbezogenem Antisemitismus. In der sogenannten “Mitte”-Studie stimmten beispielsweise 40% der Deutschen der Aussage zu „Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat“. Eine Zusatzerhebung der Studie zeigt, dass die Zustimmung zu antisemitischen Aussagen im Laufe des Gaza-Krieges 2014 rasant angestiegen war. In einer 2018 veröffentlichten EU-weiten Umfrage gaben 27% der befragten Jüd*innen in Deutschland an, dass Familienmitglieder in den letzten 12 Monate physisch oder verbal antisemitisch attackiert wurden. Nach Belgien (28%) ist das der zweithöchste Wert in der EU.

Antisemitismus in der Gegenwart

 

Die Leipziger Autoritarismus-Studie 2018 von Decker/Brähler von hat in einer repräsentativen Erhebung die Verbreitung rechtsextremer und autoritärer Einstellungen in der deutschen Bevölkerung untersucht. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass antisemitische Einstellungen weiterhin weit verbreitet sind. Etwa 10% der Befragten stimmen traditionellen judenfeindlichen Äußerungen zu. Wenn die Äußerungen eine Umwegkommunikation ermöglichen, äußern sich sogar zwischen 10% und über 50% der Deutschen zustimmend zu judenfeindlichen Stereotypen. Berücksichtigt man die “Teils, teils”-Antworten der Befragten, die auf latente Ressentiments schließen lassen, liegen die Anteile noch sehr viel höher. Ungefähr jeder zehnte Deutsche  ist beispielsweise davon überzeugt, dass der Einfluss der Juden “auch heute noch” zu groß sei - rund 21% der Befragten stimmen dieser Aussage außerdem latent zu. Darüber hinaus lassen sich signifikante Zustimmungswerte zu geschichtsrevisionistischen Aussagen und der Verharmlosung des Nationalsozialismus feststellen. Fast 10% der Befragten sind beispielsweise der Meinung, dass Hitler - ließe man den Holocaust beiseite - heute als “großer Staatsmann” angesehen würde, und weitere 18% stimmen dieser Aussage mit “teils/teils” zu.

 

Öffentlich wahrnehmbare antisemitische Erscheinungen sind wellenförmig. Mal sinkt die Zahl antisemitischer Vorfälle, dann steigen sie wieder an. Daraus lässt sich jedoch nicht der Umkehrschluss ziehen, dass Antisemitismus zeitweise abnimmt und dann wieder ansteigt. Antisemitismus ist in der Gesellschaft jederzeit breit vorhanden und mobilisierbar. Sowohl in der Einstellungsforschung als auch anhand der antisemitischen Straftaten lässt sich diese Wellenförmigkeit nachweisen. Antisemitismus steigt immer dann an, wenn Juden oder Israel zum Thema der öffentlichen Debatte werden.

 

  

Antisemitismus - eine Definition

 

„Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nicht-jüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum, sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen.“ (Auszug aus der Definition der International Holocaust Remembrance Alliance, die auch der Bundestag im September 2017 als Definition übernahm)

Vor allem in den Sozialen Netzwerken ist die Hetze gegen Juden und Jüdinnen in den vergangenen Jahren nachweisbar extrem angestiegen. Die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knoblauch, sprach anlässlich des Holocaust-Gedenktags 2019 von einer “Progromstimmung” in den sogenannten Sozialen Medien. Die massive Verbreitung von Antisemitismus im Netz trägt auf besorgniserregende Weise zu seiner Normalisierung bei. Gleichzeitig hat auch die antisemitische Kriminalität im vergangenen Jahr deutlich zugenommen. Mit bundesweit 1646 gemeldeten Straftaten in 2018 liegt die Zahl knapp zehn Prozent über der von 2017. Der Anteil an Gewalttaten ist um mehr als 60 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Die Bilanz ist aktuell noch vorläufig.

Das können Sie tun

Sie fragen sich, was Sie gegen Antisemitismus tun können? Wir haben Ihnen einige Vorschläge zusammengetragen.

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Seit 2002 erstellt die Amadeu Antonio Stiftung kontinuierlich eine Chronik antisemitischer Vorfälle, die sie auf ihrer Homepage dokumentiert.

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