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Was ist Rassismus?

Was ist Rassismus?

Rassismus ist eine Ideologie, die Menschen aufgrund ihres Äußeren, ihres Namens, ihrer (vermeintlichen) Kultur, Herkunft oder Religion abwertet. In Deutschland betrifft das nicht-weiße Menschen – jene, die als nicht-deutsch, also vermeintlich nicht wirklich zugehörig angesehen werden. Wenn Menschen nicht nach ihren individuellen Fähigkeiten und Eigenschaften oder danach, was sie persönlich tun, sondern als Teil einer vermeintlich homogenen Gruppe beurteilt und abgewertet werden, dann ist das Rassismus.


Mit dieser Ideologie werden ungleichwertige soziale und ökonomische Lebensverhältnisse, Ausschlüsse von Menschen oder sogar Gewalt gerechtfertigt. Rassismus ist dabei kein „einfaches“ Mobbing, denn Rassismus beruht auf einem realen Machtunterschied in unserer Gesellschaft. Voraussetzung dafür ist, dass Menschen nach äußerlichen oder (vermeintlichen) kulturellen Merkmalen in „Wir“ und „Andere“ eingeteilt werden.Die „Anderen“ werden dabei als weniger wert oder weniger gut als das „Wir“ eingestuft.

Für eine Gesellschaft der Vielfalt

 

Die Amadeu Antonio Stiftung tritt für eine Gesellschaft ein, die Rassismus und andere Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit klar benennt. Gemeinsam mit vielen Partner*innen setzen wir uns für Gleichwertigkeit und eine pluralistische Gemeinschaft ein. Die Unantastbarkeit der Würde eines jeden Menschen, die in Artikel 1 des Grundgesetzes festgeschrieben ist, ist für uns indiskutabel. Eine bewusste Auseinandersetzung mit Hintergründen und Auswirkungen von Rassismus führt zu einer Veränderung in der Gesellschaft. Einige Erfolge wurden bereits erreicht. Wir kämpfen weiter mit denen, für die Rassismus weiterhin Alltag ist.  

 

  

Rassistische Kontinuitäten

 

Die Vorstellung, Menschen in sogenannte „Rassen“ einzuteilen und diese dann zu hierarchisieren ist eine menschengemachte Ideologie. Sie ist alles andere als ein Naturgesetz. Entstanden ist diese Irrvorstellung während der Kolonisierung im 16. Jahrhundert, als Menschen vom afrikanischen Kontinent entrechtet, als Arbeitskräfte versklavt, vergewaltigt und oder ermordet wurden. In Europa wurden diese Verbrechen damit gerechtfertigt, dass die Menschen dort unterentwickelt und besonders „naturverhaftet“ seien. Fortschritt und Zivilisation müssten ihnen erst– notfalls mit Gewalt – „gebracht“ werden.

 

Weil Rassismus also wichtig war, um zu legitimieren, warum einige mehr Zugang zu Menschenrechten und Ressourcen haben sollten als andere, wurde lange versucht, die Vorstellung von “Rassen” als „natürlich” oder „legitim” darzustellen. Auch die Wissenschaft machte da keine Ausnahme: Sie erforschte und „bewies“ jahrhundertelang, es gäbe menschliche „Rassen“ und natürliche Rangordnungen, also qua Biologie „bessere” und „schlechtere” Menschen. Das ist längst widerlegt, doch der Glaube daran hält sich auch heute weiterhin hartnäckig. Nicht zuletzt deshalb, weil die Abwertung „anderer“ Menschen dazu dient, sich selbst und die eigene Gruppe aufzuwerten.

Auch die Nationalsozialist*innen teilten Menschen willkürlich in „Rassen“ ein und wollten die Welt nach rassistischen Ideen neu ordnen. Diese mörderische Ideologie führte zum Massen- und Völkermord des Zweiten Weltkrieges an den europäischen Juden und Jüdinnen, Sinti und Roma und anderen Gruppen.

 

Als eine der Lehren aus den Verbrechen des Nationalsozialismus und aufgrund von Bürgerrechtsbewegungen, die für gleiche Rechte für alle Menschen kämpften, wurde der Rassismus, der sich auf biologische Unterschiede beruft, nach und nach weniger gesellschaftsfähig. An seine Stelle trat ein Rassismus entlang kultureller Unterschiede. Anstatt sich auf eine biologische Begründung zu berufen, spricht diese Form des Rassismus Menschen ab, ihre „Kultur“ verändern zu können. Nach dieser Vorstellung habe jedes “Volk” eine vermeintlich unveränderliche kulturelle Identität, die vor “fremden” Einflüssen geschützt werden müsse. Kultur wird in diesem Denken synonym zu „Rasse“ verstanden.

  

Rassismus in der Gegenwart

 

Rassismus drückt sich nicht nur in physischer Gewalt aus, sondern zuerst in Gedanken, Worten und Handlungen. In etlichen Gegenden in Deutschland sind nicht-weiße Menschen in Gefahr, angepöbelt oder gewalttätig angegriffen zu werden. Mindestens 194 Todesfälle rechter Gewalt in Deutschland seit 1990 zeigen, welches Ausmaß rassistische Gewalt und Überlegenheitsdenken annehmen können. Die schrecklichen Taten der rechtsterroristischen Mordserie des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) haben deutlich gemacht, dass Rassismus nicht nur ein Problem von einigen Neonazis und Ewiggestrigen ist, sondern auch für Sicherheitsbehörden, Justiz, Medien und Zivilgesellschaft ein Thema ist. Es handelt sich um ein strukturelles Problem, von dem die gesamte Gesellschaft betroffen ist.

 

Rassismus findet sich in der deutschen Gesellschaft offen oder versteckt: in Talkshows, Nachrichten oder in der Zeitung, wenn über Menschengruppen herablassend gesprochen und geschrieben wird; bei der Wohnungs- und Ausbildungsplatzsuche, wenn Menschen mit deutsch klingendem Namen viel wahrscheinlicher einen Platz bekommen als andere; bei racial profiling, in Kinderbüchern, auf dem Schulhof oder in rassistischen Memes auf Facebook und Instagram. Rassismus passt eigentlich nicht ins Weltbild einer toleranten, modernen Gesellschaft. Und trotzdem ist er allgegenwärtig. Für viele Menschen in Deutschland, die als nicht „deutsch genug“ angesehen werden, ist er immer noch trauriger Alltag. Sie werden als “nicht normal“ oder als „anders“ ausgegrenzt.

Die Situation hat sich vor allem für Menschen mit Fluchtgeschichte, für Muslim*innen und Romnja wieder drastisch verschärft. Ein Erstarken autoritärer, extrem rechter Ideologien und menschenfeindlicher Positionen – oft verharmlosend als “Rechtsruck” beschrieben - geht auch mit einem Erstarken von Flüchtlingsfeindlichkeit, antimuslimischem und anti-schwarzem Rassismus sowie Feindschaft gegen Sinti und Roma einher.  

 

Mittlerweile werden auf der Straße, in den Medien, in Bestsellern und vor allem auch wieder in Parlamenten offen rassistische Positionen vertreten. Selbst wenn „besorgte Bürger“, Rechtspopulist*innen oder Vertreter*innen der “Neuen” Rechten manchmal nicht offen rassistisch auftreten und dann z.B. von „Ethnopluralismus“ sprechen, verbergen sich dahinter rassistische Vorstellungen. Da ist zwar nicht mehr von „Rassen” die Rede, sondern von „Völkern”, „Ethnien” oder „Kulturen”- diese werden aber mit einem Lebensraum verbunden und sollten sich keinesfalls „mischen“. Das klingt auf den ersten Blick harmloser als das eindeutig rassistische „Deutschland den Deutschen“, meint aber dasselbe. Hier wird nur der Begriff „Rasse” durch „Kultur” oder „Volk” ausgetauscht. Ein vielfältiges Miteinander, gegenseitige Inspiration und Migration werden vehement abgelehnt.

  

Rassismus und andere Formen von Diskriminierungen

 

Rassist*innen meinen, am Aussehen anderer erkennen zu können, wie diese sind und ob sie sich zugehörig oder fremd in einer Gesellschaft fühlen sollten. Daraus leiten sie ihr abwertendes, distanziertes oder feindseliges Handeln ab. Oft wird diese Abwertung mit Sexismus oder Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft verknüpft. Ungleichheiten  lassen sich nicht als „entweder-oder“ verstehen. Eine lesbische Frau of Color wird nicht entweder als Frau oder rassistisch oder als Homosexuelle diskriminiert. Verschiedene soziale Kategorien sind miteinander verwoben und wirken sich, je nach Kontext, auf soziale Benachteiligung oder gesellschaftliche Zugänge aus. Menschen können also gleichzeitig mehreren benachteiligten oder diskriminierten Gruppen angehören und damit mehreren Formen von Ausgrenzung ausgesetzt sein. In solchen Situationen wird von „Mehrfachdiskriminierung“ gesprochen.

Die Tatsache, dass jemand von Rassismus betroffen oder Opfer von Vorurteilen ist, weil er einer bestimmten Gruppe angehört, schützt nicht vor diskriminierendem oder abwertendem Verhalten. Ein Mensch kann selbst Opfer von Abwertung werden und zugleich selbst andere abwerten. Eine von Rassismus betroffene Person kann also homofeindliche, sexistische oder antisemitische Vorurteile haben.

 

In Deutschland schafft Rassismus vielfältige Privilegien für weiße Deutsche, weshalb es auch keinen Rassismus gegen weiße Deutsche geben kann. Natürlich kann Sprache trotzdem beleidigen und ausgrenzen, aber wie ein bestimmter Begriff gemeint ist und ob er rassistisch ist, hängt von Sprecher*in und Kontext ab. Es geht um Macht und Benachteiligung innerhalb einer Gesellschaft: Weiße Deutsche müssen sich und ihre Herkunft nicht erklären oder rechtfertigen und dürfen sich als “normal” verstehen - ohne dass das hinterfragt wird. Rassistische Begriffe stehen in einem geschichtlichen Kontext der Erniedrigung und Ausbeutung und einer gesellschaftlichen Realität, die systematisch von Ausschlüssen, Vorurteilen und Benachteiligungen gegenüber nicht-weißen geprägt ist.

Rassismus “verlernen”

 

Rassismus ist ohne Frage ein Problem für Menschen, die diskriminiert, bedroht oder angegriffen werden. Er ist aber auch ein Problem für diejenigen, die selbst nicht rassistisch diskriminiert werden, denn er zeigt auf, wie viele Menschen in Deutschland nicht von der Gleichwertigkeit aller ausgehen. Nicht von Rassismus betroffen zu sein, ist mit sozialen, politischen und kulturellen Privilegien verbunden. In Hinblick auf die Partizipation an gesellschaftlichen Ressourcen profitieren Menschen, die nicht von Rassismus betroffen sind – und zwar unabhängig davon, wie sie persönlich zu diesen Ideologien stehen.

 

Rassismus ist tief in die Deutsche Gesellschaft eingeschrieben und seit Jahrhunderten eine wirkmächtige Ideologie. Die Mehrheitsgesellschaft muss Rassismus also „verlernen“. Dafür muss Rassismus in seinen strukturellen, alltäglichen wie auch gewalttätigen Formen erkannt, ernst genommen und ihm entschieden begegnet werden.  

  

Das können Sie tun

Sie fragen sich, was Sie gegen Rassismus tun können? Wir haben Ihnen einige Vorschläge zusammengetragen.

Unsere Unterstützung

Die Amadeu Antonio Stiftung unterstützt Sie nach besten Kräften in Ihrem Engagement.

Dokumentation: Unsere Chroniken

Chronik antisemitischer Vorfälle

Seit 2002 erstellt die Amadeu Antonio Stiftung kontinuierlich eine Chronik antisemitischer Vorfälle, die sie auf ihrer Homepage dokumentiert.

Todesopfer rechter Gewalt seit 1990

Es gibt eine große Diskrepanz zwischen der Zählung von Todesopfern rechter Gewalt von staatlichen Behörden und der von unabhängigen Organisationen sowie Journalistinnen und Journalisten.